Archaische Ausdruckskraft

Berlin, 19. September 2010. "Hier spricht die diensthabende Gräfin der Deutschen Demokratischen Republik", hat sie sich jahrelang am Telefon gemeldet, wie sie Hans-Dieter Schütt für sein schönes Inge-Keller-Buch "Alles aufs Spiel gesetzt" erzählte (Verlag Neues Berlin, 2007). Und Boleslaw Barlog, bei dem sie am Westberliner Schloßpark Theater spielte, sagte zu ihr: "Paß mal off, Kleene, ik fin den ja ooch prima, aber laßn loofen. Laßn loofen, in zwei Jahren biste in Hollywood." "Der", das war der kommunistische Journalist Karl-Eduard von Schnitzler, mit dem Inge Keller frisch verliebt im Berliner Westend lebte. Aber dann kam das Jahr 1950, und die Eiswinde des Kalten Krieges trieben das Paar nach Ostberlin. Hollywood hatte da keine Chance.

So kam Inge Keller, Berliner Unternehmertocher des Jahrgangs 1923, 1950 ans Deutsche Theater, höhere Tochter ans hohe Haus sozusagen, Nabel der Theaterwelt. Der Intendant war Wolfgang Langhoff, berühmter Antifaschist und Künstler, der in jenen Jahren auch Brechts Berliner Ensemble an seinem Theater Gastrecht gewährte, und die Keller in gewisser Weise so etwas wie eine Gegen-Weigel wurde.

Bei Langhoff spielte sie zum Einstand erst einmal Klasssenfeindinnen: zum Beispiel die dekadent-laszive Journalistin Annabell Stimpson in Langhoffs Inszenierung von Ernst Fischers reißerisch-demagogischem Anti-Tito-Thriller "Der große Verrat", bevor sie bald zu einer der großen Protagonistinnen des Hauses avancierte: als Eliza in Rudolf Noeltes Inszenierung von Shaws "Pygmalion" beispielsweise, in dessen Inszenierungen sie später auch im Westen gastweise spielte. Oder als eisig-elegante Paula Clausen in Wolfgang Heinz' "Vor Sonnenuntergang". Als Emilia in Heinz' berühmter Othello-Inszenierung von 1953, in deren Jago Ernst Busch gewesen ist. Oder 1957 als herrische Goneril in Langhoffs "Lear".

Iphigenie in Niederschönhausen
Die Rolle ihres Lebens sollte 1962 die "Iphighenie" werden, die sie in Wolfgang Langhoffs letzter Regiearbeit spielte, und in der sie mit ihrer nüchternen Intensität, der kühlen Hitze ihres Spiels Berliner Theatergeschichte schrieb. Bis heute heißt das Haus, das sie seit 1961 in Berlin-Niederschönhausen bewohnt, "Tauris", steht in ihrem Wohnzimmer ein Langhoff-Sessel, auf dem, so lässt sie die Besucher wissen, einst Wolfgang Langhoff gerne saß. Eine weitere Glanzrolle ihrer Laufbahn war 1981 die Danton-Geliebte Julie in Alexander Langs bedeutender Büchner-Inszenierung "Dantons Tod" – ältere Frau eines jüngeren Mannes, weltweiser Todesschatten und leibhaftige Verkörperung des Todes als Maske der Revolution. Eine Rolle, die 2004 im Haus der Berliner Festspiele ihr Echo noch in Ulrich Mühes Heiner-Müller-Inszenierung "Der Auftrag" fand, wo Inge Keller die "Erste Liebe" spielte.

Die kühle Grandezza ihrer früheren Jahre wich, je älter sie wurde, einer fast archaischen Ausdruckskraft, was sie nach 1990 für die geschichts-fatalistischen Tableaus von Einar Schleef und Robert Wilson zur Idealbesetzung machte. Noch Michael Thalheimer besetzte die Keller 2005 als Ewigkeitsfigur in seinem "Faust".

Theater beginnt immer mit einer leeren Bühne. Um sie zu füllen, braucht es nicht viel mehr als eine Schauspielerin vom Format der Keller. Auch wenn sie einfach nur da sitzt, was sie, die auch mit beinahe 90 noch beeindruckend eitel ist, mit Genuss in Szene zu setzen versteht. Inge Keller erlebte vier politische Systeme, einen Krieg und eine Nachkriegszeit, sie ist Ehrenmitglied des Deutschen Theaters Berlin, Trägerin des DDR-Nationalpreises I. Klasse für Kunst und Literatur und des Verdienstordens des Landes Berlin. (sle)

 

 

 
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