Brightons sommerliche Gefühlswelt

von Christopher Scholz

Mainz, 18. Juni 2010. Die Liebe, immer wieder die Liebe. Sie kommt und geht, wie die Gezeiten, wie Sonne und Regen, Tag und Nacht - oder wie Hotelgäste. Letztere bringen sie bestenfalls sogar mit, nehmen sie aber auch wieder mit sich fort. Der Hotelier bietet seinen kurz- oder auch längerfristig Verweilenden einen temporären Hort und ist dabei selbst nicht gefeit vor dem Hin und Her des Herzen, seiner Freuden und seiner Schmerzen - so auch der 35jährige Steve, Besitzer eines Hotels in Brighton, Marine Parade 23.

Entlang englischer Meerespromenaden

Es sei die größte Liebesgeschichte, die er je geschrieben habe, sagt Simon Stephens über sein Stück "Marine Parade", das jetzt zur Eröffnung der Theaterbiennale "Neue Stücke aus Europa" im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters seine deutschsprachige Erstaufführung feierte. Regie führt Matthias Fontheim, der nun schon zum fünften Mal ein Stück des 1971 geborenen Briten inszeniert. Die Liebesgeschichte, um die es hier geht, ist die von vier Paaren, die sich aus ganz unterschiedlichen Beweggründen in dieser schäbigen Absteige an der südenglischen Meerespromenade einfinden und eines gemein haben: Irgendwie führen sie alle das falsche Leben.

Michael hat seine Frau vor schlappen 20 Jahren für Alison verlassen und bereut es. Hier, in diesem Seebad spricht er es aus. Claire trifft sich mit ihrem Ex-Liebhaber, weil sie reichlich Schulden hat und wenig Dumme kennt wie Christopher, den einst Abservierten und längst anderweitig Liierten, der ihr dennoch verspricht, das Geld aufzutreiben. Besagter Steve verliert gerade seine Reinigungskraft und Geliebte Sally, die zum Studieren nach Newcastle möchte und ihn allein in dem, wie er sagt, "beschissensten Scheißhotel auf der ganzen Welt" zurücklassen wird.

Schmerz wird kommen

Dann ist da noch die minderjährige Ellie, die mit einiger Entschlossenheit und ihrem älteren Freund Gary ihre Entjungferung mit dem Rauschen des Meeres im Ohr feiern möchte. Nach einem recht hastig vollzogenen Akt in Löffelchenstellung, bei dem sie sogar auf Wein und Kekse als Vorspiel verzichtet, stellt sie fest, dass es "gar nicht weh getan" hat. Keiner spricht es aus, aber es schwingt unterschwellig mit: Die Schmerzen kommen erst noch, das Leben tut mehr weh.

Aus dieser Konstellation fällt einer heraus: Der arbeitslose Archie, ein Freizeitphilosoph, der seiner Frau vormacht, er gehe zur Arbeit, stattdessen den ganzen Tag am Strand abhängt, seine Weltsicht schärft und ab und zu den Blick zum Brighton Pier schweifen lässt, dieser ins Meer ragenden Vergnügungsstätte mit ihren Karussells und Spielhallen. Ein Hauch von müder Unterhaltungssucht weht von dort zu ihnen hinüber und schwebt über dem gesamten Stück - nicht zuletzt wegen der fünfköpfigen Band, die das ganze Liebesleid musikalisch untermalt: Stephens hat für "Marine Parade" mit dem Singer-Songwriter Mark Eitzel zusammengearbeitet. Arrangiert wurden die Kompositionen des "American Music Club"-Frontmannes von Sebastian Hernandez-Laverny, der am Klavier auch die musikalische Leitung übernimmt.

Verrauchte Bar mit viel zu guter Musik

Die Musik des Quintetts klingt wie die einer Jazz-combo in einer Art Club der verlorenen Herzen, wo die meisten Gäste apathisch und einsam an ihren Zigaretten saugen und leider viel zu selten zuhören. Wozu auch, ihnen hört ja auch keiner zu. In großen leuchtenden Lettern prangt das Wort "Hotel" an der Wand wie ein künstliches Glücksversprechen aus Las Vegas. Selbst die Bretter, die stufenweise wie ein Steg über den Bühnenrand hinaus in den Raum ragen, scheinen Sehnsucht nach der Ferne zu haben.

