Versteckspiele zwischen 26 Beinpaaren

von Beat Mazenauer

Zürich, 30. September 2010. "Viel Lärm um nichts" - hin und wieder kommt der Verdacht auf, ob in diesem Titel nicht ein Motto für den anhaltenden Shakespeare-Boom steckt. Shakespeare allenthalben auf allen Bühnen ist so gewiss wie das Amen in der Kirche. Woher rührt die Faszination für diesen Dramatiker, dessen Stücke mit Verlaub nicht über jeden Zweifel erhaben sind? Anything goes oder existentieller Tiefsinn? Doch schließen wir diese Büchse der Pandora gleich wieder.

Glücklicherweise lebt das Theater vor allem von Emotionen und vom Witz auf der Bühne, wofür Shakespeares Stücke durchaus reizvolle Blaupausen abgeben. So auch in Karin Henkels Inszenierung in Zürich. Die klassische Diktion blitzt lediglich in Zitaten auf, der Text hat sich von der Vorlage gelöst und zu einer freien Form gefunden, die es an schlüpfrigem Witz mit dem Original aufnimmt und dieses wunderbar auffrischt. Repetitive Elemente und rhetorische Versprecher sind zusätzliche Elemente, um die klassische Strenge zu variieren und den Dialogen erotischen Pfeffer zu verleihen.

Fünfzigerjahre Ambiente

An der dramaturgisch biederen Vorlage, na ja, liegt es letztlich nicht, dass "Viel Lärm um nichts" in Zürich eine muntere Komödie wird, die voller Regieeinfälle steckt und schauspielerische Glanzleistungen weckt. Henkel lässt Shakespeares Sitcom in einem Halbrund spielen, das mit Holz ausgekleidet ist und über eine Schiebewand (eine gemalte Weltkarte) nach hinten eine dunkle Hinterbühne freigibt. Das Ambiente verströmt den Reiz der Fünfzigerjahre.

Zu Beginn ist die Schlacht vorüber. Am Hof von Messina erwartet man Helden, die freilich nicht im Triumphzug einmarschieren, sondern als trauriges Tableau von Kriegsversehrten, wie es Goya etwa gezeichnet hat. Diese nehmen den Lohn ihrer Mühen, eine Riege von 26 Tänzerinnen, die je einen Buchstaben tragen, zuerst gar nicht wahr. Dieser Zusatz erweist sich als glücklicher Dreh, der spätestens in der berühmten Gartenszene seine wahren Qualitäten beweist. Die Tänzerinnen formen sich agil und präzise zu einer mit allen Gliedmassen wuchernden Hecke, vor der Claudio, Leonato und Don Pedro die Liebesgefühle Benedikts zu wecken versuchen. Die drei Intriganten umgarnen dessen verstocktes Herz mit süffisanter Nonchalance.

Beatrice und Benedikt: Ein brillantes Duo

Benedikt (Aurel Manthei) und Beatrice (Carolin Conrad), sie bilden hier zwei wunderbar aufeinander abgestimmte Antipoden. Hier Benedikt als Kriegsgurgel, der seine Kampfmontur auch am Hofe nicht ablegt - und da die sarkastische Beatrice, die ihre Unabhängigkeit mit rhetorischer Brillanz und Scharfzüngigkeit verteidigt. Schmal und streng brodelt sie förmlich vor Energie.

In letzterem Punkt steht ihr Ursula (Kate Strong, die auch für die Choreographie verantwortlich zeichnet) in nichts nach. Im grauen Deuxpièce vertritt sie den Typus Gouvernante und ist, als Tänzerin wie als englisch-deutsch radebrechende Schnellrednerin, für einige wunderbare Slapstick-Einlagen verantwortlich. Zusammen mit Benedikt (in Vollmontur) inszeniert sie eine hinreißende Balletteinlage, worin dieser seine geweckte Verliebtheit mit blühendem Kitsch garniert. Die drei stechen aus einem Ensemble heraus, das alle Rollen trefflich besetzt und ihnen Statur verleiht.

