Bankomatkartenwitwen unter sich

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 1. Oktober 2010. "Entschuldigung, können Sie mir Ihre Bankomatkarte borgen?" - Leicht irritierte Rückfrage einer Passantin: "Warum?" - "Ich hab' keine mit." Das ist freilich eine so klare wie entwaffnende Antwort. Aber seine Karte hat am Freitag, bei der Premiere des Improvisationsstücks "Tod eines Bankomatkartenbesitzers", doch keiner herausgerückt. Und es hat auch niemand die Nummer verraten.

Das könnte für den Verstand der Menschen sprechen. Oder einfach dafür, das sich an einem späten Freitagnachmittag keiner von jenen, die da eilenden oder schlendernden Schritts umhergehen, ernsthaft aufhalten lässt. Schon gar nicht von einer theatralen Intervention im öffentlichen Raum. Wenn sich der Geschäftsschluss abzeichnet, hält sich sogar die Gafferei in Grenzen.

Intervention in den Alltag einer Einkaufsmall

Auffallen hätte ja einem jeden müssen, dass Theater im Busch ist. Standen doch entlang der Brüstung im ersten Stock lauter Leute mit Kopfhörern. So hat das Publikum hören können, was drunten, in der Einkaufsmall des Grazer City Park am Gürtel, gesprochen wurde. Eine etwas lahmarschige Show wurde inszeniert, von einem imaginären Verein von "Bankomatkartenwitwen". Das sind also Leute, die ihre Satisfaktionsfähigkeit bei der Bank und damit ihr Plastikkärtchen eingebüßt haben. Die Outlaws schlechthin beim Chill Out im Einkaufszentrum. Mit solchen will unsereiner lieber nichts zu tun haben.

So weit, so durchschaubar. Der gesprochene Text hinkt den verlockenden Überlegungen im Programmheft des "steirischen herbst" unendlich weit hinterher. Um nicht zu sagen: er lahmt ganz schrecklich. Wir sollen mit der Nase drauf gestoßen werden, dass Geld die Welt regiert, und dass jene, die keines zur Verfügung haben, total arm dran sind. Eine dieser jämmerlichen Kreaturen bekommt die Mahnung mit, bloß nichts zu kaufen. "Aber schauen wird man wohl noch dürfen", kontert sie pikiert - und "ist schon drin im Don Gil". Aber sie rennt dann doch nur mit leeren Tüten herum, papierenen Placebos des Marken- und Konsumwahns. Eine andere Frau habe, so erfahren wir, immer auf die falschen Männer gesetzt "und selber Schulden gemacht". Jetzt ist sie pleite. Das hat sie davon. Ein Showmaster versucht, ein paar Interviews mit Passanten in Gang zu bringen, mit mäßigem Erfolg. "Sind Sie reich?", fragt er einen Mann, der logischerweise "nein" antwortet. Aber nach kurzem Nachdenken korrigiert, "mittel".

Nicht sehr trickreiche Meister

Der "steirische herbst" hat heuer das Motto "Meister, Trickster, Bricoleure". Früher hätte man gesagt: Virtuosen, Blender, innovative Kräfte. Man spürt Möglichkeiten nach, wie Kunst in der und auf die Öffentlichkeit wirken kann. Theater im Einkaufszentrum dürfte nach der Premierenerfahrung nicht das Gelbe vom Ei sein. Aber es ist vermutlich alles eine Frage der Professionalität.

Irgendwie haben sie einem trotzdem Leid getan, die Leute vom Grazer "Theater im Bahnhof". Laut Eigendefinition ist es "das größte professionelle freie Theaterensemble Österreichs" - und in Graz tatsächlich weltberühmt für seinen demokratisch-popkulturellen Theateranspruch. Improvisieren tun sie für ihr Leben gern. Aber dass sie darin gewitzt oder auch nur routiniert wären, hat sich an diesem Freitagnachmittag nicht im Entferntesten abgezeichnet.

Alles nur Plastik

Ideen gab es nur in homöopathischer Dosis. Ein jeder Satz kreuzbrav im Denken. Niemand hat sich intellektuell überfordert sehen müssen. "Es herrscht ein Streben nach Peinlichkeit in Würde", heißt es auf der Website des Ensembles, dort, wo man die hehren künstlerisch-basisdemokratischen Ziele erklärt. "Es geht um die Lächerlichkeit des Menschen und die Lächerlichkeit des/der spielenden Schauspielers/in. Und keine Angst vor scheinbarer Dilettanterie." Vielleicht hat man mit dem "Tod des Bankomatkartenbesitzers" (von dem weit und breit nichts zu sehen war) die eigenen Ansprüche sogar übererfüllt.



Tod eines Bankomatkartenbesitzers
von & mit Theater im Bahnhof Graz
Regie: Helmut Köpping, Text: Ensemble, Bühne: Johanna Hierzegger, Ton: Moke Klengel
Mit: Jacob Banigan, Juliette Eröd, Pia Hierzegger, Monika Klengel und Martina Zinner.

www.steirischerherbst.at
www.theater-im-bahnhof.com

 

Kritikenrundschau

In den Salzburger Nachrichten (4.10.2010) bezeichnet Martin Behr "Tod eines Bankomatkartenbesitzers" als eine "revueartige Performance, die viel will und wenig erreicht". Jacob Banigan sei "ein netter Showmaster mit launigen Kommentaren zu Modefarben", und Pia Hierzeggers Lieder hätten Charme, "aber insgesamt fehlt es der Produktion an Brisanz, Linie und Mut. Harmlos sind nicht nur die Interviews mit den Einkaufenden." Fazit: "Die vorbeiziehende Shoppingschar zu beobachten, ist schon Alltagstheater genug."

 

 
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