Mord vor blühender Landschaft

von Stefan Bläske

Wien, 11. September 2010. Im Zweifel sind immer die Fremden schuld, die Anderen, die Andersgläubigen. Da darf man dann nicht zimperlich sein, was stört, gehört "entfernt". In diesem Ton schallt's aus Toledo, wo die Christen aus Kastilien zum Kampf gegen die Mauren rüsten und "Juden hier und da misshandelt" werden.

Ohne Wimpernzucken wird die junge Jüdin von Toledo von der Meute gemeuchelt, denn Rahels schöner Augenaufschlag hielt den König von Kampf und Krieg, von Ehemanns- und Führerpflichten ab. Weil aber der Jüdin Blut und der Christen 'Moral' Buße fordern, tut der König schließlich, was von ihm erwartet: "wie die Pilger mit dem Kreuz ... Zur Buße hinziehn nach Jerusalem" will er sein Volk nun "führen gegen jene Andersgläub'gen".

Mehr Mut für unser Wiener Blut
Grillparzers Stück spielt 1195, wurde in den 1850ern geschrieben, 1872 uraufgeführt – und passt doch allzu gut zur aktuellen Nachrichtenlage: zum 11. September und dem "Tag der Heimat", zu Jones' Nun-doch-nicht-Koran-Verbrennung und Sarkozy's Immer-Wieder-Roma-Abschiebung, zu den Debatten rund um Sarrazin, Steinbach und Strache. In Österreich plakatieren rechte Rattenfänger "Mehr Mut für unser Wiener Blut", und dass viel Fremdes niemals gut tue. Religionsressentiments und Fremdenfeindlichkeit sind zeitlose Themen, derzeit aber besonders öffentlichkeitswirksam.

Stephan Kimmig verzichtet in seiner Inszenierung auf konkrete Bezüge, gibt seiner Inszenierung aber etwas Lokalkolorit: Alpenrepublikanisch lässt er sie vor schneebedeckten Bergen und blühenden Landschaften beginnen – mit einem Prolog des Königs über "Heimat". Wenn die Natur-Projektion bühnenhimmelwärts entschwebt, wird der Blick frei auf einen Multifunktionssaal, der Gericht sein kann, Kirche, Repräsentantenhaus und Sitzungszimmer. Eine helle Holzvertäfelung, ein Kruzifix. Das Licht ist karg und kalt, der König weg – und die Königin spricht das Todesurteil über ihre Nebenbuhlerin.

Damoklesschwert Christenkreuz
Der gleiche Text wird nochmal folgen, Caroline Peters offeriert zwei sehr verschiedene Versionen. Im Vieraugen-Gespräch beim Hinterzimmer-Deal zaudert eine eifersüchtige Eleonore, ringt mit der Frage, ob sie den Mord wollen, fordern darf. Hat sie's dann entschieden, tritt die Königin vor dem Kriegsvermeider- und Ehebrechertribunal sehr entschlossen auf, hart, innerlich verhärtet wohl. Als Politik-Profi und Bürokratie-Beherrscherin gibt sie hier nun das Urteil zu Protokoll. Ergo in Auftrag. Indem Stephan Kimmig dies Urteil an den Anfang setzt, hängt er das Damoklesschwert genauso plakativ über die folgende Story wie das Christenkreuz.

Unter keinem guten Christenstern also steht die Liebesgeschichte der Jüdin von Toledo mit ihrem König. Eine Beziehung, die mehr Schwärmerei ist als gefährliche Liebschaft, als tiefes Gefühl. Alfonso ist unerfahren in Liebesdingen, neu-gierig, vom Fremden, Schönen angezogen. Für Rahel, das "schöne, aber verbuhlte", "verwöhnt-verwildert' Mädchen" mag dasselbe gelten. Obwohl ihre Liason nicht sein darf, nicht sein kann, entfaltet sie in kurzen kostbaren Momenten eine besondere Kraft und Schönheit. Bei Hofe reichen kurze Blicke, flirtende, verschämte, herausfordernde, und die Luft beginnt zu flirren. Richtig zueinander finden beide aber nur im Spiel, etwa wenn Rahel als "material girl in a material world" sich heimlich ins Glamour-Glitter-Königinnenkleid wirft, der König sie dabei ertappt – und mitspielt, Mann und Frau.

