Nimm die Dreckspfoten aus meinem Leben

von Ute Grundmann

Gera, 22. Mai 2010. Käthe springt ihrem Mann Johannes auf den Rücken, krallt sich wie ein Äffchen fest. Doch das ist mehr als verliebte Spielerei – sie dokumentiert ihren Besitzanspruch gegenüber Anna, die da plötzlich in ihr Haus und ihre Ehe geschneit ist. Solche stimmigen Szenen und Gesten findet Regisseurin Amina Gusner immer wieder, die am Theater Altenburg-Gera Gerhart Hauptmanns "Einsame Menschen" inszeniert hat.

"Familiendrama" heißt das 1891 uraufgeführte Stück im Untertitel und schon mit dem ersten Tableau macht Gusner klar, dass es um mehr gehen wird als bloß eine Dreiecksgeschichte. In den aufgeklappten weißen Kasten mit Sofa und Sessel (Bühne: Johannes Zacher) schlendern vier Menschen und nehmen auf der Couch Platz: Käthe (Alice von Lindenau) und Johannes (Ulrich Rechenbach) nah beieinander, auf Abstand Johannes' Mutter (Anne Keßler) und noch mal ein Stück weg Braun (David Lukowczyk), Hausfreund und erfolgloser Maler. Und durch ein großes Fenster in der Rückwand erscheint schon jene Frau, die alles durcheinander wirbeln wird: die Studentin Anna (Eva Verena Müller).

Das leere Dasein füllen
Hauptmann hat in seinem Drama ein komplexes Beziehungsgeflecht entworfen, aus Anziehung und Ablehnung, aus Liebe und Herablassung. Johannes, Schriftsteller ohne Werk, liebt seine Frau Käthe, blickt aber auch auf sie runter, weil er sie und sie sich selbst für dumm hält. Johannes Mutter, zu Besuch, um beim neugeborenen Kind zu helfen, urteilt schneidend über alles und jeden. Der erfolglose Maler Braun will sein leeres Leben mit dem der kleinen Familie füllen. Und schließlich die Studentin Anna, die wie aus dem Nichts auftaucht, eigentlich "nur einen Schlafplatz" sucht – aber mit roter Haarmähne, geschlitztem Rock und Stöckelschuhen schon mehr ahnen läßt.

Dieses Quintett schickt Schauspieldirektorin Amina Gusner nun im kalt-abweisenden Bühnenraum durch immer neue Wellen der Emotion. Da will Käthe mit Dauergrinsen demonstrieren, dass sie ja sooo glücklich ist, doch Johannes explodiert, dass ihn in der ganzen weiten Welt niemand versteht. Käthe berlinert, um zu zeigen, wie dumm sie ist – und kriegt von ihrem Mann den hinterhältigen Rat, doch "geistig ein wenig weiterzukommen". Als leuchtendes Beispiel dient ihm die Studentin Anna, mit der er diskutieren, aber auch kindlich herumalbern und eine Wasserschlacht veranstalten kann.

Hauptmanns Drama als TV-Soap
Vor allem Johannes, aber auch Anna versuchen tapfer die Illusion zu wahren, es gehe nur um eine intellektuelle Freundschaft. Doch dann passiert ihnen fast ein Kuss, eine Hand zwischen den Gesichtern verhindert das, was beide wie im Schock erstarren und sich abwenden lässt.
Solche dichten Szenen gelingen immer wieder, dann gibt es wieder Momente scheinbarer Harmonie, abgelöst von der nächsten emotionalen Explosion.

Weil Regie und Dramaturgie wieder an der Sprache herumgedoktert haben, klingt Hauptmann zeitweise wie eine TV-Soap, aber das Stück hält das aus. Denn der Kern des Dramas, in knapp zwei Stunden gespielt, bleibt erhalten: Menschen, die jeder für sich allein sind, die sich in Leben eingerichtet haben, an deren Grenzen sie zerren und die doch nur jemanden suchen, der sie liebt und anerkennt.

