Superhelden zwischen Dante und Commedia dell' Arte

von Charles Linsmayer

Zürich, 19. August 2010. Was tut man, wenn das Geld verrückt spielt und man vor lauter Kriminalität und finsteren Machenschaften den Überblick verliert? Man entführt einen Superreichen aus seiner Jacht und macht sich in wild wehenden Batman-Kostümen fröhlich singend durch die Lüfte davon. "Mass & Fieber", der um den Regisseur Niklaus Helbling und den Musiker Martin Gantenbein gruppierte "Verein zur Förderung von anonymen Fiktionen, Kunstspielereien und Vernetzungen aller Art" hat, seit er 1999 Felix Saltens "Bambi" in die Plastifikation trieb, den Kolonialismus, den Krieg, den Bürgerkrieg und den Terrorismus thematisiert, und es ist nur folgerichtig, dass er nun auch die Finanzkrise in eine seiner wilden, assoziativ verspielten Traumlandschaften hineingepackt hat.

Schon der Titel führt in die Irre

"Geld und Gott" heißt die Produktion, die das Zürcher Theater Spektakel eröffnete. Wobei schon im Titel der spielerische, Phantastisches auf ironische Weise mit Krimi- und Actionelementen mischende Charakter des Ganzen verborgen liegt. In der in jener Stadt namens Gotham spielenden Geschichte geht es nämlich um die Machenschaften eines Otto Gott, den Besitzer der Supermarktkette Gottomarkt, der mit seinem Namen Schabernack treibt, obwohl mit Zitaten aus Dantes "Divina Commedia" durchaus auch Religiöses und Eschatologisches evoziert wird: das Inferno, durch das einer der Protagonisten hindurch muss, das Purgatorium, nach dem die Yacht des Superreichen getauft ist.

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"Geld und Gott" und die Kostüme © Mass & Fieber

Bierernst ist das allemal nicht zu nehmen, was in dieser Superhelden-Komödie auf die Dantesche Folie aufgetragen wird und auf die Screwball-Comedy der 1930er Jahre als auch auf die Superman-Stories von Chris Ware zurückgeht. Am gerechtesten wird man der Aufführung wohl, wenn man sie, wie es der Programmzettel nahelegt, als eine Art Monopoly auffasst, bei dem man über alle möglichen Hindernisse und Abstürze hindurch am Ende glücklich in der Omelettküche landet.

Flucht im Gummiboot

In der für "Mass & Fieber" charakteristischen Party-Atmosphäre erlebt man, köstlich unterhalten, mit, wie die leichtsinnige Schauspielerin Betty (Mareike Sedl) im "Gotham Palace" den zweifelhaften Anwalt Maximilian (Silvester von Hösslin) bezirzt, wie vor ihren Augen ein Batman zu Tode stürzt und die Polizistin Josefine (Nicole Steiner) sich bei der Abklärung des Sturzes in den Zeugen Maximilian verliebt, so dass schließlich alle drei in die Verwicklungen hineingeraten, die mit dem Koffer voll Geld zusammenhängen, den Max im Auftrag einer geheimnisvollen Madame F. zu befördern hat.

Dazwischen werden wir Zeuge, wie "der Mann, der aussah wie Bob Dylan" (Martin Gantenbein) den Omelettenkoch Juan (Miguel Abrantes Ostrowski) durch die Hölle treibt, bis schließlich alle auf der Yacht des (ebenfalls von Ostrowski gespielten) Otto Gott eintreffen. Das Quartett nimmt Gott als Geisel und flieht in einem Gummiboot an Land, um schließlich, als die Polizei ihm auf den Fersen ist, in Batman-Kluft davonzuschweben.

Eindrückliche Gesamtleistung

Obwohl voller Überraschungen und witziger Anspielungen, ist nicht der gelegentlich etwas naive Plot, sondern die pfiffige Art und Weise, wie er umgesetzt ist, das Ereignis des Abends. Die Beleuchtung und die (höchst originellen) Videoprojektionen, die eingängige, zwischen Jazz, Filmmusik und Musical oszillierende Musik von Martin Gantenbein, die präzisen, auch choreographisch und gesanglich überzeugenden Leistungen der Protagonisten, das originelle, eindrücklich schiefe Bühnenbild von Dirk Thiele, der Drive von Niklaus Helblings straffer, jeden Durchhänger vermeidenden Regie: all das verbindet sich zu zwei Stunden einer Darbietung, die den Qualitätsanspruch eines großen Theaters mit der frisch-ungehemmten Gestaltungslust der freien Bühne verbindet und zuletzt vom Publikum mit nichtendenwollenden Ovationen gefeiert wurde.

Mit Video Omelette braten

Man nehme nur den Umgang mit den großflächigen Videoprojektionen oder die Art und Weise, wie TV-Geräte mit dem Schauspiel gekoppelt werden - so dass man mit ihnen Auto fahren, Omelette braten oder sogar fliegen kann! - als Beispiel, um das ganz Neue, Originelle, Unverwechselbare anzudeuten, mit dem da auf ganz leichte, erfrischend humorvolle und doch stupend moderne Weise der Commedia dell'Arte Referenz erwiesen wird.

 

Geld und Gott
von Mass & Fieber in Koproduktion mit dem Zürcher Theater Spektakel und dem Ringlokschuppen Mülheim.
Regie: Niklaus Helbling, Text: Brigitte und Niklaus Helbling, Musik: Martin Gantenbein, Bühnenbild: Dirk Thiele, Video: Elke Auer, Kostüme: Judith Steinmann, Licht: Björn Salzer, Regieassistenz: Katharina Wiss.
Mit: Miguel Abrantes Ostrowski, Nicole Steiner, Martin Gantenbein, Silvester von Hösslin, Mareike Sedl und Dietmar König.

www.theaterspektakel.ch

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=T3phjCScATw }

 

Mehr zu Niklaus Helbling: zuletzt brachte er am Burgtheater Wien Sibylle Bergs neues Stück Nur nachts zur Uraufführung. Am Schauspielhaus Zürich inszenierte er im Mai 2009 Brechts Dreigroschenoper und im Januar 2009 in Frankfurt Warum wir also hier sind. Kein Traumspiel von Michael Lentz.

 

Kritikenrundschau

"Frenetischen Applaus" verzeichnet Alexandra Kedves im Zürcher Tages-Anzeiger (21.8.2010) für "Geld und Gott", ihre 'Superhelden-Komödie nach Dante' "swingt und klingt", ein "theatrales Wellnessprogramm mit Witz". Diese "brav gesellschafts- und globalisierungskritische Komödie über Geld und Gott" habe zwar Geist, jedoch "ihre Seele ist eindeutig die Musik". Die "soften Songs über die Hilflosigkeit von uns allen" "kraulen sogar unseren inneren Schweinehund". Die Autoren hätten ihre "unschwer deutbare Parabel auf das Böse im Kosmos der Bernard Madoffs und Josef Ackermanns in ein simples, flottes Comic-Plot gepackt und brettern damit (...) über die bühnenbeherrschende Quarter-Pipe wie selbstverliebte junge Skater". "Zitatpop, Popsounds und Pointenzucker" bildeten den "Süssstoff" des Abends, und "das erklärte Ziel von Mass & Fieber werde, "trotz gelegentlicher Längen und gedanklicher Langatmigkeiten, definitiv erreicht (...): intelligente Unterhaltung".

 
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