Die Zeitbombe tickt im Lotterleben

von Thomas Askan Vierich

Wien, 3. Juni 2010. Zwölf Stunden Theater mit sechs Pausen. 26 Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne. Allein die Zahlen sind beeindruckend und machen die erste Aufführung von "I Demoni" im deutschsprachigen Raum zu einem Ereignis. Die Uraufführung der Dramatisierung (oder soll man sagen: szenischen Nacherzählung?) von Dostojewskis 900-Seiten-Roman fand vor einem Jahr auf dem umbrischen Landsitz von Peter Stein in San Pancrazio statt. Dort noch als Gemeinschaftserlebnis: Schauspieler und Regisseur speisten mit dem Publikum, man verbrachte gemeinsam einen langen Theater-Tag.

Ganz so gemeinsam lief der Tag im Wiener MuseumsQuartier nicht ab. Die Halle E ist kein Landgut, und die beiden einstündigen großen Pausen verbrachten Publikum und Ensemble leider getrennt. Trotzdem verspürte man einen besonderen Geist. Man hatte auch in Wien beschlossen, gemeinsam einen ganzen Tag mit Peter Steins italienischem Ensemble und Dostojewskis Dämonen zu verbringen.

Der Liberalismus und seine anarchistischen Söhne

Stein hat sich bei seiner Umsetzung des Romanstoffes - der zuvor schon zweimal für die Bühne bearbeitet worden ist, 1959 von Albert Camus und 1999 von Frank Castorf - ganz auf das beschränkt, was er am besten kann: schlichtes Erzähltheater. Er verlässt sich auf den Text und auf sein brillantes Ensemble - und schafft es, bis auf kleinere Durchhänger, die Spannung bis zum Schluss zu halten. Das Bühnenbild von Ferdinand Wögerbauer ist karg, auch Requisisten werden äußerst sparsam eingesetzt.

© Tommaso Le Pera
© Tommaso Le Pera

Dostojewskis Roman beschreibt die politischen und intellektuellen Bewegungen im vorrevolutionären Russland. Der biedere Liberalismus der Väter wird von den radikal anarchistischen Söhnen buchstäblich unter Feuer gesetzt. Im Zentrum steht der historische Mord an einem Studenten, der sich von den Ideen der Anarchistengruppe entfernt hatte. Dostojewski griff dieses Ereignis auf, um die radikal anarchistischen "Dämonen" und die Feigheit der Liberalen, die sie hervorgebracht hatten, als Ausdruck der politischen Verworrenheit seines Landes zu attackieren.

Nach vier Stunden knallt's

Nicht viel mehr zeigt Peter Stein. Man könnte höchstens einen gewagten Vergleich mit den aktuellen italienischen Verhältnissen ziehen. Dostojewskis Roman und Steins Aufführung durchzieht eine Sehnsucht nach der "Großen Idee", nach etwas Höherem, das über den sinnentleerten Alltag hinausweist, sei es Gott, der Sozialismus oder die Vorstellung einer "ewigen Schönheit". Jedenfalls etwas anderes als ein Regierungschef, der den Staat zur persönlichen Bereicherung missbraucht, dafür vom Stimmvieh bewundert wird, das sich im Fernsehen an großbrüstigen jungen Frauen ergötzt, die vom Moderator mit Wasser überschüttet werden.

Davon ist natürlich explizit im Stück keine Rede, sondern von steckengebliebenen Reformen (Leibeigenenbefreiung), Wohlstandsverwahrlosung (der "verlorene" Sohn Nikolaj Stawrogin), Revoluzzern, die sich aufführen wie Gangster und dafür von den echten Gangstern verhöhnt werden, und Intellektuellen, die auf der Suche nach einer "Großen Idee" sich selbst verloren haben.

Klingt nach schwerer Kost. Und ist es über weite Strecken keineswegs. Die Dramatisierung von Dostojewskis Auseinandersetzung mit den intellektuellen Strömungen seiner Zeit gerät nicht zu einer statischen szenischen Lesung, auch wenn Stein theatralische Effekte sparsam einsetzt: Nach etwa vier Stunden knallen erstmals die Pistolen in einem Duell - und wecken vermutlich den einen oder anderen Zuschauer. Zuvor wird viel über Religion und Sozialismus diskutiert - von den Männern. Die Frauen schmieden derweil Heiratsintrigen.

Psychologische Facetten

Die Darstellerinnen und Darsteller holen aus jeder Szene das Optimum heraus - auf sehr unterschiedliche Weise. Maddalena Crippa spielt die herrische Gutsbesitzerin Stawrogina mit großer Zurückhaltung, wie hinter einer starren Maske der Selbstbeherrschung. Ganz anders Irene Vecchio als bildschöne Lisaweta: Sie gestattet sich alle möglichen Exaltiertheiten inklusive Schreiattacken. Pia Lanciotti zeigt als hinkende Tochter eines Trunkenboldes sehr eindringlich unter Einsatz ihres ganzen Körpers, was es bedeutet, auf der Schwelle zum Wahnsinn existieren zu müssen.

