Mit Bespaßungsgarantie

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 19. September 2010. Stell Dir vor, es ist Gegengipfel und kein Schwein schaut zu. So ergeht es den drei leidenschaftlichen Aktivisten im Stück der argentinischen Autorin Laura Fernández. Während in Japan das Gipfeltreffen der G8-Staaten über die Bühne geht, klappen die drei irgendwo im argentinischen Busch, fern von jeglicher Zivilisation, ihre Laptops auf, um aller Welt zu zeigen, dass sie auf der richtigen Seite stehen. Bloß: Niemand nimmt von ihnen Notiz.

Denn unter uns untätigen Zuschauern, inklusiver einiger maulfauler Kulturjournalisten, findet sich nirgends ein Vertreter der politischen Presse, der berichten könnte, was den Rüstungs- und Kernkraftgegner Felix, die Kinderarbeits- und Pharmaindustriegegnerin Pascale und die Frauenrechtlerin Lisa umtreibt. Nur ein einsamer Eingeborener bedenkt den Aktivistentrupp mit sagenhaft stummem Staunen.

Tarantino goes Kindergeburtstag

Fernández steckt ihre Figuren in eine Situation, die an Sartres "Geschlossene Gesellschaft" denken lässt. Sie schaut ihnen mit Hingabe dabei zu, wie sie ihre Ideale in den Himmel fahren lassen und sich die Hölle auf Erden bereiten. Nicht einmal in ihrem kleinen Kreis beherrschen die Drei die Kunst der Solidarität. Mit Gespür für die absurde Unausweichlichkeit gruppendynamischer Prozesse samt ihrem aberwitzigen Eskalationspotential entwickelt Fernández ihre Gutmenschen-Groteske. Viel Witz und spielerische Ironie legt sie hinein, tiefere Bedeutung eher weniger. Das macht das Stück etwas schmalbrüstig.

Mit seiner deutschsprachigen Erstaufführung inszeniert der Dramatiker und Hausautor des Berliner Maxim Gorki Theaters Philipp Löhle erstmals in Mainz. Den tarantinoesken Dialogen der Vorlage fügen er und seine Schauspieler manch eine treffende Pointe hinzu, so dass der Gegengipfel bald zum ausgelassenen Kindergeburtstag mit Bespaßungsgarantie wird. Evi Wiedemann hat dafür die Bühne im TiC-Werkraum als heimeliges Beduinenzelt hergerichtet: Die gesamte Decke ist mit Stoffbahnen abgehängt. Man fühlt sich fast wie in einer Höhle. Auf der Bühne stehen außer zwei Scheinwerfern bloß noch ein paar Ventilatoren und in der Mitte liegt ein bisschen exotischer Kleinkram herum, nach dem der Eingeborene bei seiner Stammestanz-Ouvertüre im Bastrock eindrücklich jagen darf.

Eiskalte Terroristenblicke in der Urwaldhitze

Jan-Philip Franks stoische Urwaldmaske bildet ohne Zweifel das Gesicht dieser Aufführung. Mit stiller Größe und edler Einfalt verfolgt er das Gebaren der drei Unermüdlichen. Die Gipfelstürmer entern in Kapuzenpullikluft die Bühne und besetzen den Raum wie ein abbruchreifes Haus. Mit eiskalten Terroristenblicken checken sie die Lage, bevor sie einsehen, dass niemand ein Einsehen mit ihnen hat. Dabei ist nur eines gewiss: Der Ablaufplan muss eingehalten werden. Das Publikum wird als Agitationsmasse in drei Gruppen aufgeteilt, abgefilmt und vollgequatscht.

Lisa Mies ist dabei die patente Old-School-Feministin, deren Blick vor Wut und Trotz tränenverschleiert ist und die mit ihren Durchschusslöchern in der Schulter prahlt wie mit einem schicken Portemonnaie. Pascale Pfeuti gibt die quirlig sprungbereite Aktivistin, die mit bedeutungsschwangerer Miene Anführungsstriche in die Luft malt, mit Vorliebe bei Wörtern, die nicht nach Anführungsstrichen verlangen. Und Felix Mühlen verkörpert mit nonchalantem Ernst einen zornigen jungen Mann im Kampf für die Windkraft, der von den beiden Frauen zum Ende hin ins erotische Kreuzverhör genommen wird. Kurz: drei liebenswürdig überengagierte Milchgesichter, deren überdrehter Protest geradewegs in den nächsten Gag mündet. Und das ist die längste Zeit der 90 Minuten sehr zum Lachen.


Gegengipfel (DEA)
von Laura Fernández
Deutsch von Stefanie Gerhold

Regie: Philipp Löhle, Ausstattung: Evi Wiedemann, Dramaturgie: David Schliesing
Mit: Jan-Philip Frank, Felix Mühlen, Pascale Pfeuti und Lisa Mies.

www.staatsheater-mainz.com


Mehr über Philipp Löhle erfahren Sie im nachtkritik-Lexikon. Die Möglichkeiten einer heutigen Protestkultur prüft derzeit auch das Staatstheater Hannover mit der Republik Freies Wendland.

Kritikenrundschau

Nicht um Lösungen, sondern um den konsequenten Zweifel gehe es an diesem Abend, findet Gerd Blas in der Mainzer Rhein-Zeitung (21.9.2010): "Löhle macht sich in seiner Inszenierung nicht auf die Suche nach einer Antwort, er stellt lieber die Frage in den Raum." Dabei bleibe er sparsam in der Wahl seiner Mittel: "Ein bisschen Getrommel, ein wenig Musik, kaum Requisiten und zwei Beleuchtungsstile für Protestkultur und Indianerwelt reichen völlig."

"Löhle inszeniert diese sarkastische Gutmenschen-Dämmerung mit leichter Hand als Mix aus Grosteske, Psychodrama und spöttischer Politparabel, der den Akteuren viel Freiraum zu Situationskomik lässt", meint Michael Jakobs im Wiesbadener Kurier und in der Allgemeinen Zeitung Mainz (21.9.2010). Sein Fazit: "Es schadet nichts, vor der nächsten Demo den 'Gegengipfel' zu besuchen."

Amüsiert zeigt sich auch eine Stimme in der Frankfurter Neuen Presse (22.9.2010). dek hat  ein "witzig-flinkes Zerrbild eines 'An-grünem-Wesen-soll-die-Welt-genesen'-Altruismus in seinem humorlosen Messianismus" gesehen. Und ist angetan: "Stück und Regie sympathisieren zwar mit manchen Zielen der Nachhaltigkeits-Apostel, tragen die Kritik an ihrer 'Szene' aber kompromisslos karnevalesk vor."

In der Frankfurter Rundschau (23.9.2010) lobt Judith von Sternburg die "klugerweise völlig naturalistische" Situation der Inszenierung: "Die Schauspieler sollen ganz sie selbst sein, verlegen, nuschelnd. So wird die tragische Nähe des Aktivismus zur Lächerlichkeit umso deutlicher – auch hier kann man nicht anders, als zu kichern –, aber natürlich sind die Forderungen der Aktivisten dennoch berechtigt." Doch Sternburg schränkt ein: "Andererseits ist das inzwischen so vertrautes Terrain, auch die Nachstellung des Lebens im Theatersaal unter Einbeziehung der Zuschauer, dass es sich eigentlich rascher totläuft, als anderthalb Stunden vorbei sind."

 
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