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Widerspruch steckt in so manchem Tauschverhältnis

von Rainer Petto

Trier, 8. Juni 2010. Offenbar hat das Theater Trier Angst, das Publikum könnte dieses Stück nicht verstehen. Schon die Vorankündigungen enthalten die fertige Interpretation, im Programmheft wird sie weiter ausgebreitet und mündlich während der Shuttle-Fahrt vom Theater am Augustinerhof zum Spielort, der Industriehalle Eltzstraße in Trier-Pfalzel, noch einmal dargelegt. Die Sorge erweist sich schnell als unbegründet. Das Stück erklärt sich selbst, vom ersten Moment an, man muss nicht deuteln, braucht nicht zu warten, dass sich etwas langsam herausschält. Die These wird nicht entwickelt, sie ist von Anfang an da. Sie lautet, kurz gesagt: Der Mensch von heute ist dem Menschen ein bloßes Tauschobjekt.

Was wir auch schon vorher erfahren: Die Namen der Personen, "Arkoth" etwa oder "Drimacus", stammen aus dem Computerspiel "Unreal Tournament", in dem es darum geht, in einem abgeschlossenen Raum möglichst viele Gegner möglichst häufig zu erlegen. Entsprechend heißen die Spielabschnitte nicht "Szenen", sondern "Levels".

Computer am Handgelenk

Die Namen stehen nur im Textbuch, im Stück fallen sie nicht. Die acht Figuren sind uniform, vier Frauen mit streng gescheiteltem Haar, in schwarzem Kostüm und grauer Bluse, vier Männer in schwarzem Anzug und grauem Hemd, beide Geschlechter mit schwarzer Krawatte, grauen Handschuhen, maskenhaft geschminkten Gesichtern, Headset-Mikrofonen, Minicomputern am Handgelenk. Die Figuren handeln nicht, sie verhandeln, reden und bewegen sich durch den Raum. Die Halle mit ihrem spärlichen Theaterdekor (Liegestühle, Hometrainer, Computertische, Theke, Wohnungsfenster) bietet Spielmöglichkeiten auf zwei Ebenen, vermittelt aber nicht den nostalgischen Charme alter Industrie, sondern moderne Nüchternheit, Abstraktheit.

Die Figuren beziehen sich nur sparsam auf den Raum und die Gegenstände, sie bewegen sich wie von Motoren getrieben. Durch rigide Entpersönlichung gibt die Regie den Schauspielern keinen Raum, auch im wörtlichen Sinne: Da jeder Ton über die Lautsprecheranlage kommt, sind die Stimmen nur schwer zu orten. Gemäß dem Titel des Stückes leisten die Figuren einander Gesellschaft, erbringen sich Leistungen, sie leisten sich etwas, so lange sie es sich leisten können. Es ist ein permanentes Wortspiel, manchmal laufen unterschiedliche Dialoge parallel, ein andermal sind alle Gespräche miteinander verwoben.

Verhandlungen, Sprachspiele, Leistungsgesellschaft

Mit ihren Rechnern kalkulieren die Figuren ihre Beziehungen, die Bilanzen werden abgeglichen, die Punkte verrechnet. Was man für den andern tut, hat seinen Preis. Fürs Abwaschen etwa gibt's 10 Punkte – aber wenn der Partner es übernimmt, weil der, der dran ist, keine Lust hat, kann er verhandeln und mehr für sich rausschlagen. Ansonsten ist der Preis abhängig von der Art der Tätigkeit sowie von der Dauer der Verrichtung. Das gilt nicht nur fürs Abwaschen, Kochen, Fensterputzen, sondern auch fürs Sich-Aussprechen, und natürlich für den Sex. Das wusste ja schon der olle Kant: Ehe ist ein Vertrag zum wechselseitigen Besitz der Geschlechtseigenschaften.

Findet der Autor, findet die Regie es gut, wenn die menschlichen Beziehungen so auf eine sachliche Ebene gestellt werden? Ulf Schmidt, der promovierte Theaterwissenschaftler, Philosoph und Kreativdirektor in einer Frankfurter Werbeagentur, urteilt nicht, er spielt die Sache einfach mal durch und stößt dabei auf immanente Fragen, Widersprüche, Absurditäten. Kriege ich nur dann Punkte, wenn ich eine Sache ungern mache? Das würde ja bedeuten: "Wer nie will und nie kommt, vögelt sich reich."

