Das Rad und seine Erfinder

von Sarah Heppekausen

Mülheim, 18. Juni 2010. Fabian Hinrichs zählt sie alle auf. Die 100 wichtigsten Erfindungen der Menschheit. Von Faustkeil (vor 1,5 Millionen Jahren) bis zum Nanometer (im Jahr 2000). Nähnadel, Boot, Kondom, Konservendose, Computer – nichts lässt er aus. Auf Erfindung Nummer 75 radelt er über das Fabrikgelände, das schon im zweiten Teil der Ruhrtrilogie als Schauplatz diente, eine Gewerbebrache mitten in Mülheim. Bei Erfindung 37 (Steigbügel) wiehert ein Pferd, bei 55 (Blitzableiter) grummelt der Donner. Und dann gibt es noch Nummer 101: der perfekte Tag. Auch der ist also eine Erfindung. Erforscht und analysiert bis ins letzte Detail, Kuscheln, Kaffeetrinkengehen, Kuchenessengehen gehören auf jeden Fall dazu. Erfunden aber auch wie eine Lüge.

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Fabian Hinrichs in "Der perfekte Tag" © Th. Aurin

Open air im Ruhrgebiet

Die Ruhrtrilogie ist René Polleschs Beitrag zur Kulturhauptstadt. Die drei Stücke, die seit 2008 als Open-Air-Theaterinszenierungen entstanden sind, beschäftigen sich inhaltlich nicht unbedingt mit dem Ruhrgebiet. Es sind typische Pollesch-Abende, und die behandeln nun mal die großen Themen der Gesellschaft, die Lebens- und Arbeitsformen zwischen Kapitalismus und Subjektauflösung. Darin darf sich dann jeder Zuschauer wiederfinden, auch der Kulturhauptstädter.

Diesmal lassen sich die Polleschen Textsalven erstaunlich gut begreifen. Philosophische Diskurse gibt es, ja, über Fortschritt, die Sprache und die Liebe. Aber sie münden nicht in die bekannten Theorieschwurbeleien, über die es sich allenfalls noch amüsieren, aber kaum noch reflektieren lässt. Wie in "Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!" an der Berliner Volksbühne konzentriert sich der "Der perfekte Tag" auf den Schauspieler Fabian Hinrichs. Zwar zählt auch Volker Spengler zum Ensemble, aber seine Szene im zweiten Teil des Abends gleicht eher einem Gastauftritt per Videoübertragung aus einem der Bert Neumann-Wohnwagen. Irm Hermann sollte noch mitspielen, sie hat sich allerdings verletzt, konnte und sollte nicht ersetzt werden.

Sattelfest in der Welt- und Repräsentationskritik

Die Show also gehört Hinrichs. Der pest mal im Bademantel, mal in Unterhose über die Brache, verfolgt von Kamerafrau und Mikroträger. Wie ein amerikanischer TV-Prediger geht er mit großen Schritten durch die Zuschauerreihen, hebt die Arme, motiviert zur körperlichen und geistigen Teilhabe: "Wir müssen das Rad neu erfinden. (…) Warum verlassen wir uns auf den perfekten Tag?"

Zum Einlullen ist sein auf- und abschwellender Singsang durchaus geeignet (wäre es an diesem Premierenabend nicht so konzentrationshemmend kalt). Dieser Wahrsager- und Predigerton ist neu im Ruhr-Reigen. Er führt hervorragend ein in die Pollesch-Welt der Repräsentationskritik. Strapazierende Längen im ersten Teil überspielt Hinrichs mit einem charmanten Grinsen. Es ist das Grinsen des Trugs und des Flirts. Der Darsteller spielt den Text, obwohl es keine Figur gibt, er spielt ihn in Gesten und Gesichtern. Und es macht großen Spaß, ihm dabei zuzusehen.

Mit Erfindung in Berührung, Erfindung der Berührung

An diesem letzten Abend der Ruhrtrilogie spricht Pollesch eigentlich und vor allem vom Theater. Die Erfindung des Menschen, Täuschung, Schein – das sind ureigene ästhetische Mittel des Schauspiels. "Du verstehst all das, was zum Verstehen und zum Hören und zur Kommunikation beitragen soll, aber Du hörst mich nicht, abseits dieses Verstehens. Du hörst nicht, was ich sage, weil du identifizierst“, schreibt Pollesch.

Man könnte einwenden, er schlägt sich mit den eigenen Waffen, wenn er auf der weitläufigen Industriebrache ein "Schaustück" mit Showacts wie Lagerfeuer, Pferdereiten und Zauberei inszeniert, das vom Text-Hören ablenkt. Aber seine Schauspieler täuschen offensichtlich. Texte lesen sie ab, als Zauberkünstler kann Hinrichs seine Hilfsmittel nur schwer verstecken. Die Lüge wird permanent mitgespielt. Denn, wie Pollesch im Programmheft sagt, "das Theater kann nichts über die Lügen sagen, von denen Sie nicht wissen, dass sie Lügen sind".

