Sit-In mit Jesus

von Anne Peter

Berlin, 22. Juni 2010. Vielleicht sollte diese Veranstaltung für die Volksbühne so etwas sein, wie Cristiano Ronaldos lustiges Nacken-Hüpfer-Tor, dem 6:0 gegen Nordkorea, für die WM? Ein kleiner, Prusten machender Aufheiterer, der hierzulande sogar für einen kurzen Moment die Furcht vor dem Ghana-"Endspiel" und einem möglichen Vorrunden-Aus vergessen ließ?

Comic relief jetzt also auch an der Volksbühne. Nach einer durchwachsenen Spielzeit, bei der Castorf seinen Panzerkreuzer u.a. mithilfe eines neuen Chefdramaturgen wieder flott zu machen versuchte, der inzwischen bereits wieder entlassen (und von gewissen Veranstaltungen dezidiert ausgeladen) wurde, und wenige Tage bevor am Rosa-Luxemburg-Platz ein Wochenende lang Badiou, Zizek, Negri & Co. theorieschwer die "Idee des Kommunismus" verhandeln, gönnt sich die Volksbühne einen Ausflug ins Comedy-Milieu, genauer: in die Gefilde der TV-Show-Parodie.

Für den "Johnny Chicago" betitelten Abend hat sie beileibe nicht die schlechtesten Leute am Start: Der Arzt, Lesebühnen-Berühmtling und Schriftsteller Jakob Hein schreibt den Text und gibt sein Schauspiel-Debüt; der Intellektuellen-kompatible und bereits Schaubühnen-erprobte Neuköllner Comedian Kurt Krömer gibt den Star des Abends; der mit einem Oscar für seinen Kurzfilm "Spielzeugland" bepreiste Regisseur Jochen A. Freydank, sonst eher auf dem Fernsehfeld aktiv, arrangiert die beiden auf der mit Musikbanda ausgestatteten Show-Bühne.

nach chicago_thomas aurin
Inka Löwendorf, Kurt Krömer
© Thomas Aurin

"Das muss man doch se-h-en!"

Es war allerdings Volksbühnen-Ensemble-Mitglied Inka Löwendorf, endlich mal in einer prominenten Rolle auf der Hauptbühne zu sehen, die an diesem Abend den substantiellsten Beitrag leistete. Nachdem sie einen Großteil des Abends als Produktionsassistentin Bettina in Blondperücke und superkurzem Silbermini einherstaksen musste, um den Herren Wasser zu servieren oder sich als Animateuse fürs Live-Publikum zu betätigen, platzte dieser gar nicht auf den Mund gefallenen Dame der Kragen.

"Ich will endlich mit richtigen Schauspielern arbeiten", wütet sie lautstark, "mit einem Regisseur, der schon mal 'ne Bühne von innen gesehen hat." Ob das etwa Medienkritik sein solle? "Wie gnadenlos die Leute durch die Formate gezogen und am Ende der Kette ausgekotzt werden? Aber ich seh' das nicht, das muss man doch se-h-en!" Außerdem laufe sie nicht so gern in einem Rock rum, der "nicht größer is', als'n Schlüpper – so 'ne Chauvi-Scheiße. Lernst du sonst keine Frauen kennen?", fragt sie Hein, rupft den Kollegen die falsche Haarpracht vom Kopf und rauscht mit den Worten "Ich geh mir jetzt 'n neuen Chefdramaturgen suchen" von der Bühne.

Selbsterkenntnis allein reicht nicht

Damit ist die Kritik an diesem Abend trefflich auf den Punkt gebracht. Nur zeitigt der schön selbstreflexive Ausbruch keinerlei Wirkung auf den Rest des Abends. Selbsterkenntnis allein reicht nicht. Es müssten auch Taten folgen. Die Show-Show hingegen geht nach einer Minute mit gespielt betretenen Gesichtern einfach weiter wie zuvor – und Löwendorf taucht natürlich doch noch mal auf, nicht als Bettina, sondern als Hitler, der von Frisör Johnny per Verschnippler die berüchtigte Bärtchen-Form verpasst bekommt.

