Wüstenkriegsliebe eiskalt

von Regine Müller

Bochum, 20. August 2010. Großes Action-Kino in Dolby Surround: Das Gebälk der Sitzreihen in der Bochumer Jahrhunderthalle vibriert von Geschützdonner und Maschinengewehr-Salven, Granaten scheinen sausend über die Köpfe zu fegen, um krachend im Nirgendwo einzuschlagen. Ein gestrandeter Tanklaster liegt quer in einer Wüste von weißem Sand, die sich endlos in die Tiefe des gewaltigen Raums der ehemaligen Industriehalle erstreckt.

Wenn die Waffen endlich schweigen, bleibt ein tödlich Verwundeter zurück. Salam (Aleksandar Radenkovic) deliriert und blättert fiebernd in einem zerfledderten Büchlein, das ihn wohl schon lange durch diesen Wüstenkrieg begleitet. Es ist Nizamis altpersisches Epos "Leila und Madschnun" aus dem 12. Jahrhundert, die berühmteste Liebesgeschichte des islamischen Kulturkreises. Nizamis uraltes Epos erzählt von einer radikalen, unbedingten und zuletzt tödlichen Liebe, sein Held Madschnun ist ein Verrückter und wird zum blindwütigen Zerstörer.

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"Leila und Madschnun" © Paul Leclaire

Domestizierte Poesie

Ein großer, poetischer Text. Und ein gefährlicher Stoff. Denn zur theatralischen Domestizierung mittels wohlfeiler Aktualisierung eignet er sich offensichtlich nicht. Jedenfalls nicht in der unbeholfen pathetischen Textfassung, die Albert Ostermaier der Dichtung übergestülpt hat und die er mit einer Rahmenhandlung versieht, die nach Aktualität heischt und den verwundeten Salam die Handlung fiebernd erträumen lässt.

Die westliche Version einer ähnlich unmöglichen Liebe war es 2007, mit der Willy Decker sich als Intendant der RuhrTriennale empfahl. Als er Frank Martins "Le vin herbé" – eine Tristan-Oper – inszenierte, hinterließen die alten Industriehallen bei ihm einen so tiefen Eindruck, dass er sich "Hals über Kopf in die Triennale verliebte", wie er damals zugab.

Kreisen ums dröhnende Nichts

Nun ist er schon in seiner zweiten Spielzeit als Festival-Chef, und als übergreifendes Motto hat der praktizierende Zen-Buddhist die Erforschung der Verbindungen von Kunst und Spiritualität und die Suche nach dem tiefsten Impuls des Religiösen bestimmt. Unter dem raunenden Titel "Urmomente" hat sich die zweite Triennale-Saison unter seiner Ägide in diesem Jahr dem Motto "Wanderung – Suche nach dem Weg" und der Erforschung des Islam verschrieben. Als erster Intendant dieses elitären und sehr teuren High-End-Festivals inszeniert Decker auch selbst. Natürlich nur die Sahnestückchen, und selbstverständlich immer die Eröffnungspremiere.

Doch die hinterlässt Ratlosigkeit. Denn der ganze mit Effekten und erlesenen Bildern protzende Apparat scheint um ein dröhnendes Nichts zu kreisen. Und lässt einen bei allem Getöse und der manischen Beschwörung mystisch überhöhter Liebe eiskalt. Was natürlich auch daran liegt, dass es Ostermaier nicht gelungen ist, aus dem Epos ein Theaterstück zu machen. Vielmehr ist es eigentlich ein einziger, quälender Monolog, der zwei Stunden auf gefühlte vier dehnt und raschelndes Papier bleibt. Aleksandar Radenkovic meistert diese Herkulesaufgabe mit bemerkenswerter Kondition und höchstem Einsatz, seine Figur bleibt indes diffus.

Operchen mit Manufactum-Touch

Willy Deckers Regie-Ästhetik gilt als bewährt: solide Personenführung, souveräne, altväterliche Massen- und Chorchoreographie, edle Bilder in gedeckten Farben. Eine Regie wie aus dem Manufactum-Katalog. Schön polierte Bedeutungshuberei.

Den faden Gesamteindruck rettet auch Samir Odeh-Tamimis Komposition nicht, die aus dem Abend eine Art Operchen zu machen versucht. Mit grimmig zugespitzten Orchesterzwischenspielen, jaulenden Aggressionen aus dem Streicherapparat, rülpsenden Bläsersoli und zaghaften Avancen an Orientalisch-Weltmusikalisches webt Odeh-Tamimi einen stacheligen Teppich zu Kriegsgeschehen und Liebesbehauptungen. Katastrophal ist zudem die Soundaussteuerung, die mittels grober Verstärkung die eigentlich hoch differenziert spielende MusikFabrik unter der Leitung von Peter Rundel zu knallendem Dauer-Fortissimo ohne jede Tiefenschärfe planiert. Einmal mehr wird deutlich, dass Live-Musik in diesen Hallen höchst problematisch ist. Großartig singt Hagen Matzeit die zwischen Bariton- und Countertenor schlingernde Gesangspartie des Madschnun, toll auch die Gesamtleistung des ChorWerk Ruhr. Blass indes bleiben die weiteren Darsteller.

Höflicher Applaus für eine Triennale-Eröffnung, die – so billig diese Fazit-Pointe auch klingen mag – leider buchstäblich in den Sand gesetzt wurde.

