Zufällig und schief herumgerannt

Von Ute Grundmann

Leipzig, 5. Juli 2010. Die Sommeridylle vor dem Gohliser Schlösschen scheint perfekt. Liegestühle, Gartentisch und Gartenstühle, Minipalmen, ein aufgeschüttetes Erdgeviert, ein kleines Gewächshaus. Hier gärtnert Charlotte ein bißchen, während Eduard sich, sonnenbebrillt, auf einem der Stühle rekelt. Doch so "ganz allein und heiteren Sinnes" bleiben die beiden nicht, denn ein junger Mann im höfischen Rock tritt auf und erklärt dem Publikum erst mal, mit welchen Figuren man es hier zu tun hat. Wenig später wird der junge Mann, als Nachbar Mittler eingeführt, Tennisbälle ins Spiel werfen, mit denen die Herren Fußball spielen (Achtung: WM!), und zu Charlottes Geburtstag gibt es schwarz-rot-goldene Blütenketten aus dem Fanshop.

Zweifel an Goethes Tauglichkeit

Eigentlich soll hier, unweit des Leipziger Schiller-Hauses, Goethe gespielt werden: "Die Wahlverwandtschaften", als Sommertheater des Centraltheaters. Hat man schon Zweifel, ob dessen Gefühls- und Gedankenroman überhaupt zum Sommertheater taugt, so verstärkt Swentja Krumscheidts Inszenierung den Eindruck, dass es so bestimmt nicht geht.
Mal ergeht sich die Aufführung in dem, was Eduard "wechselseitiges Vortragen" nennt: Mal werden Dialoge gesprochen, mal Roman-Passagen deklamiert. Mittler (Grégoire Gros) verliest einen Brief über Ottilie, bis diese (Sarah Franke) die Szene betritt und den Brief weiter vorliest.

Zufällig sieht so etwas aus, nicht wie ein Konzept für diese Versuchsanordnung der Gefühle zwischen dem Ehepaar Charlotte und Eduard, dem Hauptmann und Ottilie. Nur wenn Matthias Hummitzsch ironisch über die Wahlverwandtschaft von Steinen referiert, blitzt etwas von der Stimmung des Romans auf.

Doch ansonsten scheint es, als lasse die Regisseurin das spielen, was ihr gerade einfällt oder was irgendwie zu einem Stichwort des Textes passt. Da gibt es unmotiviertes Umhergerenne; Charlotte harkt das Erdgeviert, die Männer tragen Blaumann. Wenn die Paare sich neu sortieren, müssen Ottilie und Eduard mit einer Matratze durch die Gegend rennen. Ein "Obdachloser" mit falschen, schiefen Zähnen bietet die Leipziger Straßenzeitung "Kippe" ins Publikum feil. Und wenn das Erdrechteck von Bühnenarbeitern unter Wasser gesetzt wird, kann man darin prima plantschen oder eine Wunderkerzen-Geburtstagstorte schwimmen lassen.

Hilflos aufgeregtes Getue

Barbara Trommer (Charlotte) und Matthias Hummitzsch (Hauptmann), zwei gestandene Mimen des Leipziger Schauspiels, mühen sich redlich, glaubwürdige Figuren mit Kontur zu spielen, haben aber gegen das hilflos-aufgeregte Getue um sie herum wenig Chancen. Andreas Schmidt-Schaller (DDR-"Polizeiruf 110", ZDF-"Soko Leipzig") gibt den Eduard aufgesetzt als Alt-Hippie und scheitert damit schon im Ansatz an der Figur. Wenn also der Hauptmann die vermeintliche Idylle mit dem Vorsatz verlässt, sein Schicksal woanders zu verbessern, wünscht man ihm Glück dazu - für die Inszenierung gilt das leider nicht. Denn da werden Affenmasken aufgesetzt, Mittler als Musiker singt "Wir machen trash" und trifft damit ins Schwarze.

Wenn Eduard und der Hauptmann, nun Major, aus dem Krieg heimkehren, in den sie vor dem Gefühlsdurcheinander geflohen sind, rennt Ottilie mit Charlottes Baby im Kinderwagen durch die Gegend (wiedermal). Und am Ende, nach gut zwei Stunden, muss es dann offenbar schnell gehen: Nach der tiefen Trauer nicht nur um das Kind wird ein schiefes Happy End angeklebt, das durch nichts hergeleitet wird, sondern so zufällig wirkt wie allzu vieles in dieser Sommertheater-Inszenierung.


Die Wahlverwandtschaften
nach dem Roman von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Swentja Krumscheidt, technische Bauten: Thomas Kirsten, Kostüme: Hildegard Altmeyer, Dramaturgie: Janette Mickan.
Mit: Barbara Trommer, Andreas Schmidt-Schaller, Sarah Franke, Matthias Hummitzsch, Grégoire Gros.

www.centraltheater-leipzig.de

 

Kritikenrundschau

Goethes "Wahlverwandtschaften" hält man nicht unbedingt für einen Sommertheaterstoff erster Wahl gehalten, so Nina May in der Leipziger Volkszeitung (19.6.2010), "und doch wird unter der Regie von Swentja Krumscheidt ein klassisches Sommertheater daraus, samt märchenhaft-schönen, historisierten Kostümen, Liebesverwirrungen und bedingt kaschierten Anzüglichkeiten." Das Gohliser Schlösschen biete für die auf dem Landsitz von Eduard und Charlotte spielende Geschichte die perfekte Kulisse, und der stark zusammengestrichene Plot konzentriere sich vor allem auf das Vierecksspiel. Die Liebes-Szene werde wunderbar eingeleitet, wenn Andreas Schmidt-Schaller zu seiner Frau durchs Fenster will. Barbara Trommer "zeigt sich sehr wandelfähig, gibt zunächst die Kokette mit Blümchen im Haar und süßen Kleidern, nach dem von Ottilie verschuldeten Tod ihres Kindes die Gebrochene." Auch Grégoire Gros steche hervor als Mittler, dessen Figur geschickt genutzt wird als Erzähler und Ver-Mittler zwischen Romantext und Bühnenhandlung. "Während im ersten Teil noch der Lustspielcharakter vorherrscht (...), wird nach der Pause alles düsterer - auch die Kostüme. Doch während sich Ottilie bei Goethe aus Schuldgefühlen zu Tode hungert und Eduard daran zerbricht, lässt die Bühnenversion die Möglichkeit eines Neuanfangs offen. Sommertheater eben."

 

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