Es ist dies die letzte der "Videoeinspielungen", die hier bei ständig laufenden Kameras live exerziert werden. Videoeinspielungen, in denen Kurt Krömer spielt, wie Johnny Chicago Episoden aus seinem Leben spielt: ein Sit-in mit Jesus, inklusive Weinverwandlung, zum Beispiel (jeweils mit Löwendorf in wechselnden Rollen). Der von Krömer gemimte Johnny ist nämlich nicht nur ein mächtig abgehalfterter Schnulzen-Sänger, der immer mal wieder verzweifelt seine neue CD in die Kamera zu halten versucht, sondern auch der älteste Mann der Welt, geschätzte 10.000 Jahre. "Wie hätte es sonst sein können, dass ich in meiner Jugendzeit mit einer Neandertalerin zusammen war?"

Jeder Gag ist einstudiert

Dabei fallen immer wieder in sich witzige Mikro-Sketche ab, kleine Krömer-Perlen, etwa die über die Vertracktheiten eines Selbstmordversuchs im Mittelalter, wo einem auf dem Markt bisweilen zum Tode unnützes Arsen angedreht wurde. Die Grundkonstruktion des steinzeitalten Mannes in einer Talk-Show-Sendung namens "Ihre Stars von gestern" ist allerdings so haarsträubend blöd und die Medienkritik, scheint's, so haarsträubend ernst und originell gemeint, dass der Abend als Ganzer nicht zu retten ist. Ihm wird auch zum Problem, was schlechte Comedy ausmacht: dass beinahe jeder Gag einstudiert, vom Skript vorgegeben ist.

Und hat man die Verhohnepipelung gewisser Talk-Show-Miseria – die dauernden Werbeunterbrechungen und Gewinnspiele, das Lästern über den Gast hinter den Kulissen und das nur vorgeschützte Interesse des Moderators an seinem Talk-Gast-Opfer, das beständige Stochern in seiner Vergangenheit, das "Emotion ist Einschaltquote"... – nicht schon hundertmal gesehen und mindestens zehn Mal besser? Dabei parodiert Hein den Moderator Kai Kacke sehr passabel hin, mit Karteikarten, aufgesetztem Grinsen und allem. Aber das Dichten, das hätte der eigentlich mit Humor und Selbstironie gesegnete Hein für diesmal lassen sollen.


Johnny Chicago (UA)
von Jakob Hein
Regie: Jochen A. Freydank, Musik: Info Frenzel, Bühnenbild: Tom Hornig, Kostüme: Kathrin Krumbein, Licht: Johannes Zotz, Dramaturgie: Sabrina Zwach.
Mit: Jakob Hein, Kurt Krömer, Inka Löwendorf, Hanno Rank (Kamera), Steffen Schencker (Kamera), Tim Schallenberg (Musiker), Jörg Mischke (Musiker), Tim Lorenz (Musiker), Jens Jensen (Musiker).

www.volksbuehne-berlin.de

 

Mehr zum Spaß-Team gefällig? Jakob Heins Roman Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand wurde von David Bösch auf die Bühne gebracht, Kurt Krömer durfte sich bereits an der Schaubühne in der Komödie Room Service austoben.

 

Kritikenrundschau

"Johnny Chicago" wirkt auf Eberhard Spreng vom Deutschlandfunk (Kultur Heute, 23.6.2010) wie "allzu bemühte, irgendwie bräsige, letztlich naive Medienkritik" mit kalkulierbaren Gags und wenig originellen Anekdoten aus der abendländischen Menschheitsgeschichte. Diese würden "auf dem tiefsten erreichbaren Karnevals-Spielniveau auch vorgeführt", bis Inka Löwendorf als Produktionsassistentin "ganz stückgetreu, aber doch auch mit improvisierenden Ergänzungen aus der Rolle" falle. Damit baue sie "in die scheiternde Fernseh-Comedy-Blödelei eine zünftige Selbstkritik ein", sorge damit "für den einzigen wirklichen Moment von Theater" und zeige indirekt, "dass Theater im Gegensatz zum Fernsehen eben doch auch Professionalität, Können, Ausbildung, Talent voraussetzt". Weder "anarchisch neuköllnische Gag-Moderationen noch Subkultur-Kleinkunst-Lesungen" qualifizierten schon fürs Theaterspiel. Ebenso wenig sei der "vor Jahren überraschend mit einem Oscar ausgezeichnete Kurzfilmregisseur Jochen A. Freydank (...) die richtige Besetzung für die Regie im Berliner Komödienstadl", er arrangiere hier "gerade nur eben die Szenen ohne jede Inspiration".