 

Leila und Madschnun (UA)
von Samir Odeh-Tamimi und Albert Ostermaier nach Nizami
Regie: Willy Decker, Musik: Samir Odeh-Tamimi, Musikalische Leitung: Peter Rundel, Bühne: Wolfgang Gussmann, Kostüme: Wolfgang Gussmann, Susana Mendoza, Dramaturgie: Tatjana Heiniger, Licht: Andreas Grüter.
Mit: Hagen Matzeit, Aleksandar Radenkovic, Nadine Schwitter, Michael Prelle, Daniel Rohr, Irene Kugler, ChorWerk Ruhr.

www.ruhrtriennale.de

 

 

Kritikenrundschau

Als "zwei Stunden Kunstgewerbe" empfand Manuel Brug auf Welt-online (23.8.2010) "diese gut gemeinte, bestenfalls routinierte Versuchsanordnung". Mit gewohnt hohem Ton habe der Münchner Dichter Albert Ostermaier "Leila und Madschnun" zu einer "Theatralischen Erzählung" umgeformt. "In sehrenden Tönen und bisweilen schiefen Bildern wird die ewige, unbedingte Liebe beschworen, die hier auch an der Realität des Kriegs zerbricht. Doch vermischen sich die Sphären nicht wirklich. Ostermaier macht viele Worte, aber plastisch werden seine Figuren selten." Die strohige Textsuada werde unterbrochen, untermalt und verstärkt durch eine meist schrille Begleitmusik. Dazu knalle und krache es heftig in der Bochumer Jahrhunderthalle. "Mündungsfeuer zucken durch das Gestänge der weitläufigen Industriekathedrale. Gewehrsalven knattern. Explosionen wummern. 500 Tonnen Sand hat Wolfgang Gussmann als Wüste verstreut und mittendrin einen halbverbrannten Tanklaster platziert, der sich an die Decke hochkurbeln lässt und sich drehen kann. Menschen schreien, Statisten stürmen. Naiver Bühnenrealismus als Afghanistan-Kriegsspiel, das unangenehm anmutet."

Der Abend lebt für Michael Struck-Schloen in der Süddeutschen Zeitung (23.8.2010) von der Erzählung, nicht von den Bildern, die diese Inszenierung findet. Auch überflügelt aus seiner Sicht die Partitur an Eindringlichkeit deutlich den Text von Albert Ostermaier. "Odeh-Tamimi schafft in seiner Musik für erweitertes Kammerensemble eigene Miniaturdramen, die vom Kölner Ensemble 'musikFabrik' und dem Dirigenten Peter Rundel grandios belebt wurden. Diese Musik, die ins Schaupiel immer wieder an emotional geschärften Momenten eindringt und die Führung übernimmt, ist direkt, kraftvoll, überraschend, ein Kraftwerk des Stücks, das Illustrative nicht scheuend. Kompakte Sätze, zuweilen mit ethnischer Färbung von Oboen und Rahmentrommeln, gruppieren sich um scheinbar improvisierte Soli, die Madschnuns Wahnsinn ins Instrumentale fortsetzen."

"Kein stürmischer Erfolg zum Beginn der Ruhrtriennale, eher ein leise fließender. Aber ganz großes Theater," schreibt Gudrun Nobisrath auf Der Westen (23.8.2010) Die Bühne sei überwältigend, hinreißend die Musik und verstörend pathetisch der Text. Sand decke die Halle wie Schnee. "Eine Wüste des Krieges, kalt. Dann plötzlich Hitze: Kriegsgetümmel und -geschrei, Schüsse, zuckendes Licht; da vorn liegt ein Mensch. Auch er zuckt. Und spricht, einen unendlich schönen, ergreifenden Monolog: 'Nie wird sterben, wer Leben durch Liebe empfing.' Der Abend sei "ein intensives, grandioses Zusammenspiel: Die Musik stellt sich in den Dienst des lyrischen Textes und die Regie schafft Bilder, in denen beide ihre Raum haben."

Diesmal, schreibt Guido Fischer in der Frankfurter Rundschau (24.8.2010), gehe es Decker "um die Rehabilitation des Islam als einer vertrauenswürdigen Religion". Er trachte danach, die "erhitzten Feuilleton-Gemüter" "mit einem persischen Märchen" zu beruhigen, das für ihn allerdings "mehr als nur eine Love-Story ohne Happy End" sei. Er verstehe es "als zeitloses und damit auch tagesaktuelles Plädoyer, den alten Slogan 'Make love, not war' zu entmotten". Ostermaiers Textfassung changiere dabei "zwischen der bildreichen Sprache des Orients und pathetischer Anti-Kriegs-Prosa" – da "hätte nur noch John Lennons 'Imagine' gefehlt". Um die "Versöhnungs-Ode" nicht "allzu sehr in den Federgewichtsbereich eines semi-kritischen Groschenromans abrutschen zu lassen", habe Decker Samir Odeh-Tamimi engagiert, der der musikFabrik alles abfordere. Seine Musiksprache sei "instrumental durchaus effektvoll ausgelegt", komme zugleich jedoch "von ihrem Grundton einer überspannten Dringlichkeit genauso wenig los wie die Countertenor-Partie von Hagen Matzeit".

 

 
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