Den Tod lass ausreden

von Juliane Streich

Leipzig, 7. Oktober 2010. Wer kommt mit? In dem Moment, in dem Du stirbst, in dem niemand mehr da ist. Dein Geselle nicht, Dein Geld schon gar nicht. Es bleiben nur Du, Deine Werke und das bisschen Glauben, den Du schon verloren hattest. Du bist in diesem Fall Jedermann, Deine Werke sind blond und schön, Schwester Glaube ist ein Mann, Jürgen Kruse der Regisseur. Gott sitzt rechts und plappert ab und zu dazwischen, der Tod ist links und raucht Kette. Über allem schwebt ein Rotlicht-Mädchen, der Teufel in Person.

Jedermann ist hin und her gerissen. Zwischen der Liebe zur Mutter, für die er nun wirklich keine Zeit hat, zwischen der großen schwarzen Buhlschaft, zwischen dem Fest mit Freunden an gedeckter Tafel. Und dem Ruf des Todes. Jedermann diskutiert mit ihm, handelt eine Stunde Zeit in heftiger Diskussion aus.

Lass mich bitte ausreden, sagt der mit INRI auf der Brust beschriftete Tod und gibt ihm dann doch die letzten gewünschten Minuten. Minuten, die Jedermann mit Degengefechten zu der Melodie von "Wild Thing" ausfüllt, Minuten, bis der Glaube im barocken Kostüm ihn zurückholt, am Ende ist Jedermann nackt. Hat sein letztes Hemd gegeben. Der Todeskuss ist schwul, der Schluss ein Goldener Schuss.

Jedermeyer-müller-schulze

Das Leipziger Centraltheater ist voll. Der Salzburger-Festspiele-Klassiker von Hugo von Hofmannsthal wird hier statt mit Fernsehstars mit laienhaften Engelinnen (wieso heißt das eigentlich nicht Jederfrau, fragt Gott am Anfang, ersetzt darauf in der Manie/r der Politisch-Korrekten "er" durch "sie" und hängt ein "In" am Ende an) besetzt, die es schaffen, nervige Jedermann-Anhänger so authentisch zu spielen, dass sie wirklich nervig sind. Oder andersrum.

Manuel Harder als Jedermeyer-müller-schulze wirkt dagegen so professionell arrogant, dass man tatsächlich versteht, dass alle mit ihm schlafen wollen. Oder mit Gott (Andrej Kaminski), der mit weicher Stimme und Tanzschritt Entertainerqualitäten beweist, wenn er nicht gerade mit dem Teufel herumhängt. Nur das mit dem Singen, das sollte er lassen. Und alle anderen auch. Wozu sind all die schönen Soundtracksongs sorgfältig ausgewählt? Am Anfang lauter Krach, Zuschauer halten sich die Ohren zu, am Ende dann Schlager und tanzende Engel, vielleicht ist das im Himmel doch nicht so schön. Aber Hut auf und ab da hin.

Identifizieren fällt schwer, zu stark die ironische Distanz, mal gute Gags, mal schlechte: Hast du einen Rat für mich? Ein Fahrrad, Dreirad vielleicht? Darüber müssen selbst die Darsteller lachen. Gewollt oder ungewollt, mein Gott.

Vom Himmel auf die Erde nach Altona

Mein-dein-unser-Gott hält sich schlussendlich zurück, dafür sind Jedermanns letzte Worte eine Abrechnung mit jedermann. Mit den Sparmaßnahmen zwischen Altona, dem Leipziger Naturkundemuseum und "Unesco-Brücke" in Dresden, der Teufel wird zu Frau Sarrazin, Frau von und zu Guttenberg kümmert sich um misshandelte Kinder, schön, dass wir es mal angesprochen haben. Modern oder nicht sein, heißt es da.

Sonst wird weitergespielt in hofmannsthälischen Originalversen mit steter übertriebener Betonung. Sack-rament! In einem pompösen Bühnenbild zwischen Kronleuchtern, knatternden Boxen und einem mehr als überdimensionalen Jesus am Kreuz. Klopf-klopf auf Holz. Rotweinblut auf weißem Unterhemd, brennende Papierfetzen fallen.

Sie glauben dir erst, wenn du tot bist, steht mit weißer Kreide auf schwarzer Wand. Und doch hat der Glaube den Fast-Toten vor der Hölle gerettet. Wer's glaubt, wird selig. Aber wenn der Tod einen auf dem Nachhauseweg ereilen sollte, wird man ihn ausreden lassen. Vielleicht kommt ja noch jemand mit.

