Presseschau vom 3. September 2010 – Anna Bergmann spricht in der SZ über die Probleme junger Regisseure im deutschen Stadttheatersystem

Aufschrei nach mehr Anarchie

Aufschrei nach mehr Anarchie

3. September 2010. In der Süddeutschen Zeitung spricht die Regisseurin Anna Bergmann, "erfolgreich, umworben, professionell gemanagt", kritisch Klartext über das durchkonventionalisierte Stadttheater. "Nehmen Sie meine Inszenierung Bunbury vom Thalia Theater, die zum Festival Radikal jung nach München eingeladen wurde", beginnt sie das Interview mit Vasco Boenisch, "eine Scheiß-Inszenierung. Warum wird gerade die eingeladen? Ich habe große Stücke in der Provinz inszeniert, aber nie ist irgendjemand von einem größeren Haus angereist und hat sich eine Arbeit von mir angeschaut. Es werden immer nur die gleichen großen Eckpfeiler Deutschlands abgeklappert. Und daraus soll sich der Regienachwuchs entwickeln?"

Hingeschmissen hatte sie nicht, aus Angst, was daraus folgen könnte. "Heute frage ich mich, ob das nicht besser gewesen wäre. Diese Premiere hat gegen mein Herz, gegen alles, an was ich glaube, stattgefunden. Aber Tom Stromberg meinte damals auch: Zieh es durch. Und es war ja schließlich auch ein Erfolg."

Dass es jetzt auch für Theaterregisseure Manager gibt, sei eine neue Entwicklung. "Aber auch eine sinnvolle. Ich sage ganz ehrlich: Ich habe viel weniger verdient, bevor Tom Stromberg meine Verträge verhandelt hat, weil man als Frau immer ein paar tausend Euro weniger bekommt – für den gleichen Job, mit der gleichen Berufserfahrung."

Dass sie bei der Akkord-Produktion am Theater selbst mitmache, in der vergangenen Spielzeit hat sie fünf Inszenierungen erarbeitet, das tue sie nie wieder. "Denn ich merke, das funktioniert nicht, wenn man ein Stück nach dem anderen raushaut. Da wirst du blöd. (...) Natürlich leidet die Qualität, wenn man so viel inszeniert. Vielleicht nicht bei allen, bei mir schon. Allein bei 'Leonce und Lena' in Bochum könnte ich Ihnen zwanzig Sachen aufzählen, die ich mit mehr Zeit und mehr Vorbereitung besser hingekriegt hätte."

Ganz oft sei es so, dass einen die Intendanten, die einen engagieren, doch gar nicht kennen. "So ein Gespräch über Ideale und Interessen, wie wir es hier jetzt führen, das findet mit einer Theaterleitung selten bis nie statt." Zuletzt am Gorki Theater dachte man, okay, fragen wir mal die Anna. "Es lief rein über persönliche Kontakte. Armin Petras, der Chef vom Gorki, hätte sich nie eine Inszenierung von mir angeguckt. Er hat von mir 'Lulu' auf Video gesehen, und das wahrscheinlich auch noch mit Vorspultaste. Das können Sie ruhig schreiben."

Ihr Fazit: "Es wird zu viel geplant, durchgerechnet, strategisch ausbalanciert. Es bräuchte mehr Anarchie, mehr Sich-zur-Disposition-Stellen. Wenn nur noch Finanzbosse und Verwaltungsexperten die Häuser führen statt Künstler, wird das Theater langweilig und berechenbar (...) Und früher gab es jedenfalls weniger Leute, die 'Künstler' werden wollten, weil es Mode ist. Es gab weniger Regieschulen, die ständig Nachwuchs liefern, dem man sagen kann: Du, mach mal für 4000 Euro diese Inszenierung. Es gab nicht den permanenten Drang nach Uraufführungen: Junge Regisseure, macht das bitte, das bringt uns Publikum und Presse. Und es gab dieses Ethos von Leuten wie Klaus Michael Grüber, der sagte: Ich bin ein großer Romantiker, ich stehe dazu, und wenn ihr mich hier nicht sehen wollt, gehe ich ins Ausland."

