Misstrauen gegen den Text

von Esther Slevogt

Berlin, 24. Mai 2010. Wie antwortet Kunst auf die Krise? Hat das Theater noch Antworten auf die Fragen dieser Zeit, auf die selbst Politiker keine Antworten mehr geben können? Die Schlussdebatte des Theatertreffens war schnell bei den letzten Dingen angelangt. Bei der Frage, inwieweit das Theater den Zeitgenossen Zuflucht, Trost zubieten hat, ob es die klaffenden Sinnlöcher schließen, den zerrupften, vom Kapitalismus verdinglichten Subjekten wieder neues Leben oder gar eine Seele einhauchen, oder sie am Ende gar von dem Schicksal zu erlösen vermag, als zersplittertes Subjekt nur noch im Kollektiv zu einem Restindividuum sich aufrappeln zu können.

Abwesend: große Texte

Nur saßen auf dem Podium keine Gurus oder Geistliche, nicht einmal Künstler oder anderweitig im Seligkeits- und Sinnbusiness Aktive - lediglich sieben Theaterkritiker versuchten, unter der Leitung von Moderatorin Barbara Burckhardt die Auswahl des diesjährigen Theatertreffens zu verteidigen, für die sie als Juror_innen die Verantwortung hatten: eine Auswahl, die im Wesentlichen Stücke über die gegenwärtige Systemkrise des Kapitalismus präsentierte, die für manche aber auch eine Krise des Theaters ist. Denn wo sind sie geblieben, die großen Texte, die Klassiker? Und die großen Schauspieler erst recht?

Der Alleinjuror des Alfred-Kerr-Darstellerpreises, der traditionell kurz vor der Schlussdebatte im Rahmen des Theatertreffens verliehen wird, Bruno Ganz, hatte den Preis an den einzigen Schauspieler vergeben, der ihm im Rahmen des Wettbewerbs überhaupt aufgefallen war: an Paul Herwig, den Darsteller des Pinneberg in Luk Percevals Münchner Fallada-Inszenierung Kleiner Mann - Was nun? Der Rest sei Comedy, Chor oder Kabarett gewesen.

Aber diese Steilvorlage des zum Zeitpunkt der Schlussdebatte längst verschwundenen Jurors wollte in der Debatte keiner so recht aufnehmen, obschon Moderatorin Barbara Burckhardt noch einmal das "Zurückweichen des Textes in den Inszenierungen" konstatierte. Und die Tatsache, dass der klassischste Klassiker des Treffens Horváths Kasimir und Karoline gewesen sei, ansonsten die Musik die dramaturgische Funktion des Textes übernommen habe und das Individuum höchstens im Kollektiv noch zu sich selber finde.

Berührend oder bedeppert

Das Misstrauen gegen den Text, versuchte es Juror Stefan Keim sich und dem Publikum zu erklären, komme vielleicht daher, dass die Regiegeneration zuvor, also Peter Stein, Peymann und andere, sich ein wenig zu exzessiv mit dem Text befasst habe und nun Wege zu sinnlicheren Erzählformen gesucht würden, was ja sehr zu begrüßen sei. Dies aber stellte die drängenden Sinnsucher nicht wirklich zufrieden, die nicht satt geworden sind in diesem Jahr, und die die Debatte schnell in zwei Lager spalteten: die einen, die sich einzig von Percevals Fallada-Abend existenziell berührt fühlten, die in dieser existenziellen Berührung den Sinn des Theaters auch jenseits des konkreten Bühnenereignisses sehen, wie es mit beinahe religiöser Emphase eine Dame im Publikum ausdrückte.

Auf der anderen Seite diejenigen, die Percevals Ansatz und auch die Gefühle, die seine Arbeit beim empathischen Zuschauer auslöst, einfach bloß regressiv fanden, die Arbeit selber oberflächlich, stecken geblieben im Effekt. Theater als Opium des Volkes sozusagen, wo doch Antworten und Erklärungen gefordert waren. Hier wurde dann Nicolas Stemanns Jelinek-Inszenierung Die Kontrakte des Kaufmanns von manchen als beispielhaft angeführt. Sie habe es als Befreiung empfunden, dass hier einmal nicht nur die Opfer abgebildet, sondern auch die Verursacher der Krise thematisiert worden seien, sagte Barbara Burckhardt, und eben auch Wut über die Verhältnisse zum Ausdruck gekommen sei.

Unterschicht oder Schauspielergarderobe

Dem wiederum widersprach Juror Andres Müry, der Jelinek lediglich Ironie, aber keine Wut zugestehen wollte, und ansonsten befand, das sei resignativer linker Stammtisch, was in diesem Drama verhandelt werde. Wut sei ja auch weit und breit nirgends vorhanden. Wer gehe denn auf die Straße und protestiere?, fragte Wolfgang Höbel, und nannte mit Falk Richters Stück Trust eine diskutierte Inszenierung, die gerade diese Abwesenheit der Wut thematisiere, die man aber letztlich wegen des "schwachsinnigen" Textes doch nicht ausgesucht habe.

