Interview mit einem russischen Angeber

von Petra Hallmayer

München, 17. Juni 2010. Dass die Welt von Vampiren beherrscht wird, haben wir längst schon geahnt. In Viktor Pelewins Roman "Das fünfte Imperium", dessen Theateradaption die Regisseurin Mareike Mikat nun auf die Bühne gebracht hat, dient der Mensch nur mehr als ohnmächtiges Melkvieh für die Kaste der Blutsauger.

Durch eine Packpapierwand, die ein Metallgerüst verkleidet, brechen die Gespenster des Turbokapitalismus hervor. In Papierfenstern gähnt hinter ihnen auf Bildschirmen noch die Tristesse sozialistischer Plattenbauten. Hier ist der 19-jährige Roma daheim, der Sohn einer arbeitslosen Alkoholikerin, der im postsowjetischen Russland keine Chance hat, durch das entweder die um ihr Leben Betrogene oder die an ihrem Neureichtum Besoffenen torkeln. So zögert er nicht, als ihm ein Plakat den "Eintritt in die Elite" verspricht und findet sich auf einmal in einem Kursus für Vampirologie wieder, dessen Hauptfächer "Glamour und Diskurs" heißen.

Blutdürstende Verrenkungen der Gegenwart

Als "Bulgakow des 21. Jahrhunderts" und Bruder von Thomas Pynchon ist der Popstar der neuen russischen Literatur bezeichnet worden. Das ist sicherlich übertrieben, aber intelligent und kritisch-analytisch zu unterhalten versteht Pelewin vorzüglich. Mit dem Spielzeugkasten der Fantastik enthüllt er in "Das fünfte Imperium" satirisch die Entgleisungen der russischen Gesellschaft, die durch eine rettungslos dem Geld und der Gier verfallene Gegenwart schlingert.

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Das fünfte Imperium © Gabriela Neeb

Die 31-jährige Mareike Mikat akzentuiert vor allem die absurde Komik der Vorlage, die sie allerdings immer wieder gar zu eifrig in Action übersetzt. Dabei schüttet sie einen Riesensack an lustigen Einfällen aus. Der Nachwuchsvampir wird zum gagaesken russischen Angeber mit Monsterpenis aufgedonnert, sein Lehrer trägt eine mit Rauch gefüllte Gucci-Tüte herein, und zwischendrein lugt ein Braunbär um die Ecke. Das Ensemble tobt und tollt mit großer Spiellust durch die abgedrehte Story, krächzt und züngelt, miaut und knurrt, schlägt Purzelbäume und baumelt nach Fledermausart kopfüber im Gerüst.

Namen aus Russland, Haare aus Woodstock

Justin Mühlenhardt stolpert als naiver langmähniger ("Vorne Rostock, hinten Woodstock") Russenjunge, der mit Dollarsäcken überhäuft wird, mit fassungslos aufgerissenen Augen in die Vampirkarriere, wobei er sich in die mit blitzenden Reißzähnen ausgestattete Hera (Anika Baumann) verliebt, die sich ihm als grausam überlegen erweist. Als Erzieher umschwirrt ihn eine Gruppe von Vampiren, die ihre Namen einer globalisierten Götterwelt entlehnt haben und sich von einem aus der Geldbesessenheit der Menschen erzeugten Elixier nähren: der lederbestiefelte zischelnde Mitra (Pascal Fligg), Enlil (Andrej Kaminsky), ein schnarrendes Männlein mit Pelzmütze und Leninbart, und der Zappelphilip Loki (etwas zu vernarrt in seine Tänzeleien: Jean-Luc Bubert).

Im Verlauf der labyrinthischen, an Zitaten, Verweisen und skurrilen Seitensprüngen prallen Geschichte verwandelt sich der tumbe Tor schließlich in Rama II., "Obmann für Glamour und Diskurs, Stecher unter Stechern, Gott des Geldes mit Eichenflügeln". Mikat hat den 400-Seiten-Roman radikal gekürzt, allein: ohne längere Erläuterungen kommt ihre zwei Stunden-Version nicht aus. Um diese geschickt einzuflechten jedoch, dafür fehlt dem Abend ein klug strukturiertes Konzept. Der ganze Spaßzirkus, den die sympathisch frische und streckenweise sehr amüsante Inszenierung auffährt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Mikats Versuch für Pelewins Prosa eine Theaterform zu finden letztlich nicht funktioniert.

Zersplittert und zu zerstreut

Statt auch einmal ein atmosphärisches Tableau zu entwerfen, das eine epische Passage tragen kann, splittert sie in ihrem Maskenball der Vampire nahezu jede Szene in ein Kunterbunt an Aktionen auf, fächert drollige Illustrationen auf, die uns aus dem grenzenlosen Reich der Imagination ins Kindermärchentheater herunterholen und überblendet mit beständig neuen Bildern den Text. Das erzeugt einen ermüdenden Zustand der Zerstreuung. So erhascht man, während der Blick von einem zum anderen kuriosen Detail schweift, oft nur mehr Bruchteile der Narration.

Manchmal scheint die Regisseurin dies selbst geahnt zu haben, dann lässt sie einen Schauspieler ohne Ablenkung eine zentrale Passage ins Mikro sprechen und plötzlich ist man wieder hellwach. Doch wer weder die Stückfassung noch den Roman gelesen hat, der dürfte am Ende bloß eine nebulöse Vorstellung davon haben, was da eigentlich alles erzählt wurde.

 

Das fünfte Imperium
nach dem Roman von Viktor Pelewin
Koproduktion mit dem Centraltheater Leipzig
Regie: Mareike Mikat, Ausstattung: Marie Roth, Dramaturgie: Kilian Engels.
Mit: Jean-Luc Bubert, Pascal Fligg, Justin Mühlenhardt, Anika Baumann, Andrej Kaminsky.

www.muenchner-volkstheater.de

 

Mehr zu Mareike Mikat: Im September 2009 inszenierte sie in Leipzig Mädchen in Uniform. Im Juni 2009 brachte sie am Berliner Maxim Gorki Theater, in Koproduktion mit der Leipziger Skala, Cosmic Fear von Christian Lollike zur Uraufführung. In Heidelberg hat sie 2007 Antigone und 2008 Ein Teil der Gans von Martin Heckmanns inszeniert.

 

Kritikenrundschau

"Übervoll und doch blutleer", schreibt Michael Schleicher im Münchner Merkur Online (19. Juni 2010). Leichtfertig verjuxe Mareike Mikat die Romanvorlage, bedauert er. Denn die sei mit nichten so harmlos wie diese Aufführung nun. Denn Viktor Pelewin nutze die fantastische Handlung für eine Abrechnung mit der postsowjetischen Gesellschaft, die er in inneren Monologen, Rückblenden und theoretisierenden Dialogen verhandele. Die 1978 geborene Regisseurin dagegen hat aus Sicht des Kritikers "keine eindeutige Haltung zu ihrem Stoff gefunden". "Ernste Analyse oder Parodie?" das ist für Schleicher die Frage. Zwar gebe es "seltene, konzentrierte und guten Momente". Meist jedoch lasse Mareike Mikat ihre fünf Schauspieler "herumalbern, schmatzen, fauchen und die bekannten Untoten-Darstellungen (von 'Nosferatu' bis 'Night of the Living Dead') persiflieren". Marie Roths übervolle Ausstattung der Bühne, von deren Decke, so Schleicher, auch Papierfledermäuse an Bindfäden schweben, verstärkt beim Kritiker den "Eindruck eines harmlosen Kinderfaschings".

 

 

 

 
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