logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Ein Baum, ein Auto, ein Bang!

von Anne Peter

Berlin, 2. Juli 2010. Während draußen die Hitze wallt, ist drinnen eine kleine Eiszeit ausgebrochen. Der Zuschauerraum des HAU2 ist um diese Zeit der mutmaßlich wohltemperierteste Raum Kreuzbergs. Drei Wände weiß, rechts ein kleiner Eisberg, fahles Neonlicht. Isabelle Angotti steigt durch die linke Eckritze auf die Bühne, wünscht dem Publikum einen guten Abend und fängt seelenruhig an, den Eisberg zu skizzieren. 

Der Stift schrammt dabei laut übers Papier, Malen mit Mikroport sozusagen. Diese komplette Unbeeindrucktheit angesichts der Tatsache, auf einer Bühne zu stehen, ist eines der hervorstechendsten Liebenswürdigkeiten der Pariser Gruppe "Vivarium Studio" um den Regisseur Philippe Quesne, die gute Chancen hat, so etwas wie das französische Äquivalent zu der Sheffielder Postdramatik-Startruppe Forced Entertainment zu werden. Unterspannter, entspannter geht eigentlich kein Bühnen-Dasein.

Nach der Performance ist vor der Performance
Mit Vorliebe feiert Vivarium Studio das Dilettantische, entwirft kleine Sternstunden des Unspektakulären. In L'effet de Serge lädt der Sonderling Serge jeden Sonntag Gäste ein, um ihnen seinen neuesten Special-Effect vorzuführen: ein ferngesteuertes Auto fährt zu Händel-Klängen eine Wunderkerze spazieren, die Autolichtanlage blinkt zu Wagner-Wallung. Dann wieder türmt sich das Gemisch aus Bühnennebel, Perücken und wohlgewähltem Soundtrack zu plötzlich poetischen Bildern. In Quesnes zuletzt kreierten Festivalliebling La Mélancholie des Dragons erproben ein paar Hardrocker die Attraktionen ihres imaginierten Freizeitparks. Perücken tanzen vor der Windmaschine und schwarze Riesenplastiksäcke blähen sich zu dünnhäutigen "Drachen" auf.

Das Auto, mit dem die Hardrocker damals in einer Kunst-Schnee-Landschaft liegen blieben, ist ebenso Teil dieser neuen, am HAU seine Premiere feiernde Vivarium-Inszenierung "Big Bang" wie die aus dem Vorgänger-Abend hinüberwehende Kühle. Auch das eine der Vivarium-Besonderheiten: Das Ende einer Performance wird zum Beginn der nächsten. So entpuppt sich jener Eisberg als Plastikplanenüberwurf, unter dem alsbald der alte weiße Citroen der melancholischen Hardrocker zum Vorschein kommt. Die Karre liegt auf dem Dach, an ihren Reifen klebt noch Schnee. Irgendwas ist hier schief gegangen. Es hat "Bang!" gemacht.

Welcome to Tropical Island
Diese Minigeschichte erzählt jedenfalls die weiß-auf-schwarze Comic-Szene, die wenig später auf die Rückwand projiziert wird: ein Baum, ein Auto, ein Bang! Insgesamt bewegt sich der Abend zwischen Comic-Ästhetik und Urknall-Vertheaterung – das Unternehmen 'Evolution' ist dabei wohl als verunfallt zu betrachten. Allerdings wird hier weniger die These vom Menschen als dem ultimativen Fehler der Schöpfung auserzählt. Vielmehr werden bei chilliger Betriebstemperatur Abziehbildchen der Schöpfungsgeschichte zusammengebastelt.

Amöbenhafte Weißfell-Wesen schieben sich als Urorganismen durch die Eislandschaft. Sie lernen den Aufwärtsgang, unter dem Flausch-Überwurf kommen Steinzeitmenschen mit langen Haaren und Bärten hervor. Diese sammeln sich um eine rotlampige Feuer-Fiktion, murmeln sich zu und sitzen vor den vorbeiziehenden Comic-Drafts wie vor der Glotze. Kollektiv-Sumsang wird angestimmt, immer mehr Fell- bzw. Haarteile werden abgelegt und gelegentlich auch Bücher zur Hand genommen. Eine tritt mit Indianer-Kopfschmuck auf, ein anderer bringt ein Schlauchboot.