 

Kommentare

Kommentare  
#1 Anna Bergmann in der SZ: mutige WorteFlohbär 2010-09-04 12:28
Mutige, hervorragende Worte. Danke, Anna Bergmann!
#2 Anna Bergmann in der SZ: Ego-KränkungSterling 2010-09-04 14:10
Ich verstehe diese Haltung nicht. Die ganze Palette der Anforderungen, die über einem einbrechen, erfüllen, alles mitmachen... – dann feststellen, dass dabei schlechte Inszenierungen herauskommen. Wirklich sehr schlechte Inszenierungen.
Das Ganze dann feststellen, nachdem es einem in den Spielzeitferien mal gelungen ist, so etwas ähnliches wie "Abstand zum Stadttheaterbetrieb" zu entwickeln. Sich dann mit der SZ treffen und die Schuld den Theatern in die Schuhe schieben...
Das klingt mehr nach der Ego-Kränkung einer etwas zu naiven Regiestudentin als nach einer geschäftserfahrenen Regisseurin, die im Stande ist die sicherlich absurden Gesetzmäßigkeiten des Theatermarktes – so muss man ihn nennen - zu bearbeiten oder zu verändern.

Oder um es mal einfacher auszudrücken - ein kleiner Tipp: Alles, was Frau Bergmann in dem Interview beschreibt, sind doch wunderbare Themen für eine Inszenierung. Da braucht sie gar nicht in die USA reisen, um zu recherchieren. Die Wut, die sie ja scheinbar mit sich herumträgt, einfach mal in die eigene Arbeit mitnehmen und diese Geschichten mal erzählen. Das sind dann zwar voraussichtlich keine aufregend neuen Beobachtungen oder Perspektiven - da gab's ja schon so einige, die sich mit der Ohnmacht des Individuums im Kapitalismus auseinandergesetzt haben - aber zur Steigerung des eigenen Wohlbefindens im Beruf, das scheint ihr Problem zu sein, würde dies allemal dienen.

