Kuckucksuhren aus St. Petersburg

von Matthias Weigel

Erlangen, 24. Juni 2010. Wie viel Theaterpädagogik darf eigentlich in einer professionellen Stadttheaterproduktion stecken? Oder anders gefragt: Wie weit kann sich ein Theaterabend durch den vorangegangenen Prozess rechtfertigen? Und fördert der Wanderlust-Fonds der Kulturstiftung des Bundes nicht einfach nur Selbsterfahrungs-Abenteuer-Trips deutscher Theatermacher?

Im vorliegenden Fall hatte das Stadttheater Erlangen Lust, für eine Kooperation zum Teatr Pokoleniy in St. Petersburg zu wandern. Für solch eine "Austauschpartnerschaft" über drei Spielzeiten gibt es vom Bund bis zu 150.000 Euro Förderung. Erstes gemeinsames Ausflugsziel ist die zweisprachige Inszenierung des Stückes "SumSum" von Laura de Weck, die nun in Erlangen und später in St. Petersburg zu sehen ist.

Ursprünglich geht es in dem Stück um einen einsamen Deutschen, der im Internet eine Frau in der Ferne kennenlernt und zu ihr reist, um sie, naja, wahrscheinlich noch besser kennen zu lernen. Dort stellt sich aber heraus, dass die Frau (doch) nicht seine Sprache spricht, es gibt Missverständnisse und die Schwester muss dolmetschen. Leider verliebt sich der Mann nicht in die Frau und er fährt wieder heim. Allein für Stücke dieser Klasse sollte es eigentlich einen "Liegenlassen-Fonds" zur Schadensbegrenzung geben, aber darum soll es an dieser Stelle nicht gehen.

Deutsch-russische Verständigungsschwierigkeiten

Von den wanderlustigen Erlangern wurde das Stück gedoppelt: Der Deutsche Urs-Peter (Patrick Serena) fährt zu Alina (Anastasia Toshcheva) nach Russland, während der Russe Pyotr (Vladimir Postnikov) zu Selina (Gitte Reppin) nach Deutschland fährt. Die erste Variante wurde unter der Regie von Eberhard Köhler am Petersburger Theater einstudiert (der zusammen mit Dramaturg Henning Bochert auch die Idee zu allem hatte), die zweite unter Valentin Levitskiy in Erlangen. Während bei de Weck das Sprachproblem einmal auf Deutsch/Englisch abläuft, gibt's hier zweimal deutsch-russische Verständigungsschwierigkeiten, natürlich jeweils spiegelverkehrt.

Nun mag es sein, dass sich für die Beteiligten spannende Einblicke in das jeweils andere Theater-Verständnis ergaben, fremde Institutionen und Systeme kennengelernt wurden, und nicht zuletzt einige deutsch-russische Bekanntschaften geschlossen wurden. Für die Aufführung wurden die beiden Teile aber einfach zusammengeklatscht, und herausgekommen ist – oh Wunder – ein gedoppelter, zusammengeklatschter Theaterabend von zähen zweieinhalb Stunden.

Kanons, Projektionen, Filzstiftmalereien

Die gezwungenermaßen immer häppchenweise nachgelieferte Übersetzung stiehlt jegliches Tempo, genauso wie grobe Übergänge mit unzähligen Blacks und Auf- und Abgängen. Ein Fluss kann durch die Zweisprachigkeit und Handlungsverdopplung nicht ins Spiel kommen, und so werden die spröden Gerüste mal nacheinander, mal synchron abgeliefert, das Stück pointenlos wie Parkett verlegt, immer nur darauf bedacht, dass ja das Muster nicht durcheinander gerät. Als Leim taugen die eingestreuten Kanons, Projektionen oder Filzstiftmalereien auch nicht.

Bei einem so stark konstruierten Stücktext hätte den Schauspielern eine intensive Beschäftigung mit ihren Figuren(-biographien) gut getan, um die teils absurden Handlungen wenigstens ansatzweise zu motivieren. So aber wirkt Patrick Serena (verständlicherweise) verloren, wenn er als Urs-Peter seiner Alina seinen Pulli anbietet, weil ihr bestimmt kalt sei; dass Alina aber eh schon warm ist, versteht Urs-Peter nicht und wird durch die Ablehnung so wütend, dass ihm entfahren muss: "Was soll das, bist du bescheuert, Schlampe. Du sollst meinen Pulli anbehalten." Selbst Gitte Reppin, die Anfang der Spielzeit als Gretchen brillierte, nimmt man nicht ab, warum in aller Welt sie ausgerechnet von Pyotr in seine russische Heimat mitgenommen werden will.

Nicht der Weg ist das Ziel

Trotz alledem hat man das Gefühl, dass dem Abend großartiges Potential innewohnt. Es ist die Begegnung zweier Theater aus Deutschland und Russland, das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Traditionen und Kulturen, das sich aber nur erahnen lässt. Dass sich im Vorfeld so einiges Spannendes zugetragen hat, ist im Produktionsblog nachzulesen, aber nicht mehr auf der Bühne zu sehen. Durch eine behumste "SumSum"-Geschichte wird das, was wirklich erzählenswert gewesen wäre, zugedeckt. Anstelle des echt durchlebten, interkulturellen Austausches wird eine olle Vorurteilsplattitüde wiedergegeben.