 

Jedermann
von Hugo von Hoffmannsthal
Regie: Jürgen Kruse, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Sebastian Ellrich, Dramaturgie: Uwe Bautz.
Mit: Rosalind Baffoe, Friederike Bernhardt, Edgar Eckert, Sarah Franke, Manuel Harder, Andrej Kaminsky, Hagen Oechel, Barbara Trommer.

www.centraltheater-leipzig.de

 

Mehr zu Jürgen Kruse finden Sie in unserem Lexikon. Zu den Inszenierungen des Centraltheaters Leipzig geht es hier lang.

 

Kritikenrundschau

"Dieses schwülstige Trash-Theater ist nicht wirklich modern, vielleicht sogar überholt, doch irgendwie passt es zum Stoff," schreibt Nina May in der Leipziger Volkszeitung (9.10.2010). Jürgen Kruse gelinge es, in Ansätzen, dem Ursprungscharakter von Hugo von Hofmannsthals Werk als Mysterienspiel wieder näher zu kommen: "Die Party des Lebens, sie steigert sich an diesem Abend in einen zunehmend packenden Rausch." Der "grandiose" Andrej Kaminsky mime als Gott einen "Pop-Seelsorger mit tänzelnden Schritten", Hagen Oechel als Tod einen "knarzigen Rock-Star, der sich mit einer Fuck-you-Geste verabschiedet" – für die Kritikerin "zwei Nebenrollen, glänzend ausgefüllt." Das Beste am Abend ist für sie jedoch "eindeutig Manuel Harder, der als Jedermann seinen bislang stärksten Auftritt in Leipzig hat. Mit seiner dämonischen Aura ist er die Idealbesetzung für diese Rolle, wirkt zugleich schmierig und seltsam verletzlich, durchleidet jeden Moment mit Inbrunst."

"Am Ende: Jubel!" gibt Ralph Gambihler in der Chemnitzer Freien Presse (9. 10. 2010) zu Protokoll, wo er Jürgen Kruses "postmoderne Show-Variante des alten Stationendramas" als "bestechend klug, doppelbödig und charmant-rotzig" feiert. "Gruftig und groovig, fast opernhaft, kracht und säuselt das Stück über die Bühne. Ein schöner Totentanz, schön abgründig und ironisch." Auch barme und sterbe hier nicht nur ein reicher Mann, "sondern auch das Theater barmt und stirbt, gerahmt von einer Interview-Einspielung mit Schauspieler-Legende Oskar Werner und Anspielungen auf das aktuelle Spartheater in memoriam Kulturraumgesetz. Und ja: Es stirbt diesmal so gut, dass an seinem Nachleben keine Zweifel bestehen."

Jürgen Kruse habe "mit seinem Ensemble einen bild-, anspielungs- und musikreichen, einen fulminanten Abend auf die Bühne gestellt", zeigt sich Matthias Schmidt in der Sächsischen Zeitung (9.10.2010) begeistert. Dieser "Jedermann" sei Persiflage, wer das "moralisierende Theater liebt, wird sich darin nur mit Mühe zurechtfinden." Die optisch und akustisch opulente Inszenierung verdichtet sich in der Beschreibung des Kritikers in einer Szene, in der Jedermann zu den Klängen von Karel Gotts "Einmal um die ganze Welt" sein Geld verbrennt: "Das Theater – rausgeschmissenes Geld, verbranntes Kapital? Eine rhetorische Frage, so naiv wie entwaffnend. Doch Manuel Harder als Jedermann trägt diesen unbedingten Willen zum freien Spiel so ehrlich vor, fast schon charmant, dass man ihn und diese Inszenierung dafür einfach lieben muss."

Hugo von Hofmannsthals "Mysterienspiel" sei "wie geschaffen für den Zugriff dieses großen Romantikers", schreibt Andreas Hillger in der Mitteldeutschen Zeitung (13.10.2010). Keine Sekunde habe man "Mitleid mit diesem Text", der seine "Eitelkeit" so demonstrativ vor sich hertrage. Kruse nehme die Vorlage zum "Anlass für sein berühmt-berüchtigtes Prinzip der Überfrachtung, in dem sich die Bilder gegenseitig steigern und nivellieren". Und in Manuel Harder habe Kruse einen Hauptdarsteller, "der sich in bester Starmanier bespiegelt und zerfleischt". Der eigentliche Frontmann aber sei Gott: Andrej Kaminsky sorge für "Energie in dem chronisch unterspannten Abend". Die "Ziel- und Antriebslosigkeit" seiner Figuren habe bei Kruse Methode, sie lungerten apathisch in ihrer Geschichte herum, doch wenn sie zufällig "kollidieren", wenn "Jedermann mit seinem Gesellen oder mit seinen Werken kämpft und knutscht, dann produzieren diese permanent von Musik-Glutamat verstärkten Bilder reines Theaterglück", dann erlebe man eine "traurig schöne Sternstunde des Jürgen Kruse".

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