Kurzum: Kritik auf die Bühne, nicht in die Zeitung!
#3 Anna Bergmann in der SZ: Intendantensessel vs. IkeahockerStefan 2010-09-04 14:29
Ergänzend zu Anna Bergmanns Aussage zum Wettstreit von Marktwirtschaft und Kreativität an den Theatern verweise ich auf ein lesenswertes Interview der taz mit Schorsch Kamerun von heute. Er sagt dort u.a.: „Es entstehen immer wieder Interessenkonflikte zwischen den inhaltlichen Aussagen eines Projekts und dem kommerziellen Rahmen, der über die Sponsoren hinzugefügt wird - meist ohne die Möglichkeit des Künstlers, auf diese Verquickung Einfluss zu nehmen. Überspitzt ausgedrückt ist das so, als würdest du ein Brecht-Stück inszenieren, und von einer Bank promotet werden.“
Zur Anarchie habe ich ja gestern schon was geschrieben. Die ließe sich natürlich nur von außen durch die Künstler selber einbringen. Intendantensessel gegen IKEA-Hocker tauschen, z.Bsp. Scheiße, schon wieder Schleichwerbung.
#4 Anna Bergmann in der SZ: intelligent und superkh 2010-09-05 11:01
@sterling: mal ehrlich, wen interessiert eine theaterstrukturelle debatte auf einer deutschen bühne? und wie kann man von einer regisseurin anfang 30 erwarten, dass sie ad hoc alle fallen und tücken des betriebes miteinbezieht? es geht hier ja genau um die zu verheizenden jung-regisseure, die eben noch nicht "geschäfsterfahren" sind. und ja, da gebe ich frau bergmann absolut recht, da haben theaterleitungen eine gewisse verantwortung - z.B. zu wissen, mit welcher regie sie warum für welchen text arbeiten wollen. auch führt nun mal der hype um junge regietalente dazu, dass man das gefühl bekommen muss, möglichst schnell, möglichst viele inszenierungen rauszuhauen, um nicht gleich wieder vom fenster zu verschwinden. finde das interview intelligent, durchaus mutig und konsequenzen hat sie für ihre eigene karriere bereits gezogen. ist doch super.
#5 Anna Bergmann in der SZ: wider die StromlinienformSterling 2010-09-05 14:06
Von theaterstruktureller Debatte auf der Bühne war hier nie die Rede. Das entspringt Ihrer Fantasie. Ich schrieb: "die Ohnmacht des Individuums im Kapitalismus". So viel gedankliche Transferleistung oder Abstraktion kann man von jemandem erwarten, der Regieschule und erste Stadttheatererfahrung hat, um nicht einen Abend über Theaterstrukturen zu machen. Und, ja, das würde mich als Thema wesentlich mehr interessieren, als irgendeine abgehalfterte, eitle Bunbury-Inszenierung.
Und wo wir gerade beim Thema Regieschule sind: Was glauben Sie eigentlich, worauf die da vorbereitet werden? Ich kann nur sagen: Wer von der Ernst Busch kommt und mir nach den ersten Inszenierungserfahrungen erzählen will, dass er den Stadttheaterbetrieb und das dazugehörige Business zum Kotzen findet, den nehme ich nicht nicht ernst.
Leute, die solche stromlinienförmigen Inszenierungen rausbringen, in denen Widerstand oder kritische Gedanken so wenig Gegenstand sind, und die dann plötzlich in einer großen deutschen Zeitung anfangen groß rumzuwettern, denen wünsche ich im allerbesten Sinne eins: (...) nicht zur Zeitung rennen, sondern Theater machen und da kritisch, hinterfragend und fordernd sein. Dafür ist Theater da.
