Ein Traum als Bewusstseinsspiel

von Hartmut Krug

Dresden, 10. September 2010. Das "Grosse Historische Ritterschauspiel" beginnt auch in Dresden mit dem Femegericht. Aber es gibt keine nur von einer Lampe erleuchtete unterirdische Höhle, keine vermummten Ritter, keine Häscher mit Fackeln, sondern nur eine Diskussion im Dreieck. Drei Männer, die über Käthchen entscheiden wollen oder sollen, stehen vor dem Vorhang und dem Publikum und verhandeln mehr über als mit einer jungen Frau, versuchen mit Rationalität deren unbedingtes, ihr selbst unerklärliches Gefühl eher zu er- denn zu begreifen.

Regisseurin Julia Hölscher zeigt die alte Geschichte als eine von heute, führt den Konflikt zwischen Gefühl und Verstand in Kleists Theatermärchen, das z.B. Botho Strauß noch aus Kleists Biographie begründen zu müssen meinte, ganz unangestrengt als einen auch heutigen vor. Dabei wird deutlich Theater gespielt und ausgestellt, emotionales Gedankentheater und realistisches Illusionstheater.

Offenes Suchspiel der Gefühle
Auch die Komik mancher Situationen und Dialoge wird bewusst ausgespielt. So stattet Christian Friedel Graf Strahls Knecht Gottschalk mit ironischer, selbstbewusster Flapsigkeit aus, und indem er diese Nebenfigur zu einer Art bewusstem Narren aufwertet, fügt er ihn wunderbar unerklärlich (wie enorm bühnenwirksam) ein ins offene Suchspiel der Gefühle. Julia Hölscher übertreibt es nicht mit den psychologischen Tiefenbohrungen, sondern zeigt einfach Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die von Wünschen und Ängsten bestimmt sind.

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Annika Schilling, das Dresdener Käthchen
© Matthias Horn

Das ergibt ein flirrend leichtes Erklärtheater, – zugleich ganz aus Kleists Sprache und völlig aus dem Körperspiel der Darsteller geboren. Die Frauen treten in zeitlos gestrig-heutigen, schönen und phantasievollen Kostümen auf, die Männer tragen meist Anzüge, gelegentlich mit einer Eisenfaust über einem langen Handschuh (Kostüme: Uli Schmid). Mehr historische Anspielung gibt es auch auf der zeichenhaft wunderbaren Bühne nicht. Bühnenbildnerin Esther Bialas braucht für einen Wald nur bodenlange Silberschnüre, stellt auf einen Versammlungssaal oder offenen Platz große bunte Sonnenschirme oder öffnet die Bühne zum atmosphärisch leeren (Seelen-) Wüstenraum, und Andreas Barkleit taucht all diese Szenen in wechselnd magisches Licht. Dazu erklingt von fern eine zarte, atmosphärische Musik von Tobias Vethake.

Barfuß im kurzen Kleid
Das ganze: ein szenisches Kunstwerk, ein Traum als Bewusstseinsspiel, das uns unsere Vorstellungen von Liebe, Verstehen und Eingestehen mit Witz und Ernst schier zauberisch als belebtes Gedankentheater vorführt. Wie wenig (oder zuviel?) hat doch Goethe Kleists Käthchen verstanden, möchte man sich nach Julia Hölschers Inszenierung einmal mehr wundern, als dieser es als "ein wunderbares Gemisch von Sinn und Unsinn", als eine "verfluchte Unnatur" bezeichnete.

Natürlich tritt der Cherub, der das selbstbewusst unbewusste Käthchen aus dem Feuer führt, in dieser Inszenierung nicht auf, und Kunigunde (herrlich: Rosa Enskat) wird nicht als "mosaische Arbeit" gezeigt, sondern als eine sich inszenierende Schönheit, als Projektion männlicher Wünsche.
Das ganze: ein homogenes, überzeugendes Ensemblespiel. Ahmad Mesgarha gibt einen witzig verblüfften Kaiser (und tritt, anders als bei Kleist, schon in der Femeszene als Richter auf), während Torsten Ranft Käthchens Vater als wütend tobenden Verzweifelten spielt.

Wolfgang Michalek ist als Graf vom Strahl ein Liebender, der mit aller Kraft und mit verzweifelter Grobheit gegen Käthchen seine Liebe zu bekämpfen sucht (auch hier gilt: "ich bin doppelt") und manchmal seine Emotionen unartikuliert und laut herausschreit.

Take this waltz
Wunderbar die Traumszene, an der Rampe mit eindringlicher Zartheit gespielt, als Strahl Käthchen im Traum befragt. Annika Schilling, barfuss im kurzen blauen Kleid, die Wolljacke an einem Arm herabgezogen, die Finger jungmädchenhaft verknotet, spielt wunderbar sicher die Kleists Käthchen eingeschriebene Unbedingtheit eines Gefühls wie zugleich ihr "weiß nit", wenn sie dies erklären soll. In Konflikt- oder Erkenntnisszenen holt es sie schnell von den Beinen, und am Schluss, während alle anderen bei der Hochzeitsfeier zu Leonhard Cohens "Take this waltz" über die Bühne tanzen, bleibt sie allein zurück. Mit staunenden Augen sitzt sie vor dem Vorhang, ist bei uns.

Ein schwieriger Klassiker, nicht dekonstruiert, sondern unangestrengt heutig inszeniert und mit sinnlicher Intelligenz gespielt, das ergibt mit Kleists "Käthchen" in Dresden schieres Theaterglück.

