Münchner Urschlamm

von Matthias Weigel

München, 14. Juni 2010. Wenn die Münchner Kammerspiele ankündigen, "das Theatergebäude zu verlassen", dann machen sie es auch. Und zwar richtig. Da muss schon mal Ensemblemitglied Steven Scharf nachts in Unterhose durch den Schwabinger Bach im Englischen Garten waten oder der Zuschauer sich mit Koffer und Arbeitsvertrag im Bunker unterm Hauptbahnhof hin und her schicken lassen.

"Munich Central" heißt in diesem Jahr das "Stadtprojekt" zum Ende der Spielzeit, und es widmet sich dem bisher gentrifizierungsverschonten Bahnhofsviertel, das tatsächlich ein Kuriosum für sich ist: Mitten im Herzen ausgerechnet der Stadt, die wie keine andere als Provinzheimat der sonnenstudiogebräunten und glitzergoldbehängten Schickeria verschrien ist, hält sich ganz unauffällig ein "gallisches Dorf" aus Strip-Clubs, Spielhöllen, Dönerbuden und Handy-Shops. Wer vom Hauptbahnhof aus zufällig in die "falsche" Richtung läuft und das Aroma von Falafel und Çay, Abgas und Staub, den Lärm des vielsprachigen Stimmenwirrwarrs in sich aufnimmt, meint fast, doch in einer Großstadt gelandet zu sein.

Im Keller

Um dieses unbekannte Herz Münchens zu erkunden, nistete sich das "Munich-Central"-Team um die Dramaturgen Malte Jelden und Julia Reichert sowie die Regisseurin Christine Umpfenbach einfach in ein leerstehendes türkisches Lebensmittelgeschäft ein. Von diesem Festivalzentrum hinter Schaufenstern mit türkischen Schriftzügen aus finden die mal mehr und mal weniger konkreten Erkundungen statt.

Einen Blick in die Vergangenheit gibt Christine Umpfenbach in "Gleis 11", die dem Entstehen der Multikulturalität nachgeht. Als in den 60er und 70er Jahren die große Zeit der (griechischen, türkischen, italienischen, tunesischen, marokkanischen) Gastarbeiter war, wurden die Ankömmlinge samt Gepäck in einen Bunker unter Gleis Elf gebracht, von wo aus sie weiter verteilt wurden – genauso wie jetzt die Theaterbesucher. Mit Requisitenköfferchen geht es unter die Erde, wo Zeitzeugen vom Verlassen ihrer Heimat und der Ankunft im Ungewissen erzählen, im Befehlston hallen die Stimmen der Beamtinnen durch den kahlen Keller.

An der Oberfläche

Die Anekdoten des dokumentarischen Theaterabends bleiben durch ihre jeweilige Kürze allerdings etwas oberflächlich und unkommentiert, eine Griechin erwähnt fast im Nebensatz, dass sie und ihr Mann ihre zwei- und vierjährigen Kinder damals einfach bei den Großeltern zurückließen, um in Deutschland Geld zu verdienen. Zugunsten vieler verschiedener Eindrücke der ehemaligen Gastarbeiter verzichtet man darauf, bei einigen wenigen in der Tiefe zu schürfen. Trotzdem gelingt es, ein eigentümliches Gefühl des Schwebezustandes zu erzeugen, wo große Hoffnungen und ungewisse Angst, blinde Naivität und tapferer Arbeitswille so eng beieinander liegen.

Einen gegenwärtigen Blick auf Drogenmissbrauch im Viertel wirft Martin Clausen in seiner eher pädagogischen denn dokumentarischen Inszenierung "Name sei!". Besucher sowie Mitarbeiter des Drogennotdienstes L 43 gehen in kurzen, vorgetragenen Textpassagen das Alphabet durch und arbeiten sich dabei immer wieder an eigenen, neuen Definitionen von für sie wichtigen Begriffen ab. Denn wer einmal einen Namen, einen Begriff oder einen "Stempel" aufgedrückt bekommen hat, wird ihn für gewöhnlich kaum mehr los: Die Macht der Bezeichnung ist die Macht der Vorurteile und Vorverurteilungen.

Am meisten beeindruckt dabei die Kraft der Theatersituation, die eben jenes Dilemma aufzulösen zu können scheint: Für den Moment stehen nicht mehr Drogenabhängige und Notfallhelfer vor einem Mittelstandspublikum, sondern ein Team gleichberechtigter Darsteller erhält ehrlichen Applaus und Zuspruch von den Zuschauern.

Im Doppeldeckerbus

Die jüngste Inszenierung "Rettet die Vögel" von Bülent Kullukcu ist eine Dramatisierung des Prosastückes "Ortners Erzählung" aus Ernst Jüngers Roman "Heliopolis" von 1947. Hier wird nicht nur das Theatergebäude verlassen, sondern nach einer zauberhaften Einstimmung mit Stefan Merki als gedankenlesendem Pseudo-Magier (und später als mephistohaftem Dr. Fancy) auch das Schaufenster-Festivalzentrum.

