Kleist kotzt: Ach!

von Daniela Barth

Hamburg, 3. September 2010. Thomas Edison, Erfinder der Glühbirne, brachte auch in Sachen "Genie" Licht ins Dunkle, als er so treffend feststellte: "Genie ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration." Ob er mit diesem Ausspruch auf manisch-kreative Ausbrüche eines depressiven Talentierten hindeuten wollte, sei dahin gestellt. Aber für die Inszenierung eines solchen modernen Dichtergenies im Hamburger Schauspielhaus trifft die Aussage jedenfalls auf den Punkt.

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Ach, wenn ich nur lieben könnte!
© Kerstin Schomburg

"Nur ICH weiß, was mein Glück ist", schreit, schwitzt, kreischt, kotzt denn auch Bernd Getskard (Stefan Haschke) als von der Realität, Regisseuren und Kritikern gebeuteltes Genie ins Rangfoyer des Hamburger Schauspielhauses, das in dieser Spielzeit vom Kleist-Geist beseelt neben "Robert Guiskard" und "Penthesilea" Oliver Bukowskis elf Szenen über den ins Heute hinüber gehievten Dichter Bernd (!) Heinrich von Kleist zeigt. Ein Auftragswerk für die Ruhrfestspiele Recklinghausen, das dort im Mai seine Uraufführung erlebte.

Komisch überdreht, tragisch ausgeliefert
In der Hamburger Premiere vergegenwärtigt Bukowskis Stück in Gestalt Getskards tatsächliche Lebenssituationen Kleists. Er tut dies lustvoll und abgründig. Und Regisseur Markus Heinzelmann forciert derlei schwarzen Humor mit teilweise mutigen Ausflügen in den Slapstick und eine humorige Trickfilm-Geräuschkulisse, die manch' tragischen Moment mit einem "Oingplingpling" oder so ähnlich konterkariert.

Ebenso das kleine kongeniale Bühnenbild, das wie ein aufgeschlagenes Buch mit noch weißen, unbeschriebenen Seiten anmutet. Neben Getskard beschreiben auch Wiepert (Marco Albrecht), der wohl Kleists Förderer Wieland nachempfunden sein mag und die Freundin Claudi (Lydia Stäubli), in der ebenfalls mehrere Frauen aus Kleists lebenswirklichem Dunstkreis zusammen genommen scheinen, diese leeren Seiten. Sie tun dies ausführlich komisch überdreht, tragisch ausgeliefert diesem tyrannischem Genie, das doch so häufig in den Wahnsinn abgleitet.

Kleists Klage
"Ach, liebe Ulrike, ich passe mich nicht unter die Menschen, es ist eine traurige Wahrheit; und wenn ich den Grund ohne Umschweif angeben soll, so ist es dieser: sie gefallen mir nicht. (...) Indessen wenn ich mich in Gesellschaften nicht wohl befinde, so geschieht dies weniger, weil andere, als vielmehr weil ich mich selbst nicht zeige, wie ich es wünsche. Die Notwendigkeit eine Rolle zu spielen, und ein innerer Widerwillen dagegen machen mir jede Gesellschaft lästig, und froh kann ich nur in meiner eignen Gesellschaft sein, weil ich da ganz wahr sein darf."

So beklagte sich Heinrich von Kleist nicht nur einmal innerhalb seines kurzen Lebens, dem er im Alter von 34 Jahren selbst ein Ende setzte. Der Dichter spricht hier in einem Brief an seine Schwester ein Problem an, das er in seinen Werken immer wieder künstlerisch ausgestaltet: die Identitätskrise. Und sein Hadern mit der Realität, das die Kleist'sche Seele wundschlug.

Bukowskis Echo
Es seien kaum Rückschlüsse vom Werk auf das Leben des Autors möglich, so Stückautor Oliver Bukowski selbst. Kleists Tod, mehr noch sein Leben, böten jedoch genügend Anlässe und eigentümliche Widersprüche, um dem Dramatiker entweder als tragischem Genie nachzuraunen, oder ihn schlicht für großartig, aber eben psychisch gestört zu erklären. Er spüre dem Dichter buchstäblich nach.

Und, so will es scheinen: ein winzig klein bisschen Alter Ego Bukowskis ist auch in diese Figur hinein geraten... Mit allen Ängsten, die schöpferisch Tätige nun mal gesten wie heute plagen: Vorm Versagen, Verkannt werden, vorsätzlichem Scheitern. Um so so sympathischer macht es das Ganze, um so näher bringt er uns damit den Kleist wie seinen Geist.

Tolerierte Tollsüchtigkeit
Eine nicht alltags-taugliche Rastlosigkeit treibt Getskard von einem Hoch ins nächste Tief – dokumentiert in furioser Spielweise. Sehr gut funktioniert übrigens in diesem Fall der Einsatz der ja mittlerweile fast inflationär auf dem Theater eingesetzten Live-Videokamera. Man braucht bloß mal auf Youtube klicken, dort inszenieren sich auf die gleiche Weise jede Menge kleiner Getskards... Dabei nimmt der Hamburger Getskard seine Begleiter stets mit, die mehr oder weniger ja freiwillig sich dieser Drangsal aussetzen und gar zur Entblödung nicht zu schade sind. Bei Claudi ist es Liebe, bei Wiepert Bewunderung.

Schauspieler Haschke als Getskard erinnert teilweise an den ausrastenden Klaus Kinski, der seinen Gönnern ja auch gern und intensiv an die Gurgel ging, nach dem Motto: Die Hand, die mich füttert, beiße ich. Bukowski wirft hier zwischen den Zeilen auch die Frage auf, ob diese von Außenstehenden tolerierte Tollsüchtigkeit - weil jedes Hoch geniale Funken schlagen könnte - solche Menschen nicht gerade zu antreibt und damit immer weiter in den Abgrund. Was wäre, bliebe Getskard tatsächlich sich selbst überlassen, was wäre ein Schauspieler ohne Publikum, ein Autor ohne Leser?

