Musikalisierung eines verunglückten Lebens

von Michael Laages

Hamburg, 2. Oktober 2010. In ein paar wenigen Jahren ist es dem ungarischstämmigen Musiker David Marton ja tatsächlich gelungen, so etwas wie ein eigenes Genre zu kreieren. Ausgehend von den Berliner Sophiensälen erobert er mit den extravaganten Kreationen aus der eigenen Werkstatt mittlerweile die eigentlich musiktheaterfremden Schauspielbühnen: zuerst die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, dann das hannoversche Schauspielhaus, im folgenden das Wiener Burgtheater, Det Kongelige Teater in Kopenhagen und nun das Thalia Theater in Hamburg. Dabei ist er noch immer ein Fall für Spezialisten und eine Produktion mit ihm alles andere als eine sichere Sache.

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Bruno Cathomas, Monteverdis Kaiser
© Krafft Angerer

Das Premierenpublikum in Hamburg jedenfalls war so überschaubar wie lange nicht mehr. Operetten mit singenden Schauspieler sind kein Problem. Aber was ist zu erwarten, wenn sie Claudio Monteverdis Oper über "Die Krönung der Poppea" stemmen sollen? Viel Abenteuer – jedenfalls für alle, die nicht auf "Oper" beharren, wenn und wo formal Oper drauf und dran steht: Martons Hamburger Kreation ist ein frech funkelnder Flickenteppich über den modernen Kern eines uralten Materials.

Im Gemenge aus Liebe, Macht und Verrat

Die Story: Poppea, Gattin eines Künstlers, fällt dem in den Künsten furchtbar dilettierenden (und auch sonst bekanntlich ziemlich schamlosen) römischen Kaiser Nero ins Auge; er will sie für's Bett, und weil die Erotik der Macht beträchtlich ist, stärker jedenfalls als die der Kunst, gelingt ihm das auch – zumal auch die zielstrebige Schöne nichts lieber werden will als Kaiserin. Poppeas Gatte Otho erweist sich obendrein als nicht korrumpierbar und verliert auch darum die eher zum leichten Leben tendierende Ehefrau - sinnt aber auf Rache: im Verein mit der Noch-Kaiserin Octavia und Drusilla, Poppeas Vertrauter, die ihrerseits schon lange ein oder auch zwei Augen auf Otho geworfen hatte. Im Gemenge aus Liebe und Macht, Verrat und geplantem Tyrannen-Mord analysiert der Haus-Philosoph Seneca mitleidlos den jeweiligen Stand der heraufziehenden Katastrophe – leidet aber schließlich vor allem daran, dass er Neros schlechte Kunst-Versuche nicht mehr erträgt. Dafür muss er sterben.

Monteverdis Oper gilt als eine der ersten, in der sich die Musik aus der harmonischen Statuarik des Barock hin zu eigener melodischer Kraft entwickelt. Marton nutzt diese Modernität, indem er die Neuigkeiten aus der Gesamt-Partitur heraus schält, um sie dann neu verteilt zu gewichten. Echtes Klavier und Keyboard-Tastaturen, Akkordeon und Cello sind ihm für diese Fragmentierung und Defragmentierung genug. Monteverdis Motive sind eingebunden in eine musikalische Struktur, die auch vieles andere kennt: französisches Chanson, Wagner-Zitate und Jazz. Und das Bild dafür (von Alissa Kolbusch kreiert) ist eine Art Baustelle und Bastelstube im hip-weißen Retro-Look der 70er Jahre.

Hausmusikabend daheim bei Neros

Schick sieht's aus bei Kaisers daheim, mit Sitzecken und reichlich Büchern und Schallplatten, aber auch genügend Computer-Kram in den Regalen. Und die Sound-Struktur entwickelt sich wie in der Probe für den nächsten Hausmusikabend. Das gehört ja zum Charme von Martons Inszenierungen der eigenen Musik-Montagen – dass er den Charakter der erarbeiteten Materialien so unübersehbar distanziert offenlegt. So fanden der Berliner Wozzeck in der Volksbühne und Lulu in Hannover in der eher konstruktivistischen Atmosphäre eines Radio- oder Musik-Studios statt. Bei Neros zu Hause bringt jetzt jeder mit, was er oder sie musikalisch halt am besten kann.

