Im Schwitzkasten der Realität

von Ralph Gambihler

Leipzig, 23. September 2007. Die Referenz an das Repertoire ist nicht zu erwarten. Schon im Stücktitel wird Nathan die Weisheit aberkannt. Als "Nathan (ohne Titel)" kehrt er wieder, und wer nun die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks am Schauspiel Leipzig miterlebt hat, versteht auch, warum. Der junge dänische Autor Christian Lollike fragt mit Blick auf Terror und Krieg nach Lessings Idealwelt. Er misst, mit anderen Worten, Lessings Vorstellung von religiöser Toleranz an Konfliktlagen, die einem jede Tagesschau drastisch vor Augen führt.

Geduldige Dekonstruktion

Man kann das einen Härtetest nennen. Und es erweist sich, dass der Titelheld mit seinem Latein bald am Ende ist. So am Ende, dass er in der Schlussszene mit einem Revolver herum fuchtelt und knapp davor ist, einen Mord zu begehen.

Eine Demontage also? Eher eine geduldige Dekonstruktion mit Diskursabsicht. Die Vorlage aus dem Jahr 1779 wurde vom Autor zunächst zerlegt, gesichtet und auf Verwertbarkeit geprüft. Was Lollike zur Weiterverwertung reizte -  einzelne Figuren und Konstellationen, wenige Textstellen wie die Ring-Parabel, der ideelle Gehalt -, übernahm er in seine acht lose aufeinander folgenden Variationen, die man sich als Versuchsanordnungen denken muss. Jedes Mal kippt er ein Quantum Realität dazu, immer ein anderes und immer eines, das dramatische Reaktionen oder zumindest Diskussionen hervorruft.

In der zweiten Variation mit der Überschrift "Über Vertrauen" zum Beispiel sitzt Nathan im Zug. Dort gerät er unversehens in eine Notgemeinschaft mit dem Rollstuhlfahrer A, als die von zwei jungen Frauen, C und D, in ein Gespräch über das Thema Vertrauen verwickelt wird. Nicht lange, und sie provozieren und verabreichen dem Rollstuhlfahrer Dresche. Die Vernunft und ihre Waffe, das Wort, kann in dieser Situation nichts ausrichten. Die jungen Frauen haben ihren Spaß auf Kosten der Herren. Sie dominieren die Situation.

Vernunft als Flirtbremse

Dieser Dialektik folgen letztlich alle Variationen. Die Vernunft gerät in den Schwitzkasten einer Realität, die nicht auf den ideellen Voraussetzungen der Aufklärung gründet. In "Das ökonomische Abenteuer" lautet die Ausgangsfrage: "Kann Geld die Welt retten oder kann das nur Gott?". Der verbale Schlagabtausch zwischen Nathan, S (Saladin) und A (Moderator) läuft darauf hinaus, dass sich die Armen irgendwann einfach holen, was ihnen fehlt. In "Über die Liebe" wird die absolute Vernunft zur Flirtbremse, als sich eine junge Frau und einem junger Mann näher kommen, der junge Mann das Geschehen dann aber auf biochemische Erklärungsmuster zurückführt.

So werden abendländische Wertvorstellungen angezweifelt, Binsenweisheiten und Phrasen durchgerüttelt, alte Gewissheiten auf den Prüfstand gestellt. Die Überraschung daran ist, dass der Text nicht gleich zur bloßen Konstruktion erstarrt, sondern durchaus beweglich bleibt. Christian Lollike, der sein Studium des Szenischen Schreibens 2001 am Theater Aahrhus abschloss und in Deutschland bislang mit der Theaterfassung von Lars von Triers Film "Dogville" am Staatstheater Stuttgart hervor getreten ist, kann durch einfaches Fragen überraschend Zuspitzungen erzeugen. Der Nachteil bleibt der Nachteil aller Diskursstücke. Die Szenerie wirkt tendenziell kopfig. Die Figuren bleiben bestenfalls Schemen. Große Bühnenwirksamkeit darf man sich nicht erwarten.

Auf die szenische Tube gedrückt

Diesem Mangel nun wollte man bei der Leipziger Erstaufführung mit aller Macht entgegen arbeiten. Man hat deshalb gewürzt und auf die szenische Tube gedrückt. In der ersten Hälfte so kräftig, dass der Text unter seiner Bearbeitung beinahe verschwindet. Er wird regelrecht weginszeniert von einer Regie (Alexander Marusch), die von Einfall zu Einfall hechelt. Allmählich findet sie dann aber doch eine Form, einen Rhythmus, eine transparentere Erzählweise. Sie nimmt dabei allerlei Anleihen aus Märchen und Film (Clockwork Orange, Rotkäppchen u.a.), jongliert mit Klischees und kulturellen Codes. Die sechs Darsteller sind wunderbar. Und so war man am Ende überzeugt, dass der Text eine Chance haben sollte.

 

Nathan (ohne Titel) – Acht Variationen über G.E. Lessings
"Nathan der Weise"

von Christian Lollike
Deutschsprachige Erstaufführung
Idee und Konzept: Christian Lollike und Mary Aniella Hviid Petersen,
Regie: Alexander Marusch, Bühne: Bernd Schneider/ Ulrike Bresan,
Ausstattung: Ulrike Bresan. Mit: Ellen Hellwig, Stephanie Schönfeld, Silvia Weißkopf, Sebastian Grünewald, Martin Reik, Michael Schrodt.

www.schauspiel-leipzig.de

Kritikenrundschau

Zupackend und intelligent variiere Christian Lollike diverse Motive aus Lessings "Nathan", schreibt Irene Bazinger in der FAZ (25.9.2007). Alle acht Kapitel kreisten um die Frage "ob und wie Frieden zwischen den Menschen sein könne". Die Szenen speisten sich "meist aus dem aktuellen Konfliktpotential des Nahen Ostens". Das "eigentliche Kraftzentrum" seien die Dialoge, in denen Aufklärung als "reine Rhetorik" erschiene. Die gelungene deutschsprachige Erstaufführung sei "sehr zum Lachen", Alexander Marusch "realisiere" eine "frech-fidele Revue", die "mit Grauen, Hass und Vorurteilen" Scherze treibe, "damit das Publikum nicht innerlich abschalten kann".

 
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