#6 Anna Bergmann in der SZ: Berufsschockkh 2010-09-05 14:44
@sterling: sie verkennen nur leider völlig, dass man die wut die man hat, nicht unbedingt auf die bühne bringen muss, im politischen sinne. und dass es kunst gibt, und eine situation in der kunst erschaffen wird, so gut es geht. das sind mitunter zwei verschiedene dinge. jemandem, der sich öffentlich theater-politisch äußert, ist noch lange nicht in der verantwortung anti-kapitalistisches oder whatsoever theater zu machen. das wäre ja was. sie wird gefragt, sie antwortet. das kann dann auch an ihrem genre vorbeigehen - die vielfalt der möglichkeiten und gründe und formen, theater zu machen, sollte man echt nicht trivialisieren.
im übrigen habe ich selbst regie studiert, kenne viele andere absolventen von diversen hochschulen und keinen einzigen, der nicht früher oder später einen mittelgroßen bis sehr großen berufsschock hatte. völlig normal. und sehr unangenehm.
#7 Anna Bergmann in der SZ: Luxusjammernhä? 2010-09-06 14:10
(...) Ich hätte können ... und jetzt rede ich auch mal darüber. Das ist Luxusjammern. Übrigens: die Buschschule ist schlechter als ihr Ruf, das wissen mittlerweile auch alle.
#8 Anna Bergmann in der SZ: Danke, Anna Bergmann!fritzi 2010-09-06 15:38
danke für das interview, anna bergmann! ich hoffe sie lesen diese diskussion nicht...
#9 Anna Bergmann in der SZ: wichtig machensandra naumer 2010-09-06 16:19
Wen interessiert das (...) ? Wut, Ideen, Schmerz lieber in die eigene Arbeit und Entwicklung als Regisseurin stecken ! Wieso braucht ein Regisseur neuerdings einen "Manager" ?? Tom Stromberg (...) hat einen neuen Posten für sich erfunden - Regisseursmanager, so was Blödes. Bisher ist noch jeder Regisseur sehr gut ohne ausgekommen. Alles überflüssiges Zeug und dient nur dazu, sich wichtig zu machen. Viel heiße Luft.
#10 Anna Bergmann in der SZ: Anstoß zum Sich-Regenkh 2010-09-06 17:07
fragen an frau naumer:
was ist falsch daran, offenzulegen, dass intendanten sich für die regien im vorfeld kaum interessieren und nur dem sogenannten hype folgen?
was ist falsch daran, dass jemand sich einen manager nimmt (im musiktheater und im film gibt es das für regisseure schon seit ewigkeiten)?
was nun ist aber richtig daran, mitzuteilen, dass frauen in diesem fach nach wie vor weniger verdienen? in einer großen zeitung zu der einsicht zu stehen, dass man zuviel gearbeitet und scheiß dabei rausgekommen ist und konsequenzen gezogen hat?
wen es interessiert? es stößt eine diskussion los über bestimmte vorgänge, die erstens theater als einen mglw. ebenso kommerziell-denkenden apparat entlarven wie viele andere gesellschaftliche bereiche - man hätte das als publikum nur nicht unbedingt erwartet. und hoffentlich auch theaterimmanent: viele regieleute können genau diese verhältnisse bestätigen und vielleicht "regen" wir uns ja in zukunft mehr. super. danke.
#11 Anna Bergmann in der SZ: Kritik ausüben, wunderbar!Sterling 2010-09-06 23:16
Herrgottsakra. In der Zeitung sollen sich doch alle so viel aufregen und zetern, wie sie wollen. Gerne. Her damit. Finde ich gut. Mehr davon. Im Theater übrigens auch. Kritik ausüben: wunderbar!

