Man ist wie ein Tier ... man versteckt sich

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 29. Mai 2010. Er ist ein Ex-Langzeit-Arbeitsloser zum Vorzeigen, dieser Pierre Delile, der die meiste Zeit nichts sagt, weil ohnedies seine Frau die Befindlichkeit hinausposaunt, die seine und die ihre. Genauer gesagt: Man schweigt sonst, weil da ist "nichts um uns herum, nicht einmal die Schande", vertraut sie jenen beiden jungen Damen an, die Pierre jetzt fürs Fernsehen gecastet haben. Pierre soll vorgeführt werden als Positivbeispiel für einen, der den Wiedereinstieg geschafft hat. Jetzt arbeitet er wieder. Zwar erst seit gestern und nur "als Ladendiener mit Kappe im Baumarkt", wie der Sohn verächtlich sagt. Aber immerhin.

Kandidaten im Visier
Ein gar absonderliches Stück hat Gerhard Willert, Schauspieldirektor in Linz, für seine Kammerspiele ausgegraben: 1988 war in Paris die Uraufführung von Michel Vinavers "L'emissions de télévision", wie das Stück im Original heißt. Damals war Reality-TV noch kein gängiges Format wie heute, dessen Hemmungslosigkeit und Verrohtheit der französische Dramatiker fast prophetisch vorweggenommen hat. Doch ist "Die Live-Sendung" nur zögerlich aufgenommen worden: Erst 2004 erst war Uraufführung in Essen, jetzt in Linz die erste Produktion in Österreich.

Pierre wird also von den beiden TV-Handlangerinnen vorbereitet für seinen Auftritt. Daheim in der Küche will man filmen. Was Pierre und seine Frau sagen sollen, wird ihnen in den Mund gelegt. Die jungen Damen haben auch noch einen zweiten Kandidaten im Visier. Der Nachbar Nicolas Blache hat dasselbe Schicksal wie Pierre erlebt und auch wieder einen Job gefunden. Sogar schneller.

Deftige Geschichte
Überhaupt ist Blanche viel smarter als der spröde und zögerliche Pierre, der immer ein wenig den Pessimisten raushängen lässt. Und dann kommt's: Der Nachbar wird ermordet, und der Verdacht taucht auf, Pierre könnte sich den gefährlichen Nebenbuhler vom Hals geschafft haben, um seinen TV-Auftritt zu retten. Obendrein wird ruchbar, dass der Nachbar vor 25 Jahren was mit Pierres Frau hatte. Ist der erwachsene Sohn womöglich gar Ergebnis eines Seitensprungs?

Eine so deftige wie banal gekleisterte Geschichte. Es spielen mit: die beiden ehemaligen Arbeitslosen und ihre Frauen. Was wäre so ein Job-Loser schon ohne Lenkerin am häuslichen Herd? Die beiden jungen Fernsehjournalistinnen sind ein lesbisches Paar (das muss auch rein). Eine Jungjournalistin ist hinter einem Job und ergo hinter der Story her: keck und draufgängerisch, und sie hat natürlich vor nichts und niemandem Respekt, schon gar nicht vor dem Untersuchungsrichter, der sich die Leute nach und nach vorknöpft. Bei dem werkt eine Tipp-Mamsell, vor der sich der Chef so richtig als Macho aufführt.

Pantomime auf der Show-Treppe
Die Szenen sind rasch, filmartig verschnitten. Trotzdem: Was kommt, wie's ausgeht - das ist immer alles völlig klar bei dieser Ansammlung von Klischee-Menschen, die nichts als Stehsätze absondern. Vielleicht hat auch die Übersetzung (Gerhard Naumann) Anteil am Strohdreschen. Irgendwie dauert das zweieinhalbstündige Stück um zwei Stunden zu lang. Alle schon x-fach durchgekaut!

Gerhard Willert als Regisseur rettet wenig. Auf einer Show-Treppe lässt er spielen, der Bühnenraum ist leer, ein Sessel das einzige Requisit. Schreibmaschine, Telefone - da tut's pantomimische Andeutung. Die Protagonisten kommen von unten rauf zu ihren Szenen. Das wären Voraussetzungen, das Tempo zu steigern, vor allem in der Schlussszene, wenn plötzlich alle auf der Bühne sind und die Orts- und Zeitebenen ineinander kippen. Aber da ist das Ensemble nur mehr auf leidliche Pünktlichkeit der Wortmeldungen bedacht, und auch die Souffleuse hat den Mund voll zu tun. Längst ist aller Pfiff draußen.

Lauter Stereotype

Im Ensemble können sich nur Thomas Kasten und Silvia Glogner profilieren. Er gibt dem Pierre Delile ein gutes Maß an Zurückhaltung. Ihm glaubt man, wenn er schildert, dass er "wie ein Tier geworden ist ... man versteckt sich." Sie ist Pierres handfeste Frau, der man schon zutraut, dass sie ihn über schwierige Jahre hinwegträgt. Für die anderen stehen die Chancen schlecht: lauter Stereotype, die das zu Erwartende tun und sagen. Was soll man da viel machen? Der 83jährige Autor war da, wurde gefeiert ("Vor zwei Monaten an der Comédie Francaise, dann in Tokyo, jetzt in Linz!"), während der zunächst freundliche Beifall vertröpfelte.

 

Die Live-Sendung (ÖEA)
von Michel Vinaver, Deutsch von Gerhard Naumann
Regie: Gerhard Willert, Bühne und Kostüme: Alexandra Pitz, Musik: Christoph Coburger, Dramaturgie: Kathrin Bieligk.
Mit: Thomas Kasten, Silvia Glogner, Aurel von Arx, Thomas Bammer, Verena Koch, Konstantin Bühler u.a.

www.landestheater-linz.at

 

Mehr über Inszenierungen von Gerhard Willert: Wir beprachen Was Ihr wollt, das er im November 2008 in Linz inszeniert hat.


Kritikenrundschau

Silvia Nagl von den Oberösterreichischen Nachrichten (31.5.2010) hält es für erstaunlich, dass dieses "raffiniert konstruierte" Stück, das "weder Sozialdrama noch Milieustudie, TV-Kritik noch Krimi" sei, bereits 1988 verfasst wurde: "eine Vorschau auf das Vorführen mitleiderregender oder grotesker Existenzen im so genannten Reality-TV". Der "eher kühlen, distanzierten Inszenierung von Gerhard Willert" jedoch fehlten "manchmal Tempo und Pep". Und "einiges an Text wäre durchaus zu streichen in dieser zweieinhalb Stunden dauernden Aufführung."

 

 
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