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Unstillbare Karrieresucht und Geistestod

von Sarah Heppekausen

Wuppertal, 18. September 2010. Beschwingt betreten Macbeth und seine Gattin den Bühnenraum und schütteln freundlich Hände der Zuschauer. Als wären wir ihre Gäste und die Publikumsbänke eine lückenlose Fortführung der dunkelgrünen Polstergarnitur ihres Wohnzimmers. Im "Kleinen Schauspielhaus" – eine Spielstätte im Foyer, denn das Wuppertaler Schauspielhaus wartet auf seine Sanierung – muss weder das Ehepaar Macbeth noch die mögliche Identifikation mit ihnen eine große Rampe überwinden.

Er: Typ Hemdträger, der sich in Jeans und T-Shirt wohler fühlen würde. Der seine naive Unsicherheit nervös weggrinst. Und der nicht nur in seinen Anzug, sondern auch in seine großen Macht-Worte erst noch hineinwachsen muss. Sie: Typ toughe Lady im türkisfarbenen Hosenanzug (der sich farblich ganz schrecklich mit dem Sofagrün beißt), 80er-Jahre-Schulterpolster, strenger Zopf und hohe Schuhe. Beide Karriere gesteuert und lust- und liebevoll voneinander besessen. Ein Paar, das heftigst umschlungen in die (Ehe-)Krise läuft, musikalisch begleitet von "I'm sitting on top of the world".

Fauchendes Trash-Trio
Das ist die eine Seite in Claudia Bauers Shakespeare-Inszenierung, die häuslich-paarbezogene sozusagen, vom Zuschauer aus gesehen auf der rechten Seite der Bühnenfläche platziert. Links davon hausen die Hexen im Chaos aus Puppen- und Schweineköpfen, Besen, abgebrannten Kerzenstummeln, Klamottenhaufen und Bühnennebel. Ein Trash-Trio, das unter verfilzten Langhaarperücken und eingezwängt in durchlöcherten Strumpfhosen schicksalhafte Prophezeiungen in Mikrophone faucht.

Daniel Breitfelder, Marco Wohlwend und Sebastian Stert sind aber nicht nur die penetranten Unheilsschwestern, sie geben auch alle anderen Figuren, denen die Macbeths auf ihrem Karriere-Feldzug durch Schottlands Machtgefüge begegnen. Dafür setzen die sich die Perücke ab, eine Krone auf oder einen Anzug an und steigen durch einen (überflüssigen) körpergroßen Rahmen als beträten sie nun die Bühne der Wirklichkeit.

Durchdacht und durchaus durchgeknallt
Die Hexen sind Kopfgeburten Macbeths, der langsam aber todsicher zum Opfer seiner Wahnsinns-Visionen wird. Die Hexen sind aber auch Spielmacher dieser Albträumereien. Und genau hier hakt es an diesem durchdachten, durchaus durchgeknallten Abend. Es wird glaubwürdig geknutscht, getanzt, geweint und gemordet, frei nach dem Motto "ich mache Karriere, also bin ich".

Lady Macbeth stachelt ihren Mann zum Königsmord an, um ihre zukünftigen Gäste nicht mehr im Hosenanzug, sondern standesgemäß im ausgestellten Kleid und mit Diadem auf der Stirn begrüßen zu können. Enttäuschungen über ihren zunächst unfähigen Gatten ("Warum brachtest du die [blutbeschmierten] Dolche mit?") erklären sich als typische Paarprobleme ("Warum bist du nur so? Warum tust du mir das an?"), die weiblicherseits im hysterischen Weinkrampf enden. Feststellungen ("Dir fehlt Schlaf") steigern sich zu Endlos-Diskussionen ("Schlafen ist doch völlig überschätzt").

Shakespeares Unheilsdrama über das Menschlich-Böse erklärt die Regisseurin nachvollziehbar als Psychodrama. Unstillbare Karrieresucht endet im Geistestod. Holger Krafts Macbeth entwickelt sich von der nervösen Grinsebacke zum irrationalen Menschenschlächter, weil seine naive Sehnsucht nach Anerkennung, Liebe, Familie und einem Freundeskreis überwältigend ist. Sophie Basses Lady Macbeth zerfällt ganz heutig in Depressionen. "Ich bin so müde", schreit sie mit letzter aufkeimender Kraft, bevor sie sich im Morgenmantel und mit zerzausten Haaren darniederlegt.

Horrormärchenfantasie
Den drei Hexen-Darstellern und ihren Wandlungskünsten zuzuschauen, macht großen Spaß. Das gleicht einer (gut gemachten) Geisterbahnfahrt zwischen Horrormärchenphantasie, Splattermovie und lächerlicher Kunstblutorgie. Manchmal allerdings kippt die Szene unnötig ins Klamaukige. Und wenn am Ende die Hexen die Leichen Macbeths und seiner Lady drapieren als handele es sich dabei um deren Spielfiguren, und sich für ihr Werk verbeugen, wird dem Abend leider ein Großteil seiner psychodynamischen Stärke genommen. Da können uns die Macbeths noch so oft die Hand reichen.

Jetzt spätestens geht nur noch derjenige einen Gedankenpakt mit Macbeth ein, der an Hexen glaubt.

 

Macbeth
von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Claudia Bauer, Bühne und Kostüme: Patricia Talacko/ Bernd Schneider, Musik: Charles Petersohn, Dramaturgie: Sven Kleine.
Mit: Holger Kraft, Sophie Basse, Daniel Breitfelder, Marco Wohlwend, Sebastian Stert.

www.wuppertaler-buehnen.de

 

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Kritikenrundschau

Vor allem die "intimen Momente" hebt Martina Thöne auf den Wuppertaler Kulturseiten der Westdeutschen Zeitung (20.9.2010) an Claudia Bauers "Macbeth"-Inszenierung hervor. An anderen Stellen hingegen "stimmt die Balance zwischen Ernst und Heiterkeit nicht: Immer wieder rutscht das Psychodrama ins Klamaukhafte ab." Macbeth stehe als "tragische Figur (...) irgendwie zwischen den Zeiten – und zunehmend neben sich." Er "wird wirr im Kopf, die Inszenierung immer abgedrehter."