Alles kann, nichts muss

von Tobias Prüwer

Leipzig, 16. September 2010. Wie hast du's mit dem Vaterland? – So könnte die alternative Gretchenfrage lauten, die sich als Ariadne–Faden durch das Programm der neuen Centraltheater–Spielzeit zieht. Eine Doppelpremiere leitet diese – loses wie großes Motto: "Deutschland" – ein und ist nach sechs Stunden und nur einer Pause durchstanden.

Halbe-halbe: Muss man sich dem ewigen Vergleichenmüssen, das vielerorts als der gegenwärtig einzig zulässige Kritik-Ansatz geriert, beugen? Soll man dem Zwang des Nebeneinanderhaltens nachgeben, gerade wenn er sich nicht aufdrängt, aber aufgedrückt wird? Diese Rezension behauptet entschieden: Nein. Und geht damit direkt zum wunden Punkt von Martin Laberenz' "Räuber"-Inszenierung über. Der Regisseur wollte sich einfach nicht entscheiden, in welche Form er den Schiller-Stoff gießt. Mal Groteske und Farce, Komödchen, Slapstick und mit ein paar berührenden Einsprengseln versehen, ist die Produktion in summa ein zwar nicht ungenießbares, aber laues Amalgam.

Stockende Verdauung und Platzpatronen

Man will dem Regisseur gar keine Lieblosigkeit unterstellen, über die Beliebigkeit seiner Handhabe kann aber nichts hinwegtäuschen. Er folgt einer Swinger-Club-Strategie: Alles kann, nichts muss – und bitte bieder. Treten Familie Mohr und Entourage in klassischen Kostümen auf, schälen sich die Räuber, Marx zitierend, in schwarzes Leder, und der RAF-Komplex lässt grüßen. Wenigstens wurde auf ein erwartbares Bühnenbild verzichtet – der Zuschauerblick ist rasch von ein paar pittoresk bedruckten Vorhängen befreit, und der ganze Raum ist offen fürs Spiel.

Und wird vielfach besudelt. Dass die wütend um den vermeintlichen Tod ihres Geliebten Karl Moor trauernde Amalia Vater Moor allerlei Körperteile blutspritzend abbeißt, mag man noch als versucht expressionistischen Gefühlsausbruch deuten. Warum sie aber zum Sex Pistols-Sound (oder war's das Original von Iggy and the Stooges?) in rebellischer Pose einen Stuhl zerkloppt und die Räuber kistenweise Obstsalat auf dem Boden verteilen, bleibt Geheimnis. Dass die seit Spielzeit Numero eins am Centraltheater als Running-Gag obligatorische, lebendige Rosinante keinen Pferdeapfel verliert, wird nur ihrer stockenden Verdauung geschuldet sein. Und wer noch keine Platzpatronen-MP auf der Bühne erlebt hat, kann nun diesen Punkt von seiner Must-See-Liste streichen.

Ähnlich scheint Laberenz zu verfahren: Alles was ihm bei dem Stoff unterkam, kam halt in der Inszenierung unter. Die Figuren und der familiäre Konflikt bleiben dabei immerhin nicht völlig auf der Strecke, was die eigentliche Überraschung darstellt. Ob Schiller einfach nicht unterzukriegen ist oder ein unsichtbares Händchen alles göttlich-glücklich fügte, sei dahingestellt. Vaterland, so lässt sich dezisionistisch sagen, ist hier doch Blut, Boden, Schicksal – ein Humus, auf dem kein noch so zartes Pflänzlein von Freiheit wächst.

Sippe und Gesellschaft

In Geschichte(-n) verstrickt, Entheddern möglich: Mit "Vatermord" greift Robert Borgmann Motive von Arnolt Bronnen auf. Er weitet aber das Thema vom herrschenden Vater, der den Sohn partout als Rechtsanwalt Karriere machen und kein Bauernleben führen sehen will, aus. Seine dichte Inszenierung holt den Zuschauer mitten hinein in die schöne heile, schöne neue Welt von Sippe und Gesellschaft, was maßgeblich durch einen gekonnten Perspektivenwechsel funktioniert.

Wie in einem Vorspiel blickt das Publikum zunächst vom Rang auf den beengten wie stummen Alltag einer Familie herab. Im leeren Bühnenraum türmt sich ein komplexes, mehrschichtiges Gebilde aus Möbeln auf. Wortlos spult sich hier ein Tagesablauf zwischen Frühstück, Fernseher, Mittagessen zur Eros-Ramazotti-Endlosschleife ab. Nur zum Gebet wird das Radio kurz unterbrochen. Mit dumpfem Wummern aus dem Off setzen der Sohn und sein Freund diesem eingepferchten Idyll ein Ende und töten Vater, Mutter und die zwei Schwestern. Nach einem Platzwechsel wird von der Hinterbühne aus das Geschehen für das Publikum eigentlich, bricht der Generationskonflikt nah dran und unmittelbar in zweierlei Gestalt auf.