 

Das Käthchen von Heilbronn
von Heinrich von Kleist
Regie: Julia Hölscher, Bühne: Esther Bialas, Kostüm: Uli Smid, Musik: Tobias Vethake, Licht: Andreas Barkleit, Dramaturgie: Martin Hammer, Robert Koall.
Mit: Christian Clauß, Rosa Enskat, Christian Friedel, Vera Irrgang, Matthias Luckey, Ahmad Mesgarha, Wolfgang Michalek, Torsten Ranft, Annika Schilling, Thomas Schumacher, Antje Trautmann, Sebastian Wendelin, Helga Werner.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

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Kritikenrundschau

Bei Julia Hölscher sei das "Käthchen von Heilbronn"ein Stück "über die Logik des Unlogischen, über Liebe, Leidenschaft, Lust - und über die Verführungs- und Verwirrungskraft von Worten", berichtet Dirk Pilz in der Frankfurter Rundschau (13.9.2010). In Hölschers "bestürzend luftigen, geisteshellen Inszenierung" werde Annika Schillings Käthchen nicht zum "Puderzucker-Dings", Wolfgang Michaleks Graf vom Strahl nicht zum "Ritter-Kitschbaron". Kleists Drama sei hier "weder schauerromantisches Märchen noch Ritter-Spaß", sondern "ein in glitzernden Kettenwald verlagertes Drama über uns, die wir an keine Wunder und Götterkräfte mehr glauben, aber immer wieder von diesem unserem Unglauben abzufallen vermögen". Hölscher zeige "konsequent enthimmelte Figuren, die mit großen Augen und offenen Mündern das Einstürzen ihres leeren Himmels erleben". "Die energische Spielfrische, das entschiedene Bekenntnis zum Unauflöslichen aller Liebes- und Leidenschaftsverknotungen" verschaffe dem Abend "weite Gedanken- und Gefühlsräume: Nie öffnet er verstaubte Spiel- und Begriffsschubladen, um das Leben, die Welt darin folgenlos zu verstauen".

Schilling behaupte "die naive Treuherzigkeit oder treuherzige Naivität des Käthchens mit einer solchen Kraft und Natürlichkeit (...), dass auch die für uns eher absonderliche Faszination glaubhaft wird", von der Kleists "Käthchen" handelt, meint auch Tomas Petzold von den Dresdner Neuesten Nachrichten (13.9.2010). Der "eigene Charme", der Hölschers Arbeit auszeichne, komme "offenbar aus dem Bekenntnis zu ihrem eigenen Lebensgefühl, zu dem ihrer Generation". Sie baue "Stimmungsräume, in denen die Fassaden der Historie, des Märchens, der Illusion transparent werden, ohne sich völlig aufzulösen, und was dabei entsteht, ist so eine Art Fantasy: ein seelisches Abenteuer mit vielen Schnittstellen zwischen Realität, Wunderwelt und Traum". Gottschalk erscheine darin "als ein Verwandter des Zauberlehrlings Harry Pooter", der Graf sei "schlicht aus schlechter Gewohnheit" ein "berserkernder Macho". Um hier "nicht in Klischees und Beliebigkeit zu enden", müsse "jeder etwas einbringen von seinem eigenen Naturell (...), von seiner eigenen Sicht auf die Geschichte, und weil das über weite Strecken gelingt, greift sie so ans Herz, wie das wohl die wenigsten für möglich gehalten hätten".

Hölscher kürze die "dritte Dimension fast ausnahmslos weg", schreibt Johanna Lemke in der Sächsischen Zeitung (13.9.2010). "Das ist bei einer jungen Regisseurin nachvollziehbar - allzu mutig ist es allerdings nicht." Die romantische Welt sei bei ihr "ein sehr leeres und sehr kaltes Land". Die herabhängenden Silberketten des Bühnenbildes könnten wahlweise für Wald oder Ritterburg stehen - eine "fantastische Idee" von Esther Bialas. Schilling vermeide, das Käthchen wie viele andere als "verknallten Teenager" zu spielen, sondern nähere sich der Figur "über ihren Körper": die Schultern "immer leicht hochgezogen, Arme und Beine bewegt sie wie mechanisch". Auch "viele sehr schöne Regieeinfälle" hat Lemke gesehen, etwa bei der "vor lauter Selbstinszenierung zombiehaft wirkenden Schönheit" von Rosa Enskats Kunigunde. "Die Unmöglichkeit der ungezwungenen Begegnung" zu zeigen, sei der Ansatz dieser Inszenierung - "leider werden die Stränge nicht mutig genug durchgezogen". Allerdings sei es "ein großes Vergnügen", den Schauspielern zuzusehen, "so voller Freude und Intensität spielen sie". Fazit: "eine solide Auftaktinszenierung", die allerdings mehr hätte wagen können.

Kleists "Käthchen" verhandele "lauter heiße Medienthemen unserer Zeit", meint Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (15.9.2010): Käthchen eine Stalkerin, Kunigunde eine Schönheitsoperierte, "Ehebruch des Staatsoberhaupts, Sex mit Schutzbefohlenen, Kinderehe" usw. Warum also wird dieses Stück auf dem Theater immer wieder "wie ein schönes Märchen" erzählt? Warum bürstet auch Hölscher das Ganze "nicht mal gegen den Strich und erzählt von verpickelten Fans, (...) erstarrten Botox-Visagen, bigotten Medien und (...) selbstgerechten Salonidioten"? Zwar habe Hölscher "einiges aus dem Bildschatz der Medien entliehen" (Sat-1-Serie 'Richter Alexander Hold', Casting-Show-Tunten), "unterhaltungskritisch sind diese Einfälle aber so wenig wie interessiert an Fragen von Dominanz". Schillings Kätchen bleibe "niedlich, duldsam und fromm" und die Inszenierung insgesamt "rund und harmonisch, witzig und leicht", ein "freundlicher Saisonstart". "An ein neues Rezept für diesen Sonntagsbraten des Stadttheaters müssen sich aber frechere Köche wagen."

 

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