"Ganz offensichtlich beruht dieser Abend auf einem mehrfachen Missverständnis, was das Format angeht", meint Peter Hans Göpfert im rbb Kulturradio (23.6.2010). Mit diesem "sogenannten Stück" unterschreite die Volksbühne ein weiteres Mal "den eigenen Qualitäts-Anspruch". Man müsse befürchten, dass Hein sein Stück "allen Ernstes als Mediensatire verstanden wissen" wolle. Der Gag der Videoeinspielungen sei natürlich, dass diese live gespielt würden. "Der aufwendigste und relativ ulkigste ist vielleicht noch ein Verkehrsunfall. (...) In anderen Szenen wird jegliches Niveau ein ums andere Mal unterboten." Die Begrenztheit von Krömers "komödiantischen darstellerischen Mitteln" lasse sich nicht übersehen. "Ganz furchtbar wird es, wenn er selbst und der schauspielernde Autor Jakob Hein, auf Kloschüsseln sitzend, sich über die Qualität des Stücks ereifern. Man möchte über diesen ganzen Abend den dicksten Mantel des Vergessens breiten." Mit Ausnahme Löwendorfs, die das Publikum für ihre "kurze feurige Arie" liebe. "Den Rest dieses behelfsmäßigen Klamottenkrams darf man während der Theaterferien getrost verdrängen."

Wenn Krömer Hein anmault, ihn in die "Regietheaterhochburg Volksbühne verschleppt" zu haben, obwohl er doch viel lieber Türentheater am Kudamm spielen würde, während "zwischen ihnen die Klotüren auf- und zuklappen", sei die Szene zugleich "Karikatur des Kampfbegriffs Ekeltheater und des auf Lustigkeit getrimmten Boulevards" – für Katrin Bettina Müller von der taz (24.6.2010) "zweifellos ein kleiner Höhepunkt des Abends". Das Theater sei für Hein und Krömer wohl "ein ambivalenter Sehnsuchtsort: Gemessen an der eigenen Popularität eigentlich kein ernsthafter Konkurrent", aber doch so was wie ein "Kindertraum". Auch Müller findet Löwendorf "ziemlich großartig in ihrer Verzweiflung über zu viel schlechtes Theater". Vor allem sei Heins und Krömers Geschichte "viel zu dünn. Sie verheddern sich in ihren selbst produzierten Klischees". Der Abend sehe ziemlich schnell nach einer "Krömer-Reste-Rampe" aus, Talkshowmaster Kai Kacke sei "bloß schlicht erfunden. Fürs Wohnzimmertheater lustig genug, für die große Bühne aber, wo sich die Figur schon beim ersten Auftritt auserzählt, entschieden zu wenig." Die Hoffnung, dass die Institution Volksbühne "hier noch mal an den Wurzeln des anarchischen Nonsens kratzen zu können, die das Castorf-Theater zu seinen besten Zeiten auszeichnete", hat sich für die Kritikerin leider nicht erfüllt.

"Mindestens so wichtig wie diese leider misslungene Inszenierung" sei "ihre schöne Entstehungsgeschichte", meint Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (24.6.2010). Die "absolut empfehlenswerten, ausgestellt dilettantischen Shows" des "Fernsehkomödiantenparodist" Kurt Krömer bestächen "durch das unerschütterbare Figurenklischee eines Neuköllners niederer Herkunft und durch Krömers konsequent ausgespielte Mir-kann-keiner-was-Haltung". Das bedeute dem "Großteil des Publikums pures Glück über das Wesen der Bescheuertheit", impliziere "für den reflexionsfreudigeren Humorfreund auch Medien-, Zeit- und Spaßkritik". Eine "Sternstunde der gebührenfinanzierten Fernsehunterhaltungsparodie" sei der Auftritt Heins in Krömers Show gewesen, für deren "Fortsetzung mit anderen Mitteln" die beiden nun die Volksbühne enterten. Dabei habe Hein Krömer "ein grenzenlos bescheuertes Stück auf den Leib" geschrieben, "eine zynische, geschickt gebastelte, mehrbödige und mehrfach gebrochene Medienbetriebsreflexionskomödie". Der Abend sei leider "bei all dem gepackten Humor-Input bedauerlicherweise meistens unlustig". Was Seidlers damit erklärt, dass man Krömer "nicht nur die Brille genommen, sondern auch seine Spontaneität" genommen hat. Er müsse Heins "getimte Pointen bedienen. Da sind Effizienz, Ausdruckskraft und Handwerk gefragt", über die allein Löwendorf verfüge. "Und so entsteht ein fürchterlicher Verdacht: Sind die virtuosen Dilettanten Krömer und Hein vielleicht doch aus Versehen dilettantisch? Ist die ganze Verballhornung des hohlen Medienbetriebs vielleicht selbst einfach nur hohl?"

