Ich kann Realismus nicht ausstehen

von Sabine Leucht

München, 3. Juli 2010. Man muss kein großer Fußballfan sein, um an diesem schönen Abend reichlich beseelt vom WM-Viertelfinale in den Marstall zu schweben. Schon auch, weil Deutschland gewonnen hat, aber vor allem, weil plötzlich eine Ahnung davon in der warmen Luft liegt, was Menschen zusammen vollbringen können, wenn jeder einzelne will.Gegen ein solches Gesamtkunstwerk im Breitwandformat kommt ein schmaler Theaterabend schwerlich an. Zumal er sich in diesem Fall in Gefilde begibt, in denen die Vorstellungskraft mit der Einbildung und dem Wahn in den Ring steigt und schlicht der übelste Bolzer gewinnt.

Michal Walczaks 2003 uraufgeführtes Stück "Die Reise ins Innere des Zimmers", mit dem das Bayerische Staatsschauspiel seine Beschäftigung mit osteuropäischer Dramatik fortsetzt, fängt den Studenten Jerzy Haut auf dem Sprung in die Selbständigkeit ab. Mit Anfang 30 will er endlich eine eigene Wohnung, damit sein Erwachsenenleben beginnen kann. Statt dessen geht es mit seinem Realitätssinn zu Ende. Haut verliert nicht nur Freundin Elka an seinen besten Freund Gold, sondern buchstäblich den Boden unter den Füßen.

Die Abschirmung des Verletzlichen
Statt ihm Geborgenheit zu schenken, weitet sich sein Zimmer mal zur Welt und zurrt dann wieder auf die Größe eines gemarterten Hirns zusammen. Letztlich ist nicht zu klären, ob Haut nicht aus seiner Haut kann oder dauerhaft außer sich ist. Bereits, dass er so heißt, wie das semipermeable Riesen-Organ, das das verletzliche Innere des Menschen von der verletzenden Außenwelt abschirmt, spricht aus, was an ihm nicht stimmt. Nämlich alles, was er ist.

In München trägt Oliver Möller ein Shirt aus lappig übereinander geschichtetem hautfarbenem Stoff, das am Ende nur noch als löchriges Top an ihm hängt. Das zeigt schon, dass Regisseur Sebastian Linz (Jahrgang 1980), seit zwei Jahren Assistent am Haus Dieter Dorns, wenig daran lag, das Plakative der Vorlage abzuschwächen. Zwar hat er einiges aus dem teils sehr geschwätzigen Stück des derzeit wohl bekanntesten jüngeren polnischen Theaterautors gestrichen – unter anderem viele meta- und binnentheatrale Bezüge sowie Hauts wiederholte Sorge um das "Zeitgemäße" seines Zusammenbruchs.

Strategische Verkleidungen
Doch wie schon beim Lesen schlägt auch beim Zuschauen die kurze Freude an der kaleidoskopartigen Vieldeutigkeit der Innen-Außen-Metaphorik in den Ärger über deren inflationäre Verwendung und letztliche Beliebigkeit um. Und auch der eigentlich sinnvolle Coup, den in diversen Verkleidungen wiederkehrenden windigen Vermieter "Von Außen" und Hauts schreckliche Vision von einem hermaphroditen Vatermutter-Wesen als strategische Verkleidungen des Spielemachers Vorhang zu zeigen, macht nicht lange zufrieden.

Hannes Liebmann stellt das alte Theaterutensil vor, die langen dünnen Haarsträhnen in seinem Gesicht illustrieren nur andeutungsweise seine unmodern gewordene verhüllende Funktion, über die "der letzte Vorhang" spricht, bevor er erklärt, dass er und sein verhuschter Assistent Judas Haut "auf die heiligen Wege der Tragödie führen" wollen, sprich: "Sein schnuckeliges kleines Bilderbuchleben verficken". Mit Einflüsterungen und einem magischen Pulver. Wie der Autor und dessen "Judas", der das hier aber nicht mehr sagt, kann scheinbar auch Linz "Realismus nicht ausstehen."

Winkbewegungen aus der Wackeldackelschmiede
So ist die Münchner Bühne ein mit schmutzigweißen Laken abgedeckter Haufen, der seinen Betretern per se schon wenig Halt verspricht. Durchlässig (sic!) begrenzt wird die eisbergartige Spiellandschaft von bizarren Drahtgeflecht-Teilen. Nur bei den einzelnen Szenen ist Linz härter, denn die trennt er überdeutlich mit Blacks voneinander, die brüsk herabfallen wie Hammerschläge - und auch vergleichbar unheilvoll tönen. Seine Figuren bis auf den unspektakulär in die seelische Zerrüttung hineinwachsenden Haut, dessen Darsteller sich stellenweise für den Woyzeck empfiehlt, werden zunehmend vorgeführt.

Das passt zwar zu Walczaks im Stück mehrfach angedeuteter Affinität zu Tadeusz Rózewicz absurdem "inneren Theater". Doch neben neckisch tänzelnden Eben-Erstochenen im Ballermann-Look, Winkbewegungen wie frisch aus der Wackeldackelschmiede und einem laut knallenden finalen Schuss muss das menschliche Drama, um das es hier eigentlich geht, zur Unkenntlichkeit verblassen. Da hat man an diesem Tag schon weit intensiver gefühlt.

 

Die Reise ins Innere des Zimmers
von Michal Walczak. Deutsch von Doreen Daume.
Regie: Sebastian Linz, Bühne: Aylin Kaip, Kostüme: Meta Bronski, Musik: Ben Knabe, Licht: Charlotte Marr, Dramaturgie: Sonja Winkel.
Mit: Oliver Möller, Frederic Linkemann, Katharina Gebauer, Hannes Liebmann und Sebastian Winkler.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de

 

Michael Walczak, Jahrgang 1979, gilt als einer der wichtigsten polnischen Dramatiker seiner Generation. Im Rahmen des Osnabrücker Spieltriebe-Festivals war eine Inszenierung von Die Reise ins Innere des Zimmers 2009 bereits in Osnabrücker Emma-Theater zu sehen. Mehr Informationen zu Walczak und der Theaterszene in Polen auf der nachtkritik-spieltriebe-Seite.

 

Kritikenrundschau

"Die Fabel von 'Die Reise ins Innere des Zimmers' ist erschreckend banal", findet Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (5.7.2010). Er referiert die "kleine, feine, dramaturgisch konzise Reihe" mit polnischer Dramatik im Marstall, um dann Walczaks Stück zu beerdigen: Der Autor scheitere an seiner eigenen Naivität, weil er "das Reden über Theater, das Ausstellen der Theatersituation, wie es Regisseure in Deutschland seit Jahrzehnten machen, in seinen Text packt". Regisseur Sebastian Linz lasse alles so stehen: "Das ist einerseits enervierend, weil der Text einfach eher verquer als gut ist, andererseits löblich. Denn so kann man erfahren, wie hier ein junger Autor und an der eigenen Naivität scheitert. Ein Vorhang, Überbleibsel des verschwundenen Pathos-Theaters, spricht. Als wäre er im absurden Theater der 60er Jahre. Und Walczak meint das ernst. Das ist faszinierend.

Die Kletterpartie im Inneren des Zimmers ende mit einem Absturz ins Tal des Gähnens, befindet Alexander Altmann im Münchner Merkur (5.7.2010): „Dem unentschiedenen Mix deses Text-Klons (...) wäre allenfalls mit einem entschieden Drall ins Grell-Groteske beizukommen gewesen.“

 
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