Kein Kampf der Kulturen
Besonders berührend ist ein kitschiges Cowboy- und Indianer-Spiel im Lustschloss. Im Rotlichtkissenparadies spielt Rahel eine Indianerin, an den Marterpfahl gefesselt: das heißt natürlich ans Kreuz. Alfonso kommt zur Rettung, gemeinsam bestehen sie alle Gefahren. Harmonie in der Natur, statt Kampf der Kulturen. Zu Winnetou-Musik das Abwerfen gesellschaftlicher Fesseln, eine Kindheitsphantasie von heiler Welt – und zugleich pubertärer Softporno. Im fröhlich schönen Spiel von Yohanna Schwertfeger und Peter Jordan wirkt das so federleicht, ein kurzer Traum vom Glück, eine regenbogenfarbig schimmernde Seifenblase – aber stopp, der Einbruch des Realen kommt lange, bevor der König kommt.

König Alfons schwankt zwischen Staats- und Minnedienst. Für jeden Bereich hat er einen Diener. Manrique, Graf von Lara (Bernd Birkhan), dient – ganz alte Schule – dem "König von Kastilien", also der Institution. Manriques Sohn (Juergen Maurer) hingegen Alfonso, der Privatperson. Der eine möchte die "jüdische Dirne" gerne selber ficken, der andere sie aus Alfonsos Leben "entfernen". Der Interessens- und Generationenkonflikt eskaliert zwar in der Inszenierung, eine handfeste Rangelei zwischen Vater und Sohn soll ihm physisch Ausdruck verleihen. Ihr Spannungsverhältnis bleibt dennoch über weite Teile unterspannt. Wie auch das Verhältnis zwischen Rahel und ihrer Schwester Esther und überhaupt so manche zwischenmenschliche Beziehung, und auch so manch Charakter.

Mit Klischees und Symbolen überfrachtet
Die Gefahr, in Klischees zu verfallen, ist groß bei dieser Inszenierung. Das mag teilweise Grillparzers Vorlage geschuldet sein (besonders problematisch etwa das Stereotyp des oberflächlich-geldgeilen Juden, dem Martin Schwab gewohnt souverän immerhin noch etwas Tiefe und Menschlichkeit einhaucht), teilweise auch der Anlage der Figuren bei Kimmig: etwa der plakativen Art, in der sich die Königin hinter ihrem Sohn versteckt. Oder der Art, in der die vernünftige, politisierte und zum Widerstand aufrufende Schwester Esther (Katharina Lorenz) vor allem trotzig in die Welt guckt und letztlich nicht viel mehr Farbe zeigt als ihr grauer Rollkragenpulli.

Obwohl die Gefühle häufig hochkochen, wirken Inszenierung und Figuren insgesamt nicht sonderlich emotional und überzeugend. Der Abend ist solide gemacht. Man versteht die Konflikte und Probleme, wenn Kimming sie auch recht reißbrettartig herüberkommen läßt. Doch wirken die Figuren immer wieder mit Klischees und Symbolen überfrachtet. Vielleicht hätten der Vorlage, über die Prologe und Traumszene hinaus, ein paar stärkere Eingriffe gutgetan. Mehr von der flirtenden Leichtigkeit, die Johanna Schwertfeger als Rahel anfangs noch versprüht. Und mehr von Caroline Peters' emotionaler Kraft in den Eifersuchts-Szenen.

Gemessen an der aufgeheizten Stimmung (nicht nur in Toledo) ist der Abend insgesamt etwas unterkühlt vorbeigezogen.