Krömer sei so etwas wie "das fernsehtauglich lustige Gesicht der Unterschicht", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (24.6.2010): "Exotisch genug für den Mittelschicht-Bürger im Publikum, dabei aber so verdreht und komisch, dass es nicht weh tut." Die Text-Vorlage von Hein sei "alles mögliche, aber sicher kein Theaterstück". Und die Veranstaltung sei "im wesentlichen Medien- und Selbstparodie", weil aber "Humor im Fernsehen spätestens seit Harald Schmidt vor allem aus selbstreferentiellen Parodien des Mediums besteht, ist das weder originell noch erkenntnisstiftend und auch nicht besonders komisch". Das ergibt also keinen "subversiven Anschlag auf die Trashhölle der Unterhaltungsformate, sondern nichts als ihre Fortsetzung mit den Mitteln des schenkelklopfenden Boulevardtheaters". Außerdem reiße Krömer "seinen Job an der Volksbühne erstaunlich gemütlich" ab, wenn der "Theater-Krömer den Fernseh-Krömer parodiert, sind die Eitelkeiten nicht zu übersehen". Der "Transport vom einen ins andere Medium" bringe nicht "beide Medien aufs lustigste zur Implosion, im Gegenteil. Was im Fernsehen halbwegs komisch ist, wird auf der Bühne zu mühseligen, sehr brav abgehakten und viel zu groß aufgeblasenen Kleinkunst-Veranstaltung".

Ein Theater "in eine Talkshow zu verwandeln", erscheint Christian Schröder vom Berliner Tagesspiegel (24.6.2010) nicht unbedingt als zwingende Idee. Gerede an sich ist noch nicht theatralisch, außerdem hat der Zuschauer davon schon genug zuhause in seinem Fernsehkasten." So sei es entweder "a) hirnrissig, b) ranschmeißerisch oder c) mutig", dass Castorf die Volksbühne "dem Krawallkomiker Kurt Krömer zur Verfügung stellt". Heins Text sei kein Theaterstück, "allenfalls eine Posse, eher eine Nummernrevue. Und mitunter ein ziemlich großer Spaß." Hein quassele als Moderator seine Einsätze "immer wieder so in die Schlussakkorde der vierköpfigen Studioband hinein, dass sie nicht zu verstehen sind. Und für den zynischen (...) Fernsehfuzzi ist er einfach nicht schmierig genug." Viele Gags seien "uralt oder geklaut, der Wechsel zwischen Live-TV- und Offszenen ermüdet, die Running Gags versanden". Gerettet werde der Abend von "Nebendarsteller-Allzweckwaffe" Inka Löwendorf, die als "röhrende Castorf-Furie" die Theaterkritik vorweg nehme.

Auch in der Welt (24.6.2010) findet man, dass viele Witze "genauso alt" seien wie der 10.000jährige Johnny Chicago. "Nicht, dass es gar nichts zu lachen gebe." Hein habe in der Lesebühnenszene schließlich "trainiert, wie man eine mittelmäßige Pointe so serviert, dass die Leute trotzdem brüllen". Auch sein Hauptdarsteller verfüge "über das Kaffeefahrtenentertainer-Talent, die abgestandensten Witze wieder halbwegs frisch zu verkaufen". Krömer steigere sich bisweilen "in wirklich komische Tiraden rein, die beweisen, dass die Wurzel des Berliner Humors das weinerliche Selbstmitleid des getretenen kleinen Mannes ist". Diese "boulevardüblichen zwei Stunden" vergingen allerdings, "ohne dass das Theater oder die Medienwelt aus den Angeln gehoben worden sind".

 

 
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