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Rettet die Vögel © Andrea Huber

Im Doppeldeckerbus geht es gemächlich durch die Leuchtschilderstraßen des Bahnhofsviertels, was allein mit Dominik Obalskis E-Piano-Spiel aus der letzten Reihe zu einer entrückten, intensiven Zeitlupen-Wahrnehmung der Umgebung führt.

Nach einer Runde ums Karree sitzen nun Ortner (Steven Scharf) und Dr. Fancy hinter den Schaufenstern, per Mikroport mit dem Bus verbunden. Ein beinahe Faust'scher Pakt führt beide durch die Straßen zu einem Kirchenaufgang, wo Ortner seine Augenoperation erhält, die ihn zum Hellseher werden lässt. Diese Kräfte nutzt er im Nu, um Reichtum anzuhäufen und Golf in fein getrimmten Parks zu spielen, immer begleitet vom mobilen Zuschauerbus, der zu dieser Zeit längst das Bahnhofsviertel verlassen hat und langsam Richtung Schwabing fährt.

Aber wie es nun mal so ist mit dem Reichtum, ohne die Liebe macht er auch nicht glücklich, und wenn die Liebe auch noch durch Superkräfte erschlichen ist, macht selbst die keinen Spaß. Gebrochen und (wieder) dem Alkohol verfallen trifft Ortner kurz vor seinem Selbstmord auf Dr. Fancy, der ihn am Flussufer von seinen Superkräften befreit.

Was platt klingt, ist wie gemacht für die kontrastreiche Münchner Kulisse; je weiter Ortner sich vom Bahnhofsviertel entfernt, desto häufiger das sanfte Aufeinanderprallen mit bayerischen Passanten. Das Finale deutet Kullukcu schließlich als Triumph der besitzlosen (und daher glücklichsten) Naturvölker über die "zivilisierte" Kapitalistengier: Das Ensemble beschmiert sich am gegenüberliegenden Ufer des Schwabinger Bachs mit Münchner Urschlamm.

 

Gleis 11
Von Paul Brodowsky
Regie: Christine Umpfenbach, Bühne: Jil Bertermann, Kostüme: Judith Hepting, Musik: Jonas Imbery, Video: Tassilo Letztel, Dramaturgie: Julia Reichert. Mit: Zina Boughrara, Dionyssia Chatzinota, Nilgün Dikmen, Adalet Günel, Assimakis Hatzinicolaou, Ethem Koçer, Makbule Kurnaz, Georgios Metallinos, Mongia Müller, Faruk Önder, Nicolo und Elisabeth Pau, Anna Racz, Dragana Sojic, Kurt Spennesberger, Milica Stjepanovic, Eleni Tsakmaki, Walter Weiterschan.

Name sei!
Von Martin Clausen
Regie: Martin Clausen, Bühne: Judith Oswald, Kostüme: Lena Hiebel, Dramaturgie: Malte Jelden. Mit: Maximilian Alexander, Martin Clausen, Vera Dos Santos, Funny, Angelika Krautzberger, Angelika May, Eva Melzer, Holger Meurer, Regina Radke, Cristophe Vetter, Mesfin Zewelu-Desta, Heike Zwanziger.

Rettet die Vögel
Von Bülent Kullukcu
Regie: Bülent Kullukcu, Musik: Dominik Obalski, Dramaturgie: Malte Jelden, Peter A. Pfaff. Mit: Andreas Birthelmer, Stefan Merki, Dominik Obalski, Anastasia Papadopoulou, Steven Scharf.


www.muenchner-kammerspiele.de


Mehr von Bülent Kullukcu? In Freiburg entstand Hanib Ali Ante Portas Germany, an den Münchner Kammerspielen Mia san Murat. Martin Clausen hat mit Gob Squad den Abend Saving the World entwickelt und stand bei Obwohl ich dich kenne von Nico and the Navigators auf der Bühne.

 

Kritikenrundschau

Für "Munich Central", das Kammerspiele-Projekt im Bahnhofsviertel, habe Bülent Kullukcu für seine theatrale Stadtrundfahrt "Rettet die Vögel" eine "rare Erzählung ausgegraben" und treffe mit "Ortners Erzählung" von Ernst Jünger "den Nerv der Zeit", so meint Florian Welle von der Süddeutschen Zeitung (16.6.2010). Die gut dreistündige Doppeldeckerbus-Tour sei "spielerisch, ohne seicht, assoziativ oder beliebig" zu sein. Am Ende lande man im Englischen Garten als einem "utopischen Zufluchtsort vor einer Welt, in der Geld die 'eigentliche Macht des Lebens' ist".

 

 
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