Kunstblut, pointiert

Im Einbauschrankgehäuse wird die Mikro-Ebene des innerfamiliären Krisenherdes erlebbar. Von Bronnens Stoff ausgehend, werden verschiedene biografische Beispiele durchdekliniert, wobei es beim Vater-Sohn-Konflikt, dem Ödipus-Topos, nicht bleibt. Darüber schwebt eine Videoleinwand, welche zeigt, was eine Art Geschichtenstricker am Bühnenrand mit seiner Singer-Maschine zusammenfügt.

Die männliche Norne verbindet verschiedenste Fotografien zumeist katastrophaler Ereignisse durch Nähte miteinander. Horden mit dem "deutschen Gruß" und KZ–Zäune sind zu sehen, Panzer, klagende Menschen, Honecker. Als eine über die individuellen Konflikte gelegte Folie zeigt diese Ebene den Menschen in die Geschichte verstrickt. Das Individuum ist nicht nur unsanft in Familienbanden vernäht – wie es mit Nadel, Faden und in dieser Inszenierung pointiert verwendetem Kunstblut an des Sohnes Füßen plastisch zum Ausdruck kommt –, sondern kann auch seiner Zeit nicht einfach frank und frei entrinnen.

Freiheit versus Verstrickung

Man erahnt eine Reminiszenz an Bronnens politische Fluchtbewegung in den Nationalsozialismus, der Bogen spannt sich aber insgesamt weiter. Neben einer Beuys-Figur – "Ich will Künstler werden" –, der einen Wolfs-Vater durch eine absurde Rotkäppchen-Geschichte dirigiert, wird ein klassenkämpferisches DDR–Szenario gegeben. Und eine Heidegger-Arendt-Episode ist sowohl eine Erinnerung an des Menschen jeweilige Geschichtlichkeit, als auch Mahnung vor dem totalem Zugriff der Gesellschaft.

So scheint die Inszenierung auf den ersten Blick zwar wie ein theatraler Totalitarismusvergleich daherzukommen, lenkt den Blick aber gerade durch das Vorspiel auch aufs Heute. Eine Kritik am Denken im Format des Zwangskollektivs lässt sich hier mindestens herauslesen. Volk und Vaterland, jene Behältniskategorien, in die das Individuum gern gesteckt wird, bleiben so leer wie der Pappkarton, der zum Ende des Stücks unter lautem Dröhnen auf die Bühne herunterschwebt. Der Mensch, das mag man als Borgmanns Credo mitnehmen, ist in seine jeweilige Zeit geworfen. Ob er nach Freiheit strebt, ist seine und bedarf der Entscheidung. Die Fäden der Regie hat man trotz aller Verstrickung ein Stück weit selbst in der Hand.

 

Die Räuber
von Friedrich Schiller
Regie: Martin Laberenz, Bühne: Susanne Münzner, Kostüme: Peter Schickart, Dramaturgie: Michael Billenkamp.
Mit: Manolo Bertling, Maximilian Brauer, Artemis Chalkidou, Marina Frenk, Andreas Keller, Peter René Lüdicke, Holger Stockhaus.

Vatermord
nach Arnolt Bronnen
Regie: Robert Borgmann, Bühne: Susanne Münzner, Kostüme: Janina Brinkmann, Musikalische Leitung: Frank Raschke, Dramaturgie: Anja Nioduschewski.
Mit: Günther Harder, Marek Harloff, Okka Hungerbühler, Janine Kreß, Thomas Lawinky, Frank Raschke, Lenja Raschke, Berndt Stübner.

www.centraltheater–leipzig.de

 

Mehr zu Martin Laberenz und Robert Borgmann finden Sie im nachtkritik.de-Lexikon.


Kritikenrundschau

Als gelungene gegenseitige Befruchtung begrüßt Nina May in der Leipziger Volkszeitung (18.9.2010) das Premierendoppel zur Vater-Sohn-Problematik "Die Räuber"/"Vatermord". Martin Laberenz könne sich in den "Räubern" zwar "zwischen Slapstick und Pathos nicht ganz entscheiden". Doch finde der Regisseur "starke Bilder" und "behutsam aktuelle Anspielungen". Fazit: "Laberenz, dessen Skala-Inszenierungen oft etwas theorielastig und programmatisch orientierungsarm wirkten, kann sich bei seinem Debüt auf der großen Bühne frei spielen." Die Inszenierung des Neulings Robert Borgmann sie hingegen "etwas Besonderes". Der stumme Beginn im biedermeierlichen "Biotop" nehme sich "beeindruckend" aus. Im anschließenden Spiel "stimmt einfach alles", die "Vater-Sohn-Staat-Bürger-Parabel wird konsequent durchdekliniert."

Für Ralf Gambihler von der Freien Presse Chemnitz (18.9.2010) stellt "Vatermord" in der "ebenso charmanten wie bizarren Stückentwicklung" von Borgmann deutlicher den Höhepunkt des Abends dar. Die Inszenierung gehe "das Wagnis immer neuer, vielfach irrlichternder historischer Aufladungen ein", tänzele dabei "spielerisch und abgründig, bisweilen mit einer Handbreit Humor unter den Füßen", doch "konzentriert", mit "Sinn, Gespür und Intelligenz". Eine "Enttäuschung" seien hingegen "Die Räuber". "Martin Laberenz (Regie) vertändelt die ewige Brüdertragödie in Distanzierung."

