Im Schleudergang durchs Wunderland

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 16. Juni 2010. Wasser rinnt vom Schirm, darunter schaut ein Schreckgesicht mit blonden, wirren Locken und ringt um seinen Wirklichkeitswert: "Wenn ich nicht wirklich bin, dann könnte ich auch nicht weinen." Doch das lassen die zwei dicken Männer nicht gelten: "Du bist bloß eine Traumgestalt!" Wenn der rote König aufhört, von ihr zu träumen, wird sie verlöschen. Darum reden Traumgestalten nicht vom Aufwachen, meiden Sterbliche den Tod. Dabei hat sich das Unheimliche längst eingeschlichen. Und Alices träumerisches Staungesicht hat sich in eine Schreckensmiene verwandelt, macht sie doch im Minutentakt Verwandlungen durch in einer Welt, in der alle ihr bekannten Regeln nicht mehr greifen und ihr Mund Sachen redet, von denen sie nichts weiß.

Denn in Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" hat sich die Beziehung zwischen den Dingen und der Ordnung, die sie regelt und bezeichnet, gelöst. Heute gehört Carrolls erstaunliches Büchlein mitsamt weißem Kaninchen, Grinsekatze und falscher Suppenschildkröte zu einem der meistzitierten der westlichen Hemisphäre, jüngst verfilmte Tim Burton seine knallbunte Version des Wunderlands. Und zum Spielzeitende inszeniert Philipp Preuss "Alice im Wunderland" am Schauspiel Frankfurt. Darin spielt Valery Tscheplanowa Alice und fast alle Rollen, ergänzt und begleitet von den Loops und Rhythmen des Musikers Kornelius Heidebrecht. Dieser hatte schon in Martin Kloefpers Inszenierung von Lems "Futurologischem Kongress", die Intendant Oliver Reese vom Deutschen Theater mitbrachte, den kongenialen Gegenpart zu einem monologisierenden Schauspieler gegeben.

Selbstgespräch als Prinzip
Mit ihren blonden Locken und beigen Trenchcoats sind Tscheplanowa und Heidebrecht Reisende zwischen den Welten, ohne Absicht und mit unbestimmtem Ziel. Zu Beginn sieht man per Video Valery Tscheplanowa im Zug einfahren, während Heidebrecht wie ein schlaftrunkener Pianist auf der Bühne Luftklavier spielt, mit dem Rücken zum Publikum. Sie durchquert einige Straßen, biegt in das Grün vor dem Platz ein, der einmal Theaterplatz hieß und heute Willy-Brandt-Platz heißt. Doch Valery Tscheplanowa alias Alice stürzt nicht in den Kaninchenbau, sondern läuft schnurstracks durch die hellen Gänge des Schauspiels, quasi ins Theaterwunderland, bis sie auf der Bühne anlangt und sich dort in der Projektion selbst begegnet.

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Valery Tscheplanowa © Alexander Paul Englert

Spricht schon Carrolls Alice gern mit sich, so wird hier das Selbstgespräch zum Prinzip, wenn sie allein raunend, jammernd und wetternd, grandios und grotesk alle Rollen spielt. Das schizoide Stimmgewirr eines frühmodernen Subjekts, in dessen Unterbewußtseinskeller ein grober Spuk sein Unwesen treibt und allerlei Monstren hervorbringt. Mit Freud ist das Ich nicht mehr Herr im eigenen Haus, und so wendet es sich vergebens in Richtung Ursprung: "Verdreh mir den Kopf in meine Kinderzeit", tschilpt Tscheplanowa ins Mikro.

Schönster Wahn im Lala-Land

Fantastisches kann in Fantasmatisches kippen, Lala-Land zerfrisst den Kindertraum, in dem Sinn zum Sprachspiel wird, das auch die Identität zersetzt. Hier verwandelt sich ein Baby in ein Ferkel, grinst eine Katze vom Himmel und geraten Zeit und Raum aus den Fugen, wenn die Königin Alice durch eine unveränderliche Landschaft hetzt und Tscheplanowa sich auf der Stelle laufend selbst zuruft: "Sind wir bald da?" - "Bald? Da sind wir seit zehn Minuten dran vorbei!" Kausalitäten greifen nicht mehr, die kleine Bühne mit ihrem unschuldig weißen Gazevorhang wird vom schönsten Wahn heimgesucht.

