Melodisches Schmelzen der Eisblöcke

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 17. Juni 2010. Wunder gibt es immer wieder. Könnte man zumindest meinen, wäre man nicht so furchtbar aufgeklärt. Vielleicht säße man dann auch mit am Tisch und erzählte, was die Blauberger Marta einem Gutes getan hätte. Aber leider glauben die meisten von uns ja nicht mehr an Mächte, die höher reichen als ihr Verstand. Marienerscheinungen? Davon mögen andere schwärmen.

In dem Stück "Marta vom blauen Hügel", eine der Eröffnungspremieren bei der Theaterbiennale "Neue Stücke aus Europa" in Wiesbaden, versammeln sich zwölf Apostel der Übersinnlichkeit zum womöglich letzten Abendmahl und zerreißen sich das Maul. Sechs Männer und sechs Frauen, sechs sehr durchschnittliche Frauen und sechs sehr durchschnittliche Männer, die sehr eng nebeneinander an einer aus drei zusammengeschobenen Holztischen bestehenden Tafel Platz nehmen. Christliche Geselligkeit macht sich breit und ein gewissenhaftes Schweigen. Erst sagen die zwölf nämlich lange Zeit gar nichts und dann erst brechen die Geschichten aus ihnen hervor wie Wunder aus der Tüte.

Zwölf Zungen verbreiten Martas Geschichte

Sie erzählen sich, was sie alles mit der Wunderheilerin und Hellseherin Marta erlebten. Wie Marta sie gesund betete, sie heilte, kurierte und verhexte. Sie halten eine Art Messe für sie, einen Gottesdienst für eine, die nicht anwesend ist, obwohl ein Hocker für sie bereit steht. Es könnte durchaus sein, dass Marta gerade gestorben ist und die Überlebenden versammeln sich jetzt, um sich mit den alten Geschichten über sie und ihre Wunderkräfte zu trösten. Vielleicht aber sitzen die zwölf auch bloß als Insassen einer Nervenheilanstalt so eng beieinander und träufeln sich ihre Visionen und Halluzinationen als gutgemeinte Gute-Nacht-Geschichten in die kranken Ohren.

Irgendwo zwischen diesen beiden Polen siedelt der lettische Regisseur und Autor Alvis Hermanis sein Stück an, das sich auch einen Jux erlaubt mit den Sentimentalitäten, die in Menschenseelen nisten können. Dabei fußt der Abend auf der Biografie der wirklichen Marta, einer lettischen Bäuerin, die von 1908 bis 1932 lebte und die wunderlichsten Dinge getrieben haben soll. Mit dem Stück erweist Hermanis der Frau seine augenzwinkernde Reverenz. Dafür genügen ihm zwölf Schauspieler, denen man auch deswegen so gerne zuschaut, weil sie der Unmöglichkeit ein so widerspenstiges Gesicht verleihen. Mit wenigen Requisiten, ein bisschen Zucker hier, ein paar Streichhölzer da und hier und da noch ein paar Steinen lassen sie vor unseren ungläubigen Augen eine unglaubliche Welt entstehen.

Hell, ironisch, am Leben gehalten

Eineinhalb Stunden lang sitzen die zwölf nebeneinander, erzählen uns was, sprechen einen großen Theatermonolog in verteilten Rollen. Marta erscheint darin nicht nur als sagenhafte Gestalt, sondern auch als eigenwillige Persönlichkeit, die nicht jeden mochte und nicht von jedem gemocht wurde. Dabei ist die Erinnerung an sie noch so wach, als sei sie gerade erst aus der Stube spaziert. Im kollektiven Gedächtnis lebt sie weiter. Hermanis spürt der Frau mit poetischem Zungenschlag hinterher und scheut sich nicht, auch den Kitsch, der jedem Wunderglauben zu eigen ist, hochleben zu lassen. Dann setzt er etwa die Titanic-Schnulze als melodischen Running Gag ein und lässt später einen dünnen Mann und eine dickliche Frau den Tisch besteigen, um dort die dazugehörige Filmpose zu karikieren.

Doch auch solche Szenen, die zum lauthals Loslachen sind, umweht eine geradezu beseelte Heiligkeit, die einen am ironischen Potenzial des Stoffes zweifeln lässt. Vielleicht meint Hermanis ja das, wenn er im Biennale-Katalog schreibt: "Lächeln die Lippen des Zuschauers und hat er gleichzeitig Tränen in den Augen, so bedeutet es, dass das Theater die zarteste Sache auf Erden berührt hat, die Seele selbst." Ganz ehrlich? Da müssen wir passen.

