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Aus dem Handbuch für Städtebewohner

von Christian Rakow

Berlin, 8. Oktober 2010. Moment! "Bakunin auf dem Rücksitz"? Müssen wir da noch einmal in die Handbibliothek greifen? Zu den klassischen Schriften des antidoktrinären Kommunismus, nach "Staatlichkeit und Anarchie"? Will Dirk Laucke, der wie kaum ein anderer Gegenwartsdramatiker seit seinem Debüt 2005 von kleinen Solidargemeinschaften zu erzählen wusste, von Menschen, die sich in durchkapitalisierter Zeit ihre sozialen Nischen zu retten suchen, will Laucke dieses Mal mit Bakunin eine anarchotheoretische Tiefenbohrung setzen?

Nein und ja. – Nein, wir begeben uns mit dieser Laucke-Novität nicht ins "philosophische quartett" (wie das Stück selbst augenzwinkernd anmerkt). Laucke bleibt ganz der sensible Menschenschauer. Theorien interessieren ihn nur in der Form, wie sie unter Leute geraten: als halbverdaute, gemeinplatzige. Lauckes Metier sind die idees reçues. Darin ist er ganz Realist. – Und doch ist dieses neue Werk in seinem Spiel mit realistischen Konventionen so frei, so perspektivenreich und voller sinnfälliger Abschweifungen, dass man sagen möchte: Fürwahr, ja, etwas Bakunin'scher Geist weht darin. Nie gab es bei Laucke mehr anarchische Lust, mehr Spiel mit der literarischen Form.

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Dirk Lauckes Gentrifizierungsstory "Bakunin auf dem Rücksitz" © Arno Declair

Wenn der Realismus zu wuchern beginnt

Der Zeremonienmeister dieses Spiels ist Bakunin, der Erzähler, ein "vermeintlich anarchistischer Straßenköter". Soeben beging sein daueralkoholisiertes Herrchen Jörg nach einem Räumungsbescheid Selbstmord. Jetzt erlebt Bakunin an der Seite des Wohnungseigners Steven einen Berliner Kiez im sozialen Wandel: Hier bangt eine Senatspolitikerin um ihre Sicherheit, weil sie Sozialwohnungen streicht. Dort schlagen rebellierende Hausbesetzer ihre letzten Schlachten, während der Immobilienmakler Steven ökologisch saubere Carlofts für verschwitzte Altbauten projektiert. Wie immer bei Laucke verdichtet sich die Milieuansicht in Familienbeziehungen (die Politikerin ist Mutter eines Nachwuchsanarchos; Steven, ihr Geliebter, entpuppt sich als Sohn von Alki Jörg). Das alles ist Strickwerk des klassischen Realismus.

Aber in der Figur Bakunins (in dessen Stammbaum romantische Köter wie E.T.A. Hoffmanns Hund Berganza auftauchen dürften) bricht dieser Realismus auf. Einmal examiniert Bakunin den jungen Aus-dem-Bauch-Anarchisten Jan, um unvermittelt aus der Szene heraus in sein "Handbuch für Großstadtkommunarden" zu wechseln, das lexikalisch breit über Farbbeutel- und Farbeierpräparation informiert. Wunderbar! Es deutet sich der Weg des späten Flaubert an, dem der eigene Realismus über seiner enzyklopädischen Genauigkeitssucht zu wuchern anfing.

Fußnoten als furiose Frontalsoli

Wo Bakunin seine Exkurse schaltet, stehen bei Laucke im Stücktext lange Fußnoten. Auf der Bühne werden es furiose Frontalsoli von Matthias Neukirch, einem Dandy in Nadelstreif mit Hundeleine um den Hals und Struwwelhaar. Je dichter die Textverästelung, desto gezielter packt er zu, desto luftiger schwingt er zwischen den Gedanken. Es ist überhaupt ein bestechender Schauspielerabend. Auch weil Regisseurin Sabine Auf der Heyde, in der Laucke seit ihrem Teamdebüt mit Für alle reicht es nicht eine kongeniale Partnerin gefunden zu haben scheint, sich erneut als Virtuosin der kleinen, epischen Mittel erweist.

Szenerien werden mit Schwarzweiß-Videozeichnungen (von Chrigel Farner) auf der Bühnenrückwand angedeutet, während sich die Akteure auf einem leeren Podest davor begegnen: Manche berlinert tapfer über die Widrigkeiten einer Niedriglohnexistenz hinweg (ein starkes DT-Gastspiel von Anita Vulesica als Pflegedienstlerin). Andere kühlen lakonisch jeden Anflug von sozialer Wärme tief, um anschließend selbst ein wenig das Frösteln zu kriegen (Moritz Grove als Steven, Isabel Schosnig als Politikerin Charlotte).

Andere Länder, gleiche Sitten

Es rinnt ein trockener Witz durch Lauckes Welt, der Witz von Menschen, die in ihrem Innersten Abstrampler sind, die wissen, dass die kapitalisierte Erde auch ohne ihr Zutun rotiert. Aber laufen kann man ja trotzdem. "wie sieht der subversive gegenplan aus?", fragt Bakunin in seiner Herz-und-Nieren-Prüfung den Junganarcho Jan (Hauke Diekamp). Und Jan: "welcher gegenplan. das sind einfach mal die fakten. im kapitalismus läuft das so." Es ist der kalte Hauch der Resignation, den alle hier tief einsaugen.