Plötzlich sprüht hinten ein bisschen Sintflut aus dem Schnürboden, Nebel und Licht brauen sich hinter der Rückwand verheißungsvoll zusammen. Dann fährt die Wand herunter und gibt den Blick auf ein Flachwasserbassin frei, dahinter ist es knallgrün – Welcome to Tropical Island, Robinson. Der Mensch schreitet fort, er wirft sich in Astronautenschale, schichtet Rettung verheißende Schlauchboote zu einem blau-gelben Gummiturm aufeinander und mutiert zum Marsmännchen im grünen Ganzkörperanzug.

Das Kleine zum Spektakel machen
Das alles vollzieht sich unter stetigem Einsatz des Skizzenblocks, der hier als selbstreflexives Kunstherstellungsmittel von Hand zu Hand geht. Bisweilen geben die wechselnden Skribbler den anderen Anweisungen, gerieren sich als Arrangeure, ja Regisseure von Bildern. Auch "Big Bang" will also wieder ein Abend über den Kunstschöpfungsakt an sich, die Verfertigung von Theater sein, die Quesne ebenso wie den kollektiven Entstehungsprozess stets mit auf die Bühne bringt. Da verabreden die als Fellhaufen verkleideten Spieler, sich auf Kommando zusammenzurotten oder auseinanderzustieben.

Sicherlich wird sich der Abend, der erst zu einem Festival in Estland und dann nach Avignon weiterzieht, auch noch weiter verändern. Am Abend vorher, bei der "Voraufführung", wurde das Ganze laut HAU-Gastgeber Matthias Lilienthal etwa noch ganz ohne die Rahmung des beständigen Abzeichnens gespielt. Philippe Quesne, ursprünglich Bildender Künstler und Bühnen-Ausstatter, hat selbst alles Zeug zum Schöpfer hinreißender Kunstwelten. Die Evolution, die sich hier in 70 Minuten vollzieht, wird zuschautechnisch jedoch paradoxerweise zu einer kleinen Ewigkeit.

Kein Handlungsrudiment, kaum eine originelle Situation, die einen bei der Stange halten, keine verschrobene Figur, an die man sein Herz hängen könnte. Vielleicht ist das Thema auch schlicht zu allumfassend für diese Meister der Alltags-Zelebrierung? Das Kleine zum Spektakel zu machen, darin ist Vivarium Studio groß. Hier nehmen sie sich einen denkbar riesigen Stoff vor, dessen "Big Bang" eher nach einem "Little Pluff" klingt. Worin es dann schon wieder typisch quesnesk ist.

 

Big Bang
von Philippe Quesne / Vivarium Studio
Konzept, Regie und Design: Philippe Quesne, künstlerische und technische Mitarbeit: Yvan Cládat, Cyril Gomez-Mathieu, Julien Duprat.
Mit: Isabelle Angotti, Rodolphe Auté, Jung-Ae Kim, Émilien Tessier, César Vayssié, Gaëtan Vourc'h.

www.vivariumstudio.net
www.hebbel-am-ufer.de

 

Mehr lesen? Philippe Quesnes Vivarium Studio war 2009 mit La Mélancholie des Dragons auch beim Theatertreffen der Freien Szene, dem Festival Impulse eingeladen.

 

Kritikenrundschau

"Wer mit Urknall noch Tempo oder Geschwindigkeit assoziiert", werde bei Philippe Quesnes Abend "Big Bang" enttäuscht, so Elisabeth Nehring in der Fazit-Sendung vom Deutschlandradio (2.7.2010). Die Performance dehne sich "sehr lang und manchmal auch sehr langsam" aus. Der Humor entstehe hier "eher aus einer rührenden Unbeholfenheit", etwa aus den "wackligen Englischbrocken" der französischen Darsteller, aus ihren "etwas hilflosen Bühnenanweisungen", die sie sich gegenseitig zuschusterten, ein "sehr leiser und manchmal auch ein feiner Witz". Quesnes Theater sei ein "Theater der sehr einfachen, aber (...) sehr effektiven Mittel", das "ganz bruchlose Übergänge" zwischen Bildern schaffe; die Veränderungen ergaben sich hier "über einen längeren Zeitraum und sehr beiläufig". Vieles entstehe auch weniger "auf der Bühne" als "im Kopf des Betrachters". Vor allem sei es "eine Art Meta-Theater, das vorführt, wie Theater funktioniert" - ein "Theater der experimentellen Form". Das Thema Evolution sei dabei "nicht Zentrum, sondern nur Anlass für Philippe Quesne, mit seinem Theater zu experimentieren".