Viel Mensch, wenig Mythos

von Dirk Pilz

Hamburg, 22. September 2007. Am Ende dann wird Iphigenie einfach zur Tür hinausmarschieren, als sei sie mal eben auf eine Tasse Kaffe vorbeigekommen. Und Thoas, König auf Tauris, setzt sich an einen kleinen Quadrattisch, nimmt das Messer in die Hand, schaut auf seine Hände und ins Publikum: "Nun. Was ich damals verkehrt gemacht, das mach' ich jetzt wieder gut."

Wird er nicht. Denn Thoas ist einer, der nichts zu lernen vermag, weil er – tja, weil er ein Mensch ist. Darauf läuft es an diesem Abend hinaus: Alles ist vergeblich, nichts lernt der Mensch. Welch Erkenntnis. Bei dieser Inszenierung wird kokettes Desillusionstheater für das gehobene Mittelklassebildungsbürgertum daraus.

Aber der Reihe nach: Nicolas Stemann hat auf der großen Bühne des Hamburger Thalia Theaters – von einer Handvoll Kritikern soeben zum Theater des Jahres gekürt – die Saison mit einer dreistündigen Inszenierung eröffnet, die auf den Namen "Iphigenie" hört. Ein erster Teil folgt Euripides, der zweite Goethe. Ein weiter Bogen, von Iphigenies selbstbewusster Einsicht in die Notwendigkeit ihrer Opferung bei Euripides bis zu ihrer Erhebung zum Symbol der reinen Menschlichkeit bei Goethe. Stemann denkt beides zusammen und subsumiert unter dem Namen Iphigenie die Apologie eines schicken Nihilismus: Aus der Tragödie wird ihm die Rechtfertigung des Menschen als nicht lernfähiges Etwas.

Enthimmelt und götterlos

Das aber mit Grund. Denn Stemann hat jede göttliche Dimension gekappt, alles Jenseitsmenschliche kassiert – und zurück bleiben notwendigerweise Figuren, die mit beiden Beinen in der (von Stemann vermuteten) Gegenwart stehen. Götterlose, enthimmelte Wesen. Die Diagnose ist nicht neu, in dieser Inszenierung jedoch erbarmungslos zu Ende gedacht.

Agamemnon am Anfang: sitzt im lässigen Anzug am Tisch vor der Feuerwand und berichtet trocken beherrscht vom vorliegenden Fall. Später bugsiert Menelaos seinen Tisch durch die Tür und die beiden Herren verhandeln die Streitfrage als ginge es um einen Wirtschaftsdeal: die Iphigenie opfern, um den Göttern Wohlwollen abzutrotzen? Bei Euripides war dies ein Ringen mit dem göttlichen Geheiß, bei Stemann ist es nichts als ein Wortgefecht. Alexander Simon und Felix Knopp veranstalten einen Satzkrieg, dem die Ursache (der Götterbefehl, Iphigenie zu töten) genauso fehlt wie das Ziel (die Götter zu besänftigen). Sie tragen die Götter noch auf den Lippen, nicht mehr im Sinn.

Virtuosen des Nichts

Das karge Bühnenbild (Stefan Meyer), die Musik, die Spielweise: Alles dient der Abschaffung der Götter. Psychologisch sind die Figurenmotive damit genauso wenig abgesichert wie handlungslogisch. Man sieht folglich: lauter Virtuosen des Nichts. Entsprechend wird Iphigenie (Lisa Hagmeister) mit einem "Hallo, ich bin's, Iphi-geh-nie!" in der Tür stehen, ganz Girlie und Glitzerkleidträgerin sein, um darauf völlig unvermittelt und unerklärt in ihren Tod einzuwilligen, wenn sie im grellen Lichtstrahl weiß bewandet auf dem Tisch thront und Achill (Andreas Döhler) sie mit den Worten "Na das ist mal ein Held!" dem Publikum anpreist.

Wo jede Folgerichtigkeit und alle Begründung des Handelns fehlt, werden die Helden aus der bloßen Behauptung geboren. Es bleibt: Komödie. Heißt bei Stemann: Es bleiben schillernd schönspielende Schauspieler, die keinen Konflikt mehr, sondern einzig gekonnt ineinander verschachtelte Wortspiegelfechtereien austragen.

