Schlamparei (sic!) im Hexenhaus

von Ralf-Carl Langhals

Mannheim, 24. September 2010. Sie sind Managerin, Chefsekretärin, Filmproduzentin oder Wissenschaftlerin: Gabriele, Constanze, Maren und Helga haben zu tun – und Kinder mit Namen wie Lea-Marie, Antonia, Sudoku, Ludwig oder Leander. Da wird es schon mal eng, zwischen Meeting und Marketing noch schnell die Biogemüse-Streifen für die lieben Kleinen zu schneiden. Männer spielen in dieser bionade-biedermeierlichen Mittelklasse, die sich gehoben – und folgt man Autorin Felicia Zeller – auch ganz schön abgehoben nennen darf, kaum eine Rolle. Sie sind (immer noch) weit weg vom Besserverdiener-Wahnsinn zwischen Waldorf- und Waldkindergarten, fern von Kitas und Kindergeburtstagen, immun gegen den Logistikstress der Reit-, Ballett- und Klavierstunden ihrer Nachkommen. Besserverdiener-Männer bewegen sich als Senior Key Account Manager in Businesshotels oder auf Flughäfen, jedenfalls aber in anderen Umlaufbahnen als ihre verdienenden wie verdienten Besserwissergattinnen, weshalb Felicia Zeller einen von diesen Vätern buchstäblich auf den Mond geschossen und gleich zum Astronauten gemacht hat.

"Gespräche mit Astronauten" nennt Zeller den aus den "schlimmsten Gruselgeschichten" von Au-pairs und Gastmüttern destillierten Text, den Burkhard C. Kosminski jetzt zur Saisoneröffnung im auf Kammerspielgröße zurechtgestellten Schauspielhaus des Nationaltheaters uraufführte. Eine bitterböse deutsche Gesellschaftsstudie ist es geworden, in der Emanzipation und politische Korrektheit zurückschlagen: mitten in das Herz der Familie, das so schnell schlägt, das zwischen Ordnung halten und Liebe walten selbst der engagiertesten akademischen Multitaskerin die Luft ausgehen muss.

Stofftiere im Bühnenall

Doch Geld ist da - ein Au-pair muss her. Um Luft zu verschaffen, werden aus "Rostland", "Würgistan", der "Schlamparei", "Mogelei" oder der "Ukulele" junge Mädchen nach "Knautschland" geholt, die im luftleeren Raum zwischen Sprachstudium und Haushaltssklaverei mehr Probleme machen als lösen. So sieht es zumindest die Hausherrin mit ihren knautschen Haushaltsvorstellungen in Sachen Bügelfalte, Mülltrennung und Biokost.

"Hexe" nennen die Au-pair-Mädchen im Gegenzug nach Westen ihre Familienoberhäupter. Felicia Zeller sprudelt in ihrem Text, der Spaß macht, ja streckenweise gar zum Brüllen komisch ist, Rollen und Sprachspiele wie schillernde Seifenblasen in schnell wechselnden Besetzungen auf den Bühnenraum von Florian Etti, der mit Stofftieren und Spielzeug ein riesiges Kinderzimmer ins Bühnenall gestellt hat. Dort hängt man im Ostschick (Kostüme: Lydia Kirchleitner) dauergespannt in den Seilen, die als Expander-Strippen die ganze Bühnenhöhe überspannen.

Maßlos überspannt ist allerdings die Regie von Mannheims Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski, der den brillanten Beobachtungen der Autorin offensichtlich nur die komische, nie aber die tragische Dimension abnimmt. Und wiederum einer Komik, die allein beim Lesen zündet, ein schrilles Comedy-Korsett verordnet, das jegliche Schattierungen und Tiefen mit Schreierei zubügelt.

Dauerhysterie im Einheitston

Kosminski setzt auf Dauerhysterie, was den Abend trotz großartiger Auftritte und Gestaltungsmöglichkeiten des Ensembles, zu einem lauten wie überwiegend anstrengenden Abend macht. Von Heimweh bis Abtreibung, von Sprachkurs bis Ehescheidung herrscht Einheitston. Am meisten geht ihm Silja von Kriegstein auf den Leim, mit Abstand gefolgt von Sabine Fürst und Ines Schiller. Isabelle Barth und Thorsten Danner fassen dagegen ihr Register wesentlich breiter, schöpfen gerade aus der Reduzierung köstliche Momente echter Komik mit Hintersinn und somit Raum für das Felicia Zeller so wichtige "unkontrollierte Aufschweben" ihrer Figuren.

