Den Kommunismus mit der Seele suchen

von Esther Slevogt

Berlin, 4. September 2010. Die Idee ist natürlich hübsch, diese Geschichte von Peter Hacks aus der DDR-Produktion in Goethes Weimarer Junozimmer spielen zu lassen. Denn all die edlen und weniger edlen Proletarierfiguren, die Hacks in seinem Drama aus den späten Fünfziger Jahren die Schwierigkeiten beim Aufbau des Sozialismus verhandeln lässt, sind uns heute wohl ähnlich fern wie die Gestalten aus Goethes Dramen. Auch sind sie in der dargereichten idealisierten Form natürlich nichts als Gespinste eines Dichterhirns.

Rußverschmierte Klassik

Gleichzeitig illustriert der Kohledreck, der irgendwann die heiligen Hallen des Weimarer Staatsministers und Fürstenerziehers verschmutzt, sehr schön, was für eine Zumutung der Proletarier an sich für die bürgerliche Kunst darstellte, die sich eher nach der Aristokratie als nach der Arbeiterklasse streckte. Weshalb der Sozialistenerzieher Peter Hacks die rußverschmierte Klasse so gern aus dem Kohlenstaub hinauf auf den Sockel der Klassik heben wollte.

Und so hören wir Emma Holdefleiss, Arbeiterin einer Brikettfabrik, am Schluss in Blankversen den Kommunismus mit der Seele suchen. "In meinem leeren Beutel / Trag ich die Fülle der Welt, den Kommunismus, / In den wir einziehn werden und in einem / Nicht fernen Jahr. Es gibt Beschlüsse darüber. (...) / Und so malt euch also mit den grauen Tinten / Der Gegenwart der Zukunft buntes Bild", sagt die schwärmerisch-fanatische Aktivistin Holdefleiss also. Die Schauspielerin Claudia Eisinger trägt ein schmales Biedermeiergewand und schaut trotzig beseelt in die Ferne. Der kolossale antike Juno-Kopf im Hintergrund ist inzwischen umgedreht und zeigt Karl Marxens Konterfei. Möglicherweise ist es aber auch bloß Oswald Twardowski, der (vom langhaarigen Michael Schweighöfer gespielte) Parteisekretär jenes Braunkohlewerks, das so schlechte Briketts produziert, dass die Glasfabrik, deren Öfen sie beheizen soll, nicht plangemäß arbeiten kann.

Sargnägel der DDR

Womit man dann schon mitten in der Fabel wäre, die Peter Hacks zu seinem Stück "Die Sorgen und die Macht" verarbeitet hat. Jürgen Kuttner und Tom Kühnel haben es nun aus der Mottenkiste geholt und mit einigem Ehrgeiz auf die Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters gebracht. In dieser Mottenkiste führt Hacks' 1959 uraufgeführtes Stück seit 1963 ein recht sagenhaftes Leben, haben doch die Motten darin die Größe veritabler Vampire: Die dritte Inszenierung des Dramas durch Wolfgang Langhoff am DT löste 1962 einen der größten Theaterskandale der DDR aus. Die Partei sah ihre Führungsrolle darin nicht angemessen behauptet, das Proletariat auf seinem Weg zum Sozialismus nicht angemessen dargestellt, weswegen das Stück abgesetzt wurde und der inszenierende Intendant Wolfgang Langhoff gleich mit.

Nun war der – wie der von ihm entdeckte und geförderte Hacks – kein Dissident, sondern ein loyaler Kommunist, der für seine Überzeugungen im KZ gesessen hatte und darüber das einst weltberühmte Buch "Die Moorsoldaten" schrieb. Das gleichnamige Lied, an dessen Entstehung Langhoff ebenfalls beteiligt war, hatte in der DDR den Status einer zweiten Nationalhymne. Und es wird auf der Kopie von Goethes Streicher'schem Flügel im Junozimmer nun auch einmal leise intoniert. Zuvor verliest Jürgen Kuttner im grauen Anzug leise stotternd Langhoffs Widerruf.