Tortenfressende Ahnungslosigkeit

Das allerdings auf hochkulturell unterhaltsamen Niveau. Mit der Uraufführung von Elfriede Jelineks "Ulrike Maria Stuart" hat Stemann letztes Jahr gezeigt, wie man die Bedeutungs- und Spielebenen ineinander schiebt; jetzt offenbart er uns, was dahinter steckt: Das schöne Spiel von der Vergeblichkeit. Klytaimestra (Natali Seelig) ist erst die Super-Diva mit keckem Gang, dann die Großbarmende von antikem Ausmaß – beidem fehlt jede Glaubwürdigkeit. Achill gibt erst den tortenfressenden Ahnungslosen, dann den draufgängerischen Pragmatiker – beide ohne Verweis aufeinander. Aber mit viel Witz.

Nur der Chor, die drei Frauen mit hervorgequollenen Plastikaugen, scheinen eine Ahnung zu haben, dass ganz ohne Götterrecht keine Gegenwart auskommt. Sie wirken wie böse Geister. "Wenn die Götter sterben, walten die Gespenster", hat Novalis vermerkt. Sie walten bei Stemann als folgenlose Mahner.

Thoas mit Hund und Goethe

Im Grunde ist dieser Abend nach seinem ersten Teil auserzählt. Die anderthalb Stunden nach der Pause, wenn Iphigenie von Katharina Matz und Lisa Hagmeister gedoppelt wird, Thoas mit Hund und Orest als kerniger Typ auftritt, eine Band die leere Bühne bevölkert und viele, sehr viele Goethe-Verse qualvoll mühsam aufgesagt werden, Stemann zudem ein eher hemdsärmliges als dramaturgisch durchdachtes Verhältnis zum Mythos, den Göttern und den Figuren demonstriert und das Im-Publikum-Spielen wie eine inszenatorische Not-Lösung aussieht, um die Zuschauer nicht gänzlich in die Schläfrigkeit zu verabschieden, diese anderthalb Stunden werden einzig für den Schlusssatz des Thoas (Alexander Simon, der vorher Agamemnon war) arrangiert: "Nun. Was ich damals verkehrt gemacht, das mach' ich jetzt wieder gut." Wird er nicht. Wie auch.

Heute veranstaltet das Thalia Theater übrigens ein Symposion zum Thema "Regietheater". Von diesem Abend wird man sagen: Zwei Stücke, die zu einer grobschlächtigen Großthese werden.

 

Iphighenie
nach Euripides und Goethe
Inszenierung: Regie Nicolas Stemann, Bühne: Stephan Mayer, Kostüme: Barbara Drosihn, Musik: Thomas Kürstner und Sebastian Vogel.
Mit: Leila Abdullah, Christoph Bantzer, Andreas Döhler, Lisa Hagmeister, Felix Knopp, Peter Maertens, Katharina Matz, Natali Seelig, Alexander Simon, Victoria Trauttmansdorff.

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Frauke Hartmann berichtet in der Frankfurter Rundschau (27.9.2007) von einer "gewaltigen Konstruktionsanstrengung" Stemanns, dessen "sehr heutige Kulturkritik" darin  bestehe, "dass er Anfang und Ende der beiden Iphigenien gleichsetzt. Nach dem Krieg ist vor dem Krieg". Unangestrengt gelinge der Euripides. "Hinreißend", wie Stemann es schaffe, "den bizarren Opfertod der Iphigenie in der Eigendynamik des bevorstehenden Krieges immer wahrscheinlicher zu machen." Goethe und seine Iphigenie haben dagegen keine Chance, schreibt Frau Hartmann. Nur albern wirkten die baumelnden Messer und greinenden Babypuppen. Statt eines "nachvollziehbaren Konflikts" geisterten auf Tauris Doppelgänger und Tote aus dem anderen Stück herum.

Einen "denkwürdigen Abend über die beunruhigende Gegenwart des Vergangenen" hat Theatertreffen-Juror Christopher Schmidt gesehen. In der Süddeutschen Zeitung (25.9.2007) schreibt er, die "Intelligenz des Abends" liege darin, dass Steman "trivialkulturelle Analogien" suche, um "von den Degenerationsformen der Familiensaga in der Fernseh-Soap … zu deren tragischen Ursprüngen" zurückzugehen. So zeige die Inszenierung auch wie "Rezeptionsgeschichte selbst Verdrängungsgeschichte ist". Während Goethe seine "humane Utopie als Rückprojektion in die Antike" entwarf, mache Stemann "in einer genialen Doppelbelichtung die Dämonen sichtbar, die unter der Textoberfläche rumoren". Indem der Regisseur "das taurische Personal mit denselben Schauspielern besetzt wie das in Aulis", werde "das Erzählte zum traumatherapeutischen Rollenspiel".