Muss man auch für Leistungen Punkte abgeben, mit denen man nicht zufrieden ist? "Du willst nicht für meine Witze bezahlen, und ich nicht für deine Suppen." Wie steht es eigentlich mit dem, was Mütter und Väter ihren Sprösslingen Gutes tun? Das heißt doch für jeden Erwachsenen, und gar nicht in einem moralischen Sinne: "Ich stehe tief in der Schuld meiner Eltern." Und läuft diese ganze Verrechnerei nicht darauf hinaus, dass man zu seinem Partner sagen kann: "Du bist ein Tauschverhältnis und ersetzbar"? Ersetzbar durch andere Menschen, aber auch durch Waschmaschinen oder Vibratoren. Diese Grundfragen sind bald gestellt, dann kommt kein neuer Gedanke mehr, keine Steigerung, keine Vertiefung.

Schwäbelnde Menschenmechanik

Ulf Schmidts Gedankenspiele waren dem Inszenierungsteam, Intendant Gerhard Weber und der jungen Regisseurin Judith Kriebel, wohl doch zu kühl, sie wollten ein klares Statement in ihrer "Trierer Fassung", die einen Text, der für fünf Stunden gereicht hätte, auf anderthalb reduziert. Hie und da lassen sie Spuren von Gefühl ausbrechen, der Mensch ist schließlich kein Objekt, jedenfalls nicht zu hundert Prozent, das bessre Ich ist nicht vollkommen verschüttet. Doch in der Regel agieren die acht Darsteller wie aufgezogen, roboterhaft bewegen sie sich in abgezirkelter Choreografie durch den Raum, sie reden in unpersönlichem, mechanischem Duktus. Gefühlsausbrüche, wenn sie denn geschehen, äußern sich in gesteigerter Lautstärke. Nein, das ist klar, so möchten wir nicht sein.

Die Theorielastigkeit der Vorlage zusammen mit der forcierten Entsinnlichung durch die Inszenierung ermüden rasch Geist und Sinne des Zuschauers. Zunehmend hektische Abläufe, Spuren von Handlung, der Wille zur Komik mit schwäbelnden Darstellerinnen im letzten Drittel nimmt man dann aber weniger als Abwechslung denn als Inkonsequenz wahr. Denn, das muss man ihr lassen, konsequent ist diese Umsetzung bis dahin ja. Das Stück selber ist keineswegs ein "Experiment", wie der Untertitel behauptet, denn sein Ausgang ist nicht offen; aber es auf den Spielplan und so in Szene zu setzen, das ist sicher eine mutige Tat für das Theater in der Stadt Trier.


Sich Gesellschaft leisten (Ein Experiment) (UA)
von Ulf Schmidt
Regie: Gerhard Weber, Judith Kriebel, Raum: Susanne Weibler, Kostüme: Carola Vollath, Dramaturgie: Sylvia Martin, Peter Oppermann, Bettina Stiller-Weishaupt. Mit: Paul Steinbach, Tim Olrik Stöneberg, Helge Gutbroth, Antje-Kristina Härle, Barbara Ullmann, Vanessa Daun, Michael Ophelders, Jan Brunhoeber.

www.theater-trier.de

 

Mehr aus dem Theater Trier: zuletzt besprochen wurde Ich war Staatsfeind Nr. 1, eine Dramatisierung der Autobiografie des Publizisten und früheren DDR-Dissidenten Wolfgang Welsch im April 2010.

 

Kritikenrundschau

"Der Durchmarsch von Effizienz und Kosten-Nutzen-Rechnung von der Wirtschaft in alle Gesellschaftsbereiche ist längst in vollem Gange", schreibt Dieter Lintz im Trierer Volksfreund (10.6.2010) . "Ulf Schmidt, studierter Philosoph und praktizierender Kreativdirektor einer internationalen Werbeagentur, spinnt sie in seinem Stück 'Sich Gesellschaft leisten' nur konsequent ins Privatleben weiter. Der Mann weiß, wovon er redet, und er spielt virtuos mit dem modernen Business-Kauderwelsch. Aus Mitmenschen werden Miet-Menschen, und wer zu sehr auf andere angewiesen ist, muss Schulden machen, die die Gläubiger dann in Form von Schuldverschreibungen als Anlage-Objekt auf den Markt und in den Handel bringen." Wie Roboter auf einem imaginären Catwalk bewegten sich die Akteure zwischen den sechs Schauplätzen: "Später, wenn die Handlung krasser wird und die Business-Pläne des eigenen Lebens scheitern, mehren sich auch die Ausbrüche. Die vom Autor vorgesehene Gliederung entlang der Level eines Computerspiels ist freilich kaum zu erkennen."