Bis Tscheplanowa minutenlang den etwas geistlosen Titelsong des Abends singt, "One thing makes you larger, one thing makes you small", und dazwischen ein paar Zeilen aus dem Tocotronic-Song "Harmonie ist eine Strategie" gurrt, während Heidebrecht seine Loops zum Getöse auftürmt. Als wolle der Abend mit dieser Kracheinlage und der Lieblingsband aller Diskurspoeten von Mittelinks zeigen, dass mit ihm nicht zu spaßen sei. Das wusste das Publikum längst, wurde es doch von Stück und Inszenierung in einen Schleudergang versetzt: Mit Alice fällt es von einer abrupt an- und wieder abbrechenden Szenerie in die nächste, kreuz und quer durch "Alice im Wunderland" und "Alice hinter den Spiegeln". Eine 70-minütige Achterbahnfahrt, die die Welt aus ihrer Bahn schüttelt und ihr dabei allerlei Wundersamkeiten entlockt. Im zuckergussfarbenen Abendlicht sieht nachher auch Frankfurt fantastisch aus, als verhieße jedes Geraschel am Straßenrand und jede kecke Blüte ein Wunderland.

 

Alice im Wunderland
nach Lewis Carroll. Deutsch von Lieselotte Remané
In einer Fassung von Philipp Preuss
Regie und Bühne: Philipp Preuss, Kostüme: Katharina Tasch, Musik: Kornelius Heidebrecht, Video: Konny Keller, Dramaturgie: Sibylle Baschung, Licht: Frank Kraus. Mit: Valery Tscheplanowa und Kornelius Heidebrecht.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Mehr zu Philipp Preuss im nachtkritik-Archiv: Wir besprachen zuletzt Nekrassow, das Preuss im November 2009 in Dortmund inszeniert hat. Karl Stuart brachte er im Mai 2009 auf die Bühne. Persona entstand im Januar 2009 in Berlin.

 

Kritikenrundschau

"Zauberstunde, ein Zauber-Siebzigminüter", sah Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (18.6.2010). Valery Tscheplanowa werde winzig und riesig und das genauso eindrucksvoll wie bei einem Kino-Spezialeffekt, aber ohne Kino-Spezialeffekt, aber mit der fürchterlichen Körperanstrengung, die das erforderr, und mit der verrückten Elektronik-Musik-Kulisse von Kornelius Heidebrecht. "Präparierte Regenschirme werden zu Glotzaugen, Videoeinlagen platzieren gepflegte Riesenplappermäuler auf dem Vorhang, aber auch auf dem Mund von Alice, und wie schüttelt man das nur wieder ab, das rote, bewegliche Ding." Philipp Preuss setze nicht unbedingt voraus, dass jeder den Roman von Lewis Carroll kennt. Es verhalte sich vielmehr so: "Hier findet man sich ohnehin nicht zurecht, muss man auch nicht, denn warum sollte man alles besser wissen als das Mädchen Alice, das nur noch staunen kann."

Und auch Michael Hierholzer findet in der FAZ Rhein-Main Zeitung (18.6.2010), dass Valery Tscheplanowa in dem Monolog glänzt. Das erste Wort in der Inszenierung sei "abwärts", und gehe hinunter "ins Dunkle, in die Labyrinthe der eigenen Existenz". Das Unbewusste ist "ein chaotisches, nie und nimmer auf irgendeinen Begriff zu bringendes Multiversum, das Monstrositäten und komische Gestalten gebiert, Traumbilder hervorzaubert und scheinbar Reales sofort ins Absurde steigert." "Valery Tscheplanowas Darstellung ist makellos", nicht die geringste Distanz zur irrealen, surrealen Situation der Figur, die sie so eindringlich wie witzig und anrührend auf die Bühne stellt. Eingerahmt werde die eineinviertel Stunden lange Vorstellung von auf Vorhänge projizierten Videofilmen, die Tscheplanowa unterwegs in Frankfurt zeigen. Der Film ist die Wirklichkeit, die Präsenz auf der Bühne aber verheißt nichts als phantastische Begebenheiten. Fazit: "Ein wunderlicher, wunderbarer Abend."

 

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