Nora, eine Textmaschine

von Hartmut Krug

Oslo, 28. August 2010. Sie sind bei Chétouane immer alle zugleich da, die Figuren aus Ibsens "Nora oder Ein Puppenheim". Wenn die Zuschauer in die Amfiscenen hinaufgestiegen sind, den schmucklosen kleinen Bühnenkasten unterm Dach des Osloer Nationaltheatret, werden sie von ihnen schon erwartet. Sie sitzen, stehen und gehen aufmerksam herum, beobachten sich und das Publikum, sind als stumme Personen dabei, auch wenn sie von Ibsen gerade keinen Auftritt zugewiesen bekommen haben.

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© L. P. Lorentz

Auch die Szenerie betont die Durch-Konstruiertheit des Stückes, indem sie diese zugleich ausstellt wie verfremdet. Bühnenbildner Patrick Koch hat den offenen Spielraum wie eine zu groß geratene Laubsägearbeit eingerichtet. In seinem ungemütlichen Warteraum ist alles aus hellem Sperrholz: die Bänke und unbequemen Sitze, die Wände, mit leeren Öffnungen oder als Reihe von hohen Gitterstäben gestaltet. Selbst der Weihnachtsbaum ist nichts als ein leerer, hoher Holzständer.

Verfremdung ist das Zauberwort
Ein Teppich unter Noras Sitzbank liefert den einzigen Gemütlichkeitsfleck in einem Haus, in das uns das Hausmädchen mit Ibsens Szenenbeschreibung einführt. In der allerdings ist von Gemütlichkeit und geschmackvoller Einrichtung mit Lehnstuhl, Pianino, künstlerischem Nippes, prachtvollen Büchern und einem brennenden Ofen die Rede. Nora wird vom Hausmädchen hereingebracht, auf eine Bank gesetzt und mit einem Stapel Manuskriptseiten versehen. Denn diese Nora, Verfremdung ist das Zauberwort der Inszenierung, muss ihren Text noch lernen.

Agot Sendstad ist als Nora kein Ausbund von Liebreiz, kein trällerndes Vögelchen, das mit Geld zur Ruhe oder in Bewegung gebracht wird, sondern eine mit still-fröhlichen, manchmal auch aufgesetzt wirkendem, monotonem Lächeln in sich ruhende Frau. Sie schaut nach innen, selbst wenn sie um sich herum schaut. Keine Spur kapriziös ist diese Nora, auch nicht für ihren Mann und dessen Rollenverständnis gibt sie sich so. Wenn sie die Tarantella vortanzt, wird diese bei ihr zum eintönig gleichgültigen Stampftanz. Nur Ibsens Makronen hat ihr Chétouane als Ersatzbefriedigung gelassen. Mit denen versorgt sie nicht nur sich, sondern mit Hilfe des Hausmädchens auch alle anderen.

Noras Mann Helmer ist jung und attraktiv, kein ältlicher Spießer, als der diese Figur oft gezeigt wird. Wenn sich das Ehepaar gegenüber sitzt, dann tropfen die Worte leise und langsam zwischen ihnen hin und her. Jedes Wort eine Perle, ein Bedeutungszeichen, jedes Gefühl eine minimalistische Andeutung: Ein Ibsen wie von Jon Fosse.

Realität findet im Reden statt
Chétouane hat dem Stück viele Spielsituationen genommen und die Beziehungsgeschichten der Figuren um Nora und Helmer auf wenige Dialoge konzentriert. Trotzdem dauert die Inszenierung dreieinhalb lange, oft quälende Stunden. Es werden keine Szenen arrangiert, sondern Texte verlautbart. Zuweilen mit still intensivem Spiel, oft aber auch mit spannungslos enervierender, leerer Langsamkeit. Selbst wenn Lasse Lindtner als Krogstad einmal die Stimme zu einem emotionalen Ausruf leicht anhebt und Nora ihm in gleicher Art antwortet, bleiben beider Arme immer gebändigt: sie hängen, wie meist bei allen, funktionslos am starren Körper herab. Der Mensch im Raum bleibt ganz bei sich.

Gekleidet sind alle in typische Kostüme der Ibsen-Zeit. Doch unter ihnen tragen sie verschieden einfarbige Ganzkörperanzüge, als seien sie im Training. Wenn Noras Kinder auf der Szene gebraucht werden, erlaubt sich Chétouane einen Ausbruch in szenische Bewegtheit. Drei Darsteller, darunter die wunderbar still intensive Liv Bernhoft Osa in der Rolle der Christine, ziehen ihre Kleider aus und tollen in ihren Ganzkörperstramplern als schreiende Kinder umher.

Chétouane gibt kein Sozialdrama, sondern enthüllt und verfremdet Ibsens Stück zum Erklärstück. Das Schauspiel wird zum szenischen Hörspiel, indem es auf sein sprachliches Konstrukt skelettiert wird. Die Realität findet im Reden statt. Sie ist, wie schon in Sebastian Hartmanns am Vorabend gezeigter "Ibsenmaschine", eine innere, im Kopf der Figuren stattfindende Realität. Bei Chétouane allerdings schiebt sich die Form vor den Inhalt, sie trumpft auf und erdrückt jede innere Spannung. Schier unerträglich wird das Schlussgespräch zwischen Nora und Helmer, das sich zur Ungeduld des Publikums müde und unendlich dahin zieht.

Wenn Nora gegangen und Helmer sein endliches "Nora" kraft- und verständnislos gesprochen hat, ist man erleichtert. In jeder Hinsicht.

 

Nora oder Ein Puppenheim (Et Dukkehjem)
von Henrik Ibsen
Regie: Laurent Chétouane, Bühne: Patrick Koch, Kostüme: Sanna Dembowski, Licht: Marianne, Thallaug Wedset, Dramaturgie: Olav Torbjorn Skare.
Mit: Agot Sendstad, Thorbjorn Harr, Oystein Roger, Liv Bernhoft Osa, Lasse Lindtner, Merete Moen, Kjersti Elvik.

www.ibsenfestivalen.no
www.nationaltheatret.no

 

Mehr lesen? Das Internationale Ibsenfestival wurde 1990 vom Norwegischen Nationaltheater in Oslo ins Leben gerufen und zeigt jährlich im August herausragende Ibsen-Inszenierungen aus aller Welt. Darüber hinaus vergibt das Festival Regieaufträge an international renommierte Ibsen-Regisseure. Die 20. Ausgabe wurde 2010 von Sebastian Hartmann mit einer Ibsenmaschine eröffnet. Alle Nachtkritiken zu den Arbeiten von Laurent Chétouane hier.

 

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