Auch für Martin Eich in der Welt (18.9.2010) hat Borgmann mit "Vatermord" in der "Leipziger Leistungsschau für Nachwuchsregisseure" die "Nase vorn". Die Arbeit wirke "stimmig und inhaltlich schlüssig". Selten sei "die Enge des Familienlebens so plastisch dargestellt worden" wie im Bühnenbild von Susanne Münzner mit seinen geschichteten Möbeln. "Ein Gefängnis, aus dem nur der ausbrechen kann, der sich im alltäglichen Kleinkrieg jedes gegen jeden durchsetzt." Martin Laberenz bediene sich in "Die Räuber" demgegenüber sämtlicher "Hilfsmittel für dramaturgische Grobmotoriker", die man "so oder ähnlich in den vergangenen Monaten in Leipzig schon gesehen" habe. Einige gelungene aktuelle Bezüge könnten die Produktion "nicht retten", weil "allzu oft der Aktionismus sein hässliches Haupt erhebt" und Schauspieler "auf dem Altar der Effekthascherei geopfert" würden.

Für Hartmut Krug vom Deutschlandfunk (17.9.2010) beweist der "sechsstündige Doppelabend" vor allem "wie eine jüngere männliche Regisseursgeneration bei ihrem intellektuellen Gedankentheater (...) keine sinnliche Darstellungsform mehr findet." Borgmanns "Vatermord" kommt hier nicht besser weg als "Die Räuber": Von "inszenatorischer Form und darstellerischer Differenziertheit" sei hier "wenig zu sehen und zu hören", die freie Stückentwicklung wirke "zusammengenäht", sie sei "mehr dramaturgische Fleißarbeit denn eine Inszenierung." Laberenz' "Basteltheater" füge den "Räubern" keinen Kommentar hinzu: "Schiller wird erbärmlich verkreischt und verplärrt, verlautbart und aufgesagt, nicht dekonstruierend, sondern aus inszenatorischer und schauspielerischer Hilflosigkeit."

Für Dirk Pilz von der Berliner Zeitung (20.9.2010) stellt Borgmanns "Vatermord" hingegen wieder einen streitbaren, diskussionswürdigen Gegenstand dar. "Diese Inszenierung gehorcht in allem den strengen Regeln einer stil- und spielsicheren Anarchie, die offenbar ein prekäres Lebensgefühl ausdrücken will: das Gefühl, in Familien- und Geschichtsbanden verknotet zu sein, die sich ihrer Entwirrung verweigern." Und dafür schaffe Borgmann "eine bild- und emotionsscharfe Szenenlandschaft." Laberenz' "Räuber"-Inszenierung hingegen lasse einen abwinken: "Der gesamte szenische und gedankliche Kuddelmuddel wirkt so angeschafft, bieder, altväterlich und dogmatisch, dass man ihn fast mit jenem Trotztheater verwechseln könnte, für das eigentlich die verbitterten Vertreter einer angeblich goldenen, aber gestrigen Theaterglanzzeit zuständig sind."

Überraschend milde urteilt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (24.9.2010): er sieht bei beiden Regisseuren denselben "Furor", der auch Sebastian Hartmann beseelt, nämlich den des Castorf-Epigonentums, Briegleb nennt es "Volksbühnen-Metastase". Nur sei Castorfianismus für Laberenz und Borgmann "einfach eine Methode" unter anderen. Laberenz "Räuber", befindet er, sei eine Kopie der Castorf-Inszenierung aus den Neunzigern: "natürlich wird wahnsinnig viel geblödelt, übertrieben, geschrien und mit der Distanzwaffe Ironie gegen das Einfühlungsvermögen geschossen". Aber das geschehe mit viel "Unbekümmertheit und Lust aufs Nerven", als hätte es das "große Vorbild" nie gegeben. Ohne Geist und Sprache Schillers zu "verhöhnen", werde sein Sturm-und-Drang-Text "glaubwürdig mit den Mitteln zeitgenössischer Wut" gespiegelt.

Bei Borgmann werde je länger der Abend dauert und sich in verschiedene Geschichten (Heinrich George, Einar Schleef, Hannah Artendt) verzweige, das "Thema Vatermord" zusehends "metaphorischer". Auch in "dieser Versuchsanordnung" dominiere die "aggressive Ironie á la Castorf", zumal Thomas Lawinky immer dann "am Besten" wirke, wenn er "cholerische Rüpel" spielen dürfe. Doch anders als Castorf suche Borgmann nicht "den Publikums-Affront". Sein "assoziatives Spiel" suche immer wieder "Denkangebote und Verknüpfungen", die dem "Vatermord interessante Aspekte" abgewinnen. Das wirke auf eher freundliche Weise wie "experimentelle Didaktik".

 

 
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