An Ivan Alovisios Darstellung des Nikolaj erlebt man wunderbar, was so eine scheinbar überdimensionierte Stücklänge bringen kann: Selten kann man die Entwicklung einer Figur in all ihren psychologischen Facetten so intensiv erleben. Am Anfang agiert der Sohn der Gutsherrin, der nach jahrelangem Lotterleben in Sankt Petersburg aufs Landgut zurückkehrt, wortkarg-arrogant wie eine tickende Zeitbombe, bis er immer mehr an Fahrt gewinnt und am Ende zur tragischen, sich selbst zerfleischenden Figur wird.

Intimität und Nebelkanonen

Eine dankbare und mit großer Spielfreude ausgefüllte Rolle hat Elia Schilton als Stepan: Er gleicht mit seiner ergrauten Lockenmähne einem Karl Marx und spielt tatsächlich einen salbadernden Alt-Sozialisten, der seine beste Zeit längst hinter sich hat und sich auf erbärmliche Weise von der Gutsherrin aushalten lässt. Beide verbindet eine unausgesprochene Hassliebe, die erst zur offen ausgesprochenen Liebe wird, als Stepan stirbt. Diese Szene gehört zum Stärksten, was dieser Theater-Marathon zu bieten hatte: Die Gutsherrin erkennt, dass auch sie diesen Mann trotz all seiner Schwächen geliebt hat und es jetzt zu spät ist, diese Liebe zu leben. Da entsteht auf der Riesenbühne der Halle E eine Intimität, die manches an Pathos, was dieser lange Tag mit den dann doch noch eingesetzten Nebelkanonen auch bietet, vergessen lässt.

Überhaupt sind die letzten eineinhalb Stunden die intensivsten. Da finden die langen Fäden zusammen, da kommt es zum feigen Mord an dem Studenten, der für Dostojewski der Ausgangspunkt seines Romans war - eine unheimliche Szene: ein paar hochgestellte Bretter und ein wenig Licht genügen.

Fast wäre es gar nicht zur Realisierung des Stückes gekommen. Das Turiner Teatro Stabile wollte "I Demoni" nach monatelangen Proben und galoppierenden Produktionskosten absetzen. Stein übernahm mit eigenem Geld die Produktion und übersiedelte mit dem ganzen Ensemble auf sein Landgut. Vielleicht lächelten die Darsteller auch deshalb so befreit, als der Applaus des Wiener Publikums minutenlang auf sie niederprasselte. Ein Triumph - in jeder Hinsicht.

 

I Demoni - Die Dämonen
nach Fjodor M. Dostojewski
Bearbeitung und Inszenierung: Peter Stein, Produktion: TIEFFE Teatro Stabile di Innovazione Milano, Wallenstein Betriebs GmbH, Bühne: Ferdinand Wögerbauer, Kostüme: Anna Maria Heinreich, Licht: Joachim Barth, Musik: Arturo Annecchino.
Mit: Andrea Nicolini, Elia Schilton, Maddalena Crippa, Maria Grazia Mandruzzato, Ivan Alovisio, Alessandro Averone, Rosario Lisma, Fausto Russo Alesi, Irene Vecchio, Franca Penone, Pia Lanciotti, Franco Ravera, Paolo Mazzarelli, Paola Benocci, Graziano Piazza, Giovanni Visentin, Carlo Bellamio, Fulvio Pepe, Luca Iervolino, Riccardo Ripani, Armando De Ceccon, Matteo Romoli, Nanni Tormen, Frederica Stefanelli, Antonia Renzella, Giovanni Vitaletti.

www.festwochen.at

 

Was gibt's auf nachtkritik.de zu Peter Stein? Das Glossar verrät es!

 

Kritikenrundschau

Anlässlich des Gastspiels von "I Demoni" in New York schreibt Jordan Mejias in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.7.2010), dass sich aus dem phantastischen Gemisch ein Ereignis schäle, das sich auf emotionale Wirklichkeit und Wahrheit gründete. "Das Publikum folgte den beiden ausverkauften Zwölfstundenmarathons denn auch hingerissen. Amerikanische Kritiker aber, die sich so gern über europäische Regieexzesse lustig machen, übten sich ausgerechnet bei einem Regisseur, der wieder die Tradition hochhält, in Bedenken." Schon in der Pause meinte der Mann der "Los Angeles Times", ein bisschen mehr hätte der Regisseur ruhig hinzutun können, und in der "New York Times" hieß es am Tag darauf, fürs heißeste Ticket des diesjährigen Lincoln Center Festival habe es lediglich ein langes, langsames Verlöschen, Verpuffen, Versanden, ein fizzle, gegeben. Von solchen fizzles brauche New York mehr.

