Diva an Deck

von André Mumot

Hamburg, 4. September 2010. Irgendwann fragt man sich nur noch: Wann kommt sie denn nun endlich, die Flut, und macht Schluss mit all dem Bühnenelend? Oder immerhin: Wann kommt Nadja? Das könnte zumindest Walter Giller durch den Kopf gehen, der an diesem Abend in einer der ersten Reihen im Thalia-Theater-Zelt sitzt. Denn natürlich ist er hier, weil die Frau, mit der er seit 1956 verheiratet ist, in der neuen Revue von Schorsch Kamerun einen kleinen Auftritt hat. Der erfolgt erst gegen Ende – lässt dafür aber in Sachen Pomp und Umstand und Trara nichts zu wünschen übrig. Nadja Tiller, die bereits als anrüchiges Freudenmädchen des Wirtschaftswunder-Kinos eine abgeklärte Grande Dame war, wird auf einer Tingeltangel-Sänfte ins Bühnenrund getragen: eine hoheitsvolle Senioren-Cleopatra, standesgemäß eingekleidet in schwarzem Abendkleid und Goldcape, zugleich eine morbid bedrohliche Königin der Nacht.

Gala-Auftritt im Zeigefinger-Lehrstück

Sie hat sogar so was wie eine Rolle, spielt eine verstorbene Opernsängerin, die kurzzeitig aus dem Totenreich zurückkehrt und etwas kryptisch, aber mit beeindruckend kontrollierter Stimme eine Verkündigung vorbringt, in der es darum geht, dass Monster unseren Planeten zerstören, was wohl auch etwas mit "Topmodels, Kettenläden und Frontmaschinen" zu tun haben muss. Man weiß es nicht so genau, und es ist auch vollkommen wurscht, weil dieser nur wenige Minuten dauernde und vom Kammerchor Altona begleitete Vortrag so schön demonstriert, wohin der Abend hätte führen können. In diesem Gala-Auftritt ist alles Camp und Blödsinn, alles strotzt vor hingebungsvoller Liebe zu Effekt und ordinärer Geschmacklosigkeit. Die Tiller aber ist zugleich völlig erhaben und strahlt eine derartig unpassende Intelligenz und Würde aus, dass man sich wirklich ein wenig freuen kann, diesen beschwerlichen Abend durchlitten zu haben.

Aber "Vor uns die Sintflut" legt eben keinen großen Wert auf den flamboyanten Trash, sondern will vor allem politisches Lehrstück sein, das sehr vordergründig den Zeigefinger hebt. Wohl auch deshalb, weil an der Spielstätte in der Gaußstraße gebaut wird und das Zelt des Thalia Theaters, in dem die Spielzeit beginnt, am Rand der elitär gemeinten Hafen-City aufgestellt wurde. Klar: Das schreit nach Moralpredigt.

"Ich muss dringend nach Neapel"

Also hat sich Schorsch Kamerun thematisch von einem Song seiner eigenen Band, der "Goldenen Zitronen", inspirieren lassen, der auch mit besonderem Nachdruck ins Bühnengeschehen eingebunden wird: "Wann geht mein Schiff vom Stapel, ich muss dringend nach Neapel", tönt es in Wenn ich ein Turnschuh wär – und die hier besungenen illegalen, staatenlose Flüchtlinge, deren Hoffnung Europa heißt, werden wiederum von jenem Chor aus Altona gegeben.

Die Damen und Herren kommen in Alltagskleidung auf die Bühne, singen davon, dass uns Waren wichtiger sind als Menschen, und besetzen das elegante Kreuzfahrtschiff, das Bühnenbildner Christoph Rufer mit einer dekadenten Kolonialisten-Retro-Bar aus gestepptem Leder, Stoßzahndeko und Nashornkopf ausgestattet hat. Ach ja, auch den Heizern, die unten im Maschinenraum schuften, gibt der Chor eine Stimme. Das sind nämlich die "echten Menschen", über deren Schicksal als Ausgebeutete der Kapitän hämisch kichernd sagen kann: "Die sind das so gewohnt, hier unten zu sein, die würden sich an Deck gar nicht wohl fühlen."

Sarrazin und Sarkozy, pfui!

Kein Wunder – schließlich flaniert dort profilneurotisch ein Häuflein von realitätsfernen Künstlertypen: eine überkandidelte Opernsängerin (Sandra Flubacher) mit einem Bohème-Anhang, der sich hysterisch vor Möwen fürchtet, allerhand kapriziöse Selbstverliebtheiten pflegt und den Flüchtlingen zwar jederzeit einen Job als Klofrau gönnt, sie aber nicht in Sichtweite haben möchte: "Es ist mir peinlich, unter diesen Augen Alkohol zu trinken", sagt die Diva und ekelt sich sehr demonstrativ vor den Deklassierten. Die Boat-People, das erfahren wir in einem kleinen Kabarett-Schlenker gegen Sarkozy und Sarrazin, sind übrigens Roma aus Paris und haben alle "dieselben Zigeunergene".

