Himmel und Hölle des En-Suite-Systems

9. August 2010. Die Neue Zürcher Zeitung druckt heute eine Rede von Johan Simons ab, des künftigen Intendanten der Münchner Kammerspiele, die dieser im Mai zur Eröffnung der Fachtagung "Achtung Transit – Meet International Theatre Makers" der Berliner Festspiele gehalten hat. Simons entwickelt darin Gedanken zum Repertoiresystem deutscher Prägung und zum En-suite-Betrieb, wie er etwa in Simons' niederländischer Heimat gepflegt wird.

"Der Grund für meinen Enthusiasmus über den Auftrag als Intendant der Münchner Kammerspiele ist, dass ich dort verschiedene Arten der Produktion nebeneinander entwickeln kann", heißt es in der Rede. "Ich mag das deutsche Repertoiresystem sehr, den täglichen Wechsel von Vorstellungen, die dem Schauspielhaus verbunden sind. Das Repertoiresystem ist das Bücherregal des Theaters, es bietet seiner Stadt und seinem Publikum eine Fülle von Geschichten, die gemeinsam einen kulturellen Horizont bilden."

Sinons berichtet weiter von heftigen Auseinandersetzungen, die im vergangenen Jahr in Flandern gewütet hätten: "Die Frage war, ob genügend klassisches Repertoire auf den Spielplänen stehe. Gemeint war damit zugängliches, wiedererkennbares Theater für ein grosses Publikum. Mit einer einzigen Bewegung wurden mehr als drei Jahrzehnte Theatererneuerung in Frage gestellt, Theatererneuerung, die Flandern gerade seine internationale Klasse verschafft hat. Es stellt sich nun die interessante Frage: Warum will man einen Schritt zurück in der Zeit, und vor allem: Ist es Zufall, dass diese Diskussion gerade in Flandern geführt wird? Meiner Auffassung nach hat es viel damit zu tun, dass es dort kein Repertoiresystem gibt."

Es sei im En-Suite-Betrieb "schwierig für Presse und Publikum, sich ein Bild vom Repertoire eines Ensembles oder eines Regisseurs zu machen. Man ist so gut wie seine letzte Vorstellung. Himmel und Hölle liegen im En-suite-System dicht beieinander. Sogar Schauspielern macht es manchmal Mühe, die jeweilige Vorstellung immer in Verbindung zu früheren Werken des Regisseurs oder anderen Vorstellungen zu sehen, die sie bereits gespielt haben."

Im deutschen Repertoiresystem sei das anders: "Hier wird jede Produktion in ein System anderer, regelmässig wiederkehrender Vorstellungen aufgenommen. Dadurch entsteht eine Dynamik, bei der die Vorstellungen miteinander in einen Dialog treten und etwas entsteht, das mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Es entsteht eine Mehrstimmigkeit im Programm und im Urteil des Publikums."

Doch Simons bleibt beim Lob des Repertoires nicht stehen: "In München möchte ich ausser der Stärke des Repertoiresystems jedoch auch die Stärken des belgischen und niederländischen Theatersystems nutzen. Was ich in den Niederlanden sehr gut finde, ist, dass Künstler und Zuschauer kein Werturteil damit verbinden, ob ein Stück an einer städtischen Bühne oder von einem unabhängigen Ensemble produziert wird. Ich habe manchmal den Eindruck, eine Vorstellung in Deutschland erfahre grössere Wertschätzung, sobald man in einem Saal mit sechshundert Zuschauern sitzt, als eine Vorstellung in einer Garagenbox, wo nur fünfzig oder zwanzig Mann Einlass finden."

Und Simons leitet daraus eine Mission für München ab: "Ich will das Theater ausserhalb des Grossen Saals aufwerten. Für den Status eines Schauspielers sollte es egal sein, ob er eine grosse Rolle an einem Schauspielhaus oder in einer kleinen Inszenierung vor Ort in der Stadt spielt."

(wb)

 

 
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