Getskard - oder eben Kleist - treibt es letztlich in den (Frei-)Tod. Nicht ohne seine Freundin Claudi, mittlerweile selbst zum seelischen Wrack verkommen, mitzunehmen.

 

Wenn Ihr Euch totschlagt ist es ein Versehen (UA)
von Oliver Bukowski nach Motiven Heinrich von Kleists
Regie: Markus Heinzelmann, Bühnen und Kostüme: Jan Müller, Licht: Andreas Juchheim, Dramaturgie: Kristina Ohmen, Musik und Sounddesign: Olaf Helbing.
Mit: Marco Albrecht, Stefan Haschke, Lydia Stäubl.

www.schausspielhaus.de
www.ruhrfestspiele.de

 

In Hamburg wurde auch Oliver Bukowskis Arbeitslosenstück Kritische Masse uraufgeführt, und zwar von Sebastian Nübling. Das Stück wurde 2009 auch für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert.

 

Kritikenrundschau

Oliver Bukowski sei "ein namhafter Vertreter des deutschen Volkstheaters heute", so Ulrich Fischer für Deutschlandradio Kultur (Fazit, 24.5.2010), und schreibe "mit Vorliebe Farcen". Auch diesmal verstoße er "lustvoll gegen eherne Grundsätze", indem er etwa Kleists "manische Stimmungsschwankungen" zum "Quell seines Witzes" mache. Diesen "Farcencharakter" arbeite Markus Heinzelmann konsequent heraus. "Neben gröberen Witzen stehen Subtilitäten". Und das Ensemble erzeuge mitunter "den Eindruck, dass Bukowski sich auch selbst in Geskard mit porträtiert hat und darüber klagt, wie seine Stücke auf dem Theater misshandelt wurden und werden (stimmt!) und dass die zeitgenössische Kritik (...) auch bei ihm nicht in der Lage ist, den Wert seines Dramenschaffens angemessen zu bestimmen (stimmt auch!)". Bukowski sei hier "ein Meisterwerk gelungen: die Form stimmt, inhaltlich durchdringen sich kunstvoll Gegenwart und Vergangenheit - und die große Frage wird aufgeworfen, woher der Funke des Genies kommt". "Kein kleiner Abend: ein kleiner großer Abend."

Auch Martina Möller von der Recklinghäuser Zeitung (27.5.2010) schätzt Bukowskis Stück als "eine ebenso weitsichtige wie vielschichtige Betrachtung des 'Kontinents Kleist'". Und der Bukowski-erfahrene Heinzelmann bringe "das Drama des Gescheiterten in einem dichten Kammerspiel als großartige Theaterkunst" auf die Bühne, "eine traurige Geschichte und zugleich doch ein Stück voller Humor." Dabei lote Stefan Haschke den Getskard "bis ins Innerste aus", als Claudi pendele Lydia Stäubli "virtuos zwischen dem stoischen Gleichmut der langjährigen Lebensgefährtin und der verzweifelten Leidenschaft der Liebenden".

Eine "ebenso kluge wie unterhaltsame Inszenierung" hat Monika Nellissen von der Welt (6.9.2010) bei der Hamburg-Premiere gesehen. Schade findet sie lediglich, dass diese vom Schauspielhaus im 4. Rangfoyer versteckt werde. Bukowskis Farce sei "ein blitzender Solitär, der ein repräsentativeres Umfeld verdient hätte", und der Autor "ein Meister der kleinen, zugespitzten Form, die in ihrer sprachlich grellen Gestaltung" an Schwab und Jelinek erinnert. Heinzelmann kontrastiere "nach Kräften knallige Effekte aus der Schaubuden-, Pop- und Stand-up-Comedywelt so kurzweilig mit Gedankentiefe (...), dass Bukowskis Paraphrase über das Leben des Dichters Heinrich von Kleist naiv und raffiniert zugleich, volksnah, dabei jedoch nie zu platt, respektvoll, aber nicht unterwürfig, ganz mühelos das Heute mit Kleists Welt verbindet". "Ohne jegliche Bildungshuberei" flechte Bukowski Texte von Kleist und Kant ein und bleibe "historisch genau bei allen schrillen Abschweifungen ins Jetzt". Gespielt werde zudem von drei "fabelhaften Schauspielern", sie alle wandelten "traumwandlerisch sicher auf dem schmalen Grat zwischen Groteske und Tragödie".

"Anhand grob verfremdeter Details" hangele sich der Abend "am biografischen Faden" Kleists entlang, beschreibt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (6.9.2010). Heinzelmann poliere "das Dichterelend mit viel schwarzem Humor und Anleihen bei Comicstrip-Gesten munter" auf, was mit Bukowskis "frechem Sprachwitz trefflich" korreliere. Die Kleistfigur gleiche beim "hyperventilierenden" Stefan Haschke einem "tollwütigen Hund. Mit Melancholie im Blick gibt er den zerrissenen Dichter." Meist umkurve er die Mitspieler "wie ein aufgezogenes Spielzeug". Bernds Freundin Claudi werde von Lydia Stäubli "als liebende, pragmatische Barbiepuppe" gespielt, "ein lebendiges Trostpflaster mit Engelsgeduld". "Unter hohem Körper- und Stimmeinsatz bestreitet das Trio Infernale diesen Abend mit beachtlicher Konzentration und hält das Tempo allezeit hoch." Das "Drama der Künstlerseele" drohe hinter der "hektisch aufgeregten Oberfläche allerdings zu verschwinden".

 

 
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