Und in den schönsten Momenten entsteht so etwas wie die zart-intuitive Musikalisierung des verunglückten Lebens: wenn etwa die schöne Poppea den grimmig-gierigen Kaiser singen lehrt. Seine Hand fühlt ihr Herz in der hübschen Brust, ihr Finger betastet seine Schläfe – Und plötzlich kann nun auch er etwas besser, was sie schon prima kann: singen nämlich. Sie: das ist die aus Serbien nach Berlin zugewanderte Yelena Kuljic, als "Jelena K." nichts weniger als eine der interessanten neueren Jazz-Sängerinnen in Deutschland. Auch das übrigens zeigt sie sparsam, aber eindrucksvoll – in nur einer Arie mittendrin im Poppea-Spiel.

Grandiose Wirkung, dunkle Stimmgewalt

Er: das ist Bruno Cathomas, dessen massive Spielastik vom Beginn sich mit der Zeit fein verändert – bis er fast so zurückhaltend, aber grandios Wirkungen erzielt wie Hans Kremer, der ihm gegenüber als Seneca so etwas wie die heimliche Hauptrolle hat. Aber auch Maja Schöne, Franziska Hartmann und Thilo Werner halten prächtig mit gegenüber Kuljics dunkler Stimmgewalt. Marie Goyette als gestrenge Klavierlehrerin, Beni Santora am Cello, Daniel Dorsch und der musikalische Leiter Michael Wilhelmi an den Tasten bilden dazu ein grandios musikalisches Top-Team.

Und bloß wenn dann doch mal "nur" schauspielszenisch inszeniert werden muss, und das heißt in diesem Fall: gegen Schluss, geht Marton merklich die Phantasie aus. So sieht der Abend zu Anfang ein bisschen zu albern und am Ende wie nicht ganz fertig aus.

Er ist aber einmal mehr ein musiktheatralisches Abenteuer, für das die Hamburger das Thalia Theater eigentlich stürmen sollten.

 

Die Krönung der Poppea
Ein Musiktheaterprojekt nach Claudio Monteverdi
Regie: David Marton, Bühne: Alissa Kolbusch, Kostüme: Alissa Kolbusch, Musik: Michael Wilhelmi, David Marton, Dramaturgie: Beate Heine.
Mit: Bruno Cathomas, Daniel Dorsch, Marie Goyette, Franziska Hartmann, Hans Kremer, Yelena Kuljic, Beni Santora, Maja Schöne, Tilo Werner, Michael Wilhelmi.

www.thalia-theater.de

 

Alles zu David Marton auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

David Marton schäle aus Monteverdis Oper ihren Kern heraus, schreibt Peter Krause in der Welt (4.10.2010): "die Geschichte eines wunderbar verrückten, maßlosen, selbstverliebten Tyrannen, der gar keine Kriege führen möchte wie seine Vorgänger, sondern einfach ein angehimmelter Künstler, Dichter, Liedermacher sein will. Bruno Cathomas spielt diesen Nero großartig tragikomisch, affektiert, durchgeknallt und virtuos." Krause spricht zwar auch vom "grässlichen Gesang" der Schauspieler, räumt aber ein, dass das "flinke collagierende Umbiegen vom Barock, über Neros Heroen Beethoven und Wagners cellosehnsüchtiges Lied an den Abendstern in die Partymusik der Gegenwart" meist prächtig funktioniere. Marton lasse "den ersten Meister der Oper locker überleben, degradiert ihn dennoch zu oft zum Beiwerk in diesem kurzweiligen, präzise gearbeiteten Theater mit Musik."

Diese "Poppea" sei "intellektuell anspruchsvoll, poetisch und geistreich, hier und da kurios skurril, aber stets mit Respekt für die Traditionen und Distanz zu den Dünkeln, die allenthalben noch mit dem Operngenre verbunden sind", meint Joachim Mischke im Hamburger Abendblatt (4.10.2010). "Allein Martons amüsante Idee, die ansonsten so unantastbaren Übertitel fremdsprachiger Opern zu ironischen Kommentaren oder inneren Dialogen der Handelnden umzumodeln, hat einen subversiven Charme, dem man sich über die zweistündige Spieldauer hinweg nicht entziehen" könne. "Öder Party-Smalltalk der antiken High Society wird in Rezitativform durch den Kakao gezogen, Zitate und Anspielungen aller Art (...) verfremden gekonnt. Die Collagen fügen sich bis zum bitteren Ende zu einem neuen Ganzen zusammen, weil alles, was verhandelt wird, von zeitloser Aktualität ist."

 

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