 

Zilākalna Marta (Marta vom blauen Hügel)
von Alvis Hermanis, deutsch von Matthias Knoll
Produktion des Jaunais Rīgas Teātris, Riga
Regie: Alvis Hermanis, Licht: Mareks Lužinskis, Ton: Oļegs Novikovs.
Mit: Maija Apine, Jana Čivžele, Vilis Daudziņš, Varis Piņķis, Ivars Krasts, Ģirts Krūmiņš, Elita Kļaviņa, Iveta Pole, Andis Strods, Liena Šmukste, Sandra Zvīgule und Kaspars Znotiņš.

www.newplays.de
www.jrt.lv

 

Zuletzt besprochen wurde Hermanis' Kapusvētki/Friedhofsfest, das im Mai 2010 bei den Wiener Festwochen gastierte. Mehr zu Alvis Hermanis im nachtkritik.de-Glossar.

 

Kritikenrundschau

Trotz der paar zeitgeschichtlichen Einsprengsel sei Hermanis' "Marta vom blauen Hügel" "kein 'lettisches Stück', (...) sondern eins über Sehnsüchte und Mechanismen des - zeitweiligen - Trostes", schreibt Eva-Maria Magel in der Rhein-Main-Zeitung der Frankfurter Allgemeinen (20.6.2010). Hermanis' Schauspielern zuzusehen sei dabei "ein Genuss: Alle charakterisieren sie fein ziseliert ihre Figuren, dass es eine helle Freude ist - die Blicke, das Verziehen der Mundwinkel, das Stirnrunzeln, das unruhig auf den Pobacken Herumruckeln, wenn ein anderer eine Anekdote erzählt, begleitet von einer präzisen Lichtregie. Gesang, Geräusche und abrupte, kunstvolle Übergänge in kollektive Szenen, die vom Konkreten, dem Fühlen des Pulses, dem Streicheln, dem Leiden, zur abstrakten Geste des irgendwie Tröstlichen geführt werden, begleitet von ebenso schlichten wie überaus phantasievoll eingesetzten Requisiten, setzen den Kontrapunkt zu den aus Originaltönen zusammengesetzten Berichten."

Hermanis' Inszenierung lebe von der beschwörenden Kraft des Erzählens, schreibt Johannes Breckner im Darmstädter Echo (19.6.2010). Seine zwölf Darsteller setzten "im Mosaik der Berichte die kollektive Erinnerung an Marta zusammen, die im Wort lebendig wird, ohne auf der Bühne zu erscheinen." Aus der "subtilen Interaktion seiner starken Schauspieler" forme Hermanis "Szenen von großer Eindringlichkeit. Die liebevoll gezeichneten, nur sanft karikierten Porträts besitzen Tiefe. Während die Menschen erzählen, reagieren sie aufeinander, und das Geflecht aus Worten und Gesten ist so dicht, dass man in den anderthalb Stunden gar nicht weiß, wo man hinschauen soll." Ohne "zeigefingerhafte Zuspitzung" entwerfe der Regisseur "das Bild eines untergehenden Landes. Die scharf gezeichneten Typen bilden in ihrer Summe das moderne Lettland ab, die Menschen, die sich zum Abendmahl in Gedenken an Marta versammelt haben, erfahren sich als Schicksalsgemeinschaft. Wenn sie von Martas magischer Kraft gemeinsam geschüttelt werden, schüttelt es ein ganzes Land, wenn sie sich gegenseitig den Herzschlag fühlen, legt Hermanis den Finger an den Puls seiner Heimat."

In der Süddeutschen Zeitung (21.6.2010) will Till Briegleb solche Begeisterung nicht teilen: "Frei von Ironie" feiere Hermanis "eine Art Abendmahl mit abwesender Heilsfigur. Komponiert allein aus Erlebnisberichten wundersam Genesener, präsentiert Hermanis eine ausdrücklich naive Darstellung von Volksfrömmigkeit und Massensuggestion als bedeutendes kulturelles Erbe Lettlands. Ist dies anfänglich noch skurril und verspricht wegen der ausgesucht eigenwilligen Schauspielertypen des Jaunais Rigas Teatris eine Würdigung des lettischen Sonderlings zu werden, so schwindet die Faszination für das Kuriosum mit jeder weiteren blauäugigen Episode. Eineinhalb Stunden reiht Hermanis redundante sensationelle 'Wahrheiten' aneinander, verklärt die 1992 gestorbene christliche Schamanin zu einer Gegenfigur Stalins und singt einen letztlich ermüdenden Psalm auf den Wunderglauben, unterlegt mit James Horners 'Titanic'-Soundtrack."

 

In der Tageszeitung (23.6.2010) resümiert Barbara Behrendt das gesamte Festival als "Atlas der Theaterformen“, ist aber von "Marta vom blauen Hügel" nicht so recht begeistert:  "Hermanis lässt zwölf starke Darsteller wie beim letzten Abendmahl an einer Holztafel Platz nehmen und ruft mit Zeitzeugenberichten die Wunder der lettischen Heilerin Marta Rãcene in Erinnerung. Ironische Brechung oder naive Sehnsucht nach den Urwerten? Beim Publikumsgespräch war man sich uneins."

 

 
Kommentar schreiben