Es geht hier doch auch gar nicht darum, irgendein Theatersystem zu verteidigen oder gut zu heißen - das ist alles billige Andichterei von Ihnen, kh! Natürlich gibt's da viel zu beklagen im Theater. Herrjeh. Und ich wiederhole mich glaube ich, wenn ich sage, dass es einfach sturznaiv ist zu glauben, dass im Theater andere "Marktregeln" gelten würden, als in anderen Berufszweigen. Das ist doch alles ein alter Hut und lässt mich gähnen.
Auf diese ach so aufrührerischen Entlarvungen kann ich verzichten. Stattdessen nicht labern, sondern machen. Sachen ändern, anpacken, kritisch sein und den Intendanten dann mal Paroli bieten, bitteschön. Aber bitte nicht dieses Gejaule...
#12 Anna Bergmann in der SZ: Wann beginnt eure Revolution?Wandlungsfreude 2010-09-07 01:38
Liebe Anna Bergmann,
lust auf einen Kaffee?
Ich danke Dir sehr für diesen wunderbaren, offenen und ehrlichen Artikel in der SZ. Du hast mich zum Lachen gebracht! Herrlich.
Was ist nu mit RADIKAL JUNG? Setzt du ein Zeichen und lehnst ab?

Es wird also Zeit: Ihr jungen, unverbrauchten Regisseure da draußen - auch die in der Provinz.
Wann beginnt Eure Revolution? Fangt endlich an Eure Meinung zu sagen!
Alles Gute!
#13 Anna Bergmann in der SZ: lieber das Intendantensystem abschaffen123 2010-09-07 16:01
Wie denn diesem Intendantensystem Paroli bieten? Da haben es sich Menschen seit Jahren im Rahmen der Subventionen bequem gemacht, denen kann man kein Paroli bieten, ohne sich dabei selbst abzuschaffen. Wie stand es so schön vor einigen Tagen im Tagesspiegel: Alle jammern über Subventionskürzungen im Kulturbereich, viel schlimmer aber ist die subventionierte Kultur.

Gefördert werden darf ja eigentlich nur Kunst, die nicht von dritten, also Privatpersonen ebenso gut finanziert werden könnte. Nun haben sich die Apparate jahrelang an den Forderungen der Effiziens abgearbeitet und stellen selber in der Hauptsache Marken her, die, und das wird von Frau Bergmann indirekt gut erkannt, auch genauso gut privatwirtschaftlich finanziert werden könnten; und so ist es auch nicht verwunderlich, dass ein ehemaliger Intendant wie Stromberg heute als Manager privat auf dem selben Markt, ganz ohne Subventionen agiert.

