Identitätspiraten

von André Mumot

Braunschweig, 23. September 2010. Bevor dieser Abend zu sich finden kann, bevor er sich mit Wucht in seine Identitäts-Zerrüttungen wirft, will er erst einmal auf ziemlich fürchterliche Weise komisch sein. Vielleicht, weil sich seine Grundidee schon einmal als Komödienstoff bewährt hat: In "50 erste Dates" war es Drew Barrymore, die, mitten im goldigen Hollywood-Mainstream, ständig ihr Gedächtnis verlor, und um die Adam Sandler wieder und wieder neu werben musste.

In Anne Nathers Auftragswerk fürs Staatstheater Braunschweig, mit dem die neue Intendanz von Joachim Klement ihre erste Spielzeit eröffnet, geht es dem jungen, vom eigenen Werk angeekelten Schriftsteller Georg (Oliver Simon) nicht anders. Nach einer Preisverleihung, auf der er die ein oder andere Auster zu viel geschlürft hat, kommt ihm jedenfalls alle paar Minuten sein Kurzzeitgedächtnis abhanden. Und damit auch die Fähigkeit, zu schreiben.

Alles ist Pastete

Das finden vor allem seine Eltern ziemlich ärgerlich - einfache, überforderte Leute, ein Metzger und seine Frau, von denen es im Text bizarrer Weise heißt: "Die Frau wetzt ihm die Messer scharf. Das Wurstgeschäft floriert. Alles ist Pastete." Leider eine Steilvorlage für Daniela Löffners Inszenierung: Martina Struppek und Mattias Schamberger müssen als hyperaktiv-hysterisches Slapstickduo auf der schiefen Ebene der Bühne Kabolz schlagen und ihre Würste nicht nur um den Hals und in den Kitteltaschen tragen, sondern auch in Ketchup tunken und dem Sohnemann als Schreibgerät in die Hand drücken oder als Zigarren in den Mund schieben. Außerdem begrapschen sich die beiden in rustikaler Überengagiertheit und veranstalten auch sonst jede Menge Krawall, der sie auf unangenehme Weise der Lächerlichkeit preisgibt.

Zum Glück aber heuern die Spektakel-Komiker, die sich nicht herantrauen an ihren geistig entrückten Nachwuchs, einen flüchtigen Bekannten an, der als Georgs Assistent und Gedankenstütze dienen soll. Auftritt Raphael Traub, der diesem Franz die faszinierend angespannte Präsenz eines menschlichen Chamäleons gibt und den so schrecklich vordergründig beginnenden Abend mit grandioser Eindringlichkeit Schritt für Schritt in hoch sensible Verstörungsdimensionen führt.

Wo Metzger sich an Narrationen klammern

Als scheuer Sonderling tastet sich der sehnsuchtsvolle Identitätspirat in das heikle Spiel hinein und schreibt freundlich seinen Namen und die nötigsten Grundinformationen mit weißer Farbe auf den Bühnenboden. Schließlich aber geht er konsequent dazu über, sich auf beiden Seiten der unmöglich gewordenen Familienkommunikation unersetzlich zu machen. Den ungeduldigen Eltern beginnt er, von der Geschichte zu erzählen, an der Georg angeblich schreibt, und die von diesen gierig weitergesponnen wird. Und mit Georg, den Oliver Simon in andauernder Alarmiertheit durch die Leerstellen seiner fragmentierten Gegenwart tappen lässt, nimmt er eine Liebesgeschichte auf, die er dazu nutzt, sich systematisch an seine Stelle zu setzen.

Eigentlich ist Anne Nathers Stück dabei überhaupt nicht laut, sondern sehr leise, und erkundet auf schlichte, aber poetisch delikate Weise die Sehnsucht nach einem kontinuierlich durcherzählten Leben. So wie sich hier die Fleischer-Eltern an eine Narration klammern, die die auseinander fallenden Einzelteile ihrer familiären Situation kitten soll, nutzt der heimatlose Franz die Gedächtnis-Tabula-Rasa seines Wirts, um sich ein eigenes Leben zu erfinden, in dem er sich zum geliebten Sohn und zum geliebten Liebhaber machen kann. Und Daniele Löffner, die in Zürich bereits Anne Nathers Debüt Im Wald ist man nicht verabredet inszeniert hat und in Braunschweig jetzt Hausregisseurin ist, findet hierfür schließlich immer berückendere, schmerzend schöne Bilder und Gesten.

Das Ich im Schlick verloren

Literweise schüttet der gespenstisch starke Raphael Traub jetzt nämlich weiße Farbe über die Bühne und über Georg. Die geschriebenen Erinnerungsstützen löscht er damit aus und wälzt sich mit seinem Liebesobjekt durch den klebrigen weißen Schlick - ringend, kämpfend, küssend, bis beide ununterscheidbar sind in ihrem neutralisierten Zustand und er Georgs Identität komplett übernehmen, ihn als zitterndes, heulendes, desorientiertes Häufchen Elend zurücklassen kann.

Es ist beklemmend und auf merkwürdige Weise zugleich beglückend, diesen grausamen Emanzipationsprozess des Ich-Erfinders mit anzusehen - weil ihn Stück und Inszenierung als existentiellen Akt sehr ernst nehmen. Um die selbstreferentiellen Wunsch- und Alpträume der Autorschaft geht es in diesen aufregend eskalierenden 100 Minuten, um den Zwang, jemand sein zu müssen und um die Hoffnung, sich erzählend davonzustehlen, sich ins Fiktive ducken zu können. Zum Glück also doch um sehr viel mehr als um die paar Würstchenwitze aus der Slapstick-Fleischerei.


Aller Tage schwarzer Kater (UA)
von Anne Nather
Inszenierung: Daniela Löffner, Bühne: Regina Lorenz, Kostüme: Sabine Thoss, Dramaturgie: Karin Breschke.
Mit: Oliver Simon, Raphael Traub, Martina Struppek, Mattias Schamberger.

www.staatstheater-braunschweig.de

 

Mehr zu Anne Nather und Daniela Löffner: Die Autorin ist aus dem Düsseldorfer Autorenlabor hervorgegangen, schrieb mit an der Deutschlandsaga - Die 80er Jahre der Schaubühne Berlin und wurde in diesem Jahr zu den Autorentheatertagen ans Deutsche Theater Belrin eingeladen. Dort gastierte sie mit Im Wald ist man nicht verabredet, einer Zürcher Inszenierung aus dem November 2009 von Daniela Löffner, die seit dieser Spielzeit als Hausregisseurin in Braunschweig arbeitet.

 

 
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