So könnte es ein Stück von angenehm melancholisch-deprimierender Stimmung sein, hier und da durch ein paar zynisch-komische Momente aufgelockert - wenn es nicht auch noch die Songs gäbe. Alle Schauspieler singen, mal länger, mal kürzer, und nicht immer überzeugend, vor allem aber machen die meisten Lieder einfach nichts her. Das stört das etwas verrauchte Bild von der Bar, wo viel zu gute Musik gespielt wird, während alle an separaten Tischen der Vergeblichkeit ihres Seins und den verpassten Chancen in einem Glas nachstieren - weil immer wieder jemand aufsteht und noch ein Lied schmettert.

 

Marine Parade (DEA)
von Simon Stephens und Mark Eitzel
Regie: Matthias Fontheim, Arrangement und musikalische Leitung: Sebastian Hernandez-Laverny, Bühne und Kostüme: Marc Thurow.
Mit: Lorenz Klee, Lisa Mies, Pascale Pfeuti, Felix Mühlen, Stefan Walz, Katharina Knap, Lukas Piloty, Marcus Mislin, Nicole Kersten. Marine Parade Band: Martin Berger, Götz Ommert, Oleg Berlin, Gerald Stütz/Jens Biel, Sebastian Hernandez-Laverny.

www.staatstheater-mainz.de

 

Mehr von Simon Stephens: Seine Bearbeitung von Alfred Jarrys Ubu wurde im April 2010 von Sebastian Nübling am Schauspiel Essen inszeniert. Die prominentere Zusammenarbeit zwischen Nübling und Stephens, Pornographie, wurde 2008 zum Theatertreffen eingeladen. Im März 2010 kam Daniel Wahls deutschsprachige Erstaufführung von Punk Rock am Schauspielhaus Hamburg heraus.

 

Kritikenrundschau

Es sei vielleicht "nicht der originellste Einfall" des britischen Dramatikers, "ausgerechnet ein Strandhotel zum Schauplatz seiner kleinen Liebesdramen zu machen", schreibt Matthias Bischoff im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.6.2010). Und doch gelinge es ihm, daraus einen "atmosphärisch dichten Bühnenort zu formen, ein Klischee zwar, aber kurzfristig bewohnt von sehr klischeefreien Menschen". Gefallen findet der Kritiker an den "jazzigen Balladen" der Combo unter Sebastian Hernandez-Laverny, die "nicht unwesentlich zur süß-melancholischen Atmosphäre" beitrage. Die Musik von Mark Eitzel passe "bestens zum in Moll gehaltenen Gesamteindruck", allerdings liege hier auch die "Schwäche des Abends": "Leicht nimmt man hin, dass viele der Schauspieler nicht wirklich singen können." Und die deutsche Übersetzung mache "peinlich hörbar, wie banal, wie oberflächlich und erschreckend unpoetisch die Texte oft sind". Zu Stephens Stärken zähle zweifellos "sein Vertrauen auf die Erzählbarkeit von Geschichten", die Kehrseite aber sei "eine unübersehbare Banalität, ein Mangel an doppelten Böden und zu wenig Tiefenschärfe". Matthias Fontheims "einfühlsame Inszenierung" mache "Marine Parade" dennoch zu einem durchweg unterhaltsamen Biennale-Beitrag, "großes Theater aber wird aus den kleinen Liebesgeschichten kleiner Leute nicht".

"Wer hätte gedacht", dass es über die Liebe und Paare in Hotels "noch etwas Neues zu sagen gibt", erstaunt sich Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (21.6.2010). Vor der Pause dümpele das alles vor sich hin. Nach der Pause gibt es mindestens eine Szene, die den Besuch des Abends belohnt: Jene Szene, in der das von der "lieblichen und irrwitzig aufmerksamen" Katharina Knap gespielte Mädchen "zum ersten Mal mit einem Mann, Lukas Piloty, schläft. Wir schauen ihr ins Gesicht dabei, in dem sich auch aus der Ferne noch alle Erwartung, alle Konzentration der Welt und sogar Glück spiegeln". Fontheims Inszenierung lasse sich "sympathisch und sympathisierend auf Stephens' Vorstellungen ein". Die "Banalität der Liedtexte" hält auch von Sternburg für "überwältigend, freilich sagt das einiges über das Reflexionsniveau Verliebter, Hoffender, Enttäuschter". Insgesamt gebe "Marine Parade" "der mutigen, aber durchwachsenen Ur- und Erstaufführungssaison des Mainzer Schauspiels einen überzeugenden Schlussdreh".

