Unbehagliches, Herzzerreißendes und eine Erkenntnis

Berlin, 24. Mai 2010. Wenn sich Iris Laufenberg, die Leiterin des Theatertreffens, folgendermaßen zitieren lässt: "In diesem Jahr gab es weder Tops noch Flops beim Theatertreffen, sondern eine Polyphonie der Stimmen" -, dann klingt das schon fast wie das Eingeständnis, dass das Festival halt so vor sich hingeplätschert sei. War dem wirklich so? Wir jedenfalls halten dem Plätschern zwölf Momente entgegen, an die wir uns erinnern werden, im Guten wie im Schlechten. Eine Liste, die fortgeschrieben werden darf.

1. Ungewohntes Bild

Vor dem Festspielhaus stehen erstmals nicht die Bedürftigen mit ihren selbstgemalten Pappen "Suche Karte", sondern reihenweise Anbieter mit ein oder zwei (sic!) feilzubietenden Karten. Passend dazu trudelt eine Rundmail der Festspiele bei uns ein, die Karten für Dea Lohers Diebe in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg am Deutsche Theater wie sauren Wein anpreist bzw. gleich zur Verlosung rauspfeffert.

2. Unverstandenes Bild

Schön, dass die Festspiele vom Musiktheater gelernt haben und englische Übertitelungen zum Einsatz bringen (da kommt man jetzt auch dann noch mit, wenn's im Rang akustisch mal wieder nicht ganz so gut ankommt). Jedoch elende Faulenzerei: Wieso bleibt in Viktor Bodós an sich stummer Inszenierung Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten von Peter Handke der einzige, mutmaßlich erhellende Wortbeitrag unbetitelt, die Arie ... tja, welche war es? Wenn schon von der Oper lernen, dann richtig!

3. Unbehagliche Lieder

Es wird wieder geflohen, und zwar in Schwärmen, dank des Nature Theatre of Oklahoma und seiner eingesungenen Middleclass-Biographie Life and Times: Episode 1 in den Sophiensaelen. Dass aber die universitäre Vordenkerin der Theateravantgarden Erika Fischer-Lichte sich vor der Zeit von dannen machte, ist ein Fundamentalereignis, zumal sie bestimmt trotzdem irgendwann den Abend als beispielhafte Performance anführen wird. Im Foyer dürfte sie sich in ungewohnter Runde wiedergefunden haben: Günther Rühle und Claus Peymann waren unter den Vertriebenen.

4. Unmutige Äußerungen

Mit Buhs hielt sich das Publikum zurück, beim Goldenen Drachen knallte genau eine Tür (bei der letzten Aufführung engagierten sich dann immerhin ein paar stimmkräftig protestierende Herren), bei "Life and Times" schlichen sich (siehe 3.) die Entnervten still von dannen. Nicht so in der Nachmittagsvorstellung Othello c'est qui im Rahmenprogramm: Da trampelten ergraute Herrschaften vor der Bühne entlang, machten ihrem Unmut verbal Luft, weil sie die Diskurs-Performance mit Doku-Theater verwechselten ("Ehre hatten wir früher genug"), um dann kurz vor Schluss noch lautstark die kleine Seitenbühne im Haus der Berliner Festspiele zu verlassen. Ein echter Affront: Die Vorstellung dauerte nur eine Stunde.

5. Undercover-Kritik

Die vermutlich am besten versteckte Besprechung einer Theatertreffen-Inszenierung fand sich in einem Tagesspiegel-Bericht über die Verleihung des Berliner Theaterpreises an Margit Bendokat. Ressortleiter Rüdiger Schaper, vom Abend offensichtlich gepeinigt, kündete anderntags kurz und schmerzlos von der "nervigen Wiener Leerlauf-Nummer 'Life and Times - Episode 1' in den Sophiensälen. Absolute Schwundstufe, nicht theatertreffenwürdig. Das Publikum floh zur Pause in Scharen. Die Koproduktion des Burgtheaters und des New Yorker 'Nature Theater of Oklahoma' muss man schnell vergessen." Das ist der komplette Text!

6. Unglaubliche Verwandlung

Es gab viele doppelte Auftritte beim diesjährigen Theatertreffen: Susanne Wolff und Daniel Hoevels in "Diebe" und "Liebe und Geld", Lina Beckmann, Markus John, Michael Wittenborn und Torsten Peter Schnick in "Kasimir und Karoline" und "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen". Aber niemand verwandelte sich so verblüffend wie Jan-Peter Kampwirth, der in Kasimir und Karoline einen erstaunlich verletzten, offenen, weichen Schürzinger spielte und in Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen den zurückgebliebenen Sohn der Familie, der seine Schwestern terrorisiert und immerfort "Tür zu!" brüllt. Nur dank Programmheft wiederzuerkennen.