Also brandaktuell das pädagogische Seemansgarn, alles sehr wichtig, alles extrem gut gemeint – nur eben äußerst einfältig konstruiert, holprig getextet, ohne Raffinesse, ohne Witz und ohne glaubhafte Betroffenheit inszeniert und gespielt. Zum Glück macht die auf einem biederen Beistellsofa postierte Band "Die Vögel" ab und zu einigermaßen fetzige Musik und hat einen angenehm relaxten Hund dabei, auf den man sein Augenmerk richten kann, während die kindischen Klassenkämpfer ihre unlustigen Scharaden aufführen. Nein, die Flut kommt nicht, nur die Message. Wieder und wieder. Und Nadja. Das ist albern und toll und immerhin etwas, nützt dann aber auch nichts mehr.

 

Vor uns die Sintflut – Von fliehenden Kreuzfahrern und seeräubernden Weltbummlern
Ein Projekt von Schorsch Kamerun
Inszenierung: Schorsch Kamerun, Bühne: Christoph Rufer, Kostüme: Inge Timm, Musik: Die Vögel feat. Thomas Wenzel, Dramaturgie: Beate Heine, Tarun Kade.
Mit: Sandra Flubacher, Marina Galic, Lisa Hagmeister, Felix Knopp, Thomas Niehaus, Nadja Schönfeldt, Paul Pötsch, Pola Fendel, Alexander Simon, Nadja Tiller, Manse Reents, Jakobus Siebels, Thomas Wenzel, Kammerchor Altona und Gäste.

www.thalia-theater.de

 

Der Punk-Musiker und Theater-Queereinsteiger Schorsch Kamerun wird an den großen Häusern schon seit geraumer Zeit als Spezialist fürs angeschrägt Subversive gehandelt. Herausgekommen sind dabei zuletzt Abende wie M.S. Adenauer am Schauspiel Köln (März 2009) oder das fröhliche Theater-Fußball-Sponsoring Spiel Abseitsfalle in Oberhausen (März 2010).


Kritikenrundschau

"Worum geht es hier eigentlich? Eine Seereise? Künste? Reichtum und Armut?", frage der Erzähler-Journalist auf der Bühne. "Um alles ein bisschen und gar nichts wirklich, hätte man ihm antworten müssen", so Friederike Graeff in der taz (7.9.2010). Was Kamerun an diesem Abend fehle, sei der Mut zum echten Spektakel, zum Schmerzhaften und Unappetitlichen. Ein Fellini-Aufguss reihe sich an vage Sozialkämpferisches, "da helfen auch die lichten Momente wenig. Die gibt es, sei es der Monolog der Bohèmienne über das Unterhaltungsreisen – 500 Leistungsträgern beim Ententanz zugeschaut."

Till Briegleb deckt in der Süddeutschen Zeitung (6.9.2010) die unausgewiesene Folie für Kameruns Inszenierung auf: Fellinis "Schiff der Träume". Mithilfe der Figuren aus Fellinis Film werde probiert, sowohl "eine neue Perspektive auf die Festung Europa zu eröffnen" als auch "das Format der Unterhaltungsrevue von seinen Fesseln der Einfalt zu befreien". Jedoch fehle es dem Abend dafür rundum an Logik und Zusammenhang. "Der Umstand, dass ein Schiff, das man kapern möchte, trotzdem fahrtüchtig bleiben muss, ging bei dieser Freibeuter-Nummer leider vollkommen baden." Alles, "was Kamerun-Theater stark machen kann - anarchische Spontanität, absurde Verknüpfungen, überzogene Bilder, politische Blödelei und gute Musik - fand an diesem Abend kaum statt oder nuschelte sich irgendwo ins Nichtssagende." Der "einzige subversive Moment dieser Veranstaltung" sei Nadja Tillers Auftritt mit dem Song "Monster" von den Goldenen Zitronen. Denn Tiller "präsentiert Glamour und transportiert dabei im Text das Gegenteil."


"Unumstritten eine Gipfelszene in dem an dramaturgischen Höhen eher armen Schorsch-Kamerun-Projekt" findet auch Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (6.9.2010) den Auftritt von Nadja Tiller als Operndiva. Trotz dieses und manch weiterer Momente "wunderbaren, berührenden" Schauspiels, bleibe der Abend "ein Paradoxon wie sein Schöpfer, der stets so wohlerzogen wirkende Punk im Stadttheater." "Eine Menge Anarchie und Dada huscht da durchs Bild. Leider auch viel unausgegorenes, moralisierendes Bildungstheater. Die politischen Denkanstöße laufen in knappen Szenen und in Texten von hölzerner Direktheit ins Leere."


Von Ödnis und vielen Buh-Rufen für den Regisseur berichtet Stefan Grund in der Welt (6.9.2010). "Gemein: Wegen der harten Holzbänke gelang es trotz Schaumstoffkissen nur wenigen Zuschauern, einzuschlafen. Gut: Die Kaimauer vor dem Zelt war gesichert, sodass beim Verlassen des Zeltes niemand schlaftrunken oder tränenblind in die Elbe stürzte." Bemerkenswert ist dem Kritiker vor allem ein Auftritt von Lisa Hagmeister. Sie "fordert in ihrer Rolle als Bohemienne zum Schluss 'Tod den Vermessenen', meint damit aber eher böse Kapitalisten als schlechte Regisseure".


 
Kommentar schreiben