Warum sich die Mühe machen den Stadt- und Staatsintendanten Paroli zu bieten? Vieler besser man schafft sie gleich ab und mit ihnen das ganze bisherige Subventionssystem. Gebt die Gelder den produzierenden Künstlern direkt. Die wissen schon damit umzugehen.
#14 Anna Bergmann in der SZ: Knäckebrotbetrieb will auch niemand sabine 2010-09-07 18:23
So ein Quatsch. Natürlich können die produzierenden Künstler ohne Bühne, ohne Beleuchtung und ohne Kostüm und Maske arbeiten. Und dann die Karte für 200 Euro dem Laufpublikum, das hoffentlich ohne Werbung seinen Weg in Hinterhöfe, Zelte und Fabrikhallen findet, eigenhändig kurz vor dem Auftritt verkaufen. Professionelle Schauspielkunst sieht aber etwas anders aus. Von der Oper ganz zu schweigen. Das Publikum aber wird sich von solchem Knäckebrot-Theater mit Sicherheit bald abwenden. Niemand wird auf die Dauer solche Veranstaltungen sehen wollen.
123, wenn Sie nicht als Utopist reinsten Wassers bekannt wären, müsste man Sie der Stammtischparolerei verdächtigen.
(...)
#15 Anna Bergmann in der SZ: interessantes ExperimentFlohbär 2010-09-07 19:52
Der Ansatz von 123 ist wirklich etwas utopisch, aber nicht ganz von der Hand zu weisen.
Die Künstler wären dann ihre eigenen Manager und müssten die administrativen Angelegenheiten selbst klären, also auch die Bezahlung der Bühnentechniker und die Werbung. Um den Blick auf die Kunst nicht zu verlieren, müssten dann diverse Organisationsaufgaben weiterdelegiert werden, sonst käme vor lauter Verwaltung gar nichts mehr zustande.
Ein interessantes Experiment wäre es auf jeden Fall.
#16 Anna Bergmann in der SZ: Fundamentalkritik ist leichtfertigsabine 2010-09-08 02:33
...und an wen sollen die Verwaltungsaufgaben z.B. weiterdelegiert werden, wenn doch niemand mehr da ist, um den Künstlern den Rücken frei zu halten? Ist das vielleicht mit ehrenamtlichen Verwaltungsangestellten zu regeln? Die müssten dann aber schon Vollzeit arbeiten. Finden Sie mal jemanden, der dazu bereit ist! Und dann die technischen Theaterberufe: Wenn keiner mehr weiss, wie Veranstaltungstechnik im Theater gemacht wird, wer soll dann die Vorstellungen so betreuen, dass sich das darstellende Personal 150ig; darauf verlassen kann?
Fundamentalkritik am Stadttheatersystem ist immer auch etwas leichtfertig, vor allem, wenn man nicht wirklich weiss, was man da attackiert und vielleicht auch abschaffen will.
Frau Bergmann dagegen hat das System aus sich selbst heraus kritisiert und die Dinge beim Namen genannt, und dies in voller Kenntnis der Verhältnisse im deutschen Theaterbetrieb. Meine Hochachtung dafür! Und Danke für den großen Unterhaltungswert, den dieses Interview für die eingeweihten LeserInnen bereithält!
#17 Anna Bergmann in der SZ: ein SubventionsgedichtSubventionierter Arsch 2010-09-08 03:13
hr sitzt in euren Zimmern und ihr wartet auf das Glück
Und ihr habt schon zwanzigtausend Zigaretten ausgedrückt
Redet nur von den Projekten und von eurem neuen Stück
Manchmal frage ich mich bin ich oder ihr verrückt?

