Rauchzeichen aus dem Kellerloch

von Elena Philipp

Berlin, 3. Juni 2010. Eine Hausbesetzung im Prenzlauer Berg? Trotz Totalsanierung? Das geht nur noch im Theater. Gefördert vom Hauptstadtkulturfonds, verwandelten die Regisseure Jürgen Schultz und Ralf Grunwald das Ballhaus Ost in eine Kommunalka, eine Mischung aus sowjetrussischer Zwangs-WG und Künstlerhaus. Zwei Wochen lang wohnte eine bunte Künstlertruppe mit osteuropäischem Hintergrund im ehemaligen "Casino des Handwerks" an der Pappelallee und entwickelte das Osteuropa-Spektakel "Kommunalka 09010".

Das Ballhaus wird "Bühne und Wohnraum zugleich, simultan begeh- und erfahrbar", so die Programmatik. Bevor man begehen und erfahren kann, muss man die Grenzen des künstl(er)i(s)chen Staats passieren. Die Besucher stehen in einer langen Schlange neben den Mülltonnen. Peter Trabner scheucht einen Trupp Frauen in Ochrana-Uniform über den Hof – Durchsuchen, lautet die Ansage. Die Wartenden lassen sich von den zaristischen Geheimpolizistinnen abtasten und müssen strenge Fragen zum Inhalt von Taschen und Rucksäcken über sich ergehen lassen. An der "Kassa" nimmt man sein Einreisedokument in Empfang und bekommt qua Zwangsumtausch "Wert" ausgehändigt. Die lokale Währung berechtigt zum Bezug von ImpEx-Gütern und Erzeugnissen osteuropäischer Kochkunst.

Nur Deutsche halten sich an Regeln

Im Innenhof zeltet David Bredin. Er hat einen Gemüsegarten angelegt: In sorgfältigen Reihen sind Löwenmäulchen gepflanzt, Möhren spitzen aus der Erde, Schalotten recken ihre Blätter. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man, dass die Möhren in ausgewachsenem Zustand gesteckt worden sind und die Kohlköpfe abgeschlagen auf den Beeten liegen. Eine Reihe Kraut ist an diesem ersten warmen Tag bereits vertrocknet; der moldawische Gärtner entscheidet kurzerhand: "Das wird morgen verkocht." In der Küche im ersten Stock brutzeln die Buletten, im Keller riecht es nach Kohl. Dort hat Marin Caktas sein Abendessen eingenommen und wartet auf die ersten Besucher des Casinos. Frauen nur in Begleitung, "Looky Looky" kostet einen "Wert". Rauchen ist verboten, sagt Caktas' Chef, aber nur Deutsche halten sich an Regeln – der kroatische Croupier sendet Rauchzeichen aus dem Kellerloch.

Im Obergeschoss halten die Drei Schwestern Hof. Mascha Zharkova, Olga Postnova und Ekaterina Chapandze wollen zurück nach Moskau, weil sich in den fünf Jahren Deutschland ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben nicht erfüllt haben. Olga hat Geburtstag, es gibt ostfriesischen Tee aus der Glaskanne, der Samowar ist nur Dekoration. Gemütlich ist der Salon – Stofftapete, großer Rundtisch, ausladende Lampenschirme. Das war viel Arbeit: Um das gesamte Ballhaus bespielbar zu machen, musste der Raumdesigner Hendrik Scheel erst einmal etliche Zimmer entrümpeln. Nun siedeln überall Klein- und Kleinstprojekte, die es eigenständig zu erkunden gilt – vom Kellerkino über den Verein zur Pflege der französisch-russischen Freundschaft, der einen Wodkabrunnen hütet und Fragebögen zu französischen Lehnwörtern im Russischen ausfüllen lässt, bis hin zum polnischen Heldentenor, der Gesangsunterricht und psychologische Beratung anbietet oder seine Kosakenuniform vorführt.

Das Dasein als freier Performer

Struktur verleiht dem sechs Stunden langen Abend eine dreiaktige Theatersoap. Eine russische Familie auf dem Weg ins gelobte Ausland. "Wir machen es wie Columbus: Richtung Westen, und dann immer geradeaus", plant Vater Alexej (Peter Trabner). "Nur dass wir die Indianer sind", ergänzt sein Sohn Igor (Ivan Vrgoc). Eine treffende Umschreibung für moderne Migration.

Im Ballsaal tutet ein Schiffshorn, Wellenschlag aus der Box übertönt die Dialoge, die Truppe trumpft mit gekonntem Dilettantismus. Mutter Natalia geht über Bord – Irina Platon ruft klagend und ringt mit einem blauen Tuch. Peter Trabner ist der Hit: Er schlüpft in die Rolle des leicht prolligen Alexej und wieder hinaus wie der Fisch, den er in der ersten Szene angelt. "Ich habe genug. Ich brauche ein Festengagement" klingt nicht nach Skript, sondern wie ein Kommentar auf das Dasein als freier Performer. Im Salon der Drei Schwestern zweifelt jemand an seinem Schauspielerstatuts – und da zieht Trabner mit Ansage seine Gesten groß und mimt den Knallchargen ("ooh, ein Keeeks!").

Unerschöpfliche Wundertüte

Die Handlung der Soap ist nicht immer ganz zu verstehen, akustisch wie inhaltlich. Der Theatertross zieht durchs ganze Haus, und wer zwischendurch bei Ludek Pešek Pachl tschechische "kofola" kauft (sozialistische Cola, wie der "Rebelartist" versichert) oder seine Installation von Spejbl und Hurvínek als Punks betrachtet, verliert leicht den Anschluss. Am Ende jedenfalls wird Voland (im Hasenkostüm: Tobias Kilian) von Igor erschossen, weil er dessen Schwester Mascha (Tatjana Gola) geschwängert und offenbar verlassen hat – und die Familie geht zurück in den Osten.

Wer nur zum Theaterschauen kommt, ist in der Kommunalka 09010 nicht am richtigen Ort. Als Gast muss man sich einbringen, mitspielen – dann ist die Wundertüte unerschöpflich. Den Freiraum für die anarchisch-lustvollen Aktionen haben Grunwald und Schultz geschaffen. Die beiden Regisseure sammelten ursprünglich für ein Theaterprojekt an die hundert Stunden Videomaterial, Interviews mit osteuropäischen Immigranten zur ihrer Lebenswirklichkeit und ihren Biografien. Mit einer einzigen Inszenierung schien es ihnen dann aber nicht getan: Sie wollten den Sound der osteuropäischen Berliner Communities in seiner Vielstimmigkeit vermitteln. Von Lebenswirklichkeit ist im Kunstraum Kommunalka zwar nicht viel zu merken, aber ein bunt summender Raum für Begegnungen ist die Theater-WG allemal. Nach Moskau also! Oder in die Kommunalka.

 

Kommunalka 09010
Das Osteuropa-Spektakel
Leitung: Jürgen Schultz, Ralf Grunwald, Raumkonzeption/Bühnenbild: Hendrik Scheel, Kostüme: Daria Kornysheva, Soapautor: Hans Henner Hess.
Mit: Tatjana Gola, Rex Joswig, Tobias Kilian, Laura Parker, Irina Platon, Julia Reznik, Peter Trabner, Ivan Vrgoc, Ekaterina Chapandzem, Olga Postnova, Mascha Zharkova sowie Guido Plonski und Pit Schultz (Herbstradio), Krzystof Niewrzeda (Literat), Ludek Pešek Pachl (Rebelart), Skazka Orchestra, Chor und anderen

www.kommunalkaberlin.de

 

 
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