Wunder und Zeichen? Gibt es immer wieder

von André Mumot

Hannover, 27. Mai 2010. Wie müsste er sein, so ein Hiob von heute, der seinem Gott dabei hilft, eine Wette mit dem Satan zu gewinnen? Wer an seinem Glauben festhält, obwohl er mit allem Übel dieser Welt konfrontiert wird, muss wohl vor allem gut verdrängen können. Wie Pastor Ivan, der die Wahrheit schlicht nicht wahrhaben will. Ein Mann, der vom eigenen Vater missbraucht wurde, dessen Frau sich umgebracht hat, dem ein Gehirntumor im Kopf sitzt und der das alles ableugnet und standhaft sagt: "Gott ist auf meiner Seite."

In "Adams Äpfel", jener spröden Erlösungskomödie, die der Däne Anders Thomas Jensen 2006 in die Kinos brachte, wurde dieser Ivan mit einer eigentümlich verkniffenen Kälte von Mads Mikkelsen gespielt. Im Schauspiel Hannover und bei Regisseurin Felicitas Brucker darf und muss er anders sein: Thomas Melhorn tritt enthusiastisch und mit flackerndem Sendungsbewusstsein auf eine Bühne, die mit einsam aussehenden Kirchenbänken möbliert ist. Hier wirkt händeringend ein um Lockerheit bemühter Protestant, dessen eigene Trostlosigkeit schwitzend und zitternd nach Außen drängt. Ach, das Herz möchte einem brechen, wenn er in absurder Verbissenheit behauptet, sein spastisch gelähmter Sohn sei gar nicht behindert, sondern bloß erkältet.

Schönrederei gegen brutale Mitleidslosigkeit

Es ist jedoch der Neonazi Adam, der sich in den Kopf setzt, Schluss zu machen mit der Lebenslügerei. Als glatzköpfiger Ex-Knacki, dessen Resozialisierungsaufgabe schlicht darin besteht, einen Apfelkuchen zu backen, sobald die Früchte am Baum vor der Kirche reif geworden sind, nagelt Sebastian Schindegger erst einmal ein Hitler-Porträt ans Kruzifix, rotzt in der Gegend herum und boxt dem Pastor im Namen der Wahrheitsfindung die Nase zu Brei.

Dieses Gegeneinander von Schönrederei und brutaler Mitleidslosigkeit ist schmerzlich und ein bisschen komisch und tatsächlich ziemlich ergreifend, sodass es gar nicht viel ausmacht, dass die Szenenwechsel bisweilen allzu mühselig der filmischen Dramaturgie hinterher hecheln. Wenn etwas stört, dann höchstens die Tatsache, dass die Japanerin Sachiko Hara den untherapierbar Tankstellen ausraubenden Khalid mit Afro-Perücke und Araberbart als übermäßig ulkigen Verfremdungskobold gibt.

Obst fällt von Gotteshand

Denn eigentlich liegt die Stärke dieser Inszenierung in ihrer Ernsthaftigkeit: Mit Anteilnahme und Schonungslosigkeit werden die Sozialfälle des Pastors porträtiert, die schwangere Alkoholikerin (Elisabeth Hoppe) ebenso wie der Triebtäter (Wolf List) und der ehemaligen KZ-Wärter (fabelhaft fahl verglimmend: Beatrice Frey). Vor allem aber setzt Felicitas Brucker dabei den inneren Kern von Jensens Drehbuch frei und wagt ein profundes Mysterienspiel, in dem der Herrgott höchstselbst schaltet und waltet und einigen Radau verursacht.

Versucht er doch mit aller Macht zu verhindern, dass Adam seinen Apfelkuchen backt. Also rauscht immer wieder das Fallobst von weit oben aus dem Schnürboden und zerplatzt knallend auf der Bühne. Die Darsteller ducken sich, schlittern durchs Mus, und der unglückselige Ivan kommt mit dem Schrubber kaum hinterher. Schließlich aber verliert Gott die Geduld, legt nach und offenbart sich - wie im Buch Hiob - in einem wilden Sturm, der den Mikrowellenherd blitzend in die Luft jagt und auf den Kirchenbänken loderndes Feuer entfacht.

