Blut fließt, Blut gefriert

von Stefan Bläske

Wien, 15. bis 17. Juli 2010. Wie man Zuschauern Impulse zum Nachdenken bietet, man seine Besucher dadurch gleichsam aktiviert, zeigt derzeit wortverspielt "Theater der Welt" mit programmatischen Buchstabendrehern, die unter anderem Theater zum Thaeter und ergo Täter machen. Auch das gerade eröffnete Wiener Impulstanz-Festival aktiviert seine Zuschauer – und macht sie zu Mit-Tätern.

Schon deshalb, weil neben den Performances im kommenden Monat auch über 150 Workshops angeboten werden. "Life is a workshop!" Die meisten Festivalbesucher sind jung und so gut in Form, als seien sie selbst Tänzer oder Choreographen, und wer es noch nicht ist, den macht das Wiener Wetter dazu: Etwa das Donnerwetter nach der Festivaleröffnung, das nach schwülem Sommertag im MuseumsQuartier viele Zuschauer und Passanten zum fröhlichen Platz-Regen-Tanz animierte.

Schnitt ins Gesicht mit der Rasierklinge
Man denke aber auch an die zahlreichen Faltfächer, die die warmen Zuschauerräume mit rhythmischem Geflatter erfüllen, sodass die Theater wie Schmetterlingshäuser anmuten und die Bühnenchoreographien Konkurrenz im Zuschauerraum erhalten: durch Tänze fächelnder Hände.

Am Anschwellen der Bewegungen, Abflauen des Gezitters, Rhythmus der Vibrationen lässt sich wie an einem Fieberthermometer messen, ob eine Szene gerade fesselt, bannt oder lähmt, die Gemüter erregt, erhitzt oder kalt lässt. Wirklich kalt aber lässt an diesen ersten Festivaltagen nichts. Und spätestens, wenn Ivo Dimchev sich mit der Rasierklinge das Gesicht aufschneidet, wenn sein Blut fließt und rinnt und strömt wie eine Stunde lang schon sein Schweiß, erstarren die Hände auch der wildesten Wedler.

Ivo Dimchev ist in der Late-Night-Reihe [WILD WALK] programmiert und als "Radikalperformer" angekündigt. Sein Solo "Som Faves" (Some Favorites) ist eine Aneinanderreihung kleiner Szenen zu Themen, die Dimchev interessieren oder zu denen ihm eben szenische Umsetzungen eingefallen sind. Ein Blow-Job gehört genauso dazu wie Sport, die eigene Mutter oder Mariah Carrey.

Keine Trennung von Inhalt und Form
Zentral ist der Versuch, das eigene Tun zu reflektieren und die Zuschauer mit entsprechenden Fragen zu konfrontieren: Wieso sollte man Kunst respektieren? Was eigentlich ist eine Choreographie? Und wieso glauben Menschen, bei Werken und gar bei Performances "Form und Inhalt" unterscheiden zu können?

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Ivo Dimchev "Some Faves" © Mariyan Ivanov

"The moment you try to separate them in your mind, you are already fucked up!" Ganz besonders gilt das bei der Arbeit von Ivo Dimchev, der im Grunde selbst Form und Inhalt seiner Performance ist. Auf weißer, fast leerer Bühne spielt oder umtänzelt er ein Keyboard, er trägt eine wasserstoffblonde Perücke richtig herum, als sei er aus den 1980ern entlaufen, und falsch herum wie einen zerzauster Wischmop auf der Glatze. Mit Wunderland'schem Grinsekatzelächeln streichelt Dimchev eine weiße Porzellankatze, später besabbert er sie mit Speichel wie Sperma. Miau.

Mix aus Klaus Kinski und Jack Nicholson
Gleichsam als Kontrast zu dieser erduldenden, kalten Katze beschwört der bulgarische Performer immer wieder die "blutigen Hunde" herauf, die in und hinter jedem von uns lauern, hecheln, hetzen. Und ständig kommt Dimchev auf das "blood on your face" zu sprechen und zu singen, das dann am Ende tatsächlich fließen wird.

All dies erklärt noch nicht die starke, verstörende Wirkung von "Som Faves", die ein Rätsel bleibt und eigentlich nur durch Dimchev selbst ausgelöst sein kann. Was ist das für ein Typ, und wie kann er sich verwandeln! Gerade wirkt er noch einsam, krank oder gefährlich, dann wieder verschmitzt sympathisch und etwas schelmisch, plötzlich wieder erschreckend tierisch und gar teuflisch. Mal singt er falsch Falsett, dann wieder klingt seine Stimme tief und rauh oder gar Gollum-ähnlich krächzend.

Dimchev auf der Bühne ist eine beeindruckende Erscheinung, eine, die man so schnell nicht mehr vergisst. Eine Mischung vielleicht aus Klaus Kinski, Willem Dafoe und Jack Nicholson. Bei dieser Erscheinung und diesem Lächeln kann einem das Blut gefrieren, und da ist es dann schon fast ein versöhnlicher Abschluss des Favoriten-Solos, wenn Dimchev so kontrolliert sein eigenes fließen lässt.

Feministische Performancekunst
Auch Anne Juren ritzt sich in die Haut, auf dass sie blutet. In ihrer Solo-Performance "Magical" schneidet sie sich mit einer scharfen Schere erst sämtliche Kleider vom Leib, um sich dann den Unterarm aufzuritzen. Nackt und sich selbst verletzend – mit dieser Kombination ist sie schon nahe bei Marina Abramović, und tatsächlich wird diese Performerin von Anne Juren als "geistige Mutter" angegeben, ebenso wie Yoko Ono oder Carolee Schneeman.