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Arbeiter im Goethezimmer © Arno Declair.

Denn Kühnel und Kuttner wollten nicht nur Hacks aufführen, sondern auch den Skandal, dessen Gift schleichend bis zum Untergang der DDR wirkte, den dieser Abend ebenfalls mitdenkt und -spielt. Und so begegnet man mit Wolf Biermann noch einem weiteren Sargnagel der DDR, dessen Lied "So soll es sein" in der Live-Version des Kölner Ausbürgerungskonzerts von 1976 Michael Schweighöfer recht authentisch zum Besten gibt. Doch anders, als dort vorhergesagt, ist die Erde nicht rot geworden, und Deutschland schon gar nicht. Stattdessen fiel die Mauer, die Hacks mit ihren "schmucken Türmen, festen Toren" einst als schönstes Bauwerk der Welt lobpries. Dann kam der Kapitalismus wieder. Und so wechselt der Abend zwischen DDR-Revue und orthodoxer Hacks-Exegese bei gleichzeitigem Versuch ihrer Unterwanderung. Hacks' Figuren tauchen dabei einerseits als Karikaturen und dann wieder als Weimarer Edelmenschen auf. Freilich von einem ziemlich beeindruckenden Ensemble gespielt.

Kontextualisierer Kuttner

Zwischendurch tritt immer wieder moderierend beziehungsweise "kontextualisierend" Jürgen Kuttner auf: Am Anfang droht er höchst vielversprechend den Zuschauern, man werde sie im Auge behalten, ob sie die nötige Reife für diesen Abend zeigen – auch ein Wink an die orthodoxen Hacksianer, die im Vorfeld eine texttreue Aufführung angemahnt hatten. Mit kabarettistisch-kuttnerschem Aberwitz erläutert er im Daueredefluss Kontexte der Skandalgeschichte des Stücks und seiner aktuellen Bearbeitung, lässt Gedichte wie Hacks' archaischen Fluch auf die Putschisten um Erich Honecker einfließen, die 1971 Walter Ulbricht absetzten. Und als Conferencier persifliert er ostalgischen Kulturhausmuff.

Das alles ist anfangs locker szenisch durchkomponiert und wechselt so spielerisch die Ebenen, dass es ein Zuschauerglück ist. Ob da in einem Vorspiel auf dem Theater erst der stellvertretende Leiter der Kulturabteilung des ZK der SED das Stück zur Aufführung in wichtigen DDR-Industriestädten empfiehlt, und gleich darauf der neuzeitliche Hacks-Experte Frank Schirrmacher ins Laberdelirium verfällt. Oder ob ein Ranicki-hafter Führer durchs Goethehaus am Frauenplan lispelnd allerlei DDR-, Hacks- und Goethe-Experten interviewt. Das alles ist klug und lustig umgesetzt. Schön auch, wie die Akteure des Abends fast schon an seinem Ende in einer Art Weimarer Pogo-Cancan zu dem bösen Song der DDR-Punkband "Feeling B" schunkeln: "Ich such die DDR und kann sie nicht mehr finden... Wenn sie zurück käme, ich würde ihr verzeih'n".

Kommunistischer Galilei

Feeling-B-Sänger Aljoscha Rompe war übrigens der Stiefsohn des Wissenschaftlers Robert Rompe, der 1950 ein ähnliches Schicksal wie Wolfgang Langhoff erlitt und im Zug der Parteisäuberungen seiner Parteiämter enthoben wurde. Langhoffs Konflikt mit der Partei begann ja nicht erst mit Hacks. Weshalb das Jammerbild, das sich die Inszenierung von diesem kommunistischen Galilei macht, eben ein falsches ist. Aber Tiefenschärfe ist nicht die Sache dieses Abends, der viel zu viel will, alles mit allem verbindet, den Text, den Skandal, den Untergang der DDR und die seltsame Hacks-Renaissance, vor der man sich auch noch abzugrenzen trachtet. Kühnel und Kuttner wollen klüger sein als alle zusammen – und sind am Ende doch nur altklug.