 

Die Jüdin von Toledo
von Franz Grillparzer
Inszenierung: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Licht: Friedrich Rom, Musik: Michael Verhovec, Dramaturgie: Barbara Sommer.
Mit: Peter Jordan, Caroline Peters, Bernhard Mendel, Bernd Birkhahn, Juergen Maurer, Martin Schwab, Katharina Lorenz, Yohanna Schwertfeger.

www.burgtheater.at

 

Mehr zu Stephan Kimmig im nachtkritik-Lexikon, einem kommentierten Schlagwortverzeichnis, in dem die Inhalte des Archivs nach Themen und Personen geordnet und um darüber hinausgehende Informationen ergänzt worden sind.

 

Kritikenrundschau

Als "schöne, pointierte Verarztung" eines schwierigen Stücks lobt Margarethe Affenzeller im Wiener Standard (13.9.2010) Stephan Kimmigs Inszenierung. Besonders positiv hat sich aus ihrer Sicht Kimmigs abgeklärter, leicht entdramatisierender Tonfall auf die Unternehmung ausgewirkt, mit der er sich "platter religiöser Zuschreibung des Stoffes" entzogen habe und durch leichte szenische Umstellungen die Geschichte trotzdem von Anfang an fatalisiere. Das reicht jedoch nicht aus, um die Kritikerin bis zum letzten Akt glücklich zu machen. Denn irgenwann wirkt das Ausweichen der Regie vor der religiösen Thematik wie eine Flucht ins Detail, was für sie die Mängel des Grillparzer-Stückes umso offenkundiger werden lässt.

Als einfallsreich, manchmal überladen, und manchmal berührend empfindet Norbert Mayer von der Wiener Tageszeitung Die Presse (13.9.2010) die Inszenierung. Trotzdem ist sein Gesamteindruck ein zwiespältiger. Denn Stephan Kimmigs Version des Stücks gleicht aus seiner Sicht am Ende doch "eher einer Strindberg-Variation mit aufgesetzter Aktualität" als "einem ausgewachsenen Historiendrama". Aber Kimmig habe das Glück, mit einem perfekten Ensemble zu arbeiten. "Nicht nur Peters, Birkhahn und Jordan, auf den diese Inszenierung fokussiert ist, sind souverän". Allein wegen der "intimen Charakterstudie von Macht, Eifersucht und Rache" hat sich der Abend für Mayer gelohnt.

Perplex hingegen war Christian Gampert vom Deutschlandradio (12.9.2010) angesichts dieser skurril-hilflosen Inszenierung, die an ihrem peinlichsten Moment aus seiner Sicht gar wie eine "aufgepropfte Zyklon-B-Geschichtsbelehrung à la Guido Knopp" daherkommt. Der Tabubruch, von dem das Stück handele, werde an keiner Stelle sichtbar gemacht. Bereits die Exposition mit ihrer Referenz auf aktuelle Islam- und Intergrationsdebatten zeige, dass Stephan Kimmigs Zugriff auf einem analytischen Kurzschluss beruhe. Intensive schauspielerische Momente würden immer wieder von Regisseursfuchtelei zerstört. Fazit: "Schachartiges blutleeres Figurentheater auf einer evangelisch kargen Resopalbühne."

Einen routinierten, aber am Ende hilflosen Eindruck hat die Regie auf Dirk Schümer von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.9.2010) gemacht. "Wie gut, dass das Burgtheater für solch ein handlungsfreies, uninteressantes und sperriges Sprechstück prächtige Schauspieler hat, allen voran Peter Jordan als König Alfonso", wie er strafmildernd hinzufügt. Grundsätzlich hat ihm Stephan Kimmig den Stoff nicht recht plausibel gemacht. Diese illusionslose Weltsicht von Macht als reinem Kriegsspiel verrät ihm zwar "manche Schopenhauerlektüre, aber auch einiges von der verängstigten Beamtenlebensweise des scheuen Grillparzer, der in bewährter habsburgischer Unentschlossenheit sogar die eigene Eheschließung lieber schubladierte". Was dieser Autor mit seinem "Opferritual eines Mädchens, dessen Hormone zu hoch hinaus wollten", eigentlich sonst noch sagen wollte, bleibt für den Kritiker im Dunkeln. "Und das liegt nicht einmal an der Regie. Sollen die Politiker in ihrer dünnen Luft bemitleidet werden? Sollen die Juden und die Christen besser die Finger voneinander lassen? Ist das Mädel Rahel tragisches Opfer oder notwendiger Abrieb? Soll die Liebe auf dem Altar der Macht geopfert werden? Oder ist es umgekehrt nicht doch viel humaner?" All diese Fragen kann ihm der Abend nicht beantworten. "Und so kommt ein klassisches Unentschieden bei diesem unentschiedenen Stück heraus: null zu null."