10_jurenanne_magical_c_esel_atAnne Juren in "Magical"            © esel_at

Das Tanzstück "Magical" steht in Referenz zum Kanon feministischer Performancekunst, ist stellenweise ein Re-enactment dieses Kanons, dem Anne Juren auch explizit ihre Reverenz erweist: Am Ende verbeugt sie sich im Outfit von Valie Exports "Aktionshose: Genitalpanik" (1968), zu Beginn spielt sie Martha Roslers Hausfrauenpersiflage "Semiotics of the Kitchen" (1975) nach.

Wozu und welcher Art aber dieses Nachspiel feministischer Vorbilder? Anne Juren und Regisseurin Annie Dorsen führen den Feminismus nicht nur vor, sondern verzaubern ihn, verzerren und versüßen ihn mit einer Zauberschau. Hokuspokus verschwindet aus der Küchenschüssel ein Ei wie sonst nur mit Zauber(er)stabshilfe ein Karnickel aus dem Zylinder. In dieselbe Schüssel fließt plötzlich Milch – durch einen Trichter, den sich Juren vor ihre entblößte Brust hält.

Allesgebärerin, Allesschluckerin, Mutter & Maschine
Entsprechend magisch darf das Scherenblut dann auch Kunstblut sein, und das rote Taschentuch, das sich die nackte Performerin in den Mund gesteckt hat, zieht sie sich – oh Wunder – langsam aus der Vagina. Und damit nicht genug, ganz andere Dinge noch, bis hin zur meterlangen, leuchtenden Lichterkette, und schließlich gar einen kleinen Filmprojektor, der zwischen ihren Beinen strahlt. Die Frau als Allesschluckerin, Allesgebärerin, als Mutter und Maschine, die Vagina als Ursprung aller Projektionen? Mamma mia!

"Magical" regt mit seinen Irritationen nicht nur zu wilden Assoziationen, sondern auch zu kritischen Fragen an: Wann gerät gesellschaftliches Engagement zum Entertainment, wird Kunst vom Kapitalismus einverleibt, gerät eine feministische Performance zum Show-Business? Mit ihren erstaunlichen Zaubereien thematisiert Anne Juren Machtmechanismen und Manipulationen, Magie und Metamorphosen. Und nicht zuletzt die "contradictions of contemporary feminism", wie etwa den "feminism without activism".

Aggression und Testosteron
Inwieweit man sich als Zuschauer von Jurens oder Dimchevs Solo aktiviert fühlt, ist wohl eine Frage des Geschmacks und der Persönlichkeit. Außer Frage steht, dass die drei ersten Inszenierungen des Impulstanz-Festivals in interessanter Korrespondenz lesbar sind, und dass sie einen kraftvollen Auftakt geboten haben.

Insofern war die lautstarke Rockmusik von Mauro Pawlowsksi und die halbstarke Choreographie von Ultima Vez und Wim Vandekeybus am Eröffnungsabend ein passender Festivalstart, auch wenn die einander anspringenden Pärchen auf dem Catwalk, die minikurzberockte Frauen und muskelbepackten Männer eigentlich unangenehm kraftmeierisch daherkamen. Letztlich hat die ruppig-rauhe und energiegeladene Eröffnung trotz ihrer Überdosis Aggression und Testosteron ein treffliches und elektrifizierendes Anfangsbild gezeichnet.

Dieser Anfang war einem bedrohlichem Gewitterhimmel gleich, dem Donnergrollen nach einem heißen Sommertag in den Bergen. Dass es ein heißer Sommer bleibt, dafür sprechen die Namen der Compagnien, die in den nächsten vier Wochen hier auftanzen werden: Anne Teresa De Keersmaekers Rosas oder Alain Platels Les ballets C de la B, Jérôme Bel, Xavier Le Roy, oder die "Young Choreographers' Series" [8:TENSION], die jungen Künstlern eine Bühne bietet. Abkühlung ist also kaum zu erwarten.

 

ImPulsTanz
Internationales Tanzfest Wien

What's the prediction?
von Ultima Vez / Wim Vandekeybus & Mauro Pawlowski
Konzept und Choreographie: Wim Vandekeybus, Original Musik: Mauro Pawlowski, Elko Blijweert, Jeroen Stevens, Pascal Deweze, Ben Younes, Sjoerd Bruil.
Kreation und Performance: Wim Vandekeybus, Tanja Marín Friojónsdóttir, Dawid Lorenc, Bénédicte Mottart, Olivier Mathieu, Máté Mészáros, Ulrike Reinbott, Imre Vass, Gavin Webber, Kylie Walters, Thi-Mai Nguyen, Robert Hayden, Ricardo Ambrozio, Julio César Iglesias Ungo, Dymitry Szypura, Thomas Porksch.

Som Faves (Some Favorites)
von Imo Dimchev
Konzept, Text, Musik, Performance: Ivo Dimchev

Magical (UA)
von Annie Dorsen und Anne Juren
Regie: Annie Dorsen, Magier: Steve Cuffio, Musikkonzept: Christophe Demarthe, Bühne: Roland Rauschmeier, Licht: Bruno Pocheron mit Rut Waldeyer, Kostüme: Miriam Draxl.
Performance: Anne Juren

www.impulstanz.com

 

Ebenfalls zu Gast sind in Wien Christoph Schlingensiefs afrikanische Oper Intolleranza II und Alain Platels neuer Abend Gardenia, die bereits auf anderen Festivals Premiere hatten.

 

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