So redet Kühnel im Programmheft treuherzig davon, dass Peter Hacks im Westen sozialisiert worden sei, in der DDR weder zur Schule, noch zur FDJ, geschweige denn zur Armee gegangen sei, sein DDR-Bild also eigentlich das eines Westlers sei. Im Gegensatz zu Heiner Müller, der sein Stück "Der Lohndrücker" selbst erlebt habe. Dabei sind, mit Verlaub, sowohl Hacks wie auch Müller noch in Deutschland einig Nazi-Land zur Schule gegangen, und hatten das wehrpflichtige Alter längst hinter sich, als die Nationale Volksarmee 1956 gegründet wurde. 1955, als Hacks in die sechs Jahre zuvor gegründete DDR übergesiedelt ist, gab es noch gar keine NVA. Kühnels Logik zufolge müsste eigentlich auch der Saarländer Erich Honecker ein Westler gewesen sein.

Und so zieht sich der nicht zu Ende gedachte Abend nach der Pause sehr zäh seinem süffigen, aber unübersichtlichen Finale entgegen und erstarrt schließlich vor dem Monument Peter Hacks. Da hilft auch das Vorlesen der hinreißend fiesen Gedichte nichts, die Hacks nach dem Mauerfall verfasste, und in denen er die DDR-Bürgerrechtler und Wende-Exekutierer reihenweise aufs Schafott fantasiert.

 

Die Sorgen und die Macht
Ein Stück über die Zukunft von gestern nach Peter Hacks
Regie: Tom Kühnel/Jürgen Kuttner, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Daniela Selig, Musik: Michael Letz, Licht: Ingo Greiser, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Michael Schweighöfer, Elias Ahrens, Jürgen Kuttner, Christoph Franken, Susanne Wolff, Felix Goeser, Gabriele Heinz, Claudia Eisinger und Michael Letz (Musiker).

www.deutschestheater.de

 

Auch andernorts hat man jüngst Peter Hacks auf die Bühne gebracht: Sein Trauerspiel Jona wurde im November 2009 am Wuppertaler Theater posthum uraufgeführt; das Theaterlabor Bremen entdeckte im März 2010 das Stück Der Schuhu und die fliegende Prinzessin neu. In Frankfurt lauschte man – Goethestadt gemäß – im August 2008 noch einmal Hacks Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe.

 

Kritikenrundschau

In der Zeit (9.9.2010) holt Evelyn Finger weit aus, um zu beschreiben, wie in Hacks' Stück ein "sozialistischer Arbeiter seine einst geliebte, aber zur Zwangsjacke gewordene Heimat DDR - und mit ihr die ganze Welt verflucht". Die Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner machen daraus nun eine flotte Weltuntergangsshow. "Sie beklagen nicht etwa ostalgisch das Scheitern des Sozialismus, sondern feiern menschliches Versagen und lassen Endzeitgefühle tragikomisch wetterleuchten." "Was hat das mit uns zu tun?", fragt Finger und antwortet "vielleicht so viel, dass die Menschen auch heute noch intriganter, feiger und weniger gut seien, als man sie sich wünschen würde. Dass sie als Theaterfiguren das klassische Heldenideal weiterhin verfehlen." Der sozialistische Klassiker Hacks habe unterm Ende der DDR arg gelitten. Doch vorher litt er an der DDR. "Dass jetzt in Berlin die beiden Regisseure seinen zeitlosen Pessimismus und seine ausweglose Wut hervorkehren - darin liegt ihre Kunst."