Stephens melancholische Liebesepisoden erinnern Mur von der Frankfurter Neuen Presse (21.6.2010) bisweilen an Tschechow. Das Stück fange "subtil Stimmungen und Gefühle" auf, die Songs funktionierten als "gesungene Monologe, die das gesprochene Wort nur schwer vermitteln könnte: Es gibt kein Happy-End in den Beziehungssplittern". Fontheim habe das alles "mit großen Einfühlungsvermögen, aber auch mit dem nötigen Pep, der alle Sentimentalitäten wegwischt, so britisch ins Deutsche übertragen, das man sich fast in die boulevardeske Theaterszene des Londoner Westends versetzt fühlt". Selbst der "typisch skurrile englische Humor" teile sich dem Zuschauer mit. Stephens habe "wunderbar lebensnahe Rollen geschaffen, die - trotz anspruchsvoller Songs - für Schauspieler nicht zum Risiko werden und ganz persönliche Emotionen zulassen".

Die sichtbare Jazzband sorge für einen "Verfremdungseffekt pur – Brecht hätte frohlockt", so Jens Frederiksen in der Main-Spitze (21.6.2010). Dem Abend insgesamt bekomm ihr Zutun hingegen gar nicht, "er wirkt, von einigen dichteren Momenten abgesehen, fahrig, uneinheitlich, zerhackt". Die Songs seien "wenig eingängig, ja stachelig - und die zugehörigen Texte nichts weiter als läppisch". Fontheim habe nun, "ermutigt durch die vermeintliche Tschechow-Nähe von Simon Stephens, das Wilde und Gefährliche in den Dialogen weitgehend ausgeblendet zugunsten zarter Stimmungen und behutsamer Zwischentöne". Die Textlektüre lege da "ganz andere Interpretationen nahe". Lediglich "das kurze Pubertierenden-Intermezzo" mit Katharina Knap und Lukas Piloty atme "eine Frische und Frechheit, die wohltut". Insgesamt blieben die Geschichten jedoch "im Skizzenhaften stecken". "Und wenn sich doch für einen Moment ein Identifikationspunkt auftut, greift unweigerlich am Rande des Piers der nächste Mitspieler zum Mikrophon und singt einen dieser Songs, den niemand braucht."

Der Stephens-Abend sei "klassisch britische Gegenwartsdramatik" mit der "eher seltenen Wendung ins Rührende", schreibt Till Briegleb in seinem Biennale-Zwischenbericht in der Süddeutschen Zeitung (21.6.2010). Mark Eitzel habe "in dreijähriger Zusammenarbeit mit Stephens 'Marine Parade' als Musiktheater entwickelt". Die "Übertragung seiner schlichten Songwriter-Poesie ins Musikverständnis eines deutschen Staatstheaters" misslinge allerdings leider auf groteske Weise. "Eine sauber dudelnde Kurbadkapelle unterlegt die piepsigen und schrägen Gesänge der Schauspieler, die Eitzels Texte auf Deutsch vortragen, als gäbe es die ZDF-Hitparade noch." Schade, bemühe sich Fontheims Inszenierung doch ansonsten "sehr um Authentizität. Anschaulich praktizieren seine Schauspieler die Freuden und Schmerzen einer gelockerten Bindungsmoral. Wie Allegorien verschiedenster Schuldgefühle verbocken sie alle die Romantik der Nähe". "Als Beschreibung, wie die flüchtigen Beziehungen als Kapital der Freiheit ihre einsamen Schulden anhäufen, ist diese Szenenfolge von einer ziemlich unmittelbaren Menschenkenntnis geführt. Wäre da nicht dauernd dieser störende musikalische Zimmerdienst."

 

 
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