Ich will nicht schlecht über euch reden
Es ist ja doch nur primitiv
Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst
#18 Anna Bergmann in der SZ: hochliterarische KunstdrechseleiT. Bernhard-Verachter C.Tillmann 2010-09-08 11:18
@ subventionierter A****

Ich hab's schon immer geahnt, zu welch überraschend hochliterarischen Versen akademisch-künstlerisch vorgebildete leitende Verwaltungsangestellte im Stande sind. Ich beneide Sie um ihre (hohe) Kunst. Ein wahres Kleinod der gesellschaftkritisch-selbstreflektiven Sicht einer unter der Flut unausgegorener Kreativität leidenden armen Seele. Ein überraschend-treffender Blick auf die Verhältnisse, der den zahllosen, sprechen wir es ruhig aus, psychopathologischen, hoffnungslos naiven Möchtegernkünstlern, die anstatt gegen Institutionen anzurennen, doch lieber das Verhältnis zu ihrem Vater im Zuge eines ausgedehnten Klinikaufenthalts aufarbeiten sollten, anstatt zu versuchen Kunst zu drechseln, (letztlich doch alles geborene Verlierer, geben wir's zu...) übel aufstoßen wird.
Wir sollten doch weiterhin zusehen, dass dieses wadenbeißerisch-kleingeistige Gesochs ihr prätentiös-dümmlich-dilettantisches Zeug vielleicht auf Kinderspielplätzen und Hinterhöfen aufführt aber doch bitte nicht an einem Haus...
Lust auf eine Partie Golf?
Es wäre mir eine Freude, bei der Gelegenheit meinen neuen Schläger auszuprobieren.
#19 Anna Bergmann in der SZ: Umsubventionierung ist diskutabelFlohbär 2010-09-08 13:50
Liebe Sabine, ich bin kein Gegner des subventionierten Theaters, halte aber zumindest die Idee einer „Umsubventionierung“ zugunsten der Künstler für diskutabel.
Rockbands werden auch nicht subventioniert, sie müssen für ihre eigene Logistik aufkommen, die Hallenmiete und die eigenen Techniker bezahlen. Natürlich hinkt der Vergleich, denn sie leben vom Verkauf ihrer Musik.
Wenn nun die Millionen an Subventionen direkt an die Schauspieler fließen würden, müssten sie sich eben auch um solche Dinge wie die Bühnenmiete kümmern oder ein eigenes Theater gründen. Damit wäre aber auch dem Dilettantismus Vorschub geleistet, jedenfalls bei einigen Akteuren.
Im Übrigen teile ich Ihre Meinung über die Qualität dessen, was Anne Bergmann in ihrem Interview geäußert hat, obwohl ich nicht zu den Theaterschaffenden gehöre.
#20 Anna Bergmann in der SZ: Tocotronic issesmiss laine 2010-09-08 14:05
aha. tocotronic sind (akademisch-künstlerisch vorgebildete) leitende Verwaltungsangestellte.
#21 Anna Bergmann in der SZ: wider Markt und bürokratischen Geistbabykünstler 2010-09-08 16:29
was ist unausgegorne kreativität?
was ist eine reiche seele?
warum sollen künstler per se gegen institutionen anrennen?
ich verstehe den konstruktiven ansatz ihres postings nicht, 18,
vielleicht könnten sie ihre grundgedanken ausführlicher ironie-
frei darlegen, ich habe nur verstanden, dass sie ein künstlerbild haben, welches sich in abgrenzung der arbeitswelt versteht, ja?
wie sortieren oder entscheiden sie, wer in ein haus darf und wer im freien auf kinderspielplätzen und auf hinterhöfen - also rein oder raus muss? wer rein darf, der bekommt ja idealerweise von den institutionen produktionsbedingungen gestellt, die den, der im
freien ist und dem es an ressourcen zur optimalen entfaltung der kreativen möglichkeiten mangelt, neidisch am daumen lutschen lässt.
bräuchten wir nicht institutionen wider dem bürokratischen geist, also institutionen, die bedingungen für kreative prozesse und ergebnisse schaffen? wäre ein sturm auf institutionen nicht ein kämpfen für ressourcen, ohne dass man die künstler verachten sollte, die aus mangel an ressourcen leiden? warum sind sie mit denen nicht solidarisch? überdenken sie, ob ein humanistischer ansatz dem arbeitskampf dienlicher wäre als zynismus. die derzeitigen produktionszwäge an häusern sind genauso unmenschlich
- zum beispiel wenn man jungen künstlern unterstützung im produktionsprozess verweigert und sie damit rausmobbt, indem man sie auflaufen lässt - wie der grunddlegende mangel an ressourcen in der freien szene - misserfolg als künstler fällt nicht auf den künstler zurück, auch wenn meine lieben kollegen sich selbst hassen, wenn sie keinen erfolg haben - wer kunst machen will scheitert, wenn er scheitert immer an den bedingungen, kooperation, arbeitsklima, sachmittel, etc - er selbst ist das sekundäre.
ich bin übrigens autor und meine grundlegenden arbeitsbedingungen sind schon grundlegend beschissen, der umgang mit mir an häusern im grunde auch, auch wenn ich nach außenhin als "erfolgreich" plakatiert bin - ich schütze mich gegen selbsthass, indem ich den kontakt zu meinen kollegen meide, obwohl ich gerne mit ihnen (also festen an häusern, freien in hinterhofklitschen) solidarisch sein möchte. grundlegend habe ich tiefes mitgefühl - mit den kollegen aber auch mit mir selbst als künstler. es ist keine feigheit und auch kein "ich beiße nicht die hand die mich füttert" die mich so grundsätzlich von kollegen fernhält. und ich leide auch darunter, vorallem leide ich mit - das kann ich hier ja mit pseudonym sagen - mich kotzt es außerdem an eine harte, professionell harte, kalte maske nach außen zu tragen um mich nicht angreifbar zu machen, weil ich der ressourcen für mich auch als künstler bedarf - ich kann doch nur hinter dem pc menschlich sein. und das ganze problem ist nur, dass es nicht für alle reicht. wenn ich offen sage, dass ich unter der armutsgrenze vegetiere, dann sagt man mir, ich solle mehr produzieren und mich der vermarktbarkeit (nicht verwertbarkeit) meiner texte besser anpassen, ich solle mir einen anderen beruf wählen oder ich solle mich prostituieren. vor scham über meine armut traue ich mich oft nicht aus dem haus - und vorallem darf ich nicht darüber reden, weil meine armut auf grundsätzliches unvermögen, als künstler, zurückgeführt wird.
#22 Anna Bergmann in der SZ: mehr Poesieaus-land-er 2010-09-08 16:36
kritisch kritisch
kain-näh mensch-scheen-lieb-bäh!
kain-fair-ständ-niss
sünd(s) nur schlÄchte hieb-bäh
ah-uff ehr-wertet-es kühnst-leer-klück
dödlicht zieh-gar-retten ah-US-geh-drückt