Jürgen Kuttner und Tom Kühnel gelinge bei ihren Ausgrabungsarbeiten in der versunkenen DDR-Theater- wie Realgeschichte das Kunststück, Hacks mitsamt seinen etwas abgenutzten ideologischen Seifenblasen gleichzeitig ernst zu nehmen und im fröhlichen Kabarett zu entsorgen, findet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (7.9.2010). Sie inszenieren nicht Hacks' Stück, "sie inszenieren mit ihrem Abend 'über die Zukunft von gestern' den historischen Abstand zwischen den Utopien von damals und einer utopie-resistent ausgenüchterten Gegenwart." Gleichzeitig inszeniere das Regie-Duo das schräge Selbstbild, das Hacks von sich selbst als sozialistischer Klassizist und Zonen-Goethe entworfen und konsequent durchgehalten hat.

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner nähmen Peter Hacks und sein Stück "Die Sorgen und die Macht" ernst, schreibt Irene Bazinger von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.9.2010). Gleichzeitig zeigten sie "eine Weile recht unterhaltsam, wie viel Komik dieses verbotene Drama enthält, wie viel Schabernack und Slapstick es verträgt. Und dringend braucht: Denn der darin geschilderte Konflikt (...) ist schnell verstanden." Die Figuren hingegen blieben im Text wie in der Inszenierung "vor allem blutlos, leblos, trostlos. Sie sind gute Beispiele, aber schlechte Theaterfiguren." Das Stück erscheine "als anfangs amüsant aufgelockertes, indes zusehends flaues, verstaubtes, bei aller Ironie augenzwinkernd ostalgisches Aufbau-Märchen". Die Schauspieler holperten darin "so tapfer wie ratlos über das ideologische Trümmerfeld der DDR-Vergangenheit", wobei Kuttner selbst sich "darstellerisch ohne Glück als Ingenieur und Conférencier" versuche. Fazit: "vergebliche Liebesmüh (...), die hauptsächlich eine Erkenntnis ausstrahlt: Für das Thema wie für das Stück ist inzwischen einfach alles zu spät."

"Endlich", denkt sich Tobi Müller von der Frankfurter Rundschau (6.9.2010), "ein Stück Theatergeschichte statt dem immer gleichen Erinnerungsfernsehen." Und wenn Kuttner Langhoffs Selbstkritik spreche, gehe tatsächlich "ein Schauder um. Nicht weil Kuttner das besonders schön machen würde. Auch kaspert er hier keine Sekunde. Es ist nur dieser Text. Das blanke Erinnern." Das allerdings bleibe an diesem Abend "ein solitärer Moment". "Zweifel oder Fragen nach der Relevanz dieses Stückes oder dem Hintergrund dieser oder jener seltsamen Idee beißt Kuttner neuerdings weg oder weicht ihnen aus. Außer dass Biermann zurecht ausgewiesen wurde und Ulbricht hingegen schon recht war, weiß man nicht, was das Projekt dieses Abends sein soll." Immer wieder müsse man sich mit Problemen zwischen der Brikettfabrik und der Glashütte herumschlagen. "Die schiere Masse dieses Stückes drängt die Kommentare, die Kuttner ja doch mehr am Herzen liegen, gnadenlos zur Wand." "Nichts gegen gelungene Reich-Ranicki-Imitationen" oder Hacks "erzreaktionäre Klassikerauffassung im Kabarett-Format. Aber dieses Stück hat nichts damit zu tun." Und die "zeitlich gedrängten Geschichtskommentare" überschritten das "Niveau des gern attackierten Fernsehens kaum". Auch hätte man Müllers Meinung nach statt dieses "gut dokumentierten" Theaterskandals lieber die ungeklärtere Rolle des DTs im Jahrzehnt vor der Wende beleuchten sollen.