Verordnete Fremdkörper bleiben sowohl die sphärischen Ruhebilder des schwebenden Astronauten-Akrobaten (Dominik Halamak) als auch die musikalischen Dschingis-Khan-Einlagen. Wenig Leichtigkeit, zu frontale Spielweise, recht plumpe Übergänge, unentschiedener Umgang mit Musikeinspielungen werfen an diesem Abend leider auch handwerkliche Fragen im Umgang mit einem Text auf, der wesentlich mehr zu bieten hat – und mehr Sorgfalt verdient hätte.

 

Gespräche mit Astronauten (UA)
von Felicia Zeller
Regie: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Lydia Kirchleitner, Musik: Hans Platzgumer, Dramaturgie: Katharina Blumenkamp.
Mit: Isabelle Barth, Thorsten Danner, Sabine Fürst, Silja von Kriegstein und Ines Schiller.

www.nationaltheater-mannheim.de

Mehr zu Burkhard C. Kosminski? Das nachtkritik-Lexikon weiß Rat. Und auch über Felicia Zeller weiß es zu berichten.

 

Kritikenrundschau

Mit einiger Begeisterung bespricht Lena Wilde den Mannheimer Saisonauftakt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (26.9.2010). An Felicia Zellers Stück erfreut sie besonders dessen herrliche Unversöhnlichkeit dem geschilderten Mütter-Milieu gegenüber. Auch die Inszenierung mit ihrer surrealen Note und den schrillen Darstellerinnen machten ihr Spaß. "Einzig die Gaga-Sprache hätte man sich an mancher Stelle sparen können. Dass die Aupairs aus der Mogolei oder aus Würgistan stammen und zum Arbeiten nach Knautschland kommen und dass diese Wortschöpfungen auch noch für Reimereien herhalten müssen", ist der sonst so gelungenen Groteske aus ihrer Sicht etwas abträglich.

"Selten gibt es sprachlich so interessante Texte wie die von Felicia Zeller im Theater", findet Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (27.9.2010). Zeller schüttet wahre Sprachkaskaden aus, als wollte sie Elfriede Jelinek den Rang als sprachmächtigste Chorführerin deutscher Zunge streitig machen, sie persifliert, kalauert, ironisiert, sie reimt und alliteriert, da wird geschimpft, gebangt und verzweifelt. Sie hat genau zugehört, deswegen wirkt ihr sprachlich so hochgedrehtes Stück selbstverständlich der Gegenwart abgelauscht. Deftig hauen das Regie und Schauspielerinnen raus: Das knallt. Die Sätze fliegen den Zuschauern um die Ohren, dass sie denken, sie wären hier die Astronauten und würden gerade bei der Beschleunigung ihrer Rakete in ihre Sitze gedrückt. Dabei ist es nur Theater. Die feineren Töne des klangverliebten Textes gehen dabei trotz der ebenfalls medaillenverdächtigen Textarbeit verloren, lustig aber ist das temperamentvoll-patente Kieksen auf jeden Fall.

Amüsant und treffend findet auch Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (27.9.2010) Zellers "Parade schräger, verletzlicher Globalisierungsopfer" und hält auch die Umsetzung für gelungen:  "Ein gefundenes Fressen für die vier jungen Schauspielerinnen, die ihre Frauenpower zu satirischen Höchstleistungen treiben." Sein Fazit: "Ein kräftig beklatschter Spielzeitauftakt, wie man ihn sich nur wünschen kann: leicht wie ein Soufflé, aber dennoch tief wie die See".

"Es ist ein latenter Rassismus und ein beißender Zynismus, der einen aus Felicia Zellers höchst witzigem Stück über das Au-pair-Wesen in Deutschland anspringt", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (21.10.2010). Sie preist das Stück als "eine wahnwitzige Wortkaskadenkomödie, eine Sprechoper, eine hysterisch-ironische Sprachmaterialschlacht. Da wird mit Worten jongliert, gereimt und gekalauert, was das sprachliche Rüstzeug hält, und vor den Nerven brechen schon mal die Sätze zusammen." Burkhard C. Kosminski inszeniere das "als laute, knallige Farce in überdrehter Kindergeburtstagslaune". Die Feinheiten von Zellers Sprache gingen dabei zuweilen verloren. "Aber gegessen wird nun mal, was auf den Tisch kommt. Und das ist köstlich genug."

 

 
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