Das Happy End offenbart die Glaubenskrise

An Budenzauber fehlt es also nicht, an theologischer Nachdenklichkeit ebenso wenig. Vor allem, weil die Rolle des vernünftelnden Arztes Kolberg ausgeweitet wurde: Mathias Max Herrmann klampft auf der Gitarre, kündet, innig phrasierend wie der Evangelist eines barocken Oratoriums, von grausamen Diagnosen, versenkt sich in den Theodizee-Gedanken Epikurs und beweist logisch räsonierend, dass es Gott nicht geben kann. Im Hintergrund aber strecken sich die Finger von Adam und seinem Schöpfer einander entgegen: Michelangelos Ikone aus der Sixtinischen Kapelle leuchtet als  großformatiges Röntgenbild auf - zum Trotz.

Denn in diesem Stück, das sich zynisch gibt, eigentlich jedoch lammfromm ist, gewinnt Gott mit Nachdruck seine Wette: Am Ende ist der Pastor vom Krebs geheilt und der Neonazi kein Neonazi mehr. Adam hat seinen Apfelkuchen gebacken, er trägt Haare auf dem Kopf und ist bekehrt. Als Narren in Christo stehen die beiden lächelnd inmitten der Kirchenbänke, und die Desillusionierungsmaschine Theater kommt für einen erstaunlichen Moment der Zeichen und Wunder zum Stehen. Denn kein noch so unbarmherziger Schluss könnte deutlicher Sinn- und Ordnungs- und Glaubenskrisen verdeutlichen, als dieses epiphanische Happy End, das so weit weg von uns stattzufinden scheint. Es mag in seinem verqueren Glück nicht leicht zu ertragen sein, eine Offenbarung aber ist es allemal.

 

Adams Äpfel
von Anders Thomas Jensen, Deutsch von Beate Klöckner
Regie: Felicitas Brucker, Bühne: Ulrike Siegrist, Kostüme: Irene Ip, Musik: Felicitas Brucker, Mathias Max Herrmann, Dramaturgie: Judith Gerstenberg.
Mit: Sebastian Schindegger, Thomas Melhorn, Wolf List, Sachiko Hara, Elisabeth Hoppe, Mathias Max Herrmann, Beatrice Frey, Noah Weber, Leon Weber.

www.staatstheater-hannover.de

 

Mehr zu Felicitas Brucker: Im April 2010 inszenierte die Regisseurin, 1974 in Stuttgart geboren, in Wien Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung. Am Berliner Maxim Gorki Theater brachte sie im Dezember 2009 Sartres Geschlossene Gesellschaft auf die Bühne. Im Oktober 2009 inszenierte sie im Freiburg die Orestie, im April 2009 die Uraufführung von Ewald Palmetshofers faust hat hunger und verschluckt sich an einer Grete am Schauspielhaus Wien. 2008 war ihre Uraufführung von Palmetshofers hamlet ist tot. keine schwerkraft zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Mehr dazu auf unserem Festivalportal Stücke '08.

 

Kritikenrundschau

In der Inszenierung der 36-jährigen Felicitas Brucker kam sich Frauke Hartmann (Frankfurter Rundschau, 29.5.2010) vor "wie beim Supergau einer Doppelregie von Pollesch und Castorf. Da regnen vom Bühnenhimmel eine tote Katze und jede Menge Äpfel, die am Boden zerplatzt liegen bleiben und immer mal wieder erfolglos vom Personal des Stücks beiseite geschrubbt werden. Ein Hitlerporträt wird ans Kreuz genagelt, Maschinengewehrsalven donnern, Kirchenbänke brennen." Ein Fest für den Pyrotechniker, so Hartmann. Und schrill, mit eindeutigem Willen zur Übertreibung, illustrieren Irene Ips Kostüme die Groteske, die eine moderne Hiobsgeschichte sei. Fazit: "Da wird viel gewollt, soviel ist klar", Intendant Lars-Ole Walburg werde noch eine Weile brauchen, um die Energien an seinem Theater zu bündeln.

 

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