Die Frage "Wie es damals war in der DDR"? beantworten Kühnel/Kuttner laut Reinhard Wengierek von der Welt (6.9.2010) folgendermaßen: "Sehr komisch, ziemlich befremdlich, eigentlich ganz aufregend und verrückt und irgendwie gar nicht so schlimm." Kunterbunt gehe es zu, bei dieser "Zeiten, Figuren, Personen, Dokumente und Poesien verwischend durcheinander wirbelnden kabarettistischen Revue über das politische und ästhetische Grundverständnis des Peter Hacks", mit "unübersichtlich breitgetretenen Hacks-Paraphrasen". Das "schwungvolle Finale" zitiere dann "geradezu bewundernd, ausgiebig und geschliffen den bösen Hacks-Hass auf alle Mauer-Einreißer". Was 1963 "mutiger Realismus" gewesen sei, sei "aus heutiger Sicht (...) affirmativer Hokuspokus". Dass Hacks "selbst auf dem Parnass bis zum Tod 2003 ein Anhänger Ulbrichts, und Stalins sowieso" geblieben sei, illustriere der Abend "sichtlich mit Lust". Dabei verblasse das "Lehrstück über proletarische Arbeitsmoral (...). Und erst recht das Lehrstück über das Wesen der Diktaturen: Unterdrückung des aufrechten Ganges. Viel Jux mit Hacks und wenig Aufklärung darüber, was wirklich war."

Langhoffs von Kuttner vorgetragene Selbstkritik sei das "erschütternde Zeitzeugnis einer dogmatischen Kulturpolitik", die Langhoff "einer monatelangen Gehirnwäsche" und "Weichknetung" unterzogen habe, so Volker Trauth auf Deutschlandradio Kultur (Fazit, 4.9.2010). In Hacks Stück werde die "dialektische Einheit" am Ende dadurch erzielt, dass eine neue technische Lösung sowohl für Qualität als auch für Quantität der Briketts sorge. Bei Kuttner/Kühnel würden "ganz unterschiedliche Textsorten" in die Handlung "hineingesprengselt" – "ein Hacks-Abend, am Beispiel eines etwas veränderten Stücks". Auf Seiten der Schauspieler erlebe man einerseits "ärgerlichen Dilettantismus", andererseits "gediegene, teilweise überzeugende schauspielerische Leistung". Kuttners eigene Texte seien teils "krampfig witzig" – die Rezitation von Hacks' "Fluch"-Gedichts etwa sei "ärgerlich, weil er sich da überhebt". Und auch der Betriebsdirektor Melz bleibe bei ihm "nur ein Sich-Ausruhen in einem forcierten Berlinischen Krächzen, wie man im Laientheater Arbeiter spielt". Das sei ein Teil der "Selbstüberhebung, der von diesem Abend ausgeht", der überdies "überladen mit viel zu vielen Details und Texten" sei.

"Warum man dieses nicht sonderlich gute gestrige Stück heute spielt, das Menschen vor allem als Sprachrohre von Haltungen vorführt, verrät uns die Inszenierung von Jürgen Kuttner und Tom Kühnel nicht", so Hartmut Krug im Deutschlandfunk (Kultur heute, 5.9.2010). Obwohl sie es überschütten mit einer Fülle von Bezügen, die den Skandal um die Uraufführung kommentieren, von der merkwürdigen aktuellen Renaissance des kommunistischen Dichters Peter Hacks in konservativen Intellektuellenkreisen erzählen und versuchen, die DDR-Geschichte bis in die Nachwendezeit zu beleuchten. "Zum Schluss werden viel zu viele formal wunderbare, aber inhaltlich schlimme und bitterböse Gedichte recht uninspiriert vorgetragen, in denen Hacks nach der Wende über die 'finale Niedergangsepoche' jammert." Die überambitionierte, zähe Inszenierung zerfasere in dreieinhalb langen Stunden, "sie hat kein Timing, keinen Rhythmus und kein klares Thema. Immerhin erhielt sie viel Solidaritätsapplaus".

