Der Klang der Öffentlichkeit

von Elena Philipp

Berlin, 17. September 2010. "Interventionen" für öffentliche Orte sollten die acht Künstler entwickeln, die Stefan Kaegi von Rimini Protokoll und die argentinische Autorin, Regisseurin und Performerin Lola Arias zur Beteiligung am Projekt "Ciudades Paralelas / Parallele Städte" einluden. Drei unterschiedliche Touren führen die Besucher bei der Berliner Premiere nun an idealtypische funktionale Orte einer modernen Stadt: Bibliothek, Hotel, Fabrik, Shopping Center, Gericht und Wohnhaus. Und wie bei solchen "Interventionen" im öffentlichen Raum üblich, zielen die unterschiedlichen Versuchsanordnung darauf, Wahrnehmungen zu verschieben, vertraute Abläufe zu stören, aber auch marginalisierte Existenzen sichtbar zu machen.

In der Bibliothek – das Flüstern der weißen Buchseite

Tour 1 beginnt in der 2009 eröffneten Zentralbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin. Ausgestattet mit einem iPod, wird man zu zweit auf der Leseterrasse im vierten Stock an einem Tisch platziert und blickt auf den beeindruckenden Innenraum mit spiegelbildlich angeordneten Lesebereichen. Die Flüsterstimme aus dem Kopfhörer fokussiert die Wahrnehmung auf die Geräusche der Stille: Seiten, die umgeblättert werden, Dinge, die aus einer Tasche geräumt werden. Synchron mit der Nebensitzerin blättert man ein Notizbuch auf, liest vom Echo der Stimme auf dem Papier, öffnet ein Buch von José Saramago, "Die Stadt der Blinden". Angeleitet von der Stimme fährt man mit dem Zeigefinger die Zeilen der Romantrilogie von Agota Kristof über ihre Kindheit entlang, so dass auch die Nachbarin von zwei kriegstraumatisierten Kindern erfährt, eines angeblich taub, eines blind.

Man schlägt dann Kazuo Ishiguros "Als wir Waisen waren" auf: Zwei Männer, einer davon verletzt, verbergen sich in einem zerbombten Gebäude. Eine zerschossene Stadt, Blut, Schnee – eine weiße Seite. Gehörtes und Gelesenes eröffnen einen assoziativen Hallraum, produzieren in der Imagination überschüssige Bilder. Als ziellos und fragmentarisch Lesende agiert man abweichend von den übrigen Besuchern, die in ihre Lektüre "vertieft, versunken, eingehüllt" sind, und durchkreuzt so die Logik eines Ortes der Wissensproduktion. "The Quiet Volume", ein "Autoteatro" von Ant Hampton und Tim Etchells, ist ein gelungener Auftakt für die "Parallelen Städte".

Im Ibis Hotel – "Niemand will diese Arbeit machen"

Lola Arias' "Zimmermädchen" spannt den Bogen glänzend weiter. Fünf Räume in einem standardisierten Ibis Hotel vermitteln einen Eindruck von den Lebenswelten des sonst unsichtbaren Personals, das hier einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte bekommt. Jean Gaston Tagne ist 2004 aus Kamerun geflohen. Auf der Rückseite eines Bilderrahmens findet man eine Kopie seines Asylantrags, Fotos seiner Familie.

In Zimmer 508 türmt sich ein Berg stinkender Handtücher auf dem Bett. Susanne Stalder erzählt im Videoporträt, dass sie pro Jahr 6.000 Betten aufschüttelt und ein Hotelzimmer mittlerweile auch mit geschlossenen Augen putzen könnte. "Niemand will diese Arbeit machen", sagt sie offenherzig, "aber es ist besser als nichts". Eigentlich wäre sie lieber Kindergärtnerin als unter fremden Betten gebrauchtes Sexspielzeug aufzuklauben. Doch sie schlägt aus dieser tendenziell entwürdigenden Situation einen Funken Schönheit und drapiert die Lustwerkzeuge, die sie nur mit einem Handtuch anfasst, gerne auf dem Nachttisch wie eine Skulptur.

Die Reinigungskräfte arbeiten im Akkord, fünf Zimmer pro Stunde, für einen Lohn von 8,40 Euro, umgerechnet 1,78 Euro pro Zimmer. Bei ihrer Tätigkeit bleibt nur wenig Raum für Phantasie, für die Abweichung.