Das gilt auch für Johannes' Mutter, die Anne Keßler wunderbar als Salonzicke spielt, die eiskalt über jeden ein Urteil hat, ihren Sohn wie einen Hund herumkommandiert – und doch nur gebraucht werden will. Sie und der Maler Braun erwischen Johannes und Anna dann bei einem richtigen Kuss – und damit zerbricht die Fassade, hinter der Johannes am liebsten mit Käthe und Anna leben würde. Er, der Unentschlossenen, Zögernde, wütet noch mal gegen alle, "die ihre Dreckspfoten aus meinem Leben" nehmen sollen – doch dann hören er und die Zuschauer nur noch die sich entfernenden Schritte von Stöckelschuhen.

 

Einsame Menschen
von Gerhart Hauptmann
Regie: Amina Gusner, Bühne: Johannes Zacher, Kostüme: Inken Gusner, Dramaturgie: Anne-Sylvie König
Mit: Ulrich Rechenbach, Alice von Lindenau, Anne Keßler, David Lukowczyk, Eva Verena Müller.

www.tpthueringen.de

 

Die Regisseurin Amina Gusner, 1965 in Moskau geboren, ist seit dieser Spielzeit Schauspieldirektorin in Gera-Altenburg. Die Spielzeit eröffnete sie mit dem Spektakel Heimat_Los!.

 

Kritikenrundschau

Halb gestrichen, den Rest verändert, haben "sie" ein "glänzendes Ganzes" aus "Einsame Menschen" gewonnen, schreibt Henryk Goldberg in der Thüringer Allgemeinen (25. 5. 2010). Amina Gusner und Anne-Sylvie König verwandelten die "ganze großartige Hauptmann-Pusseligkeit" mit "Gewinn dem Gegenwärtigen" an. Gusner schaffe es, Ernsthaftigkeit zu erzeugen durch "Lust, Spiel-Lust. Lust am Spiel, Lust an den Figuren, Lust an der Unbekümmertheit." Sie lasse einen "artifiziellen privaten Ton" sprechen, eine stets "souverän kontrollierte Sprach-Lässigkeit" walten, eine "forcierte Nervosität". Gusner erzähle "mehr Gestus als Geschichte, mehr Figuren als Fabel". Die "Bewertung der Figuren" zwischen "Anspruch und Anmaßung" bleibe uneindeutig. So sei das Stück "vom Staube befreit", nicht jedoch "die Figuren (...) vom Eis auf den Seelen". Das Ensemble sei hoch konzentriert und "mit Recht gefeiert".

In der Thüringischen Landeszeitung (25. 5.2010) schreibt Wolfgang Hirsch: Gusner lasse die ganze Familie ein "scheinbar belangloses Geschnatter abspulen" als handele es sich um ein "boulevardeskes Konversationsstück". Dass Johannes zerrissen zwischen zwei Frauen sich in den Müggel-See stürzt, sei bei Gusner "weniger" plausibel. Gusner verlege das Stück "frech und robust ins Hier und Heute" zersprenge das "fünfaktige Schema zur flotten Szenenfolge" und adaptiere die "Sprache flapsig modern". "Videoclip-artige Spannungsbögen und überaus agile Schauspieler sorgen für Kurzweil". Mitunter glaube man, es mit einer "spontihaft gutwilligen Jugendtheaterinszenierung" zu tun zu haben. Aber auf knapp zwei Stunden wirke "das Getümmel" doch "ermüdend". So käme "unversehens" dem Hauptmann-Drama "die Fallhöhe abhanden". Müsse man einen Klassiker so ins "postmodern Leichte" ziehen?, fragt Hirsch und antwortet: "Ja, vielleicht, leider: Wenn ein junges Publikum auf anderem, anstrengenderem Wege nicht mehr erreichbar ist."

 

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