Stellungnahme des Schauspielhauses zu beabsichtigten Kürzungen

Hamburg, 22./23. September 2010. Der Hamburger Senat hat am 22. September 2010 für das Deutsche Schauspielhaus eine Etat-Kürzung von 1,2 Millionen ab kommender Spielzeit beschlossen. Das Schauspielhaus veröffentlichte am Abend eine Stellungnahme zu den aktuellen Kürzungen:

"Die Kulturbehörde macht es sich sehr einfach, indem sie genau das Haus, das im Moment nach außen hin als geschwächt erscheint, finanziell aussaugt. Dies ist ein plumper Versuch, die Staatstheater untereinander zu entsolidarisieren. Das ist beispiellos und leider sehr traurig.

Mit der Kürzung von 1,2 Millionen Euro für das ohnehin schon unterfinanzierte Haus verhindert die Kulturbehörde den Erfolg bei der Suche nach einem ernst zu nehmenden Intendanten. Die Zukunft des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg ist gefährdet: Das ist der Anfang vom Ende.

1,2 Millionen sind mehr als 50% des künstlerischen Etats. 'Damit sind wir wieder einen Schritt näher an der finsteren Vision von Jürgen Flimm, dass der Vorhang dieses Hauses hochgeht, die Maschinerie sich bewegt – sollte sie überhaupt noch funktionieren –, aber kein Schauspieler mehr auf der Bühne steht', so der Geschäftsführer des Schauspielhauses Jack Kurfess zum Beschluss des Senats.

Der Umfang der Kürzung ist so hoch, dass sie sich nur durch strukturelle Maßnahmen
ausgleichen lässt. Das bedeutet in der Konsequenz Spartenschließung. Das heißt für das
Schauspielhaus das Ende aller kleineren Spielstätten und damit auch das Ende der Sparte
Junges Schauspielhaus."

"Das ist der Todesstoß!"

In einem Gespräch am Abend erklärte Florian Vogel, Mitglied der interimistischen Leitung des Hauses, gegenüber nachtkritik.de: "Die Kürzung des Zuschusses um 1,2 Millionen Euro ab kommender Spielzeit ist eine grobe Fahrlässigkeit. Damit ist eine Hemmschwelle überschritten, wonach der künstlerische Betrieb nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Jetzt geht es um den schieren Fortbestand des Hauses. Es sieht danach aus, dass der Senat das Haus austrocknen will."

Während Ensemblesprecher Marco Albrecht die neueste Entwicklung nur kurz mit: "Das ist der Todesstoß!" kommentierte, erklärte Joachim Lux, Intendant des benachbarten Thalia Theaters: Da sein Haus gerade erst dabei sei, "die letzte Kürzungswelle umzusetzen", könne er mit den Kollegen vom Schauspielhaus mitfühlen, "die jetzt verzweifeln". Sie haben "nicht nur unser Mitgefühl, sondern auch unsere Solidarität. Das Beste allerdings wäre, wenn die Hamburger Kulturbürgerschaft durch massenhaften Besuch dokumentiert, dass sie das Schauspielhaus für unverzichtbar hält."

Am 14. September hatte Friedrich Schirmer bekannt gegeben, dass er zum Ende des Monats als Intendant zurücktritt; er nannte als Grund eine angekündigte Kürzung von 330 000 Euro in der laufenden Spielzeit. Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allhgemeinen Zeitung (24.9.2010)  findet Schirmer habe seinen Job beleidigt hingeschmissen und sein Ensemble im Stich gelassen. Jetzt hat der Senat die weitere Kürzung von 1,2 Millionen Euro ab nächster Saison beschlossen, was auch für Gerhard Stadelmeaier einer "Torpedierung des ganzen Hauses nahe kommt".

Hamburgs Bürgermeister Christoph Ahlhaus (CDU) hatte auf Schirmers Rücktritt hin bereits öffentlich über einen Intendanten für mehrere Hamburger Häuser nachgedacht.

(dip/jnm)

 

Hier finden Sie eine ausführliche Chronik zur Debatte um das Deutschen Schauspielhaus.

 

 
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