In der Mercedes-Benz-Fabrik – der Look der Führungskräfte

Im Mercedes-Benz-Werk Marienfelde kann schon eine kleine Abweichung ein Kündigungsgrund sein. In der streng fordistisch organisierten Fabrik, die Gerardo Naumann für Tour 2 erschlossen hat, ist jeder Arbeitsschritt in Sekundenbruchteilen bemessen, die Hierarchien sind strikt. Diplomingenieur Stefan Kollowa führt stolz seinen Dienstwagen vor und präsentiert seine Sicherheitsschuhe im Budapester Look, "für Führungskräfte". Mit seinem Vorgesetzten hat er ein Ziel für die Belieferung anderer Daimler-Werke mit Motoren vereinbart: 100 Prozent.

Einige der Abläufe zur Montage des Dieselmotors vom Typ OM642 kontrolliert der Meister Jörg Teichmann. Seine Arbeiter an der 560 Meter langen Fertigungsstraße haben maximal 67 Sekunden Zeit pro Motor, ein buntes Balkendiagramm zeigt die wertschöfpenden, qualitätssichernden oder nicht der Veredelung des Produkts dienenden Arbeitsschritte an. Je wertschöpfender, desto besser. Der Werksrundgang mit den Alltagsexperten mag die Theaterkunst nicht entscheidend voranbringen – aber als Ausflug in eine Parallelwelt ist er ein echtes Highlight, ein gelungenes edukatives Event à la Rimini Protokoll.

Shopping Mall und Amtsgericht – eine Verschwörung und ein Chorerlebnis

Die "Shopping Mall Experience" des Künstlerkollektivs Ligna hingegen enttäuscht. Konzeptionell ähnelt die Aktion dem Radioballett, das die Performancegruppe 2002 im Hamburger Hauptbahnhof aufführte. Angeleitet von einer Radiostimme, werden die Flaneure als Performer aktiv. Man soll den Gang einer fremden Person nachahmen, laut den Satz nachsprechen "Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger. Alles zu werden, strömt zuhauf", oder den Mitverschwörern in der von Ligna ausgerufenen "1. Internationale der Shopping Malls" unauffällig Kassiber zustecken. Der theatrale Flash Mob ist mitunter recht erheiternd. Den Radiotext haben die Medienkünstler jedoch garniert mit eher selbstverliebt anmutenden Ausführungen zum Einkaufszentrum als Bühne für die Selbstdarstellung und zur grundlegend kapitalistischen Strukturierung der Gesellschaft.

Eine überzeugendere Strukturanalyse ist "Crescendo" von Christian Garcia. Im imposanten Jugendstil-Foyer des 1896 bis 1905 erbauten Land- und Amtsgerichts Berlin lässt Garcia seinen Chor über ein Werk des Komponisten Thomas Tallis (ca. 1505–1585) improvisieren. Ein Akkord verklingt langsam im neobarock gestalteten Raum, dessen Akustik die einer Kirche übertrifft. Sprechstimmen brechen die Klangfläche auf: "Geschäftszeichen 63 S 376 Strich 08". Der Vorsänger schreitet vom emporenartigen Umgang die pompöse Treppe hinunter und intoniert als liturgischen Gesang eine Urteilsverkündung "im Namen des Volkes". Die Staatsmacht hat die Geistlichkeit beerbt, der Justizpalast die Kathedrale.

Finale im Wohnhaus – Parallelwelten belauschen

"Prime Time" von Dominic Huber/Blendwerk fällt analytisch und formal weit hinter diese chorische Intervention zurück. In sechs erleuchtete Wohnzimmerfenster blicken die Theaterbesucher von ferne, fröstelnd auf dem herbstfeuchten Rasen stehend. Sechs Familien schauen fern, empfangen Besuch, essen zu Abend. Man lauscht den arabisch, türkisch, deutsch sprechenden Bewohnern, ohne dass sich eine grundlegende Idee oder ein erzählerischer Bogen vermitteln würde.

Soll das unter Umständen Medienkritik sein? Prime Time-fähig wäre sie nicht. So bleiben der Ruch des Voyeurismus und die Assoziation zwischen dem Titel "Parallele Städte" und den Parallelwelten, in denen Migranten in Deutschland angeblich leben. Wer über öffentliche Orte als materialisierte Herrschaftsverhältnisse nachdenken möchte, ist auf Tour 1 oder 2 besser aufgehoben.

P.S.