"Auf den ersten Blick" sei Grillparzers Stück "ganz gut zu gebrauchen, um die Anmaßungen des Christentums gegenüber den Fremden zu zeigen", schreibt Helmut Schödel (Süddeutsche Zeitung, 14.9.2010). "Aber Stephan Kimmigs Inszenierung geriet so homöopathisch, dass sie auf das Gift, das draußen gestreut wird, mit keiner einzigen Szene reagiert." Die Inszenierung ist, "als würde das alte Dokumentartheater wieder auferstehen und ein lehrhafter Schauprozess vorgeführt. Aber ist der Kern des Grillparzer-Stücks nicht ein Liebesdrama?" Der König verliere bei der Begegnung mit Rahel den Kopf, und "beide spielen Indianer". "Es wird im Grunde immer schwieriger, sich zu solchem Quatsch überhaupt noch zu äußern." Und man sah, "dass die aktualisierende Regie ihre Zeit hatte. Jetzt ist sie vorbei." Man müsse dem "angeschlagenen Medium Stücke finden, die man wirklich inszenieren will. Das Theater hat die Chance, über aktuelle Debatten hinauszudenken. Es geht nicht um Theater heute, sondern um Theater morgen."

Stephan Kimmig erzählt Grillparzers Stück "als eine Art heimatlicher Abwehrkampf gegen 'die Unbill nach Innen und nach Außen'. Er macht das allerdings weitaus weniger platt als man angesichts der Bühne (...) vermuten könnte", schreibt dagegen Stephan Hilpold (Frankfurter Rundschau, 14.9.2010). Die Inszenierung wird zur "Verhöhnung", was Heimat, "positiv besetzt", bedeuten könnte, "sie zeigt den Ausschluss von all dem, was nicht genehm ist". Zum "Thesentheater" werde sie aber nur in einigen Momenten, und das Liebesdrama erzählt Kimmig "als wäre es eine Geschichte von heute. Dass das mit dem dramaturgischen Überbau des Stücks zusammen geht, ist keine kleine Leistung. Und wirft ein neues Licht auf einen Dichter, den man in Wahrheit schon lange abgeschrieben hat."

Barbara Villiger Heilig (NZZ, 14.9.2010) schaut auf ein Jahr Intendanz von Matthias Hartmann am Wiener Burgtheater und wundert sich über den großen Erfolg. Und auch diese Inszenierung werde beklatscht. "Manches gäbe es zu erzählen von diesem Abend, der den Akzent auf die xenophobe Heimat-Diskussion legt. Das Publikum indessen applaudiert." Denn wo Grillparzer "die sinnliche Überwältigung des spanischen Königs Alfonso durch Rachel, das Judenkind, gänzlich im konsternierenden, alle Grenzen von Protokoll und Scham missachtenden Kontrollverlust Alfonsos anlegt, erfindet der Regisseur eine explizite Sexszene." Der König hole mit seiner Gespielin "offenbar die verpasste Kindheit nach; sie entgleist heftig in kruden Geschlechtsverkehr, bei dem sich Yohanna Schwertfeger unten ohne präsentiert." Peter Jordan besitze aber, "abgesehen von der Vergewaltigung zum Kimmig-Alfonso, fraglos die Zerrissenheit einer echten Grillparzer-Figur."

 

 
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