Übrigens: Sucht man im Internet nach Erfindungen, bietet sich schnell die Seite land-der-erfinder.de an. "Wir kommen täglich mit neuen Erfindungen in Berührung", schreibt da ein Erfinderberater. Pollesch macht daraus die "Erfindung von Berührungen“. Vielleicht hat der Autor den Satz des Beraters gar nicht gelesen, aber es passt einfach zu gut ins Pollesch-System. Ein simple Verdrehung der Wörter und schon ergibt sich ein (Gesellschafts-)Problem. Ob Lüge oder nicht spielt dabei dann kaum noch eine Rolle.

 

Der perfekte Tag
Ruhrtrilogie Teil 3
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Nina von Mechow, Musik: Vredeber Albrecht, Kamera: Ute Schall, Licht: Frank Novak, Dramaturgie: Aenne Quiñones, Tricktechnische Beratung: Manuel Muerte.
Mit: Fabian Hinrichs, Volker Spengler.

www.ringlokschuppen.de
www.ruhr2010.de

 

Mehr zu René Pollesch: Der erste Teil der Ruhrtrilogie Tal der fliegenden Messer kam im Sommer 2008 heraus, Teil zwei Cinecittà aperta im Sommer 2009. Als letzte Polleschiade kam im Mai 2010 am Wiener Burgtheater Peking Opel heraus.

 

Kritikenrundschau

"Kann man sich bezaubern lassen, obwohl man den Trick durchschaut?" Jawohl man kann, gibt Marion Ammicht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (20.6.2010) zu Protokoll. Und das hat unbedingt mit dem "furiosen Solo" des Schauspielers Fabian Hinrichs zu tun, den sie bei Eiseskälte draußen duschen, halb nackt durch die Nacht rasen, "den Nachlass von Pina Bausch" tanzen und natürlich Pollesch Texte skandieren sieht (und hört). Es beginne in Hawaii an der Ruhr. Bert Neumanns wunderbare Kulissenversatzstücke aus dem zweiten Teil der Trilogie seien wieder da. Das Crazy Horse, "das mit abgeschnittenem Pony tatsächlich noch auftreten wird", hört die Kritikerin schon von Ferne wiehern. Dann sieht sie Hinrichs, den "Prometheus im Lendenschurz", wie er die Schöpfungsgeschichte neu erzählt. "Irgendwie auch nur ein billiger Illusionistentrick. Die Nacht funkelt verheißungsvoll. Wir haben alles durchschaut, wären dabei fast in Kälte erstarrt, und es war zauberhaft."

Hinrichs bestreite den "Löwenanteil des Abends", so Regine Müller in der tageszeitung (21.6.2010), und monologisiere "in seltsam gehobenem Singsang, predigend, dozierend, ermahnend, doch stets ironisch gebrochen". Dabei ziehe er "alle Register, wechselt permanent den Ton (...) und flirtet dabei hemmungslos abwechselnd mit dem Publikum und der eigenen Künstlichkeit. Hinreißend." Die "Schrumpfung der Besetzung" erweise sich als konsequent, da Polleschs "Textgirlanden" sich diesmal eher indirekt an der Kapitalismuskritik abarbeite, sondern "die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Geschlechterdifferenz" ins Zentrum stellten. Der "Frage nach dem Sinn oder Unsinn des Fortschritts" stünden "die alten großen Fragen gegenüber, die scheinbar keinen Fortschritt kennen". Pollesch thematisiere "die Lügen der Sprache, des Lebens und der Liebe" und beziehe "die Prinzipien der Täuschung und der Illusion schließlich auf das Theater selbst". Im letzten Drittel habe Volker Spengler dann noch "seinen fulminanten Gastauftritt" auf einer Videoleinwand. Mit Hinrichs letzten Worten – "Und dein Herz, was muss das tun nachts?" – ende der Abend dann doch noch "in der Ambivalenz-Verwirrung eines typischen Pollesch-Abends. Nur konzentrierter."

Auch Gudrun Norbisrath berichtet auf dem Portal Der Westen (20.6.2010) von dem "großartigen Hauptdarsteller" Hinrichs. Dass Polleschs Ruhrtrilogie den Ort "komplett hinter sich lässt und ohne Umstände ins bedeutungsvoll Allgemeingültige schwappt, könnte schon irritieren - wenn es nicht Pollesch wäre". Dessen Markenzeichen sei lange "ein ermüdendes Soziologengeschrei" gewesen, "theoriestarre Un-Dialoge". Jetzt deklamiere Hinrichs "bei bösem Wind bis kurz vor Mitternacht fast nackt sehr viel Text". Er mache das "fabelhaft, für den Text kann er nichts." Anders als sonst bei Pollesch gebe es "keine hinaus geschrieene Kapitalismuskritik", sondern gehe es "fast sanft (...) ums Reden und nicht Zuhören, um Liebe, Tod und Lügen, die wir zum Überleben brauchen. Alles nicht falsch". Doch dass dazu Zarah Leander zitiert werde, mache die Sache "nicht authentischer", Sätze wie "Denken heißt identifizieren - die Gegenstände gehen nicht in ihrem Begriff auf" seien "nichts als aufgeblasen". Seit Pollesch wisse, "dass Geschrei nichts nützt, setzt er auf blinkende Glühbirnen und baut Kirmeswagen um seine Ideen. Ob das reicht, den Ideen Gehör zu verschaffen", möchte die Kritikerin augenscheinlich bezweifeln.

