Geschlechterkampf auf Sparflamme

von Petra Hallmayer

München, 24. September 2010. Verheerender kann die Liebe kaum wüten. So ungeheuerlich ist das, was da geschieht, dass es denen, die es in Heinrich von Kleists "Penthesilea" vernehmen, immer wieder die Sprache verschlägt, sie sich in Entsetzensrufe und gestammelte Satzfetzen retten. Statt mit atemloser Fassungslosigkeit beginnt Hans-Joachim Ruckhäberles stark gekürzte Fassung der Tragödie im Residenz Theater ruhig und getragen. Er verzichtet auf den Auftritt der verwirrten Griechenkönige, die nicht begreifen, was das Amazonenheer bezweckt, das sich in den Krieg gegen die Trojaner einmischt, ohne sich auf eine Seite zu schlagen.

Gleich zum Auftakt also hat Ruckhäberle die Struktur des an dramatischer Aktion armen und ungemein schwierig zu inszenierenden Textes verändert. Der Chefdramaturg des Bayerischen Staatsschauspiels wollte – verständlicher Weise – den Zuschauern den Zugang zum Stoff erleichtern: In einem Monolog erklärt uns Jennifer Minetti erst einmal, wie als Reaktion auf erlittene Gewalt der Amazonenstaat entstand, der sich der Männer als Reproduktionsgehilfen bedient.

Danach bespricht die Amazone mit einem Griechen (Rudolf Wessely) die Lage der Dinge. Wie zwei alte Menschen, die die verrückten Geschlechterkämpfe lang schon hinter sich haben, sitzen sie beisammen und in dieser spannungsreduzierenden Szene scheint bereits das zentrale Manko der Aufführung auf.

Normüberschreitung in rostroter Gebirgslandschaft

Als ein Drama der Überschreitung ist "Penthesilea" oft bezeichnet worden, der Überschreitung von kulturellen Normen, von Gattungs- und Gendergrenzen, des Gefälligen und Erträglichen. Ruckhäberle nähert sich der Tragödie bedächtig, er zähmt sie und treibt ihr ihre Radikalität aus.

Eine rostrote kantige Gebirgslandschaft haben Helmut Staubach und Uwe Kuckertz auf die Bühne gestellt. Von ihren Felsen aus schauen die Figuren auf das Schlachtfeld. Dort begegnen sich zwei, die fortan nicht mehr voneinander lassen, doch die Liebe nur in Begriffen des Krieges, als Unterwerfung des Anderen denken können: der stolze Held Achilles, der die Schöne "häuptlings" heimschleifen möchte, und die Amazonenkönigin Penthesilea, deren Begehren nicht ihr, sondern dem Kollektiv, dem Staat gehört. Der erlaubt keine Herzensentscheidungen. Bloß den darf sie in ihr Bett nehmen, den ihr Mars auf dem Schlachtfeld zuführt und den sie im Kampf besiegt. Kleists Liebende sind in Ordnungs- und Denksysteme eingebunden, die mit der fesselfreien Liebe als Passion unversöhnbar sind. Allein ihr Glücksbegehren scheitert nicht einfach an Verboten, an äußeren gesellschaftlichen Widerständen, sondern daran, dass sie Geschöpfe dieser Systeme sind.

Zappeliger Girlie-Staat

Unendlich vieles lässt sich anhand des Textes erzählen. Was aber Rückhäberle eigentlich erzählen wollte, wird nie recht klar. Weder auf eine ihre Strukturen freilegende Zeichnung verschiedener Gesellschaftsformen noch auf das ganz große normensprengende Gefühl mag sich die Inszenierung einlassen. Die Welt der Griechen bleibt skizzenhaft blass und mit den Mädels um die etwas zu zappelig-zickige Stephanie Leue als Prothoe ist kein echter Amazonenstaat aufzubauen.

Die Leidenschaft ist auf das Level einer ruppig-ungeschickten Beziehungsanbahnung heruntergedimmt. Lisa Wagner spielt statt des Widerstreits der Affekte nur eine Seite Penthesileas aus. Sie führt eine starke zornig-auftrumpfende Königin vor, die völlig in ihrem Panzer soldatischen Amazonentums gefangen ist. Shenja Lacher zeigt überzeugend einen bodenständigen Kerl, dem die Verliebtheit den Kopf verdreht hat, der grob zulangt und nicht weiß, wie die stachlig Widerspenstige rumzukriegen ist. Allein ein wenig heftiger knistern, funken und in den Augen blitzen sollte es schon, wenn zwei sich so rückhaltlos aneinander verlieren.