fair-acht-tät
von wegen zu klein-närr kunnst
fair-ab-scheut ehr euch All(e) zuh-tieffsst
(ah-US tief-fair-renn krr-ründen?)

vieh kann man nuur
ei-nenn so-o subvention-nierten A....
bringen
(is doch zoom himm-mehl-ruf-feen-hände-ringen!)
dörr süch All-s ein soll-cher ah-US-schreibt?!

ein ton ist dies oft in old germany
und schon lange
- eine alte weltberühmte kulturnation -
(un-ehr-hört!)

(unerhört!)
#23 Anna Bergmann in der SZ: konkurrenzlos muffig123 2010-09-08 20:35
...ich überfliege das gerade hier...Knäckebrottheater fand ich wirklich gut, süß...nein, nein: Ich bin ein Profi und weiß wovon ich rede, und ich mache mir überhaupt keine Sorgen darüber, dass es auch professionelle Kunst in einem neu zu entwerfenden System geben wird. Fortuna mag keine Feiglinge und Thalia schon gar nicht. Wie ängstlich das alles klingt. Wenn einige von ihnen tatsächlich mal in die Betriebe hineingescnuppert hätten , nur geschnuppert, dann würden sie zu der gleichen Erkenntniss kommen, wie Frau Bergmann, da stimmt schon lange etwas nicht mehr. Das riecht nach Muff und Langeweile. Die Theater befinden sich doch fast in einer ähnlichen Situation, wie in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als man das Regietheater erfinden musste zur Überprüfung der Klassiker. Heute muss das vom Subventionsbetrieb gezüchtet Künstlerpersonla überprüft werden. Die Auswahl von Künstlern kann man nicht der Intendantenrunde überlassen. Dies wäre fahrlässig. Es muss schon hundert Jahre oder mehr her sein, da wollte man durch neue Töpfe die alternative Szene stärken. Heute hängen die Intendante auch an diesen Töpfen und stehen auf Grund eines durch Subventionen verzerrtem Marktbildes fast alleine da, konkurrenzlos unter sich selber Konkurrenz simulierend mit Staatskohle, wober sie in Wahrheit immer nur die gleichen Künstler hin und her reichen. Wie wollen sie dies Problem lösen ohne eine grundlegende Veränderung in der Verteilungsstruktur der Subventionen. Die Intendanten kommen dort aus eigener Kraft nicht mehr herraus. Sie sind in ihrem Gebähren zu morbide und eingefahren. Denen kann man nicht mehr helfen.
#24 Anna Bergmann in der SZ: Theater schauen, ans Geld denken@ 123 2010-09-09 05:32
lieber 123! wenn Sie so auf theater sehen, was sehen Sie denn dann noch? Sie beschäftigen sich mit karrieren, wenn Sie auf die bühne sehen. würde das aufhören, wenn da irgendetwas stattfinden würde, daß Sie nur ans geld denken? wüßten Sie denn dann noch, wie das aussähe?
#25 Anna Bergmann in der SZ: Was wollen Sie von mir?123 2010-09-09 20:23
@24. Keine Ahnung, was Sie von mir wollen. Wenn ich Theater schaue, denke ich nicht ans Geld, wenn ich Theater mache, muss dies häufig sein. Was wollen Sie von mir?!!! Was?!
#26 Anna Bergmann in der SZ: interessante Debatte auf Metaebene katapultiertsabine 2010-09-11 02:19
123, Sie sind wirklich so ein Nerd! Wieder einmal eine eigentlich interessante Debatte auf die Metaebene katapultiert und damit beendet. Eigentlich sollte es doch um Anna Bergmanns Interview gehen hier, oder? Also was jetzt. Mich würde zum Beispiel interessieren, ob Frau Bergmann irgendwelche Repressalien erlebt hat nach diesem Interview? Dann wäre doch der Beweis erbracht, dass das "Stadtheaterystem" wirklich korrupter Nepotismus ist. Oder ein künstlerisch offener Bereich. Ja?
#27 Anna Bergmann in der SZ: werde selber Intendantin1234 2010-09-11 17:52
Die Kritik ist ja nachvollziehbar - auch wenn S. Schwarz von den "selektionisten" spricht - aber: die kreativen übernehmen den Betrieb? sind das die besseren menschen? gefeit vor freunderlwirtschaft? mit grosser lust auch in den rechfertigungsdebatten und im örtlichen kulturausschuss? und beim drittmitteleinsammeln? Was anna und samuel nicht sehen (wollen): der management job ist notwendig, damit dem kreativen überhaupt die mittel zur verfügung stehen. an einem theater ohne geld und erfolg möchte die anna auch nicht arbeiten.
und bitte: die strukturen der freien szene sind doch viel unfreier als das stadttheater - da gibt es mit Intendatewechsel wenigstens mal einen austausch der kreativen. wann wechselt sich in der freien szene schon einmal ein leader selber aus?
beleidigte intendanten - ok - ebenso nervig: jungregisseure, die ein haus monatelang hinhalten, um dann eine inszenierung am wichtigen theatertreffengestählten haus zuzusagen.

Liebe Anna (ironiefrei jetzt): werde selber intendantin und ändere die dinge. wünsche dir, daß du viel zeit für lange Gespräche mit "deinen" Regisseuren hast und nie auf die Vorspultaste drücken musst.

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