Sehr gestritten wurde auch über Karin Beiers Aufführung Die Schmutzigen, Hässlichen und Gemeinen, die bei vielen als "Sozialporno" große Aggressionen provozierte, von der Jury aber vehement verteidigt wurde, weil dieser Abend zur Aufgabe der verlogenen bürgerlichen Einfühlung zwinge und die unüberbrückbare Distanz des Bürgertums zur Unterschicht aufzeige, womit sich Karin Beier sozusagen diametral Luk Percevals Ansatz entgegen setze, wie Wolfgang Höbel fand. Worauf Andres Müry süffisant hinzusetzte: er verstehe die Aufregung nicht. Hier würde doch gar nicht die Unterschicht, die sogenannte ausgestellt. Wer je eine Schauspielergarderobe von innen gesehen habe, der wisse, dass der Abend nichts anderes als die aufrichtige Selbstbeschreibung eines Berufsstandes sei.

 

Kritikenrundschau

In der Berliner Zeitung (25.5.2010) jubelt Dirk Pilz zum Abschluss des Theatertreffens über "Die Kontrakte des Kaufmanns": Jelineks Text und Stemanns Regie ergäben ein "beeindruckend organisches Wuchergebilde aus Gleichzeitigkeiten und Widersprüchen". Es handele sich um "Theater als Dauerüberforderung", ein "wildes Assoziationsgewitter", um einen "riesigen Diskursstrudel, der so viele Sinnes- und Sprachreize aussendet, bis man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht". Stemann sei auf "der Höhe seiner verzwirbelten Theater-Theaterkunst angelangt". Gegen das Jelinek-Massiv wirkte Roland Schimmelpfennigs "Der Goldene Drache" auf Pilz bloß wie ein Theatertextlein, eine Kurzweiligkeit, die in "belangloses Achselzucken" münde. Womit die Inszenierung durch den Autor selbst gut in den diesjährigen Theatertreffenjahrgang passe. Die Auswahl 2010 stelle ein "schönes Bekenntnis zur Beliebigkeit" dar, für fast alle "Theatergeschmäcker" sei etwas dabei gewesen.

Allein fünf von zehn eingeladenen Stücke fügten sich für Katrin Bettina Müller, sie schreibt in der taz (25.5.2010), "zu einem Panorama der Finanzkrise und ihrer Verlierer". Darüber könne man "beinahe" die "Selbstbezüglichkeit" und "mangelnde Relevanz" des Theaters vergessen. Dass nichts mehr überschaubar sei, in den Stücken sei das der "allgemeine Nenner, die neue Verbindlichkeit, die an die Stelle von Glauben, Ethos oder Verantwortung gerückt ist". In Marthalers "Riesenbutzbach" glaube man "die Möbel und die Mauern selbst weinen zu hören über ihre Verwaisung". Roland Schimmelpfennigs "Der Goldene Drache" sei "verblüffend", weil er für die "tragische Geschichte von Opfern der Globalisierung" eine "Sprachform" gefunden habe, "die nicht behauptet, aus der authentischen Perspektive der Migranten zu reden", sondern immer die "Arbeit der Vorstellungskraft" vorzeige, sich in diese hineinzuversetzen. Mit "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen" stoße Karin Beier gar in neues Gelände vor. Es handele sich um eine "Überhöhung des Mimetischen", die dem "postdramatischen Misstrauen in die Identifikation des Schauspielers mit seiner Rolle" einen "Stinkefinger" zeige.

Im Berliner Tagesspiegel (25.5.2010) schreibt Rüdiger Schaper: Die Jury hätte ausgewählt, was ihr ins Konzept gepasst habe. Einigung auf den kleinsten gemeinsamen, den Krisen-Nenner. Welches Menschenbild etwa in Marthalers "Riesenbutzbach" behauptet würde, selbst bei ihm nerve die "ewige Verblödungs- und Verödungsmasche", Figuren, die "bemüht schlaff und maulfaul und lächerlich gekleidet ihre und unsere Zeit totschlagen". Wer sollte diese Typen denn schlagen? Die wahre Krise des Theaters sei es, "bloß noch Typen vorzuführen und in letzter Konsequenz zu denunzieren". Und dem Zuschauer werde unterstellt, er interessiere sich nicht "für soziales Elend". Wirkliche Menschenkunst gebe es nur bei "Kleiner Mann - was nun". Es rühre an "ein Wunder", wie Luk Perceval und das Ensemble den Roman von 1932 als "Antidotum zur Theaterkrise" offerierten. "Der Arbeitslose einmal nicht als der Seelenlose." Der Abend mache sich frei "von Moden und Zwängen und jeder Betriebswurstigkeit". Ein "Triumph".

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