Nur nicht der irre Köter. Kurz vor dem Finale schwingt sich diese Inkarnation des poetischen Prinzips auf, eine alternative Geschichte zu entwerfen, die der unsrigen Berliner Gentrifizierungsstory zum Verwechseln ähnlich sieht, aber in Alaska spielt und von der Vertreibung eines Inuit-Häuptlings durch eine Ölgesellschaft handelt. So ist das im globalen Kapitalismus: Andere Länder, gleiche Sitten. Nur dass hinter der imaginären Ozeanquerung ein Erzähler wirkt, der zunehmend selbstironisch und repräsentationskritisch spricht, als wollte er leise lehren: Denkt Anderes, denkt anders. Wenn Figuren nicht auszubrechen vermögen, muss die Erzählkunst Sprünge machen – gute Kunst zumindest. Die hört nicht mit "Es ist so" auf. Sondern mit "Es könnte sein".

 

Bakunin auf dem Rücksitz (UA)
von Dirk Laucke
Regie: Sabine Auf der Heyde, Bühne: Christoph Schubiger, Kostüme: Annegret Riediger, Musik: Jacob Suske, Zeichnungen: Chrigel Farner, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Matthias Neukirch, Isabel Schosnig, Moritz Grove, Anita Vulesica, Simone von Zglinicki, Hauke Diekamp.

www.deutschestheater.de

 

Mehr zu Dirk Laucke finden Sie im nachtkritik-Lexikon. Dort gibt es auch einen Eintrag zu der 1979 in Hongkong geborenen Regisseurin Sabine Auf der Heyde.

 

Kritikenrundschau

Man könne sich diesen Abend "hervorragend als Kreuzberg-affine Typen-Farce vorstellen", meint Christine Wahl (Der Tagesspiegel, 10.10.2010): "Sämtliche local players des frei schwebenden Gentrifizierungsdiskurses sind vertreten. Jeder Einzelne denkt eher vom eigenen Stammtisch her – sprich: die entscheidenden zehn Zentimeter zu kurz." Und weil Laucke "über ein überdurchschnittliches Gespür für (Sprach-)Milieus verfügt, tun sie das tatsächlich mal in den adäquaten gegenwartsdramatischen Worten". Sabine Auf der Heyde, verorte das Geschehen "vom Ansatz her adäquat" im Comic. Und "solange die Figuren in diesem Typologischen bleiben, machen Text und Inszenierung durchaus hintersinnigen Spaß. Sobald sie mit ihren Gemeinplätzen aber zu stark in Richtung Realismus und Sentiment driften, ist sozialromantische Gefahr im Verzug".

Der Hund Bakunin sei "ein ziemlich cooler Kunstgriff, den die Regisseurin mit großer, fast schon trockener Selbstverständlichkeit aufnimmt", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (11.10.2010). Der hechelnde "Salon-Schwadroneur" besitze eine "abgeklärte Überlegenheit", wie man sie bei "Bahnhofspunk-Kötern" finde. In der Kiezansicht drumherum rissen die "Schauspieler die nicht unliebenswerten, aber doch ziemlich beschränkten Typen an sich und schrubben den Text mit Lust durch, sie setzen die Pointen mit Geschick, arbeiten mit Dialekt und Charge." Restlos ist der Kritiker von all dem nicht befriedigt: "Was fehlt, ist ein Ende; das Stück verläppert, bevor es die angestrebte soziale Härte erreicht." So gehe man lediglich "bespaßt, und doch ein wenig resigniert aus dem Theater."

"Je weiter unten eine Figur auf der sozialen Leiter steht, mit desto mehr sprachlichem Witz zeichnet Dirk Laucke sie aus, kompensiert mangelndes materielles Vermögen mit Herzlichkeit", so Katrin Bettina Müller in der Tageszeitung (11.10.2010). "Das steht auf der Kippe zum Sozialkitsch; deshalb war es ein guter Kunstgriff, den Hund Bakunin einzuschalten, dessen Reflexionen über libertäre Theorie und neoliberale Praxis weiter ausschweifen dürfen als die der anderen Figuren." Die dankbare Rolle des Hundes werde von Matthias Neukirch "ein bisschen verschlufft und mit viel trockenem Humor aufs Beste ausgefüllt." So wie Laucke als "ehrliche Haut" seine "Geschichte tief" hänge (mit "Handwerkerstolz"), so halte auch Sabine Auf der Heyde "den Ball flach und die Inszenierung schlank". Im Ganzen schleppe das Stück "redlich an der Realität der Stadt, ganz so, als sei es geschrieben, um grüne Politiker und Baustadträte bei ihren eigenen Widersprüchen zu packen. Dass man sich trotzdem gut unterhalten fühlt, ist schon eine Leistung."

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.10.2010) fragt Irene Bazinger: "Wozu erzählt uns Dirk Laucke das, was er in 'Bakunin auf dem Rücksitz' erzählt?" Sein Auftragswerk für das Deutsche Theater sei eine "phasenweise interessante, dann wieder ziemlich banale, vorwiegend unausgegorene Materialsammlung", kein "gemeistertes" Stück. Nur "in Ansätzen" würden "schnell zusammenfabulierten Phrasen" und "die Ideologien" amüsant gegeneinander prallen. In der Regie von Sabine Auf der Heyde werde die Uraufführung zu einem "filmisch inspirierten, urbanen Live-Comic". Matthias Neukirch hechele und japse "tapfer", Isabel Schosnig trage "dick auf", Simone von Zglinicki und Anita Vulesica verbreiteten "resolut Prekariatspower", Moritz Grove spiele "hölzern" - aber alles egal, weil weder "Farbe noch Atmosphäre", weder "Dramatik noch Leidenschaft" aufkämen. Die humorvolle Inszenierung könne die "schwere Stückflaute" nicht überwinden.

 

 
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