ibsenmaskin-2_l-p_lorentz"Ibsenmaschine" © L.P. Lorentz
Menschen-Maschinerie

von Hartmut Krug

Oslo, 26. August 2010. Das Festival beginnt mit Trompetenschall vom Balkon des 0sloer Nationatheatret, eine Schauspielerin klettert auf eine Leiter und hängt Ibsen, der als grünspaniges Denkmal vor dem Theater steht, einen Lorbeerkranz mit Nationalfahne um. Nachdem auf dem Dach des Jahrhundertwendebaus ein Artist Turnkunststücke gemacht hat, geht es auf der Bühne weiter. In der Festivaleröffnungsrede wird betont, es werde nun kein Original-Ibsen zu sehen sein.

Sebastian Hartmann ist ein oft und gern gesehener Gast in Oslo. Schon mit seiner Volksbühnen-Inszenierung der "Gespenster" gastierte er im Jahr 2000 hier, und seitdem war er mehrfach als Gastregisseur am Hause tätig. Auch sein Leipziger "Matthäuspassion"-Projekt, zu dem Ibsens "Brand" gehörte, wurde in Oslo gezeigt. Mit Hartmann, schreibt die Dramaturgie, habe sich der endgültige Durchbruch des Regietheaters in Norwegen ereignet.

Innere Unfähigkeit zum Dialog

Für das Festival-Auftrags- und -Eröffnungswerk hat Hartmann nicht nur Regie geführt, sondern auch einen Text geschrieben, der einen heutigen Osvald (aus "Gespenster") auf dem Weg zeigt: zu sich, von Paris heim zur Familie, zur Mutter. Es ist kein Text, der vor Ibsen stand hält, und auch die Vorab-Kenntnis dieses Textes, dessen Teile wie eine Strukturklammer über den Abend verteilt sind, hilft dem des Norwegischen nicht mächtigen Kritiker nicht, um dem überlangen, fast drei pausenlose Stunden sich dahinspielenden Abend immer folgen zu können.

Doch er gibt der enorm kraftvollen und zugleich zarten jungen Schauspielerin Kjersti Botn Sandal viele Spielmöglichkeiten, die den Ich-Erzähler Osvald ausstellt, indem sie ihn nicht verkörpert, sondern seine inneren Bewegungen, sein seelisches Rumoren, sein Hadern mit der Liebe, dem Leben und dem Tod, in äußere Beweglichkeit übersetzt. Hartmann zeigt den Ibsen-Menschen in der Maschinerie der Ibsen-Dramaturgie und der Hartmann-Ideen. Er stellt dessen innere Unfähigkeit zum Dialog und zur Auseinandersetzung mit der Realität aus, lässt ihn Träume und Wünsche im Spiel durchdenken.

Szenen der Veräußerlichung

Aber erst einmal strömen die Schauspieler auf die Bühne, als kämen sie zur Probe. Sie arrangieren oder besorgen sich ihre Kostüme und verschwinden im spitzgiebligen, großen weißen Zelt, das die Bühne bis zur Rampe ausfüllt. Immer wieder treten sie kurz heraus aus ihm und präsentieren sich, den anderen Schauspielern, dem Publikum. Sie suchen und zeigen etwas vor, eine Haltung, eine Geste: wie bei Hartmanns Leipziger "Kirschgarten" verbinden sich Konzept- und Improvisationstheater.

Ausgestellt werden das Spiel und die Suche nach ihrer Darstellbarkeit: Oft sitzen die Schauspieler voreinander oder im Halbkreis und spielen sich vor. Das ergibt keine Handlung, sondern einzelne Szenen der Veräußerlichung von inneren Bewegungen und Zuständen. Dabei spielt kaum einer eine einzige durchgehende Figur, sondern jeder erspielt und ersingt dem Publikum die seelischen Zustände von Ibsens Personal aus dessen 12 Gesellschaftsdramen. Entdeckt habe ich Schnipsel aus und Anspielungen an "Brand", "Peer Gynt", "Hedda Gabler", natürlich "Gespenster", aber auch an "Nora", "Nordische Heerfahrt" und "Wenn wir Toten erwachen".

Seelische Bedeutsamkeiten

Doch die Osvald-Figur bleibt der Festpunkt im Spiel. Ihre Vorspielerin führt zu Beginn bis zu ihrer und unserer Erschöpfung vielerlei weite Spreiz- und Marschier-Schritte vor - schließlich begibt sich Osvald ja auf einen inneren und äußeren Weg. Später wird sie sich für einen Monolog mit schwarzer Farbe (oder Pech?) übergießen, an Verdammnis, Tod und symbolschwangeres klebriges Holz denken und existentielle Gedanken mit der schwarzen Flüssigkeit ausspucken , bis ihre Mitspieler sie entkleiden, reinigen und in weiße Tücher hüllen. Dieses Reinigen und Einhüllen widerfährt auch anderen Darstellern.

Hier bekommt jeder seinen großen Auftritt, und jeder und jede darf, in Begleitung der zwei Gitarristen auf der Bühne, von Steve Binetti arrangierte Lieder singen. In ihnen wird (auf Englisch) von Liebe, Leid, innerer Vergiftung, von schwarzen Minuten und anderen seelischen Bedeutsamkeiten erzählt.

Kabarettistische Ebenen

Es gibt schöne Bilder: so, wenn sich ein Mann und eine Frau wortreich streiten und ein dritter durch die Wucht ihrer Worte zwischen ihnen hin und her geschleudert wird. Nicht immer geht es nur um die historischen Ibsen-Figuren, sondern auch um die Haltungen und Wünsche heutiger Menschen - so wurde mir erzählt. Also phantasiert ein Mann von der Revolution, und während die Frauen mit Sekt um ihn herum sitzen, echauffiert, blamiert und entblößt er sich bis zur völligen Nacktheit. Dass der Fisch, den man ihm aus einer Seitenloge reicht, ein Königsfisch und die Loge die Königsloge ist, gehört dann zur kabarettistischen Ebene der Inszenierung.

Sebastian Hartmann Inszenierung ist insgesamt weniger Bildertheater als assoziativ posierendes Texttheater mit postdramatischer Dramaturgie, während die Spielweise eher alt-dramatisch wirkt: großgestisch und gestrig, mit ausgestellter, gepresster Leidenschaftlichkeit. Wie viel hier behauptete Improvisation, wie viel "nur" Spielfreude und Eingeübtes sind, vermag der deutschsprachige Kritiker dieser textintensiven Inszenierung nicht zu sagen. Dass sie oftmals weder eine Zeit- noch eine Spannungsökonomie besitzt, spricht für viel Improvisation.

 

Ibsenmaschine
von Sebastian Hartmann
Regie: Sebastian Hartmann, Bühne: Susanne Münzner, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Licht: Lothar Baumgarte, Musik: Steve Binetti, Dramaturgie: Hege Randi Torressen.
Mit: Froydis Armand, Trine Wiggen, Marian Saastad Ottesen, Anneke von der Lippe, Kjersti Botn Sandal, Kai Remlov, Ole Johan Skjelbred, Henrik Rafaelsen.

www.nationaltheatret.no
www.ibsenfestivalen.no

 

Mehr zu Sebastian Hartmann und seinen Inszenierungen, sowie zum Osloer Ibsenfestival erfahren Sie im Glossar.

 
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