Mit Patenschaften wider die Krise

Hamburg, 15. Juli 2010. Im Interview mit Martin Eich in der Zeitung Die Welt (15.7.2010) bringt Sewan Latchinian, Intendant der Neuen Bühne Senftenberg mit einem Jahresetat von nur 4,5 Millionen Euro, beim Nachdenken über die finanzielle Misere der Theater ein Patenmodell ins Gespräch: "Mittelfristig wäre nachzudenken, ob die großen Häuser nicht im Rahmen einer Patenschaft kleine unterstützen wollen." So asozial es sei, "wie wenig Geld viele Theater und Schauspieler bekommen, so ungerecht hoch wirken auch Etats mancher Häuser oder Gagen einiger Darsteller. Es ist bemerkenswert, was gerade an kleinen und mittleren Theatern immer wieder an innovativen, ästhetisch und dramaturgisch hochwertigen Produktionen entsteht. Und doch erfahren diese Inszenierungen oft nicht genügend Aufmerksamkeit, auch weil andere, finanziell besser gestellte Häuser prominente Namen einkaufen."

Heftig kritisiert Latchinian die laufende Totspar-Debatte: "Die Beträge, die in Dessau, Wuppertal, Wilhelmshaven und Radebeul fast schon sportiv in die Diskussion gebracht wurden, sind fahrlässig - auch für die Demokratie. Die meisten Häuser müssten schließen, wenn sie auf solche Summen verzichten müssten." Kooperationen als Beitrag zum Sparen, etwa mit dem 35 Kilometer entfernten Theater Chemnitz, erteilt Latchinian eine Absage: "Kooperationen sind kein Allheilmittel und dienen der Politik oft als trojanisches Pferd, um strukturelle Veränderungen durchzusetzen. Der Kooperation folgt oft die Fusion, am Ende manchmal die Schließung. Jedes Theater hat seine eigene Geschichte, sein Profil, das erhaltenswert ist. Ein Publikum lässt sich nicht verpflanzen, sondern will sich mit seinem Ensemble identifizieren."

Das Interview in der Welt ist Teil einer Gegenüberstellung arm gegen reich. Im Gespräch mit Manuel Brug fragt Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper in München und damit Herr über einen Etat von 86 Millionen Euro: "Wer bitte soll zum Sparen ins Theater gehen?" Bachler findet den Spar-Begriff deplaziert, "denn neben dem Produzieren von Kunst sparen wir ununterbrochen. Wir rechnen und kämpfen täglich. Seit mindestens zehn Jahren werden die Budgets weltweit nicht mehr erhöht, Tarifsteigerungen werden immer seltener ausgeglichen. Also geht es schon lange ans Eingemachte, egal ob wir ein reiches oder ein armes Theater sind." Von den reichen Theatern werde auch mehr erwartet: "Andere Ansprüche sind mit höheren Ausgaben und Fixkosten verbunden. Ähnlich wie beim Fußball zwischen Regionalliga und Champions League. Unser finanzieller Spielraum ist prozentual nicht so viel anders."

 

 

 
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