Die Gummihandschuhe der Distanzierung

von Georg Kasch

Berlin, 22. Mai 2010. Am Ende war's ein juristischer Schachzug, der den sich ohnehin abzeichnenden Favoriten zum Sieg verhalf: Etwa fünf Minuten vor Ende des "Preiskampfs" im Haus der Berliner Festspiele, live von 3sat übertragen, fragte Schriftstellerin Juli Zeh ihre Mitjuroren nach ihrer Zweitwahl. Sowohl Tobi Müller als auch Christopher Schmidt konnten sich da für die von Zeh in den Ring geworfenen Schauspieler Annette Paulmann und Paul Herwig erwärmen und ihre Leistung in Luk Percevals Fallada-Adaption "Kleiner Mann, was nun?" Selbst Burkhart Klaußner, der lange trotzig und störrisch auf seinem Erstvotum beharrte, schien zum Schluss noch einzuknicken.

Dabei hätte es seiner Stimme nicht mehr bedurft. Offensichtlich reichen neuerdings drei der vier Juroren-Stimmen, um den 3sat Preis tatsächlich zu vergeben und das Preisgeld von 10.000 Euro nicht an den Sender zurückfallen zu lassen. Die gelernte Juristin Zeh machte also das Rennen – nicht im pöbelnden Rambo-Stil, mit dem der Aufmerksamkeitsabsorbierer Claus Peymann die erste "Preiskampf"-Ausgabe 2009 dominierte und damit bei der "Theater heute"-Jahresumfrage zum "Ärgernis des Jahres" werden ließ. Sondern mit dem leidenschaftlichen Plädoyer, dass beide Schauspieler sich frei von den sonst in Gefühlsdingen gängingen "Gummihandschuhen der Distanzierung" machen würden, klaren Argumentationen und einem konsensfähigen Erstvorschlag.

Das Stück nicht verstanden
Da konnte tt-Juror Schmidt die Fabulierlust, szenische Fantasie und visionäre Kraft in Viktor Bodós Inszenierung von "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" preisen, wie er wollte – Juror Müller hatte das Stück nicht verstanden und wollte lieber ein Kollektiv ehren, nämlich das Kölner Ensemble der "Kontrakte des Kaufmanns", und zwar ausdrücklich für ihre Klang-Arbeit, ein Anliegen,das sich wiederum Schmidt  nicht erschloss, der den Preis nur an Einzelleistungen geben mochte und befand: "Man kann doch keinen Klang auszeichnen!"

Dennoch: Etwas mehr Peymann-Furor wäre dem gesittet und wenig leidenschaftlich, ja eher langweilig dahinplätschernden Preiskrampf gut bekommen. Vielleicht mit einer Moderatorin, die mehr Mut zur Zuspitzung mitbringt als Tita von Hardenberg (einmal, immerhin, reagierte sie spontan, als sich Schmidts Einknicken abzeichnete und sie ihn mit seiner streckenweise nicht eben begeisterten SZ-Kritik zu "Kleiner Mann" konfrontierte). Oder mit einer Reihe von neuen, schlagkräftigen Argumenten seitens der Juroren, die stets nur mantra-artig ihre Positionen wiederholten.

Klaußners störrisches Beharren
Einen schrägen Ton brachte Burghart Klaußner in die Debatte mit seinem spleenigen Votum für den Kölner Schauspieler Markus John in Karin Beiers "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen". Spleenig nicht nur wegen Johns dürftiger Leistung als abgebauter Chauffeur in "Kasimir und Karoline", sondern weil Beiers Inszenierung eine ausgesprochenes Ensemble-Leistung ist. An diesem Argument war im vergangenen Jahr schon Annette Paulmann gescheitert, nominiert in Andreas Kriegenburgs Kafka-Adaption "Der Prozess".

Immerhin sorgte Klaußner mit seinem störrischen, wortreichen Beharren, seinem Einfordern einer Denkpause auch im Fernsehen und seiner leicht skandalösen Gleichsetzung von Prekariat und Proletariat für Akzente. Dramatischer Höhepunkt aber war die Einmischung eines Zuschauers in die Debatte, ob Beiers "Die Schmutzigen.." die Unterschicht ausstellt oder unseren Blick auf die Unterschicht: "Blödsinn!" gellte es da durch das Obere Foyer. Zwar konnte der einsame Brüller nicht recht begründen, was sein Vorwurf der "totalen Symbolik" mit der gleichzeitig erwähnten Pina Bausch zu tun hat. Aber man spürte die Fernseh-Leute kurz zittern.

An die Finanzkrise prostituiert
Am Ende also siegte der Konsens, siegte München zumindest kulturell (der 1. FC Bayern München hatte ja zeitgleich das Champions-League-Finale verloren), siegten vor allem zwei großartige Schauspieler, die nicht erst seit dem Fallada-Abend zu den besten der Republik gehören. Ansonsten lernte man, dass sich das Theatertreffen 2010 "an die Finanzkrise prostituiert" hat (Zeh), dass Tobi Müller gerne weit ausholt, dass Klaußner mit seinen Co-Moderatoren (als offenbar einziger) nicht per Du ist.

Und man erfuhr von der Macht sich selbst erfüllender Prophezeiungen: Während Zeh eigentlich inhaltlich argumentierte, als sie sagte: "Am Ende gewinnt der kleine Mann, das ist das Wunder", skandiert dann vom Bildschirm das Kölner Ensemble im eingespielten Ausschnitt von "Die Kontrakte des Kaufmanns": "Aber gewinnen, gewinnen werden wir nie."

 

 

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