Am Ende, schreibt Simone Kaempf in der taz (25.9.2007), stolpert Iphigenie zwischen "irritierendem Desinteresse und Unwissen, wovon überhaupt die Rede ist", in die Freiheit hinaus. So sehe er aus "der erlösende Schritt in die Menschlichkeit, die Überwindung blutgetränkter Gesetze: zufällig den richtigen Ausgang gefunden". Stemann lasse weg, "was die Zeit in hiesigen Gefilden doch kaum kennt: göttliches Geheiß, Zahn-um-Zahn-Mechanismen, Opferbereitschaft". Was übrig bleibt, gerät indes" ziemlich zäh", und die "aufblitzende Zwanghaftigkeit, den Text wider alle Handlungslogik zu Ende zu bringen, wirkt nicht entlarvend, sondern ermüdend". Zuletzt geht die "Inszenierung an ihrer eigenen Pointe ein: Man lernt nichts aus den alten Stücken. Oder nur das Falsche".

Nicolas Stemann, schreibt Irene Bazinger in der FAZ (25.9.2007) kümmere sich in seiner Inszenierung "mit offener Sympathie" um "die Menschen, die den ideologischen Überbau auszulöffeln haben". Aber mit "aalglatt salopper Handwerksfinesse", einem Agamemnon als "Simpel", der jungen Iphigenie als "Ballettratte" lassen sich große Geschichten eben doch allenfalls "nett" erzählen, befindet Frau Bazinger. Alles läuft "unkompliziert wie am Schnürchen ab: Mütchen gekühlt, Mythos ade". Die Schauspieler "arbeiten" glänzend, blieben aber "völlig unverbindlich". Stemann kratze "nur flüchtig" an der "ins Politische reichenden Familientragödie" (Euripides) wie am "Drama über die Konfrontation zweier Kulturen" (Goethe).

"Erhellender Abend", "zeitlos geglückte Inszenierung", jubelt Armgard Seegers im Hamburger Abendblatt (24.9.2007). Der Abend, bei dem das Publikum immer "mitten im Geschehen bleibe", sei "voller Anspielungen an unsere Zeit", dabei ohne "grelle Modernismen oder entfesselte Spielereien". - "Lüge, Verrat und Opfer", erkennt Frau Seegers, "sind zeitlos". Die Kritikerin, die in der Schule mit Mythos gequält  wurde, jubelt übers Theater à la Stemann: "Die ollen Griechen so scheinbar ganz von heute, so was gefällt". Warum der Abend allerdings erhellend ist, verrät Frau Seegers dann leider doch nicht. "Sinnfällig endet die Inszenierung mit demselben Bild, mit dem sie beginnt: Das Schicksal, es ändert sich nicht".

Auf Spiegel Online (23.9.2007) beschreibt Werner Theurich den Abend: "Keine Bühnenweite, keine großen Bilder, keine Fluchtmöglichkeiten" zu Beginn, später weicht die Enge, "der Diskurs bleibt". Die Comedy-Kommentare, eigentlich "wohlfeiles Mittel", "für schnelle Lacher gut", hier seien sie stimmig eingesetzt, banale Scherz "betonen die Banalität des Brutalen". Eitel spreizen sich die meisten, nur Lisa Hagmeister als Iphigenie spielt mit "spröder Zurückhaltung", "fast zu leise". Vom Klamauk zum Kammerspiel ginge es dann im zweiten, dem Goethe’schen Teil, um schließlich wieder beim Anfangsbild Agamemnon allein am Tisch auf der Vorbühne anzukommen.

Stefan Grund dagegen schimpft in der Welt (24.9.2007) über die "uninspirierte Regie-Farce – mit Bratenmesser und Kuchenbuffet". Dabei hätte es ein "großer Wurf" werden können, wären da nicht die "verheerenden Strecken handwerklicher Unzulänglichkeiten und blöder Einfälle gewesen". Das Konzept der Kombination der Stücke hätte aufgehen können, behauptet Herr Grund. Was ihn eigentlich ganz genau stört, bleibt undeutlich, offenbar der Auftritt eines echten Hundes, das Genuschel und Kuchengemampfe einiger Schauspieler, wogegen Lisa Hagmeister als Iphigenie berühre und die letzten 20 Minuten der Inszenierung faszinierten.

 
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