"Der perfekte Tag", erläutert Michael Laages im Deutschlandradio (Kultur heute, 19.6.2010) solle "den Erfindungscharakter von solcherart Glückszustand beschreiben; das Glück eines 'perfekten Tages', später auch einer 'perfekten Beziehung', ist letztlich nichts anderes als 'Die 100 wichtigsten Erfindungen' aller Zeiten"; allerdings sei die von Hinrichs heruntergeratterte Erfindungen-Liste teils "ihrerseits völlig frei erfunden". "Um den 'perfekten Tag' zu zweit zu erfinden, so räsoniert Hinrichs (...), müsste eigentlich erst mal der Gegensatz der Geschlechter aufgehoben werden"; später verfalle man "ins Philosophieren über den Zusammenhang von Liebe und Lüge in perfektem Zusammenspiel", ausgehend von Uwe Johnsons "Skizze eines Verunglückten". Wie immer sei das "weithin klug und clever im Denken und Reden", lasse sich Polleschs "manisches Monologisieren zuweilen recht weit aus der Kurve tragen" und bedürfe es "jener Darsteller, die das eigene Ich mit diesem intelligenten Dauer-Palaver aufzuladen vermögen (...). Was Pollesch aber überhaupt nicht braucht, ist das Theater." So unterblieben die von Hinrichts anfangs angekündigten "theatralischen Höchstleistungen" auch weitgehend. Pollesch-Abende seien "schon seit geraumer Zeit Vorstellungen für Leute, die eigentlich kein Theater sehen wollen, es vielleicht sogar ein bisschen verachten". Der lange Weg, die Verspätung, die Kälte, dass viele hier "für teuer Geld eigentlich fast nichts zu sehen bekommen - all das macht Polleschs vertraute Denkspielerei in mancherlei Hinsicht zur blanken Zumutung".

"Dass das Ganze eine gesellschaftliche und soziale Verortung zum Ruhrgebiet oder zu Berlin hat, kann man nicht behaupten", findet Frank Dietschreit im rbb-Kulturradio (3.7.2010). Wie immer bei Pollesch gehe es neben diversen Diskursen darum, "ob und wie Mann und Frau noch zusammen leben können - und wie ein 'perfekter Tag' aussehen könnte". Das "gigantische Text- und Theorie-Labyrinth" gehöre ganz allein Fabian Hinrichs. Der sei "ein wahres Chamäleon, er grinst und redet ununterbrochen, lullt die Zuschauer mit dem singsangartigen Ton eines TV-Predigers ein" und bohre sich "durch einen ganzen Berg an Fragen und Theorien". Was er dabei von sich gibt, sei vor allem eines: "pure Theater-Veralberung". Stellenweise sei der Abend "durchaus hintergründig und humorvoll, aber eben auch von einer grenzenlosen und peinigenden Selbstverliebtheit", überdies "mindestens eine Stunde zu lang". Er drehe sich im Kreis und bringe "kaum eine neue Erkenntnis und keinen theatralischen Mehrwert" hervor. "Das Dauer-Palaver über die Illusion der Realität und die Realität der Illusion ist eine ziemliche Zumutung" und "genauso nervig wie der Dauer-Angriff der Mücken".

"Wir müssen das Rad neu erfinden!", rufe Hinrichs "mit grotesker Unerbittlichkeit" in die Nacht, "als würde er die Sprache erfinden, als misstraute er ihr im selben Augenblick", beschreibt es Ulrich Seidler nach Ansicht der Berliner Premiere in der Berliner Zeitun (5.7.2010). Hinrichs dresche "das Radebrecheisen in die Begriffe und will den Sinn heraushebeln". Das Schlüsselwort "Erfindung" meine bei Pollesch immer auch "Lüge und Illusion. Alles, was zwischen Mensch und Mensch geschieht, beruht auf Erfindungen, auf Illusionen, auf die wir uns verlassen wie auf das Rad. Man kann es einfach benutzen – aber ein echter Philosoph wie Pollesch bestaunt es und verzweifelt daran." Und wie mit dem Rad sei es "mit der Liebe, dem Vertrauen oder der Kommunikation - und erst recht mit dem Theater". Anstatt sich auf dessen Funktionsweise zu verlassen, nehme Pollesch es "als Modell für die Welt und untersucht es". Diese Untersuchung werde hier "zur tröstlichen Feier. Man versteht nichts, aber man erfährt, warum." Wenn Hinrichs am Ende "ein paar holperige Zauberkunststückchen" bewältige, spüre man "die erleichterte Hingabe, mit der die Zuschauer diesen Tricks Glauben schenken". Ausgerechnet bei Pollesch, dem "Entlarver der Verwandlung", ende der Abend "mit einem Wunder der Metamorphose: Hinrichs flattert als Falter in die Nacht".

 
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