Ein überwältigendes Literaturerlebniss verdankt Isabella Pohl, Kritikerin der Wiener Tageszeitung Der Standard (5.6.2010) diesem Theatermarathon, der aus ihrer Sicht lediglich "nach außen hin reines Erzähltheater ist". In Wirklichkeit sieht sie in dieser Aufführung "einen ungeheuerlichen Generationenkampf" toben. Bereits die schlichte, dem russischen Autor verpflichtete Tonart dieser theatralischen Nacherzählung des Romans beeindruckt sie. Allerdings macht sie auch handwerkliche Mängel aus: einmal findet sie manche Szene nicht fertig durchgearbeitet, oder nur "schemenhaft angelegt", weshalb an diesem Abend passieren könne, "dass sich der Wiener Zuseher nach einigen in höchster Schauspielkunst gebotenen Szenen im nächsten Auftritt bei einer Stellprobe wähnt." Zu Beginn des dritten Teils schließlich, "wenn sich hochdramatische, auf der Bühne naturalistisch nicht darstellbare Ereignisse überstürzen", changiert Steins Schauspiel aus ihrer Sicht "zwischen Drama und Klamauk". Das findet die Kritikerin "umso bedauernswerter, als das fantastische Ensemble das Spielniveau unermüdlich hochhält."

"Ein Triumph für die Literatur", schreibt Norbert Mayer in der Wiener Tageszeitung Die Presse (5.6.2010). Die ersten Stunden von elf Uhr morgens bis zum Einbruch der Dämmerung widme Steins Inszenierung zunächst eher dem Privaten, für Mayer bergen sie "aber bereits im Detail die Katastrophen". "Ein Sofa, zwei Tischchen reichen für ein Wohnzimmer, in dem gefeiert, gestritten, vermittelt wird. Meist geht es auch ums Geld. Eine verschiebbare Wand, ein Bett, ein Samowar – schon sind wir bei armen Leuten, erniedrigten und beleidigten, die sich verkaufen müssen, ihren Selbstmord planen oder noch Schlimmeres tun. Für die politische Versammlung der Revolutionäre hat sich Stein einen charmanten Sesselkreis ausgedacht, der auch 1968 noch Gültigkeit gehabt haben dürfte." Mit den Stunden nehme die Intensität immer weiter zu. "Was wie eine präzise epische Lesung begann, entwickelt immer stärkere Dramatik. Mord und Selbstmord, die über lange Strecken herbeigeredet worden sind, werden zu wirklich beklemmenden Momenten. Peter Stein hat den bösen Geistern Dostojewskis Namen gegeben und sie damit gebannt."

"Das Geheimnis des Triumphs von Peter Stein und seines Ensembles ist nichts weiter als Angemessenheit im höchsten Sinn und Maße", befindet Ulrich Weinzierl in der Welt (5.6.2010). Wer die dramatisierte Version des Riesenromans sehe, der brauche diesen im Grunde nicht zu lesen. Die Inszenierung vermittelt Weinzierl das gesamte Spektrum der Motive, "die Mikrodramen zwischen den Personen der Handlung, die geistige und emotionale Atmosphäre". Wer den Roman gelesen habe, könne die Leistung von Regie und Darstellern nicht genug rühmen, "weil die Stimmigkeit der theatralischen Transformation der Lektüre-Eindrücke überwältigt." Das "großartige Epochen- und Generationenbild Dostojewskis, die sich zur Gewalt radikalisierende revolutionäre Jugend", fange Stein mit einem formidablen Typenmosaik ein. Dass sich im festivalreichen Deutschland bis dato niemand bereit erklärte, die denkwürdige Produktion eines der wichtigsten deutschen Regisseure der Gegenwart einzuladen, für Weinzierl "schlimmer als ein Versäumnis: ein Skandal und eine Schande."

Zwölf Stunden Theater haben Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (5.6.2010) eigenem Bekunden zufolge dieser "langen Theatertages Reise in so mancherlei Umnachtung" gegenüber müde und in vielerlei Hinsicht milde" gestimmt, "so dass man schon mal ein Auge zudrückt, wenn es plötzlich pathetisch oder exaltiert oder gar tönend zu werden droht." Was durchaus vorkommen könne, wenn beispielsweise "mit Steins Russen das italienische Temperament" durchgehe, und "die jeweils Leidenden ein Tremolo in ihre Schmerzarien" legen würden. Auf einer breiten, mit nur wenigen Requisiten bestückten Bühne betreibe Stein "eine ganz einfache, fast minimalistische, hoch konzentrierte Form des (Nach-)Erzähltheaters." Es gebe, so Dössel, da "keine große Konzeption oder szenische Phantasie, nichts, woran Stein sich reiben würde", sondern "nur den Roman, Kapitel für Kapitel, und eine Schar italienischer Schauspieler. Doch weil weil es "ein verdammt guter Roman" sei und es sich - zum Großteil - um sehr gute Schauspieler handeln würde, reiche das "für diese literarisch-epische Urbarmachung". Das Famose für die Kritikerin: sie "bleibt tatsächlich an der verzweigten Geschichte dran, weil Stein, hierin dem Autor kongenial folgend, eine Spannung nicht nur aufzubauen, sondern sie auch zu halten versteht". Auch "wie gefährlich vibrierend und düster umschattet Ivan Alovisio" den Finsterling Stawrogin spielt, "wie er züngelt, fiebert, flackert und sich nach einer Wahnsinns-Beichte mit Gänsehaut-Effekt immer weiter selbst zerfleischt", gehört für Dössel zu den großen Ereignissen dieser "Dämonen"

 

 

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