In die Zukunft schaukeln

Heidelberg, 16. September 2010. In Hamburg ist ein Intendant zurückgetreten. In Hannover kritisiert eine Partei ein politisch inspiriertes Projekt des städtischen Theaters. In Karlsruhe soll dem Theater eine Sparte weggespart werden. In Wuppertal womöglich das gesamte Haus.

Es fällt derzeit nicht leicht, an eine lichte Zukunft des deutschen Stadttheaters zu glauben. Es fällt offenbar vor allem dem deutschen Stadttheater selbst nicht leicht, an solch eine Zukunft zu glauben. Auf bessere Finanzen hofft es, natürlich. Es wünscht sich zuverlässige Zusagen von Seiten der Politik, was jeder wünscht, der von Zusagen abhängig ist. Und ja, das deutsche Stadttheatersystem ist wunderbar und einmalig und unbedingt schützenswert. Wer wollte das bestreiten. Wer wollte es vermissen. Noch nicht einmal die notorisch nörgelnden Nicht-Stadttheatermenschen, die es gottlob gibt, wünschen es abgeschafft. Warum auch.

Die Frage ist aber: Schützt man es, indem man es einfach zu erhalten versucht, wie es ist? Geht das überhaupt: etwas erhalten ohne es zu ändern? Zu überleben ohne sich zu wandeln?

Samuel Schwarz, Theatermann von 400asa, hat jüngst gefordert, das Subventions- und mithin das Stadttheatersystem grundlegend umzukrempeln. Der Kunst zuliebe, die allzu oft auf der Strecke bleibt. Die junge Regisseurin Anna Bergmann hat kürzlich geäußert, es bräuchte – der Kunst zuliebe – mehr Anarchie, die das Stadttheatersystem naturgemäß allenfalls in kleinen Dosen duldet.

Die Frage ist: Wie kann ein Theater der Zukunft aussehen, gerade auch die des Stadttheaters?

Rimini Protokoll weiß es. Das Regie-Kollektiv hat im Heidelberger Kunstverein seine erste Einzelausstellung eingerichtet. Titel: "Drei Fliegen mit einer Klappe". Es ist keine Werkschau. Kann sein, dass es für eine Werkschau die notwendige Eitelkeit aufbringen würde, aber mit dem Begriff Werk weiß es wenig anzufangen. Der Begriff Zukunft ist Rimini Protokoll lieber.

Im Heidelberger Kunstverein, hübsch versteckt in einem begrünten Innenhof, sind Hunderte Theatersessel zu Reihen, Haufen und Schaukeln arrangiert. Sessel, die aus dem im Umbau befindlichen Heidelberger Stadttheater stammen. Alte, blassgrüne, von Stadttheatergeschichte durchzogene Sessel. Auf der goldenen Wand gegenüber kleben 80 Zettel, die Visionen, Prophezeiungen eines "Theater der Zukunft" vorstellen, ausgedacht von Rimini Protokoll, aufgeschrieben von Heidelberger Bürgern.

"Es wird perfekt inszenierte Banküberfälle geben, die mit einem Applaus vor dem Gefängnis enden."

"Es wird Clubs fürs Buh-Rufen geben."

"Kaufabschlüsse werden in Warenhäusern öffentlich ausgerufen und beklatscht."

"Aber es wird auch vegetarisches Theater geben, in dem nur Pflanzen auf der Bühne stehen. Man schaut dem Grün beim Wachsen zu."

"In der Stadt wird es Orte geben, an denen Migranten und Touristen abwechselnd von ihrer Heimat erzählen."

Vielleicht wird es das alles geben. Die Ausstellung (Videomitschnitte einiger Rimini-Protokoll-Arbeiten, Hörspielecken, Fahrstuhltheater gibt es auch noch) lässt bewusst offen, ob dies eine wünschenswerte oder absehbare Zukunft ist. Rimini Protokoll denkt nicht daran, das Stadttheater zu bekämpfen; es rechnet in der Zukunft einfach nicht mehr mit ihm.

Es scheint so, als sollte man diese Prophezeiungen ernst nehmen.

(Dirk Pilz)

 

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