Wo Küsse sich nicht auf Bisse reimen

Nicht einen kleinen magischen Augenblick lang dringen die Beiden zu der Grenze vor, hinter der kein Gesetz der Vernunft mehr Gültigkeit hat. Wo die Emotionen so schwach flackern, da können sich Küsse und Bisse nicht reimen. Da lässt sich kaum erahnen, was diese Frau schließlich dazu treibt, das Objekt ihrer Begierde animalisch zu vernichten.

Am Ende öffnet Lisa Wagner ihren Panzer und findet zu klangreicheren Tönen. Doch die Versäumnisse der Inszenierung sind nicht mehr aufzuholen. Und so kann selbst der Schluss, wenn sich Penthesilea über den toten Achilles beugt, der gekommen war, um sich besiegen zu lassen, und mit blutigem Mund den küsst, den sie gemeinsam mit ihren Hunden in Stücke gerissen hat, nicht wirklich berühren.

 

Penthesilea
von Heinrich von Kleist
Regie: Hans-Joachim Ruckhäberle, Bühne: Helmut Staubach und Uwe Kuckertz, Kostüme: Ann Poppel, Dramaturgie: Georg Holzer.
Mit: Katharina Hauter, Stephanie Leue, Jennifer Minetti, Anna Riedl, Lisa Wagner, Dennis Herrmann, Shenja Lacher, Tobias Langhoff, Rudolf Wessely.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de

 

Kleists Penthesilea hat zuletzt Roger Vontobel mit Jana Schulz inszeniert, davor Friederike Czeloth, Karin Henkel und Luc Perceval.

 

Kritikenrundschau

In Ruckhäberles Inszenierung gebe es "keine Bilder und keine elaborierten Szenen", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (27.9.2010), "nur Sprache, das schon erwähnte Bühnengebirge und ein paar (fünf) Töne düstere Musik, die klingt, als rieben sich im Untergrund zwei tektonische Platten aneinander." Ausführlich allerdings preist er die Penthesilea Lisa Wagners und ihre Begegnung mit Shenja Lachers Achill: "Diese Szene ist hier völlig gelöst von allem, was sie bei Kleist umgibt, sie ist vollkommen natürlich – Gegenwart. Und danach eben sitzen sie nebeneinander, mit Prothoe, der Gouvernante. Und alles ist richtig und schön." Doch sonst? "Der ganze Rest ist mühsam."

"Insgesamt wirkt der Abend etwas flächig, irgendwie 'auf Sparflamme'", schreibt Malve Gradinger im Münchner Merkur (27.9.2010). "Penthesileas gewiss schwer darzustellende Zwiespältigkeit kommt bei Lisa Wagner eher nur verbal zum Ausdruck. Aber man schaut ihr doch mit großem Respekt zu, wie sie sich ihre Rolle erkämpft: eine pragmatisch spröde Amazonenkönigin, in ihrem Willen zum Sieg auch manisch aufschäumend."

"Die Grenze zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik verwischt so oft, dass das Trauerspiel alle Trauer verspielt", so stimmt Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.10.2010) in den Chor der Kritiker dieser Inszenierung ein. Das expressionistische Bühnenbild "hinterlässt im Zuschauer ein ähnliches Gefühl, wie wenn er eine allzu lange Weile vor klammen Betonschächten im Zoo verbracht hätte, darauf harrend, dass Familie Eisbär kommt." Für einige Momente zwischen Penthesilea und Achilles – für "die affektive Begegnung zweier starker, menschlich fehlbarer Individuen im Zentrum des Spiels" – fände die Regie "markante Bilder von Liebe in der Gewalt und der Gewalt in der Liebe." Ansonsten aber stelle sich an diesem Abend die Frage, "warum ein zweihundert Jahre altes Drama, das seiner Zeit immer voraus gewesen ist, auf einmal so sonderbar vorgestrig wirkt."

 
Kommentar schreiben