So hat der Wanderlust-Fonds den Theatermachern sicher schöne Erlebnisse und reiche Erkenntnisse beschert, aber seit wann ist im professionellen Stadttheater der Weg das Ziel? Muss hier nicht vielmehr der Theaterabend für sich alleine bestehen können? Am Ende bleibt das schale Gefühl, von einem Weltreisenden als Mitbringsel eine Kuckucksuhr geschenkt bekommen zu haben.

 

SumSum²
Eine grenzenlose Liebes- und Sprachverwirrung
von Laura de Weck
Regie: Valentin Levitskiy (Erlangen), Eberhard Köhler (Sankt Petersburg), Bühne: Danila Korogodsky,Kostüme: Anna Stübner, Viola Werling, Musik: Reto Senn, Dramaturgie: Stefanie Symmank, Henning Bochert, Lichtdesign: Jeffery Eisenmann. Mit: Linda Foerster, Gitte Reppin; Sergey Mardar, Vladimir Postnikov (Erlangen), Anastasia Toshcheva, Yelena Polyakova; Matthias Bernhold, Patrick Serena (Sankt Petersburg).

www.theater-erlangen.de

 

Die Schauspielerin und Dramatikerin Laura de Weck war 2008 mit ihrem Stück Lieblingsmenschen für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert. Mehr dazu finden Sie auf nachtkritik-stuecke08.de, zum Beispiel ein Porträt der 1981 geborenen Autorin.

 

Kritikenrundschau

Die Geschichte von Laura de Wecks "Sumsum" sei eine eher "banale", meint Friedrich J. Bröder vom Donaukurier (30.6.2010). Das Theater Erlangen habe daraus nun "ein einmaliges Theaterexperiment" gemacht: "gespiegeltes Theater". Die beiden Inszenierungen seien nun bei der Erlanger deutsch-russischen Uraufführung "zu einem ebenso gewagten wie hinreißend experimentellen Theaterabend zusammengefügt" worden. Auf der zweigeteilten Bühne entwickle sich "ein sprachverwirrendes 'Spiegel-Theater' mit komisch verschränkten Parallel-Aktionen, in denen die Schauspieler gleichsam 'live' aneinander vorbeireden". Für den Kritiker ein "verzauberndes Theater, bei dem vor allem die beiden Darstellerinnen der Selina alias Alina (Gitte Reppin und ihr gleichsam russisches Double Anastasia Toshcheva) mit ihrem Spiel begeistern". Ein "herrlich skurriles, wehmütig endendes 'Theater ohne Grenzen'".

Die Verdopplung und parallele Aufführung inklusive Überlagerung durch Live-Musik bewirke "tatsächlich jenes bizarre Gefühl, das einen im fremdsprachigen Ausland überkommt: Eine Überfütterung mit Informationen, die einen phasenweise in den Wahnsinn treibt", schreibt mur von der Nürnberger Abendzeitung (26.6.2010). Dann verlagere sich der "Erkenntnisgewinn. Anfangs hilft die zweisprachige Aufführung ähnlicher Szenen noch inhaltlich auf die Spur". Im Verlauf ertappe man sich jedoch zunehmend dabei, wie man "Interpretationen und Leistungen der Teams Petersburg und Erlangen vergleicht" - ein "sprachlich-darstellerischer Schlagabtausch", der den Reiz erhöhe. "Was zuverlässig begeistert, ist die phantasiereich-preiswerte Bebilderung: Da huschen Pappflugzeuge durchs Bild (...), die Brandung stammt von Knistertüten und Sprühflaschen". Fazit: "Ziel knapp verfehlt - aber unterhaltsam".

"So ein Plot muss ja jenseits der seichten TV-Unterhaltung nicht unbedingt in die Niveaulosigkeit führen", schreibt smö in den Nürnberger Nachrichten (26.6.2010). "Mit beherzter Regie und Mut zu Übertreibung und Ironie könnte selbst so eine Vorlage noch einen spannenden Theaterabend bescheren." Leider fehlten der hier inszenierten "Seifenoper im Zweikanalton" diese Zutaten allerdings "fast vollkommen". Zu "gewissenhaft" mache sich das Regie-Paar an die "platte Vorlage". Bei derart "mit hohen Zuschüssen gesponsorten Projekt hätte man sich schon mehr erwarten dürfen als eine zähe Parade von blutleeren Charakteren, deren Handeln und Probleme meist mehr als voraussehbar sind". Diesen "Langweilern" wolle man - trotz Bemühungen der "engagierten Schauspieler" - "eigentlich nicht sonderlich lange zuschauen". Und zu allem Überfluss werde die Handlung auch noch gespiegelt: "Wenn man sich schon beim deutschen Part gelangweilt hat, folgt nochmal die russische Zugabe. Langeweile hoch zwei!" Da nütze auch eine "Handvoll netter Regieeinfälle" wenig.

 

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