7. Unsicherer Tritt

Was war los beim Eröffnungsabend? Keine Party, nirgends. In der oberen Etage hatte man erst gar keine Tanzfläche abgegrenzt. In der weitgehend leeren Eingangshalle mühte sich das Trio "Trikot" redlich um Zuhörer, umsonst. Kein Wunder. Wo der aufgeschüttete Kies so manchem allein beim Darübergehen Schwankprobleme bereitete, scheute man sich erst recht, auf derart unsicherem Grund das flotte Tanzbein zu schwingen. Trotzdem: schöne Destabilisierungsmaßnahme fürs Abendgarderoben-Publikum.

8. Das Highlight der Liebe

Paul Herwig möchte man sein. Dann dürfte man sich Abend für Abend in Luk Percevals Kleiner Mann - was nun?-Version anhören, wie Annette Paulmann "Junge!" sagt. In allen herzzerreißenden Variationen: zärtlich, verwundert, gerührt, enttäuscht, aufgerieben, kindlich, verzweifelt - aber immer abgefedert durch Paulmanns erdiges Timbre und getragen von einer Zärtlichkeit, die keinen Augenblick zweifeln lässt an Lämmchens tief sitzender Liebe für Pinneberg. Eine Illusion? Sicher. Aber von solchen süßen Lügen lebt Theater.

9. Highlights der Illusionsmaschine

Auf der Bühne knackt eine Nuss, und der Nachbar rutscht lachend in den Sitz angesichts des kariösen Zahns, der dem Chinesen im Goldenen Drachen gezogen wird. Die Illusionsmaschine Theater produziert ein wenig Schmerz und sehr viel Publikumsgelächter. Viktor Bodó füllt mit dem Illusionsapparat einen ganzen Abend. Die Macher legen ihre Mittel offen. Es bleibt der schale Beigeschmack, ob man sich auf diesem Theatertreffen nicht zu gut amüsiert hat.

10. Das musikalische Highlight (die klassische Variante)

Während man sich bei Riesenbutzbach im eher unwirtlichen Hangar 5 des Flughafens Tempelhof noch mit den Tücken (und Lücken) der Akustik zu arrangieren und endlich doch in den Marthaler-Flow hineinzukommen sucht, geschieht plötzlich ein beglückendes Wunder: Jürg Kienberger und Bendix Dethleffsen singen das Schlussduett aus Monteverdis "Poppea": "Pur ti miro, pur ti godo". Dies kommt von weit ... Vielleicht bleibt es auf immer ungelöst, was Kienbergers nicht professionell ausgebildete Counterstimme mit ihren gestochen sanft platzierten Tönen so überirdisch schön macht. Der Marthaler-Flow jedenfalls ist gerettet.

11. Das musikalische Highlight (die Mitmach-Variante)

Wenn in Die Kontrakte des Kaufmanns nach einer guten Weile die musikalische Welle von der Bühne ins Publikum schwappt und Regisseur Nicolas Stemann den obersten Chordirektor gibt, um das Publikum zum Mitsingen des Mantras "Der Rest von uns ist Bank" auf eine Choral-Melodie zu bewegen, dann hat die Kirchentagsstimmung den schönen Nebeneffekt, dass einem vor den Nebensitzenden gar nichts mehr peinlich ist. Alle Menschen werden Brüder, vereint im Vier-Stunden-Bühnenklangrausch inklusive Verschwörer-Lächeln bei den individuellen Pausenfreigängen und dem süßen Schockerlebnis des Geldverbrennens - da formt sich eine Gemeinschaft im Parkett, die einen Vorgeschmack gibt auf das, was kommen könnte nach einem möglichen Ende des Kapitalismus.

12. Zum Schluss: Die Erkenntnis

So ungefähr an dem Punkt, als Nicolas Stemann in den Kontrakten des Kaufmanns im roten Samtkleid sein Guido-Lehman-Medley singt, als man schon emotional so eingelullt ist von der kalten Spiritualität, mit der dieser Abend die Gesetze der Repräsentation aus den Angeln hebt, an seinem Ende das Theater an seinen Ausgangspunkt im religiösen Ritual zurückführt und so vorführt, dass es mal wieder nur das Goldene Kalb ist, um das wir tanzen – an diesem Punkt also, wo man längst aufgegangen ist in der Masse der Kleinanleger und Kleintheatertreffenbesucher, da überkommt einen dann doch fast so etwas wie eine Erleuchtung: ja, so muss es sein. Mit der Auflösung des Marktes, dem Verschwinden des konkreten Tauschs, des richtigen Geldes, da stürzt auch die symbolische Ordnung ein, die dem Theaterspielen zu Grunde liegt. Die Repräsentationsformen bröseln wie die Stabilität des Geldes, die ja auch lediglich auf der Verabredung beruht, dass der symbolische Wert irgendwo in Tresoren der Bundesbank mit realen Werten wie Gold gedeckt ist. In dem Maße also, wie die Finanzmärkte und die Verabredungen des Tausches bröseln, bröselt auch das, was wir für Theater halten. Wenn alles nur noch ein einziges Als-Ob ist, kann es kein Theater mehr, sondern nur noch das Leben geben.

(gesammelt von Christian Rakow, Georg Kasch, Anne Peter, Simone Kaempf, Wolfgang Behrens und Esther Slevogt)

 

 
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