"Man muss also schon eine sehr gute Idee haben, wenn man 'Die Sorgen und die Macht' heute wieder ausgräbt", meint Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (6.9.2010). Kuttner und Kühnel hätten sie: "An jedem Punkt, an dem sich eine Art Diskursfläche oder Trash-Ebene auch nur erahnen lässt", hakten sie "zielsicher kommentierend ein". Dabei werde gar nicht erst versucht, "die Widersprüche aufzulösen", vielmehr würden sie in der "so unterhaltsamen wie durchdachten Collage einfach nebeneinander" gestellt. "Komplexitätssteigerung vom Lässigsten sozusagen, nach dem Motto: Warum die Schubladen (...) nicht zur hirnfördernden Abwechslung mal weit öffnen"? Kühnel und Kuttner verlören sich auch nicht im Diskurs, sondern kehrten stets zur "durchaus werktreu" durchgespielten Fabel zurück. Mit dem "bestens aufgelegten DT-Ensemble" werde die Hacks-Ausgrabung "zum Glücksfall, weil sämtliche Akteure (...) Ironie, Trash und tiefere Bedeutung sehr genau von Denunziation zu unterscheiden wissen". Und "symbolträchtiger – und unterhaltsamer" als in dem Kohle-fördernden Goethezimmer "könnten Kunst und Realität gar nicht auseinanderklaffen". Fazit: "gelungener Saisonauftakt".

"Schirrmacher und die devoten Hacks-Jünger, Ulbricht und Langhoff, das Damals und das Heute – es ist alles beisammen", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (6.9.2010). In der Inszenierung sei selbst die "Kohle auf dem Boden der Klassik" noch ein Kommentar zu jenem "Widerspruchsuniversum, das man bei Hacks betritt". Eine Inszenierung "voller Komik, Verbissenheit, Kitsch und Tragik. Sie ist alles zugleich. Lachhaft aber werden die Figuren nie." Nicht oft sehe man derart "bewusstseinsspitze Schauspieler", nicht oft "DDR-Verarbeitungstheater, das weder in Ostalgie noch in hochkommunistische Salonschwärmerei verfällt". Die historischen Details stimmten vielleicht nicht immer, aber es gehe den Regisseuren auch nicht "um Gerechtigkeit gegenüber der (Theater)Geschichte. Es geht ihnen um Hacks-Treue im Prinzipiellen: Hacks sagt, alle Kunst habe 'eine Haltung anzubieten'. Eine Haltung zur Wirklichkeit." Man müsse, zitiert der Kritiker Hacks, "die Wirklichkeit heute schon aus einem Gesichtspunkt ansehen, den es heute noch nicht gibt." Kühnel und Kuttner versuchten es und "verstricken sich wissentlich in damalige Hacks- und heutige Wirklichkeitswidersprüche", "zwischen den Verlockungen eines utopischen Morgen und den Zumutungen der Gegenwart".

Der von Hacks gezeichnete Konflikt sei "einer aus der Planwirtschaft und doch universell", schreibt Matthias Dell auf freitag.de (6.9.2010): "Dass ökonomische Prozesse miteinander in Zusammenhang stehen – und die Menschen, die sie durchführen, kraft der Liebe auch –, ist ein reizvoller dramatischer Gedanke, den Hacks ausführt, ohne ihn durch zu viel Zeitkolorit zu vernebeln." Die Parteisekretärs-Szenen streiften allerdings den Klamauk, "an dessen Abgrund reproduzierte DDR-Realität seit Erfindung der Ostalgie siedelt". "Langhoffs Selbstkritik (...) fehlt eine Sprecherhaltung, von der aus die Tragik dieser falschen Selbstbezichtigung begriffen werden könnte." Wo Kuttner als Schauspieler "mitunter abfällt gegen souveräne Privatiers der Geschichte wie Michael Schweighöfer, brilliert der Radiomoderator in der ausufernden Verankerung eines Hacks-Gedichts auf Ulbrichts Ende im Stoff". Wenn jeder Schauspieler am Schluss "in stiller Nüchternheit eins von Hacks' formvollendet-heiteren, bösartigen 'Jetztzeit'-Gedichten aus den Neunzigern rezitiert", sei der Höhepunkt einer Inszenierung erreicht, "die den Rückgriff auf den sozialistischen Dichter auch als kleine Rache an der Gegenwart begreift".

 

 
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