In Berlin wird auf Tour 3 ab 18. September zusätzlich im Hauptbahnof "Sometimes I think, I can see you" von Mariano Pensotti gezeigt. Vier Berliner Autoren (Jörg Albrecht, Gesine Danckwart, Anne Habermehl, Tilman Rammstedt) schreiben live vor Ort.

"Ciudades Paralelas" wird im November und Dezember 2010 in Buenos Aires gezeigt, und im Juni 2011 im Rahmen der Zürcher Festspiele. Die Touren werden für den jeweiligen Kontext neu entwickelt.


Ciudades Paralelas / Parallele Städte - ein Projekt kuratiert von Lola Arias und Stefan Kaegi

TOUR 1: BIBLIOTHEK & HOTEL

The Quiet Volume
von Ant Hampton & Tim Etchells
Sprecher: Inti Otto, Lars Rudolph, Andreas Schröders, Ant Hampton, Seth Etchells, Jenny Naden, Musik: Isambard Khroustaliov, Maurizio Ravalico, Lothar Ohlmeier

Zimmermädchen
von Lola Arias
Mit: José Angel Hernandez Garcia, Jinrong Li, Bich Müller, Susanne Stalder, Jean Gaston Tagne, Raum, Video, Audio: Mikko Gaestel/Expander

TOUR 2: FABRIK

La Fábrica
von Gerardo Naumann
Mit: Hendrik Bloch, Andreas Bork, Stefan Kollowa, Nancy Kutta, Volker Schmieding, Jörg Teichmann

TOUR 3: SHOPPING CENTER & GERICHT & HAUS

The Shopping Mall Experience
von Ligna (Ole Frahm, Michael Hueners, Torsten Michaelsen)
Sprecher: Edith Adam, Rica Blunck, Lukas Holzhausen, Thomas Kügel

Crescendo
von Christian Garcia
Chor: Silvia Gruber, Annette Kossler, Alexandra Lauck, Luise Micklitz, Carolin Poppenberg, Anja Schneider, Hilde Seelbach, Ulli Strehl, Stefan Syrbe, Robert Waniek, Konrad Rudolf

Prime Time
von Dominic Huber/Blendwer
Mit den Familien Issa, Shelbayeh, Bilgili, Razzaq/Öztürk und Omeirat/Kujaschewski

www.hebbel-am-ufer.de

www.ciudadesparalelas.com

 

Mehr zu den Projekten von Stefan Kaegi erfahren Sie im Lexikonbeitrag zu Rimini-Protokoll. Von Lola Arias besprach nachtkritik.de zuletzt die Dokumentarprojekte Mi Vida después und Familienbande. Ligna gastierten jüngst auf Kampnagel mit Eiland. Tim Etchells, hauptberuflich Mastermind von Forced Entertainment, zeigte im Mai im PACT Zollverein in Essen The Thrill of it All.


Kritikenrundschau

Als "vielgestaltige Störversuche platter Sichtbarkeit" deutet und lobt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (20.9.2010) das große "Performance-Mosaik" von Kaegi/Arias "Parallele Städte". Eingeübt werde das "Lesen der Welt", das "in Sprüngen und Abwägungen, durch Zerreißen und Verbinden, aus Sichtbarem, Unsichtbarem" ablaufe. Ein Sinnbild dafür ist die Bibliothekstour von Hampton/Etchells, ein "Theater ganz wunderbarer Art", das der "allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Sehen, Hören, Lesen" Raum gebe. Weniger gelungen nimmt sich der Abstecher ins, von Lola Arias eingerichtete, Ibis-Hotel aus: "Obwohl Arias die Unsichtbarkeitsseite der Welt nach außen stülpt, hätte man sich bohrendere Inszenierungen dieser unsichtbaren Arbeitsmenschen gewünscht."

Einen "bemerkenswerten Parcours der austauschbaren Orte" stelle das Projekt "Parallele Städte" dar und spiegle damit "nicht zuletzt die Situation der Performer selbst": Die "können, als Dienstleister eines globalen Kunstmarkts, ihre urbanen Interventionen überall vornehmen." So schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (19.9.2010). Für ihn ragt Lignas Shopping-Center-Tour heraus, eine "fröhlich-subversive Veranstaltung, die (...) zur Reflexion über das Architektur-Diktat des Einkaufszentrums und den Warenfetisch nach Marx anregt und schließlich zu wenig konformem Verhalten auffordert." Überzeugend seien auch Projekte wie die von Huber und Arias, die "mit dem Kitzel des Authentischen, mit einer offensiv ins Private zielenden Schaulust, die Künstler und Besucher" einen würden.

 

 
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