Die Zürcher Aufführung von "Viel Lärm um Nichts" brilliert mit rasanten zweideutigen Dialogen und speziellen Einfällen. Shakespeare wird zur Revue, untermalt von Bigbandmusik und italienischen Schnulzen. Die 26 Tänzerinnen bilden eine höfische Kulisse, die sich immer wieder in lebendige Bühnenbilder verwandelt: zu einer wuchernden Hecke, einer Schilflandschaft aus wiegenden Beinen, einer vielblättrigen Hochzeitsrose.

Am Ende abflachende Dynamik

Das turbulente Geschehen beruhigt sich zwischendurch in leisen, stillen Szenen, in denen für Momente nichts passiert. Wiederholt fordert es aber auch Tribut in Einfällen, die sich nicht so recht ins Stückganze einfügen wollen und eine gewisse Verlegenheit verraten. Zu denken ist hierbei besonders an die Buchstabenspielereien (mit den Tänzerinnen), die mit launigen Versen das Alphabet durchgehen und bei der Absenz von "N" die Sprechenden dazu verleiten, ihre Text ohne diese Buchstabe zu spreche. Das erinnert ein wenig an die Oulipo-Avantgarde, freilich ohne zwingenden Charakter - eher als ob so der Buchstaben-Entscheid nachträglich legitimiert werden solle.

Der zweite Teil, nach der Pause, setzt nochmals neue dramatische Akzente, allerdings um den Preis von Dynamik, Schlagfertigkeit und Witz. Allem voran die Trauerszene wirkt ausgiebig ausgespielt. So kommt der Schluss auf einmal plötzlich, wuchtig und mit einem letzten rhetorischen Crescendo von Beatrice. Der Vorhang senkt sich, hebt sich wieder, senkt sich, hebt sich - dann ergibt sich Beatrice, für einen Augenblick. Gelegenheit fürs Ende.


Viel Lärm um nichts
von William Shakespeare, deutsche Übersetzung von Angela Schanelec
Regie: Karin Henkel, Bühne: Muriel Gerstner, Kostüme: Marion Münch, Dramaturgie: Roland Koberg, Choreographie: Kate Strong
Mit: Matthias Bundschuh, Carolin Conrad, Fritz Fenne, Niklas Kohrt, Aurel Manthei, Klara Manzel, Nicolas Rosat, Anna Schinz, Alexander Maria Schmidt, Kate Strong, Matthias Weidenhöfer.

www.schauspielhaus.ch


Mehr zu Karin Henkel im nachtkritik-Lexikon. Weitere Shakespeare-Inszenierungen, die zum Spielzeit-Auftakt in den vergangenen Wochen Premiere hatten: Hamlet in der Regie von Luk Perceval am Thalia Theater, Andreas Kriegenburg inszenierte den Sommernachtstraum am Deutschen Theater Berlin, David Bösch den Sturm in Bochum, Robert Schuster Was Ihr wollt in Bremen, Claudia Bauer Macbeth in Wuppertal, Heike M. Götze Romeo und Julia in Hannover.

 

Kritikenrundschau

Von einem hinreißenden Spaß berichtet Andreas Klaeui in der Neuen Zürcher Zeitung (2.10.2010) und bescheinigt Regisseurin Karin Henkel einiges an analytischer Ambition bei der Zerlegung von Shakespeares Komödienarchitektur. Karin Henkel horche hin. Was den Figuren in Shakespeares Original wie ein Traum vorkomme, "deutscht sie drastisch aus, in Angela Schanelecs salopper Übersetzung und erweitert um die Assoziationsarbeit der eigenen Stückfassung, die lieber einmal zu viel unter die Gürtellinie geht als einmal zu wenig. Dass der Abend dennoch nie die Grenze zur Geschmacklosigkeit überschreitet, ist ein beträchtliches Kunststück des phantastischen Ensembles. Denn sind die doppelten Böden erst einmal eingezogen, lassen sich darauf die tollsten Purzelbäume schlagen."

Von einer "starken Arbeit" berichtet auch Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (3.10.2010). Henkels Inszenierung sei "bunt und bitter, bös und befreiend." Wie ein impliziter Beitrag zur Regietheaterdebatte erscheint sie der Kritikerin – als "ein schönes Beispiel für die Treue, die in der Untreue gegenüber dem Text liegt." Die Übersetzung aktualisiere geschickt und steigere den Humor der Vorlage; wiederholt habe das "verbale Feuerwerk" der Akteure zu Szenenapplaus geführt.

 

Kommentar schreiben